Spitzensportler von Rang und Namen als Sportpolitiker? So weit ist es noch nicht. Aber in einer der spannendsten, vielleicht wichtigsten Phasen für die Entwicklung des organisierten deutschen Sports haben sich nun Welt- und Europameister zu Wort gemeldet. Der F.A.Z. liegt ein Brief des Spielerrats der deutschen Basketball-Nationalmannschaft vor, gezeichnet von Teamkapitän Dennis Schröder, Franz Wagner, Louis Olinde und Johannes Voigtmann; Spieler, die für den größten Erfolg des deutschen Basketballs in seiner Geschichte stehen, für die erfolgreichste Mannschaft der Deutschen in der jüngsten Vergangenheit.Das Quartett wendet sich auf einer DIN-A4-Seite an die Mitglieder des Ausschusses für Sport und Ehrenamt des Deutschen Bundestages. Der hat für diesen Mittwoch zu einer öffentlichen Anhörung eingeladen. Auf der Tagesordnung steht das möglichst bald zu verabschiedende Sportfördergesetz, das ersehnte Finale des seit vielen Jahren um eine Reform ringenden deutschen Spitzensports.Weltmeister fordern professionellere AufstellungUnd so geht es dem Spielerrat um nicht weniger als „um das Ziel, den Sport professioneller aufzustellen und damit wieder erfolgreicher zu machen“. Ein Kernthema von Sportfunktionären und -politikern seit den Sommerspielen 2012 in London. Es führt inzwischen zu der Behauptung unter Kritikern, die Sportnation Deutschland sei überall abgehängt worden. Als Beleg soll die schrumpfende Medaillenausbeute deutscher Teams bei Olympischen Spielen dienen.Setzt sich für die Mitsprache deutscher Sportler ein: Dennis SchröderdpaDer deutsche Basketball steht zweifellos vorn. Die Weltmeister von 2023 und EM-Sieger von 2025 schauen aber über ihr Spielfeld hinaus auf die Kernfrage: Wer soll in der Spitzensportagentur, die nach Verabschiedung des Sportfördergesetzes als zentrale Institution für die Förderung und Steuerung des Spitzensports aufzubauen ist, das Sagen haben?„Aus unserer Sicht muss dazu die Stimme der Athletinnen und Athleten dort vertreten sein, wo künftig richtungsweisende Entscheidungen getroffen werden“, schreibt der Spielerrat fordernd: „Die geplante Spitzensport-Agentur wird über Fragen entscheiden, die den deutschen Basketball sowie die Athletinnen und Athleten aus anderen Sportarten unmittelbar betreffen. Wir unterstützen deshalb die Forderung von Athleten Deutschland nach einem stimmberechtigten Sitz im Stiftungsrat der Spitzensport-Agentur.“Kampf um FührungspositionenAn Franz Wagners Karriere mögen Sitz und Stimme von Athleten Deutschland e. V. kaum etwas ändern. Der 24 Jahre alte Profi der Orlando Magic zählt zu den besten Spielern, braucht sich angesichts eines Fünfjahresvertrages bis zum Sommer 2029 im Wert von 214 Millionen Euro keine Gedanken um einen einträglichen Job nach der Karriere, um seine Rente machen. Aber der Berliner sieht das Problem jenseits des Weltsports: „Wir wollen mit dem Schreiben zeigen, dass wir solidarisch mit allen Athletinnen und Athleten sind, deren Arbeitsbedingungen im Spitzensport von diesem Gesetz abhängen“, lässt er der F.A.Z. mitteilen: „Unser Anspruch als Spielerrat ist es, nicht nur auf dem Parkett zu stehen, sondern auch Verantwortung für unseren Sport zu übernehmen. Politik und Verbände sollten es als Chance sehen, wenn Athletinnen und Athleten entscheiden, sich zu engagieren.