PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:Meinung„Freddy from Germany“Der Fußballfan, der das deutsche Amerikabild ins Wanken bringtVon Erik KirschbaumStand: 16:17 UhrLesedauer: 5 Minuten„Freddy from Germany“ auf seinem Instagram-AccountQuelle: Instagram realfreddy/Screenshot WELTTrump, Waffen, Polarisierung? Der anonyme Fußballfan „Freddy from Germany“ entdeckt Amerika, anstatt es zu bewerten – und feiert Waffelhäuser, Zapfsäulen und Schießstände. Das hat ihm jetzt sogar eine Einladung ins Weiße Haus eingebracht.Seit Jahren sehen Deutsche die USA vor allem durch Schlagzeilen und überwiegend negative Nachrichten: Donald Trump, Polarisierung, Waffengewalt und Kulturkämpfe. Und jetzt kommt ein unbekannter deutscher Fußballfan namens „Freddy from Germany“ um die Ecke, berichtet auf sozialen Medien über seinen ersten Besuch in einem „Waffle House“, zeigt sich erstaunt über eine riesige Tankstelle mit mehr als hundert Zapfsäulen und einen Schießstand mitten in einem Outdoor-Geschäft – und plötzlich schauen Millionen Menschen auf ein anderes Amerika.Dieser anonyme deutsche Tourist begeistert mit kurzen Social-Media-Posts über seine Reise durch die USA ein großes amerikanisches Publikum und vermittelt zugleich vielen Deutschen einen neuen Blick auf das Land. Dabei tut er etwas, das im Zeitalter von Dauerempörung selten geworden ist: Er entdeckt Amerika, statt es zu bewerten.Ein mitgereister Freund brachte das in einem CNN-Interview mit Jake Tapper auf den Punkt: „In Europa haben wir in den vergangenen fünf Jahren sehr viele eher negative Nachrichten über die Amerikaner gehört. Und ich glaube, wir genießen gerade alle die Erfahrung, dass dieses Land so großartig zu bereisen ist. Die Menschen sind unglaublich. So gastfreundlich. Die Kultur ist fantastisch. Europäer bekommen gerade einen neuen Blick auf Amerika – und das ist ziemlich cool.“Vielleicht sagt diese Weltmeisterschaft am Ende mehr über Deutschland als über Amerika aus. Denn viele Deutsche haben heute kein eigenes Amerikabild mehr, sondern ein vermitteltes Amerikabild – geprägt von jahrelanger negativer Berichterstattung, einer zu starken Fokussierung auf Donald Trump und der politischen Spaltung des Landes.Vor fast 200 Jahren wurde Alexis de Tocqueville berühmt, weil der adelige Besucher aus Frankreich Amerika in seinen Büchern nicht auf seine Politik reduzierte, sondern den Optimismus, den Bürgersinn und den Unternehmergeist des Landes beschrieb – etwas, das Freddy und viele deutsche WM-Besucher gerade auf ihre eigene Weise wiederentdecken.Die UmfragenDie Skepsis gegenüber den USA ist in Deutschland groß. Laut aktuellen Umfragen haben nur noch rund ein Drittel der Deutschen eine positive Meinung von den USA, und nur etwa jeder vierte Deutsche vertraut Donald Trump. Deutschland gehört inzwischen zu den westlichen Ländern mit dem kritischsten Blick auf Amerika.Lesen Sie auchUnd hier wird Freddy zu einer Art Weckruf. Auf seinem Roadtrip durch die Südstaaten schwärmte er in dieser Woche von nächtlichen Hamburgern bei „Buc-ee’s“, besuchte „Taco Bell“ und „Chili’s“ und staunte schließlich über einen „Bass Pro Shop“ mit Angelruten, Campingausrüstung, Schießstand und frei verkäuflichen Gewehren.