Interview«Die Möglichkeiten von KI im Krieg auszuschöpfen, kann das Ende der Menschheit bedeuten», sagt der oberste Uno-AbrüstungsforscherDer deutsche Völkerrechtler Robin Geiss gibt warnend zu bedenken, dass neue Technologien Unsicherheit stiften und zur weiteren Eskalation von Konflikten beitragen können.24.06.2026, 05.30 Uhr6 Leseminuten«Ich sehe keine Trends, dass Kriege durch neue Technologien weniger blutig würden», sagt der Direktor des Uno-Instituts für Abrüstungsforschung.PDKünstliche Intelligenz findet immer mehr Anwendung im Krieg. Dadurch werden Waffen autonomer, die Entscheidungen von Offizieren und Soldaten werden von der Technologie beschleunigt. Befürworter von KI im Militär argumentieren, dass sie Kriege präziser und dadurch weniger zerstörerisch machen könne. Der Druck, KI einzusetzen, hat für Armeen aber vor allem einen Grund: Geschwindigkeit. Wer Entscheidungen schneller treffen kann, hat auf dem Schlachtfeld eher die Oberhand. Doch Völkerrechtsexperten warnen vor den Risiken: KI drohe das menschliche Urteil auszuhebeln. Soldaten würden unter Druck nur noch die Empfehlungen der Maschine abnicken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Robin Geiss ist seit 2021 Direktor des Uno-Instituts für Abrüstungsforschung (Unidir). Wir haben ihn am 16. Juni bei der Eröffnung des neuen Unidir Center of Excellence for AI, Peace and Security in Genf getroffen.Das neue Unidir-Kompetenzzentrum soll die globale Governance der künstlichen Intelligenz im Kontext des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit stärken. Es soll fragmentierte Bemühungen der Uno rund um das Thema bündeln und den Dialog zwischen Regierungen, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft fördern.Herr Geiss, in der Kurzgeschichte «Superiority» des Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke verliert eine technologisch überlegene Armee einen Krieg, weil ihre Technologie noch neu und unerprobt ist. Auf die gegenwärtige Realität von KI-Einsatz im Krieg übertragen – wie realistisch ist ein solches Szenario?Das ist ein mögliches Szenario. Wir sehen gegenwärtig, dass in Bezug auf KI im Krieg grosse Unsicherheit herrscht. Und das, was Sie ansprechen, ist ein Teil von dieser Unsicherheit. Wir sehen auch andere Unsicherheiten, weil verschiedene Parteien angesichts der rasanten technologischen Entwicklung nur schwer einschätzen können, wozu die andere Seite fähig ist und wie weit sie technologisch ist.Wie kann denn diese Unsicherheit zur Eskalation führen?Nehmen wir zum Beispiel eine Konfliktpartei, die nicht weiss, ob ihr Gegenüber Schwärme von autonomen Drohnen haben könnte, die sie schnell in eine strategisch nachteilige Position bringen könnten. Wenn es sich um Nuklearmächte handelt und sie Zweifel und Angst haben, dass ihre militärischen Fähigkeiten durch neue Technologien plötzlich überwältigt werden können, birgt das grosses Eskalationspotenzial.Sind Staaten mit den neuen Technologien im Krieg überfordert?Viele sind sich auf jeden Fall unsicher, wie sie auf autonome Waffensysteme reagieren sollen. Wie wird das gelesen, wenn autonome Drohnen auf einmal in grösserer Zahl in den Luftraum eines anderen Staates fliegen? Welche roten Linien zieht man da? Das ist ein grosses Problem in einer sowieso schon angespannten Weltlage.Manche Firmen wollen der KI ethische Werte beibringen. Ist das ein Ziel, das Ihr Abrüstungsinstitut verfolgt?Ich arbeite gerne mit dem, was wir schon haben, nämlich festgeschriebene völkerrechtliche