Herr Jung. Sie sind zuständig für Landwirtschaft und Umwelt und für Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat. Woran merken Sie bei der Ankunft im Büro, welches dieser Ressorts an diesem Tag sozusagen oben auf dem Schreibtisch liegt?Es ist jedenfalls nicht so, dass da ein Aktenstapel liegt, mit den Topthemen oben. Wie der Tag abläuft, bestimmt mein Terminkalender. Da gibt es keine Umwelt-, Forst- oder Jagdtage. Oft haben die Themen ja auch miteinander zu tun. Die Entscheidung, Landwirtschaft und Umwelt zusammenzulegen, hat diese Regierung bewusst getroffen. Umweltpolitik funktioniert nämlich nur, wenn man sie mit denen zusammen macht, die sie vor Ort umsetzen müssen. Und das sind nun mal die Land- und Forstwirte.Liegt in der Reihenfolge der Ressorts eine abstufende Wertschätzung?Damit, dass die Landwirtschaft ganz vorn steht, will die CDU/SPD-Koalition ein Signal setzen: Wir nehmen die Landwirtschaft wieder voll in den Blick. Unter der vorangegangenen schwarz-grünen Regierung fühlten sich die Landwirte nicht richtig ernst genommen. Ansonsten gibt es da keine Rangfolge.Das Thema, mit dem Sie in Ihrer bisher zweieinhalbjährigen Amtszeit am häufigsten in den Schlagzeilen waren, ist der Wolf. Sie haben das Raubtier im Jagdrecht verankert und damit die Voraussetzung für eine maßvolle Bejagung geschaffen. Was bedeutet „maßvoll“ in konkreten Zahlen?Da muss man zunächst zwischen den schadstiftenden Wölfen, den sogenannten Problemwölfen, und dem Bestand insgesamt unterscheiden.„Wir setzen uns keine ideologischen Ziele, die nicht erreichbar sind“: Ingmar Jung (CDU) ist in der hessischen Landesregierung seit zweieinhalb Jahren für sechs Themengebiete zuständig.Lucas BäumlProblemwölfe sind solche, die schon einmal Weidetiere gerissen oder auf andere Weise Schaden angerichtet haben?So ist es. Im Jagdrecht wurde zunächst die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Problemwölfe rechtssicher getötet werden können. Aber wir wollten darüber hinaus auch ein Bestandsmanagement, sprich eine Begrenzung der absoluten Zahl der Wölfe in Hessen. Voraussetzung dafür wiederum war eine Änderung des Schutzstatus der Tiere auf europäischer Ebene. Das ist inzwischen geschehen, weil sich in der EU mehr und mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass man eine ungehinderte Vermehrung der Wölfe nicht zulassen darf. Eine Änderung des Bundesjagdgesetzes wiederum ermöglicht es den Ländern jetzt, eigene Pläne zum Wolfsmanagement vorzulegen. Wir haben mit Wildbiologen beraten und werden in Hessen demnächst einen Managementplan aufstellen, der es gestattet, im Zeitraum vom 1. Juli bis 31. Oktober bis zu 40 Prozent der juvenilen Wölfe zu entnehmen.Entnehmen heißt töten?Ja.Wie viele Wölfe streunen derzeit durch Hessen?Es gibt drei Rudel in Hessen mit neun Jungtieren. Die Rudel werden größer, daher können künftig bis zu 40 Prozent des jährlichen Bestandszuwachses getötet werden.Es werden also nicht alle Jungtiere getötet?Es geht um aktives Bestandsmanagement. 40 Prozent ist das Maximum. Ziel ist es, so viele Jungwölfe zu entnehmen, dass die Zahl der Tiere insgesamt nicht rasant ansteigt – der Bestand also in etwa auf dem moderaten Niveau bleibt. Hessen hat, anders als Niedersachsen, Sachsen oder Brandenburg, den Vorteil, dass es hier noch nicht allzu viele Wölfe gibt. Und wir tragen dafür Sorge, dass das so bleibt.Soll heißen: Mehr Wölfe, als es derzeit in Hessen gibt, verträgt das Land nicht?Niemand will den Wolf ausrotten, aber es muss sichergestellt sein, dass in Hessen auch künftig noch