Allein das Lesen macht noch nicht den Lektor. Wer den Traumberuf ergreift, der mit dem täuschend einfachen Geistestätigkeitswort bezeichnet wird, wird außer den Augen auch seine Ohren brauchen. Er oder sie muss im richtigen Moment den Mund aufmachen, aber vor allem auch halten können. Um im Literaturbetrieb in der Rolle dessen zu reüssieren, der die Verlagsleitung von der Qualität eines Manuskripts überzeugt, das er erst danach unter den besorgten Blicken des Autors druckfertig machen kann, muss man sich als Hintergrundfigur wohlfühlen. Von Natur aus ist es Thomas Sparr nicht gegeben, sich unsichtbar zu machen, dafür ist er einfach zu groß gewachsen.Trifft man ihn bei einer literarischen Veranstaltung, ist immer eine Aura des Ernstes um ihn. Sie hat nichts Affektiertes, lässt eher an einen gut sitzenden Anzug denken, den er sich vor Menschengedenken in New York oder Paris zugelegt haben könnte. In seinem Gesicht meint man zu lesen, dass er sich die Frage verkneift, warum man seine Zeit an diesem frivolen Ort verschwende. Das müsste man ihn dann allerdings zuerst fragen. Insoweit die Buchwelt im Übergang hin zu einem plattformgesteuerten Aufmerksamkeitsmarkt begriffen ist, scheinen Personen als Türhüter entbehrlich zu werden. Thomas Sparr darf ganz tief in sich hineinlächeln, wenn er so etwas hört. Ihn wird es nicht mehr betreffen. Aber vielleicht war seine nonchalante Strenge im Auftreten immer schon seine Form der Anpassung an die Gesetze einer Branche, die sich einbildet, nur durch Produktion von Aufregern überleben zu können.Ein unwahrscheinlich erfolgreicher Imprint1990 gründete Siegfried Unseld als Imprint des Suhrkamp Verlags den Jüdischen Verlag. Dahinter stand die Idee, die intellektuelle Heimholung der Emigration, die epochale moralische Leistung der Suhrkamp-Kultur, durch Professionalisierung zu verstetigen. Beschreibt man das Projekt mit solchen Managervokabeln, wird offensichtlich, wie kühn es war.Dass es gelang, ist Thomas Sparrs Werk. Er brachte als Zuständigkeitsnachweis eine Doktorarbeit über Paul Celan mit, den esoterischen Klassiker. Und er interessierte sich tatsächlich für das Verborgene, mit Bedacht Zerstreute oder auch nur zufällig Entlegene, jedenfalls Erklärungsbedürftige, das ausmacht, was wir mit notdürftiger Verlegenheit als jüdisch-deutsche Geisteswelt umschreiben. In seinen eigenen Büchern über zwei sehr viel gelesene Texte, Celans „Todesfuge“ und das Tagebuch der Anne Frank, bewies er die Fähigkeit, das Heikelste durch geradezu elegante, also leserfreundliche Disposition zur Sprache zu bringen.Sein neuestes Buch, „Come Out. Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte“, von C. H. Beck verlegt, hat autobiographische Anteile. Sparr erzählt, dass ihm vom ersten Vortrag, den er 1979 in Hamburg von Hans Mayer hörte, dem aus Köln gebürtigen, aus der DDR nach Tübingen emigrierten Litraturwissenschaftler, über Beethovens „Fidelio“, das Trompetensignal im zweiten Akt und dessen Deutung durch Ernst Bloch, vor allem Mayers Vorliebe für das Wort „Allein“ am Satzanfang in Erinnerung geblieben ist, wie Mayer auch im zweiten Absatz seines Buches „Außenseiter“ aus dem Jahr 2025 sich selbst ins Wort fällt: „Allein solche Erfahrungen“, wie sie Homosexuelle und Juden machen mussten, „widerlegen nicht die bürgerliche Aufklärung.“ Während der Lektor seine eigene Stimme unhörbar machen muss, führt der Autor hier im Stil Hans Mayers ein strenges Gespräch mit sich selbst. Das Kapitel über Mayer endet mit dem Zitat von Überlegungen, die Hanna Engelmeier auf den Seiten Geisteswissenschaften der F.A.Z. in einem Tagungsbericht zum fünfzigsten Jahrestag des Erscheinens von „Außenseiter“ über das Unerledigte der Aufklärung anstellte.Allein das Lesen macht noch nicht den Lektor, aber Zeitungslesezeit ist nicht vergeudet in dem Metier, in dem man Formgefühl und Neugier kombinieren muss, anders gesagt: Diskretion und Indiskretion. Thomas Sparr feiert am heutigen Dienstag seinen siebzigsten Geburtstag.