Regeln, die auf alle Waffensysteme anwendbar sind. Wir müssen sicherstellen, dass diese Regeln eingehalten werden. Wir haben beispielsweise hohe Hürden bei Robotern im medizinischen Bereich, etwa bei Operationen. Aber diese Systeme werden entwickelt, um Leben zu retten. Jetzt sprechen wir über noch viel risikoreichere Systeme, die Zerstörung herbeiführen sollen. Also müssen wir besonders hohe Anforderungen anlegen. Wir könnten fordern, dass Waffensysteme besonders konservativ gestaltet werden, damit wir uns auf jeden Fall sicher sind, dass nichts gegen das Völkerrecht verstösst. Theoretisch ist das möglich. Aber wir sehen auch den Druck, der weltweit herrscht, technologisch aufzurüsten. Und das stimmt uns nicht so zuversichtlich, dass man sich überall an besonders strenge Regeln halten wird.Die Befürworter von KI im Militär sagen, dass KI den Krieg präziser und dadurch auch menschlicher machen könne. Glauben Sie, dass KI tatsächlich den Tod unschuldiger Menschen oder unnötige Zerstörung verhindern kann?Das mag theoretisch möglich sein. Aber ob sich dadurch die Situation für Menschen im Krieg verbessert, ist fraglich. Es ist jedenfalls nicht das, was wir weltweit beobachten. Wir haben zurzeit deutlich mehr Konflikte, viele davon sind auch sehr viel gewalttätiger und beziehen gezielt – was erschreckend ist – die Zivilbevölkerung mit ein. Wir sehen eigentlich eher eine Erosion des humanitären Völkerrechts. Das steht nicht unbedingt mit der Technologie in direktem Zusammenhang, aber in der Evolution bewaffneter Konflikte kann ich keine Verbesserung feststellen.Wo beobachten Sie das konkret?In der Ukraine gibt es Zonen, in denen gar keine Menschen mehr operieren können, weil es schlichtweg zu tödlich ist. Da beherrscht die Technologie auf einmal das gesamte Schlachtfeld, und die Menschen trauen sich nicht mehr hin. Im Krieg geht es letztlich um die Kontrolle nicht nur von Territorium, sondern auch um die Kontrolle über Menschen. Und deshalb glaube ich nicht an die Erzählung, dass man Krieg allein zwischen autonomen Systemen führen könnte. Ich sehe also keine Trends, dass Kriege durch diese neuen Technologien weniger blutig würden. Und das liegt auch daran, dass diejenigen, die keine Spitzentechnologie haben, dann eher krude Technologien verwenden, die auf grosser Zahl und grosser Masse beruhen und weniger präzise sind. Wie sich diese Asymmetrien auswirken, das müssen wir erst noch sehen.Kann diese technologische Aufrüstung aber vielleicht einen positiven, abschreckenden Effekt haben, weil auch kleinere Staaten sich dank Technologie militärisch besser wehren können?Das wird immer wieder als Argument vorgetragen. Ich glaube, gerade in der gegenwärtigen, sich verstärkenden Aufrüstungsspirale ist die allgemeine Eskalationsgefahr erhöht. Es mag sein, dass Technologie in einem Fall abschreckend wirken kann, aber es kommt immer auf den Kontext an. Es kann auch eher zur Eskalation beitragen. Es kann dann zu ganz asymmetrischen Antworten führen. Es kann dazu führen, dass ein Staat so grosse Sorge hat, durch neue Technologien ins Hintertreffen zu geraten, dass er sich eher in die nukleare Richtung orientiert. Darauf gibt es keine klare Antwort. Ich sehe nur, dass die Spannungen zunehmen, dass zwischen den Grossmächten wenig bis gar kein Vertrauen herrscht. In dieser sehr angespannten Lage kommt diese transformative Technologie hinzu, von der sich jeder grosse militärische Vorteile verspricht. In diesem Trend sehe ich keine Minderung