Weidetierhaltung möglich ist. Deshalb darf die Zahl der Wölfe nicht zu groß werden.Das sehen nicht alle Ihre Amtskollegen in den Ländern so.Es gibt da noch unterschiedliche Haltungen, manche wollen sich bei der Jagd zunächst auf die Problemwölfe konzentrieren. Aber ich glaube, dass am Ende eine Mehrzahl der Länder eine ähnliche Linie wie Hessen einschlagen wird. Die CDU/SPD-Regierung steht für ein maßvolles, aber wirksames Bestandsmanagement.Wer hat die 40 Prozent festgelegt?Wildbiologen haben festgestellt, dass bei dieser Quote das Wachstum des Bestands moderat gesteuert werden kann.Erwischt: Ein Wolf ist in eine Fotofalle getappt. In Hessen drohen dem Raubtier künftig noch größere Gefahren.dpaWann tritt der Managementplan in Kraft?Er wird bis zum 1. Juli in Kraft treten. Jagdzeit ist vom 1. Juli bis 31. Oktober. Untypisch für Wild, aber die Jäger sagen uns, dass sie Jung- und Alttiere bei Wölfen in diesen Monaten am besten unterscheiden können.Das ist mit Europarecht vereinbar?Genau dafür ist es ja geändert worden.Sie stehen in der Kritik von Umweltschützern und Grünen, weil Sie aus deren Sicht den Schutz des Waldes schwächen, den Ausbau der Windenergie bremsen, Klima und Umwelt vernachlässigen und Naturschutzregeln lockern. Wie verstehen Sie Ihre Aufgabe als Umweltminister, auch im Gegensatz zu Ihrer Amtsvorgängerin von den Grünen, Priska Hinz?Ich setze den Koalitionsvertrag von CDU und SPD um, und der ist von Pragmatismus geprägt. Den immer gleichen Vorwürfen der Opposition begegne ich entspannt. Beispielsweise haben wir den Ökolandbau nicht geschwächt, sondern fördern ihn weiter. Wir setzen uns dabei aber keine ideologischen Ziele, die nicht erreichbar sind. Der Anteil des Ökolandbaus in Hessen ist in den vergangenen zwei Jahren um 0,2 Prozentpunkte gestiegen. In den acht Jahren davor waren es insgesamt 1,7 Prozentpunkte. Dabei sollte er um zehn Prozentpunkte steigen, so der völlig unrealistische Plan der Grünen.Sorgenkind Wald: abgestorbene Lärchen im Frankfurter StadtwaldLucas BäumlZehn Prozent des hessischen Staatswaldes sind als Naturwald stillgelegt ...... und das bleibt auch so. Auch beim Thema Forst fahren wir einen pragmatischen Kurs und schützen trotzdem die Natur. In dem von mir vorgelegten Waldgesetz sind Naturwälder sogar erstmals gesetzlich unter Schutz gestellt. Auch mit dem neuen Grüne-Band-Gesetz schützen wir die Natur: aber eben nicht über die Köpfe der privaten Eigentümer hinweg, sondern mit Akzeptanz vor Ort. Wir setzen auf Kooperation und Freiwilligkeit.Den Schutz des Bannwaldes allerdings, der nur 2,1 Prozent der hessischen Waldfläche ausmacht, hat die Koalition mit der Novelle des Waldgesetzes gelockert, um den Abbau von Bodenschätzen zu erleichtern.Ich halte es für sinnvoll, Rohstoffe dort abzubauen, wo sie gebraucht werden. Nicht jeder Hektar Bannwald ist unverzichtbar. Viele der Flächen, die für den Abbau von Sand, Kies oder Naturstein gerodet werden, können zudem später wieder aufgeforstet werden. Die ökologische Gesamtbilanz fällt so am Ende womöglich sogar besser aus, als wenn man die Rohstoffe von weit her nach Hessen transportiert.Die CDU/SPD-Landesregierung hat den Betrag zur Unterstützung der Traditions- und Brauchtumspflege von 80.000 auf 500.000 Euro jährlich erhöht. Hat Hessen Nachholbedarf in Sachen Identität?Ich weiß, dass das manche belächeln, aber der Trachtenverein, der Heimatverein, der Fastnachtsverein, der Schützenverein, der Kerbeverein – das sind die, die vor Ort die Strukturen aufrecht-, die letztlich die Identität der Dörfer am Leben