Bei 2820 war Schluss. Nach 2820 Lesungen (von der „Zeit“ genau mitgezählt) verabschiedete sich Rafik Schami von seinem Publikum, jedenfalls von jenem Teil des Publikums, das jahrelang die von ihm sogenannte „Erzählzeit“ besucht hatte. Das waren keine klassischen Lesungen, bei denen Rafik Schami mit Büchern auftrat, aus denen er dann vorlas. Er erzählte frei, ganz der arabischen Tradition des Hakawati verpflichtet, des mündlichen Geschichtenerzählers, der ihn als Kind in der syrischen Heimat so tief geprägt hatte, dass er ihn bis auf die Lesebühnen seines deutschen Exils trug.Rafik Schami kam 1946 in Damaskus in einer christlich-aramäischen Familie zur Welt. Sein Vater war Bäcker und ein tiefgläubiger Katholik, der den heranwachsenden Sohn auf ein französischsprachiges Internatskloster in Libanon schickte. Zwei Jahre lang hielt der Sohn es dort aus, bevor er schwer erkrankte und dem Vater im Krankenhaus drohte, sich das Leben zu nehmen, sollte er zurück ins Kloster müssen. Er durfte dann Naturwissenschaften in Damaskus studieren, trat der kommunistischen Partei bei, klebte selbst verfasste Zeitungsblätter an Damaszener Hauswände, schrieb Geschichten und ersetzte seinen bürgerlichen Namen Suheil Fadel durch das Pseudonym Rafik Schami, was übersetzt so viel wie „Freund aus Damaskus“ bedeutet. Das schützte ihn allerdings nicht vor Problemen mit der Zensurbehörde und auch nicht vor dem obligatorischen Militärdienst. So floh Schami 1971 über Beirut nach Deutschland.Ein feinmaschiges Netz von Zwängen über jedem EinzelnenDass er nur wenige Jahre nach seiner Ankunft begann, in deutscher Sprache zu schreiben, verdankte er vor allem Thomas Mann. Er hat oft erzählt, wie er als junger Migrant, der seines Brotjobs in der Pharmaindustrie überdrüssig wurde, die ganzen „Buddenbrooks“ abschrieb, um des Deutschen mächtig zu werden. Außerdem Bücher der Exilautoren Kurt Tucholsky, Heinrich Heine und Anna Seghers. Sein eigenes erstes Buch in deutscher Sprache erschien 1978 und versammelte unter dem Titel „Andere Märchen“ eine Reihe von Fabeln, Parabeln und Erzählungen, in denen früh die Themen aufschienen, die in seinem über Jahrzehnte auf fast sechzig Romane, Kinderbücher, Hörbücher und Theaterstücke gewachsenen Werk immer wiederkehren sollten.Das Leben als Migrant in Deutschland verhandelte er in dem 1988 erschienenen Erzählungsband „Die Sehnsucht fährt schwarz“. Immer wieder wob er (kindlich geprägte) Erinnerungen an ein multikonfessionelles, schillerndes Damaskus in seine Geschichten ein, wie in das erst 2018 mit Illustrationen von Markus Kröninger als Graphic Novel wieder aufgelegte, autobiographisch geprägte „Eine Hand voller Sterne“. Oft trat Rafik Schami auch als politisch denkender Autor in Erscheinung, der etwa in „Die dunkle Seite der Liebe“ (2004) ein mosaikartiges Sittengemälde der syrischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts entwarf, in der archaische Traditionen, clanartige Familienstrukturen und politische Unfreiheit ein feinmaschiges Netz von Zwängen über jeden einzelnen Menschen werfen.In zahlreichen Essays und Interviews hat Rafik Schami die syrische Revolution, den Bürgerkrieg und den Fall des Assad-Regimes kommentiert und mit seinem literarischen Schaffen doch zugleich dafür gesorgt, dass sein Heimatland nicht nur als Kampfgebiet erzählt wird. Für ihn war es immer die Quelle einer uralten, oft heiteren Freude am Erzählen. Am Dienstag wird er achtzig Jahre alt.
Dem syrischen Erzähler Rafik Schami zum 80. Geburtstag
Seit mehr als fünfzig Jahren lebt Rafik Schami in Deutschland, wo er mit seinem literarischen Werk das Bild der Deutschen von Syrien prägte wie wenig andere. Nun wird er achtzig Jahre alt.