„Wir haben auf unserem Weg noch einen surrealen Ort entdeckt. Dieser Laden war verrückt. Sie hatten einen Schießstand mitten im Geschäft. Und sie haben dort Gewehre verkauft“, schrieb er. Gerade diese Mischung aus Staunen, Verwunderung und Begeisterung macht seine Videos besonders.Vor allem aber prägen seine Begegnungen mit ganz normalen Amerikanern und ihrer außergewöhnlichen Gastfreundschaft seine Reise. Als eine Hotelrezeptionistin hörte, dass Freddy und seine Freunde eine Stunde lang durch den Regen zum Stadion laufen wollten, fuhr sie kurzerhand selbst dorthin. Später luden ihn sogar die Gouverneurin von Alabama, Kay Ivey, und Floridas Gouverneur Ron DeSantis erneut in ihre Bundesstaaten ein. Amerikanische Fernsehsender berichten täglich über Freddy und seine Begeisterung für Restaurants wie „Waffle House“. Inzwischen hat er sogar eine Einladung ins Weiße Haus bekommen – eine Einladung, die ein anderer Freddy from Germany (Friedrich Merz) wegen seines Amerika-Bashings womöglich so bald nicht mehr bekommt.Bemerkenswert ist dabei nicht nur, wie begeistert viele Europäer von ihrem Amerika-Besuch sind. Fast noch erstaunlicher ist, wie begeistert die Amerikaner darüber sind, diese Begeisterung der Ausländer zu beobachten.Die konservative Moderatorin Megyn Kelly formulierte es in ihrer Sendung so: „Sie sind so voller Freude. Es macht so viel Spaß, diesen Leuten zuzuhören, weil sie unser Land zum ersten Mal erleben. Dadurch bekommt man selbst die Möglichkeit, Dinge, die wir längst als selbstverständlich ansehen, noch einmal mit frischen Augen zu sehen. Das ist wunderbar.“Lesen Sie auchSchottische Fans der legendären „Tartan Army“ marschieren mit Dudelsäcken durch Boston, während Norweger in Wikingerkostümen ihren traditionellen Rudertanz aufführen – selbst rückwärts sitzend auf Rolltreppen.Der deutsche Student Nicholas Blank, 24, ist für einen Monat mit DFB-Trikot in den USA unterwegs. Wegen der Berichterstattung im Vorfeld hatte er mehr Probleme erwartet – bei der Einreise, bei den Preisen und wegen der allgemeinen politischen Lage. Stattdessen fand er etwas anderes. „Die Stimmung ist viel besser, als ich erwartet habe“, sagt er. „Die Amerikaner sind solch ein offenes Volk. Die Leute helfen, wo sie nur können, ohne mit der Wimper zu zucken. Viele Menschen haben sich durch die WM für Fußball begeistern können. Patriotismus kann man auch überall spüren.“Die größte Überraschung für viele Besucher ist vielleicht gar nicht, was sie sehen. Sondern, was sie nicht sehen. Viele stellen überrascht fest: Amerika ist nicht im permanenten Ausnahmezustand. Sie erleben keine allgegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen. Donald Trump spielt im Alltag vieler Amerikaner erstaunlich selten eine Rolle.Natürlich sind die Probleme und die politische Polarisierung Amerikas nicht für die WM verschwunden. Aber die Frage muss dennoch erlaubt sein: Wie vollständig ist das Amerikabild, das Deutsche vermittelt bekommen, wenn viele Auslandskorrespondenten vor allem aus Washington und New York über Politik und den Präsidenten berichten? Wer Amerika verstehen will, sollte – wie Freddy – auch Alabama, Georgia oder Oklahoma kennenlernen.Vielleicht ist das die größte Überraschung dieser Weltmeisterschaft: Nicht Amerika hat sich verändert. Sondern einige Deutsche haben gemerkt, wie sehr sich ihr Blick auf Amerika verengt hat.Erik Kirschbaum ist amerikanischer Journalist, Auslandskorrespondent und Buchautor. Er lebt seit 1989 in Deutschland, berichtet seit Jahrzehnten über die deutsch-amerikanischen Beziehungen und ist regelmäßiger Studiogast bei WELT TV. Derzeit reist er für mehrere Wochen durch die USA.