Ein modernes Stadion für die Löwen, an alter Stätte in Giesing. Erstligatauglich natürlich, für 25 000 Zuschauer zugelassen. Dazu weitere 2000 teure VIP-Plätze, die Fußballvereinen als Goldmine dienen. Erster Anstoß im Jahr 2030. Die Machbarkeitsstudie des TSV 1860 München für einen Umbau des Stadions an der Grünwalder Straße, die am Wochenende Anwohnern und Mitgliedern vorgestellt wurde, euphorisiert Verantwortliche und Anhänger.Auch in der Stadtpolitik haben viele ein Herz für den Verein, für eine Sanierung des städtischen Stadions hat sich stets eine große Mehrheit ausgesprochen. Doch vor der großen Euphorie kommt für die politischen Entscheider in München jetzt erst mal der Realitäts-Check.Lassen sich die Pläne der Löwen planungsrechtlich umsetzen? Was ist mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Lärmschutz der Nachbarn? Wie stellt sich der Verein, dessen Fußball-Gesellschaft unmittelbar vor der Insolvenz steht, seine künftige Rolle im Grünwalder Stadion vor? Können sich die Stadt als Eigentümerin und der TSV 1860 auf einen Erbpachtvertrag einigen, der einen Umbau im Sinne der Löwen erst ermöglicht?Über all diesen Fragen steht die eine große: Wer soll diesen Umbau bezahlen? Bei der Stadt geht man von weit mehr als 100 Millionen Euro für die Pläne aus der Machbarkeitsstudie aus. Die Kommune wird wohl einen Teil übernehmen, der Verein wird aber schlüssig darlegen müssen, woher die immer noch sehr hohe Restsumme kommen soll.Ein geschwungenes Dach, das von grünen Trägern gehalten wird: die simulierte Außenansicht. Illustration: Powerhouse CompanyDas Dach soll eine Photovoltaikanlage tragen, durch die der Bau CO2-neutral sein soll. Illustration: Powerhouse CompanyGrundsätzlich reagiert die Stadtspitze aber erst einmal positiv auf die Umbaupläne der Löwen. „Ich kenne die Planung noch nicht, finde es aber gut, dass die Anwohnerinnen und Anwohner so früh einbezogen wurden“, sagt Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne). „Eine der großen Herausforderungen ist der Lärmschutz. Wir müssen uns anschauen, ob die Pläne rechtlich vertretbar sind. An uns soll es nicht scheitern.“Auch Sportbürgermeisterin Verena Dietl (SPD) will die Euphorie erst einmal nicht bremsen. Sie hält in der Stadtspitze schon länger den Draht zu den Verantwortlichen der Löwen, nun will sie den weiteren Prozess für die Sanierung starten. Möglichst schnell soll es einen Termin mit den für die Genehmigung und die Erbpacht zuständigen Fachreferaten geben, bei dem der TSV 1860 seine Pläne vorstellen soll. Parallel sollen auch die Experten der Stadtratsfraktionen gemeinsam informiert werden.Besonders gespannt ist man in der Stadt, wie der TSV 1860 die Lärmproblematik in den Griff bekommen will. Die Stadt hat stets erklärt, mehr als gut 18 000 Zuschauer seien an der Grünwalder Straße nicht genehmigungsfähig. „Wir waren da nicht so hoffnungsvoll“, sagt Bürgermeisterin Dietl zur gewünschten Kapazität von 27 000 Besuchern. „Wenn sie uns mit ihren Ideen überzeugen und diese rechtlich möglich sind, würden wir uns dem nicht entgegenstellen.