Der „Datenschatz“ wird an diesem Montag im Prüfungssaal gehoben. Nicht, weil es manchmal eine Prüfung sein kann, in Bayern trotz Staus und Streckensperrungen voranzukommen – sondern weil im großen Saal des Verkehrsministeriums Platz ist, um all die Statistik an die Wand zu werfen. Bunte Kreise zeigen Personenkilometer, Balkendiagramme den Fahrradbesitz, große Pfeile die Veränderungen. Diese und mehr Werte zusammen ergeben jenen „großen Datenschatz“, so hat Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) die Studienergebnisse angekündigt – ein Datenschatz für die Frage, wie sich die Menschen eigentlich durchs Land bewegen.Das Ergebnis, vereinfacht: Der Rad- und Fußverkehr sind lokal wichtiger geworden. Das Auto bleibt im Freistaat trotz eines leichten Rückgangs das Verkehrsmittel Nummer eins. Und mit den Bussen und vor allem Bahnen ist nur noch jeder Dritte zufrieden. „Es muss die Verlässlichkeit stimmen“, sagt Bernreiter, „das Angebot.“An der Verlässlichkeit hapert es aber auf der Schiene, ihre Infrastruktur gilt als marode, überlastet und unterfinanziert. E-Motoren verändern die Auto- wie die Fahrradbranche. Und dann war ja da auch noch diese Corona-Pandemie, die 2020 zu einem massiven Rückgang der Fahrgastzahlen geführt und Verkehrsbetriebe in finanzielle Nöte gestürzt hat.Genug Grund also, sich die jüngsten Entwicklungen im Bereich Mobilität genauer anzusehen und mit den Ergebnissen früherer Erhebungen zu vergleichen. Im Auftrag des Bundes hat das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (Infas) zwischen April 2023 und Juli 2024 Haushalte in der ganzen Republik befragt; die Studie mit dem Titel „Mobilität in Deutschland“ gilt als die hierzulande größte. Allein in und für Bayern sind Aussagen von mehr als 78 000 Menschen zusammengekommen, die nun erstmals im Verkehrsministerium vorgestellt werden. Für eine leistungsfähige Infrastruktur, gerade in der Fläche, brauche es auch eine Datengrundlage, sagt Bernreiter.Aber nicht nur für Verkehrsplaner sind die neusten Daten interessant. Sie spiegeln gesellschaftliche Entwicklungen wider, die selten über Nacht passieren. In diesem Sinne bewegen sich die Ergebnisse der jüngsten Mobilitätserhebung nahe an denen der vorhergegangenen – und doch nicht ganz. Zum Beispiel waren 2017 im Schnitt 86 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner aus Bayern täglich irgendwie unterwegs. 2023 lag der Wert bei 82 Prozent, vermutlich eine Folge von mehr Home-Office, aber auch der schwierigeren Wirtschaftslage.In der Folge war jede und jeder zuletzt tendenziell ein bisserl weniger und kürzer unterwegs. „Die durchschnittliche Wegelänge sinkt von 14,4 auf 13,1 Kilometer“, notiert der Kurzbericht zur Studie. Oder wie es Robert Follmer, Bereichsleiter für Mobilitäts- und Regionalforschung beim Infas, formuliert: „Das Mobilitätsverhalten ist rückläufig.“ 48 Prozent der Menschen nutzten täglich den motorisierten Individualverkehr, also meist das Auto. 77 Prozent sagten außerdem, sie seien mit diesem Verkehrsmittel zufrieden. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fuhren täglich nur zehn Prozent. Dafür hielten 32 Prozent sie für mangelhaft. 2017 hatten das nur 19 Prozent so gesehen. Der ÖPNV, sagt Follmer, sei „zur Achillesferse geworden“.Letzteres passt zu anderen Erhebungen. So gab in einer im April veröffentlichen Umfrage der HUK Coburg mehr als ein Drittel der Befragten an, das Zugfahren zu meiden. Zusätzlich sagten 26 Prozent, dass sie für wichtige Termine nicht mehr mit der Bahn planten. Was angesichts der Pünktlichkeitsquoten nachvollziehbar ist, nur 84,9 Prozent der bayerischen Regional- und S-Bahnen fuhren 2025 mit weniger als sechs Minuten Verspätung ein. Zum Vergleich: Für 2019, das Jahr vor der Pandemie, ermittelte die Bayerische Eisenbahngesellschaft noch einen Wert von 92,3 Prozent.Die Menschen in Freistaat gehen auch immer öfter zu Fuß. Foto: Ralph Peters/ImagoDie großen Gewinner sind die eigenen Beine. Im Schnitt wurden zuletzt 24 Prozent der Wege zu Fuß zurückgelegt, 2017 waren es 20 Prozent. Ein Faktor: die Demografie. „Der Rollator ist fast zu einem weiteren Verkehrsmittel geworden“, sagt Follmer. Doch damit in der Altstadt übers Kopfsteinpflaster holpern? Schwierig. Für solche Probleme und ihre Lösungen, findet Follmer, brauche es künftig mehr Aufmerksamkeit.Daneben spielt in Ballungsräumen der Radverkehr eine immer wichtigere Rolle. 79 Prozent der bayerischen Haushalte verfügen über ein Fahrrad, E-Bike oder beides. Bei der bayerischen Abteilung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) findet man es daher „super, dass es diese Studie gibt“: So müsse die Staatsregierung mehr als bisher tun, sagt Sprecherin Laura Ganswindt. Der ADFC klagt, dass sich viele Radlerinnen und Radler unsicher fühlten, wenn sie wegen fehlender Radwege auf die Straße ausweichen müssten. „Wo aber Infrastruktur gebaut wird, wird sie auch genutzt“, sagt Ganswindt.Wo es Radwege gibt, da werden sie auch gerne genutzt. Foto: Peter Kneffel/dpaÄhnlich sehen das die Grünen im Landtag: „Die Menschen in Bayern zeigen längst, dass sie bereit sind, neue Wege zu gehen“, teilt Markus Büchler mit, Fraktionssprecher für Mobilität. „Umso erstaunlicher ist, wie wenig die Staatsregierung daraus macht.“ Beim Radverkehr herrsche Stillstand und für den Fußverkehr gebe es keine eigenen Haushaltstitel.Die allerjüngsten Entwicklungen kann der neue Datenschatz nicht abbilden, das bleibt nachfolgenden Studien vorbehalten. Für den Moment sieht Verkehrsminister Bernreiter Bayern in Sachen Rad „sehr gut unterwegs“. Er sei überzeugt, dass es gelingen werde, wie geplant bis Ende 2030 gemeinsam mit den Kommunen 1500 Kilometer Radweg zu bauen. Die hohe Zufriedenheit mit dem Auto zeige, dass man bereits in die Infrastruktur investiert habe. Und auf der Schiene verbaue die DB Infrago im Freistaat allein in diesem Jahr vier Milliarden Euro.„Es gibt nicht das eine Verkehrskonzept“, sagt Bernreiter, „das überall in Bayern passt.“
Bus, Bahn, Auto oder mit dem Rad: Wie sind die Menschen in Bayern unterwegs?
Wie sind die Menschen unterwegs? Darum ging es in einer bundesweiten Mobilitäts-Studie. Nun liegen Ergebnisse für Bayern vor.








