In ihrer Samstagsausgabe widmete die Zeitung The Boston Globe der wohl friedfertigsten Armee der Welt eine ganze Seite: der „Tartan Army“, wie die schottische Fußballanhängerschaft genannt wird. Die Hommage bestand aus einem offenen Brief mit der Anrede „Dear Tartan Army“ und vier Fotos feiernder schottischer Fans. „Gäste wie euch haben wir noch nie empfangen“, schrieb der Boston Globe und bedankte sich „für das Lachen, die Dudelsäcke und die Erinnerungen“.Die Schotten, fügte das Blatt hinzu, haben eine Freude in die Hafenstadt am Atlantik getragen, die dort noch lange nachhallen werde: „Ihr seid wegen der Weltmeisterschaft gekommen – und habt uns doch weit mehr hinterlassen.“ Das las sich beinahe wie ein Antrag auf einen dauerhaften Bund mit der „Tartan Army“. Und die Schotten? Antworteten sinngemäß: und ob!Denn bevor die „Tartan Army“ (benannt nach den von vielen Fans getragenen Kilts mit Tartanmuster) nach zwei WM-Partien nach Miami weiterreiste, besiegelten Boston und Glasgow spontan eine Städtepartnerschaft. Bostons Bürgermeisterin Michelle Wu unterschrieb die Dokumente im Beisein schottischer Fans und stimmte in deren spontanen Gesang ein: „No Scotland, no party!“ – keine Schotten, keine Party!Bis zu 50 000 Fußballfans aus Schottland, hierzulande durch die Aufenthalte während der EM 2024 in München, Köln und Stuttgart bekannt, hatten sich vor der WM nach Boston und Umgebung begeben. Sie wollten sich die Gelegenheit keinesfalls entgehen lassen, ihre Mannschaft nach 28 Jahren wieder bei einer Weltmeisterschaft zu unterstützen. Selbst für das Spiel gegen Haiti – ein 1:0 – erreichten die Schwarzmarktpreise vierstellige Summen.Dabei ging es vielen weniger um die 90 Spielminuten als um das Gesamterlebnis: das Schmettern der inoffiziellen Nationalhymne „Flower of Scotland“, die Atmosphäre im Stadion und selbstredend die hoffnungsvolle Sehnsucht, erstmals die Vorrunde einer Fußball-WM zu überstehen – nach bislang acht vergeblichen Anläufen.Auch die bisherigen Auftritte der Mannschaft von Trainer Steve Clarke trugen wieder typisch schottische Züge: überbordenden Einsatzwillen und spielerische Armut. Immerhin lassen sich die Fans ihre Laune nie verderben, unabhängig davon, ob ihr Team gewinnt oder verliert. Sonst würden sie wohl auch kaum mitreisen. Sie bevölkerten nahezu alle Ecken von Bostons Innenstadt, intonierten ihre Lieblingssongs („We’ll Be Coming“, „500 Miles“, „Yes Sir, I Can Boogie“) und tranken dabei die Lagerbestände unzähliger Pubs, Bars und Nachtklubs leer. Die Betreiber berichteten von fortlaufenden Nachschublieferungen.Die schottischen Fans gelten als vorbildlich in ihrer SelbstregulationDas könnte auch damit zusammengehangen haben, dass Bürgermeisterin Wu die nächtliche Sperrstunde verkürzt sowie die Schotten indirekt die vormittägliche ausgehebelt hatten. Da in Boston Alkoholkonsum im öffentlichen Raum vor zehn Uhr nicht gestattet ist, mietete eine Fangruppe ein Boot im Hafen an – und verwandelte es in eine schwimmende Kneipe.Solche mehr oder weniger amüsanten Saufgeschichten fehlen selten bei den Reisen der „Tartan Army“, trotzdem gerät die Situation fast nie außer Kontrolle. Die schottischen Fans gelten als vorbildlich in ihrer Selbstregulation; von Randalen oder anderer Gewalt war in Boston nichts zu vernehmen. Stattdessen mischten sie sich unter die Einheimischen und versuchten, sich in den Alltag einzufügen. Es geht den Schotten darum, gemeinsam eine gute Zeit zu haben.Angesichts ihrer Beliebtheit in Boston entstand sogar der scharfsinnige Vorschlag, die den nordöstlichen US-Bundesstaaten zugerechnete