erhalten. Wir werden den Betrag noch mal erhöhen, denn schon kleine Summen können, gezielt eingesetzt, viel bewirken. Das gilt auch für den Hessischen Mundartpreis ...... dotiert mit 8000 Euro ...... mit dem wir Initiativen zu Förderung und Erhalt regionaler Dialekte unterstützen.Was bedeutet der Begriff „Heimat“ Ihnen persönlich?Wenn ich an Heimat denke, rieche ich als Winzersohn aus dem Rheingau Weinberge im Herbst. Dann kommt mir der Geruch frisch gelesener Weintrauben in den Sinn – mit dem Rhein im Hintergrund.Heimat ist für Sie positiv konnotiert, hat nichts Ausgrenzendes?Jeder Mensch hat eine Heimat, seine ganz spezielle Heimat. Und es gibt Menschen, die ihre kulturelle Identität pflegen, die ihre Heimat mitgestalten. Das ist gut so, das wollen wir. Und wir wollen, dass sich Menschen, die von anderswo zu uns kommen, hier wohlfühlen, hier eine neue Heimat finden. Denn am Ende gilt: Hesse ist, wer Hesse sein will.Ihre Heimat-Begeisterung wird auch nicht dadurch getrübt, dass die rechtsextreme NPD sich vor drei Jahren in „Die Heimat“ umbenannt hat?Wenn Rechtsextreme diesen positiven Begriff für sich besetzen wollen, müssen wir uns umso mehr um die Pflege der Heimat und der Verwendung des Begriffs kümmern. Das sollten wir uns nicht von irgendwelchen Spinnern kaputtreden lassen.Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Förderung des Hessenliedes durch die Regierung?Da fragen Sie jetzt einen ehemaligen Vorsitzenden der Jungen Union. Die singt das Lied seit Jahrzehnten zum Ende eines jeden Parteitages.Dann können Sie es auswendig?Selbstverständlich. Ich bin allerdings kein guter Sänger.Vielleicht geben Sie einfach den Anfang mal wieder.Ich kenne ein Land, so reich und so schön, voll goldener Ähren die Felder. Dort grünen im Tal bis zu sonnigen Höh’n viel dunkle, duftige Wälder …Vielen Dank, wir glauben Ihnen. Sie sind bekannt dafür, immer streng darauf zu achten, dass bei Veranstaltungen in Hessen auch hessische Produkte angeboten werden. Neuerdings ist das sogar in einem Erlass geregelt.Dass ein Land, ein Ministerium und seine nachgeordneten Behörden auf eigenen Veranstaltungen und Tagungen hessische Produkte in den Vordergrund stellen, müsste eine Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber nicht. In Frankreich, Österreich und Südtirol gibt es eine solche Diskussion gar nicht. Uns fällt es manchmal schwer, zu identifizieren, was eigentlich hessisch ist – dabei rede ich nicht nur vom Wein. Und manchmal empfinden wir es auch als besonders schick, etwas Ausländisches zu präsentieren.Wann sind Lebensmittel regional?Wenn sie in Hessen gewachsen oder erzeugt, produziert, verarbeitet, vermarktet und am besten auch noch gegessen werden – die gesamte Wertschöpfungskette. Das ist gut für den ländlichen Raum und für den Klimaschutz, weil die Transportwege wegfallen. Es führt zu echter Nachhaltigkeit. Die Produkte besitzen eine hohe Qualität, schmecken also auch sehr gut.Aber manche Dinge bekommt man nicht das ganze Jahr über.Stimmt, aber daran müssen wir uns wieder gewöhnen. Um die Bedeutung der regionalen und saisonalen Produkte zu unterstreichen, fördern wir jetzt Investitionen, die diesen Zwecken dienen. „Hessen schmecken“, lautet die Kampagne, die zu einem anderen Bewusstsein führen soll.Das heißt konkret?Die Leute erzählen einem etwas von Regionalität, kaufen aber am Ende wässrige, billige Erdbeeren aus Nordafrika. Sie werden mit viel Emissionen und Aufwand hierhertransportiert und unter Umwelt- und Arbeitsbedingungen produziert, wie wir sie uns nicht vorstellen