der Konflikte. Im Gegenteil: Die Risiken werden grösser.Reden Sie mit den Firmen, die diese KI-Technologien fürs Militär entwickeln?Ja, natürlich. Denn wir sehen, wie manche der grossen Technologiefirmen immer mehr geopolitisches Gewicht haben. Wir sind uns natürlich bewusst, dass Firmen immer auch Geschäftsinteressen verfolgen. Und trotzdem ist es sehr wichtig, sie in diese Gespräche einzubinden. Die Regeln werden nach wie vor von den Staaten gesetzt. Aber um gute Lösungen zu finden, sind wir auf die Expertise und das Problembewusstsein der Firmen angewiesen, die diese Technologien entwickeln. Unsere Bemühungen sind nicht immer gleich von Erfolg gekrönt. Nicht jedes Unternehmen ist zum Gespräch bereit. Aber die Bereitschaft nimmt zu, weil die Branche immer mehr einsieht, wie schwerwiegend die Konsequenzen ihrer Technologie sein können.Ich nehme an, Sie reden auch regelmässig mit Armeeangehörigen. Was hören Sie von ihnen in Bezug auf KI im Krieg?Ja, auch mit Armeeangehörigen tauschen wir uns regelmässig aus, weil wir wissen wollen, wie sie mit der Technologie umgehen, wo sie Potenziale, aber auch Risiken sehen. Ich bin immer wieder erstaunt, dass das Risikobewusstsein bei Mitgliedern des Militärs oftmals viel schärfer ist als in der Politik.Wer die Entwicklung autonomer Waffen verfolgt, würde sagen, Sie sind allein auf verlorenem Posten, indem Sie KI im Krieg einzudämmen versuchen. Was würden Sie dazu sagen?Es stört mich nicht, wenn ich allein dafür kämpfen muss. Ich glaube aber nicht, dass ich allein bin. Zurzeit sehen wir in vielen Regionen der Welt einen Trend zur Aufrüstung. Wir sehen, was sehr besorgniserregend ist, auch eine Erosion von ganz grundlegenden rechtlichen Prinzipien in vielen Konflikten der Welt. Gleichzeitig ist klar, dass diese Entwicklung für die grosse Mehrheit der Weltbevölkerung schwerwiegende Auswirkungen haben kann. Daher glaube ich durchaus, dass das Bewusstsein für eine Regulierung dieser wirkmächtigen Technologie geschaffen werden kann.Was gibt Ihnen Hoffnung, dass der technologische Rüstungswettlauf aufzuhalten ist?Die militärischen Ausgaben haben weltweit Rekordhöhen erreicht. Es ist schon heute ersichtlich, dass das so auf Dauer nicht durchzuhalten sein wird – für keinen der Beteiligten. Überall werden doch die Haushaltsbudgets knapp. Eine grossangelegte Aufrüstungsspirale kann schlichtweg in niemandes Interesse sein. Insofern bleibe ich schon aus ganz pragmatischen Gründen hoffnungsvoll, dass wir doch bald wieder zu mehr Diplomatie, mehr Deeskalation zurückkehren werden.Und was bereitet Ihnen am meisten Sorge?Lange Zeit gab es ein allgemein akzeptiertes Grundverständnis, dass selbst im Krieg und selbst wenn die andere Seite sich nicht mehr an die Regeln hält, noch eine gewisse Zurückhaltung bei der Anwendung von kriegerischer Gewalt ausgeübt wird. Das ist meines Erachtens die grösste Errungenschaft der Genfer Konventionen. Heute bröckelt dieser Konsens. Das zeigt sich auch bei den Diskussionen um die militärische Anwendung von KI. Es besteht durchaus die Gefahr, dass die Möglichkeiten der Technologie im Rahmen eines sich beschleunigenden Rüstungswettlaufs ausgereizt werden. Auch, und das hören wir oft als Argument, weil kein Vertrauen besteht, dass andere sich an irgendwelche Limits halten würden. Aber die Möglichkeiten von KI im militärischen Bereich auszuschöpfen, könnte am Ende durchaus das Ende der Menschheit bedeuten.Passend zum Artikel
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