“Um die Besetzung des Stiftungsrates ist wegen seines Einflusses in den vergangenen Monaten ein Kampf entbrannt. Die Bundesregierung soll drei Sitze erhalten, der Bundestag zwei, die Sportministerkonferenz der Länder einen und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) drei. Es wäre also möglich, Athleten Deutschland e. V. einen der drei „Sportplätze“ anzubieten. Das scheint zumindest die Haltung des Staatsministeriums für Sport und Ehrenamt unter Christiane Schenderlein zu sein, die als Vorsitzende die erste Chefin der Agentur sein würde: Der Sport soll das unter sich regeln.Aber der DOSB würde lieber „seine“ Kandidaten unterbringen, statt einen Platz an Athleten Deutschland e. V. zu verlieren. Diese Athletenvertretung ist so unabhängig vom Sport und seinen Verbänden, so unbequem wie keine Einrichtung dieser Art zuvor in Deutschland. Sie hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Mitspieler etabliert, der eigene Spielzüge entwickelt und durchsetzt. Nicht immer zur Freude des DOSB.Athleten Deutschland fordert Sitz im StiftungsratSpitzensportler wissen das zu würdigen. Das lässt sich im Instagram-Kanal von Athleten Deutschland nachlesen. Die Basketballer schreiben: „Wir sind Profis und wollen von Profis vertreten werden. Athleten Deutschland ist unabhängig und vertritt unsere Perspektive wie niemand sonst im deutschen Sportsystem. Als Spielerrat der Basketball-Nationalmannschaft haben wir selbst erlebt, wie Athleten Deutschland uns unterstützt und unsere Anliegen wirksam vertreten hat.“ Athleten Deutschland plädiert für eine Erweiterung des Stiftungsrates um einen Platz zugunsten eines Gesandten aus den eigenen Reihen. Am Mittwoch sollen die Abgeordneten des Sportausschusses überzeugt werden.Athleten Deutschland ist wie der DOSB und weitere fünf Verbände zur Anhörung eingeladen, dazu die Hockeyspielerin Charlotte Stapenhorst. Geschäftsführer Johannes Herber, einst Basketball-Nationalspieler, wird in seiner Argumentation die Expertise von Spitzensportlern anführen, auf Sitz und Stimme von Athleten in Weltverbänden wie dem Internationalen Olympischen Komitee, der Welt-Anti-Doping-Agentur, der Stiftung Deutsche Sporthilfe und nicht zuletzt des DOSB hinweisen: „Athletinnen und Athleten bringen eine einzigartige Perspektive der unmittelbar Betroffenen ein“, schreibt Athleten Deutschland e.V. in einer Stellungnahme: Sie „nicht nur rhetorisch ins Zentrum zu stellen, sondern an zentralen Entscheidungen zu beteiligen, stelle wahren Reformwillen unter Beweis“.Geladen zur Anhörung: Johannes Herber, Geschäftsführer Athleten Deutschland, will die Politiker von der tragenden Rolle der Athleten überzeugen.Picture AllianceFlankiert wird die jüngste Offensive um Einbindung unter anderem von der Forderung, die Verbände per Gesetz zu einem für humanen Sport wichtigen Schritt zu verpflichten. Angesichts der ununterbrochenen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen im deutschen Sport sollen die Umsetzung des Safe Sport Codes des DOSB zum Schutz der Sportler und Sportlerinnen durch die Spitzenverbände sowie ein Anschluss an das Zentrum für Safe Sport verbindlich an ihre Förderung durch den Bund gekoppelt werden.Immer wieder scheitern Aufdeckungsversuche offensichtlich an Interessenkonflikten in Verbänden. Das vom Bund finanzierte Zentrum für Safe Sport soll nach dem Wunsch von Athleten Deutschland „in die Lage versetzt werden, Meldungen unabhängig entgegenzunehmen, zu untersuchen und Schiedsverfahren zu ermöglichen“. Bislang haben Spitzenverbände die Wahl, ob sie Untersuchungs- und Sanktionsbefugnisse an das Zentrum abgeben. „Die Autonomie des Sports ist wichtig“, schreibt Athleten Deutschland, „muss aber dort ihre Grenzen finden, wo Menschen- und Kinderrechte verletzt werden“.