“Erstaunt zeigt man sich aber über den Zeitplan, den die Löwen vorgestellt haben. Bis Ende 2027 soll eine Baugenehmigung vorliegen, bis dahin soll auch der Erbpachtvertrag und die Finanzierung stehen. Der Umbau soll Mitte 2028 beginnen und zwei Jahre später fertig sein. „Es geht nicht immer alles so schnell, wie sich die 60er das erwarten“, warnt Dietl.Auf halber Höhe der Tribünen sieht die Studie einen Umlauf vor, in dem es Gastronomieangebote geben soll. Illustration: Powerhouse CompanyBlick ins Innere: Die Westkurve könnte erweitert werden und dann 13 000 Zuschauern Platz bieten. Illustration: Powerhouse CompanyBei der Stadt werden allein fünf Fachreferate ihre Zustimmung geben müssen: die Lokalbaukommission im Planungsreferat für die Genehmigung, das Referat für Bildung und Sport zusammen mit dem Kommunalreferat für den nötigen Erbpachtvertrag, das Referat für Klima und Umwelt für den Lärmschutz und das Mobilitätsreferat für ein Verkehrskonzept.Eine Sammelanfrage an die Verwaltung ergibt, dass der Prozess bei null starten muss. Niemand kennt bisher die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie, niemand war bei der Erstellung einbezogen und niemand hat bisher einen Termin für die Vorstellung. Der vom TSV 1860 geplante Weg ist aber der richtige: Der Verein hat angekündigt, seine Pläne der Lokalbaukommission vorzustellen und den Antrag zum Bauvorbescheid bis Ende Juli 2026 einzureichen. „Eine Bauvoranfrage gefolgt von einem Bauantrag ist für ein Vorhaben dieser Größe das formal richtige und empfohlene Vorgehen“, heißt es aus der Verwaltung.Dafür müssen die Löwen auch noch nicht den Erbpachtvertrag vorlegen, diesen können sie parallel mit der Stadt verhandeln. Die Prüfung von Bauanträgen und Vorbescheiden erfolge „unabhängig von den Besitzverhältnissen“, erklärt die Stadtverwaltung. Ob es schnell geht oder nicht, das hänge „vom Antragsteller und insbesondere von der Qualität der Unterlagen“ ab. Einen vorübergehenden Umzug schon 2028 ins Olympiastadion, in dem die Löwen während der zweijährigen Umbauzeit in Giesing spielen könnten, hält Bürgermeisterin Dietl für wenig wahrscheinlich. „Frühestens 2029“ könne sie sich das vorstellen, weil das Olympiastadion dann erst fertig saniert sein werde.Irgendwann in diesem Zeitraum wird es dann aber auch ums „Eingemachte gehen“, wie es Dietl ausdrückt. Ums Geld. Die Bürgermeisterin sieht die Stadt weiterhin in der Pflicht, einen Teil beizutragen. Im Jahr 2022 hätte der Stadtrat für ein Sanierung 77 Millionen Euro freigegeben, wenn der TSV 1860 sich verpflichtet hätte, langfristig dort zu spielen. Das wollten die Verantwortlichen der Löwen damals nicht.Seither hat sich die finanzielle Lage nicht nur beim Fußballverein dramatisch verschlechtert. Ende des Jahres wird München fast zehn Milliarden Euro Schulden haben. Der kostenlose Kindergarten für alle soll wegfallen, Gebühren werden steigen, soziale Hilfen gestrichen. Dass die Kommune für den TSV 1860 immer noch die gleiche Summe oder noch mehr zur Verfügung stellt, dürfte kein Selbstläufer sein.Für die Finanzierung könnte laut OB Krause und Sportbürgermeisterin Dietl die Bewerbung um Olympische Sommerspiele ein wichtiger Faktor sein. Sollte sich München in diesem Herbst auf nationaler Ebene durchsetzen und offiziell Kandidatenstadt werden, könnte für viele Infrastrukturprojekte auch Geld von Bund und Land fließen.Vielleicht begünstigt also die Sportpolitik das Schicksal der Löwen. Das Grünwalder Stadion ist seit der letzten Überarbeitung der Bewerbung immerhin als Standort für das olympische Fußballturnier eingeplant. Sollte daraus nichts werden, dürfte die Finanzierung noch viel mehr an den Löwen hängen. Die wollten diese Woche aber erst einmal beim Insolvenzgericht vorstellig werden. Weil sie nicht mehr genügend Geld für den Fortbestand der Profifußballgesellschaft zusammenbringen.