Region New England umzubenennen in: „New Scotland“. England ist weiterhin Schottlands Auld Enemy (der „alte Feind“).Dudelsäcke und Baseball – das passt, wenn die „Tartan Army“ einen Fanmarsch zum Fenway Park organisiert. Bob Dechiara/Imagn Images via ReutersAn spielfreien Tagen vertrieb sich die „Tartan Army“ die Zeit unter anderem mit dem Besuch eines Baseballspiels der Boston Red Sox. Tausende zogen in Kilts und mit Dudelsäcken in einem kilometerlangen Fanmarsch zum Stadion. Dort sangen die Fans stundenlang durch, als stünde die eigene Mannschaft auf dem Feld. Der Präsident der Red Sox bedankte sich bei den Schotten für die unerwartete Unterstützung und hielt fest, sie hätten „unser Zuhause wie ihr eigenes behandelt“.Als Hinterlassenschaft stülpten die Schotten orangefarbene Verkehrskegel auf alle Statuen der Stadt, an denen sie vorbeikamen. Das Verzieren mit Verkehrskegeln ist eine Tradition, die Ende der 1980er-Jahre in Glasgow entstand, als im Zuge eines rebellischen Scherzes die Skulptur von Arthur Wellesley, dem Duke of Wellington, und seinem Pferd Copenhagen mit einem Warnkegel geschmückt worden war. Sobald die Stadtverwaltung ihn entfernt hatte, wurde er wieder aufgesetzt.Eine Armee aus Enten – natürlich verziert mit einem Verkehrskegel – „marschiert“ durch Boston. Martin Meissner/AP PhotoAuch der ökonomische Effekt der „Tartan Army“ in Boston ist nicht zu vernachlässigen. Die Gesamtausgaben dürften sich – auch wegen der hohen Hotelpreise – auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen. Und wer weiß, womöglich könnte davon ja sogar der schottische Tourismus profitieren, sollten die Bostoner künftig vermehrt ins Land der Hügel und Täler reisen.Doch die Schotten akzeptierten nicht jeden Preis. Da der öffentliche Transport vom Bostoner Stadtzentrum zum weit außerhalb gelegenen Stadion beinahe 100 Dollar kostete – viermal so viel wie üblich –, schlossen sich die Mitglieder der „Tartan Army“ zusammen und mieteten möglichst viele der örtlichen gelben Schulbusse zu wesentlich günstigeren Konditionen.Schottland-Fans treffen mit Schulbussen am Stadion ein. Andrew Milligan/PA Wire/dpaEin Teil der Einnahmen aus den verkauften Bustickets wurde an Wohltätigkeitsorganisationen in Boston gespendet. Ein Schotte hatte sich sogar das Ziel gesetzt, eine Million Pfund zu sammeln, indem er von Kalifornien nach Boston zum ersten Spiel zu Fuß lief; die schottische Regierung legte am Ende 400 000 Pfund drauf, um die Marke zu erreichen.All das erlebt nun auch Miami, wo die schottische Mannschaft am Donnerstag zum letzten Vorrundenspiel gegen Brasilien antritt (0 Uhr im SZ-Liveticker). Wenngleich nur im Schnelldurchlauf, weil die Schotten zwischen Everglades und Biscayne Bay bloß für ein Spiel weilen. Dafür könnte es das bislang größte der eigenen Fußballgeschichte werden. Um die K.-o.-Phase zumindest als einer der acht besten Vorrundendritten zu erreichen, benötigen die Schotten jedoch möglicherweise einen Punkt gegen Brasilien.Vor dem Duell mit dem Rekordchampion dürften sich die Schotten wie ihr früherer Nationalspieler Graeme Souness bei der WM 1982 fühlen: „Es ist, als würde man einen Tiger am Schwanz packen müssen“, sagte er damals vor dem Spiel gegen Brasilien. Sollte Schottland diesmal tatsächlich weiterkommen, könnte im Sechzehntelfinale Deutschland warten – in Boston.
Fußball-WM: Schottland-Fans trinken Alkoholbestände leer und crashen Baseball-Spiel
WM: In Boston trinkt die „Tartan Army“ die Alkoholbestände aus, verwandelt ein Boot in eine Kneipe und „crasht“ ein Baseballspiel. Dafür gibt es: viel Liebe.
