können. Wenn wir davon wegkommen, stärken wir auch die heimische Wirtschaft.Auf dem absteigenden Ast: Weltweit wird weniger Wein getrunken, der Absatz geht zurück.Felix Kaspar RosicVon der Erdbeere zur Weintraube. Es wird generell weniger Alkohol getrunken. Der Absatz sinkt. Wie hilft die Landesregierung den Winzern?Wir setzen an vielen Stellen an, haben unter anderem die Steillagen-Förderung verdoppelt. In Steillagen wird nicht nur besonderer Wein produziert, sondern auch Kulturlandschaft erhalten.Wein hat noch eine Zukunft?Ja, davon bin ich überzeugt. Ich wehre mich auch gegen den Begriff der Krise im Weinbau. Wir haben momentan zu viel Produktion und zu wenig Absatz. Aber ich nenne eine Zahl: Nur 40 Prozent der in Deutschland getrunkenen Weine sind deutsche Weine. Wenn wir diese Quote etwas erhöhen würden, wäre die ganze Problematik weg. Darum appelliere ich an die Branche, die Diskussion mit mehr Selbstvertrauen zu führen. Wir haben so tolle Produkte in Hessen. Dafür müssen wir das Bewusstsein der Bevölkerung schärfen. Das ist ja auch ein Zweck der erwähnten Kampagne „Hessen schmecken“.Das Absatzproblem beim Wein ist kein hessisches Phänomen?Ganz genau. Es gab jetzt in Kloster Eberbach zum ersten Mal ein Treffen, zu dem sich die Minister der acht Weinbauländer zusammenfanden. Wir haben festgestellt, dass alle vor denselben Herausforderungen stehen. Alle haben das Problem, dass es keine einheitliche Vermarktung gibt und dass das Bezeichnungsrecht beim deutschen Wein zu kompliziert ist. Die Liste der Gemeinsamkeiten ist lang, und wir machen uns daher gemeinsam auf den Weg. Am Ende ist nicht entscheidend, dass die Leute weniger Alkohol trinken. Es geht darum, die Leute, die Alkohol konsumieren, davon zu überzeugen, dass es nicht der Pinot Grigio aus Italien sein muss, den man im Sommer auf dem Balkon trinkt. Es kann auch ein Rheingau-Riesling oder die Weißburgunder-Chardonnay-Cuvée von der Hessischen Bergstraße sein.Sie wehren sich gegen den Begriff Krise, aber es stehen schon viele Betriebe vor dem Aus.Wir haben besondere Herausforderungen im Offenwein-Markt. Der Preis für Fasswein ist am Boden, weil die bewirtschafteten Flächen und die Mengen für den gegenwärtigen Bedarf zu groß sind. Darum setzen wir in Hessen auf Rotationsbrachen. Die Winzer werden finanziell unterstützt, solange sie Flächen vorübergehend ruhen lassen. Aber anders als etwa in Italien bekommen sie keine Rodungsprämien dafür, dass die Flächen endgültig stillgelegt werden. Und sie behalten das Pflanzrecht, das schafft Perspektiven.Der wohl bekannteste Umweltpolitiker in Deutschland ist Ihr sozialdemokratischer Kollege aus Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus. Wie beurteilen Sie seinen Umgang mit dem gestrandeten Wal?Herr Backhaus ist nicht nur der bekannteste, sondern auch der erfahrenste Umweltpolitiker der Republik. Er bekleidet das Amt seit 27 Jahren. Weil er Sprecher der SPD-Länder ist und ich Sprecher der CDU-Länder, sitze ich seit zwei Jahren in Pressekonferenzen neben ihm. Till kann sehr emotional und sehr umfassend über alle Probleme berichten und ist da stets sehr tief drin.Sind Sie nicht ein bisschen neidisch? Er hat einen bundesweit prominenten Wal, und Sie haben die Schweinepest.Es kann aber sein, dass wir da am Ende besser herauskommen.
Umweltminister Jung: Wie Hessen die Zahl der Wölfe reduzieren will
Der hessische Umweltminister Ingmar Jung will den Wolfsbestand im Land begrenzen. Deshalb können künftig bis zu 40 Prozent des Nachwuchses getötet werden. Warum er das für nötig hält.






