Führungswechsel in London: Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum erlebt die Wirtschaft erneut eine BewährungsprobeDie britische Politik steht vor einem Linksrutsch. Der wahrscheinliche neue Premierminister Andy Burnham will, dass der Staat mehr Geld ausgibt. Doch die Finanzmärkte könnten seine Pläne torpedieren.22.06.2026, 13.51 Uhr4 LeseminutenAuch für den künftigen Premierminister Grossbritanniens ist der Spielraum klein – zu hoch sind die Schulden des Landes.Jaimi Joy / ReutersWenn es um den Titel als «Kranker Mann Europas» geht, liefern sich Grossbritannien und Deutschland ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Über die vergangenen zehn Jahre hat die britische Wirtschaft ein reales Pro-Kopf-Wachstum von nur gerade 5,4 Prozent erreicht. Die Euro-Zone wuchs in derselben Periode um immerhin 10 Prozent, Frankreich um gut 8 Prozent. Lediglich die Deutschen stehen mit einer Zunahme von 3,2 Prozent noch schlechter da als die Briten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun drohen der britischen Wirtschaft erneut Turbulenzen. Diese kommen exakt zehn Jahre, nachdem das Wahlvolk mit knapper Mehrheit den Austritt aus der Europäischen Union beschlossen hatte: Dieses Datum, der 23. Juni 2016, markiert den Anfang einer jahrelangen Stagnationsphase. Wobei die Schätzungen über den wirtschaftlichen Schaden des Brexits weit auseinandergehen: Studien gehen davon aus, dass das heutige Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf zwischen 2,5 und 8 Prozent höher wäre ohne den Austritt.Fest steht, dass der Brexit die britische Insel durchgeschüttelt hat. Dies zeigt sich auch darin, dass der künftige Premierminister Andy Burnham bereits der siebte seit dem denkwürdigen Austrittsentscheid ist. Dass die Finanzmärkte den politischen Führungswechsel an der Downing Street Nummer 10 mit Nervosität beobachten, liegt allerdings nicht nur an der geringen Wachstumsdynamik.Der britische Staat schiebt ebenso einen hohen Schuldenberg vor sich her. Das Haushaltsdefizit im laufenden Jahr dürfte laut Schätzungen 5 Prozent des BIP betragen. Die kumulierte Verschuldung liegt bei 95 Prozent des BIP. Das geringe Vertrauen der Gläubiger führt auch dazu, dass Grossbritannien deutlich höhere Schuldzinsen bezahlen muss als die übrigen europäischen Länder. Der Zinssatz der zehnjährigen Staatsanleihen liegt derzeit bei 4,8 Prozent.Höhere Steuern für ReicheZum Vergleich: Deutschland muss für eine zehnjährige Bundesanleihe einen Zinssatz von weniger als 3 Prozent bezahlen. Selbst das stark verschuldete Frankreich hat einen deutlich tieferen Zinssatz von lediglich 3,6 Prozent.Dabei könnte der Abstand zu Grossbritannien sogar noch grösser ausfallen. Denn so unpopulär der abtretende Premierminister Keir Starmer im Volk auch war: Zumindest an den Finanzmärkten konnte er eine gewisse Glaubwürdigkeit aufbauen. Seine Finanzministerin Rachel Reeves hatte – obgleich zaghaft – Versuche unternommen, das Schuldenwachstum zu bremsen.Anstelle von unpopulären Sparmassnahmen erhöhte die Labour-Regierung Starmer primär die Steuern – entgegen der Versprechungen bei der Wahl vor zwei Jahren. Diese sollen dem Land zusätzliche Einnahmen von 40 Milliarden Pfund einbringen.Weil Grossbritannien zugleich die Steuerprivilegien für Zugewanderte reduziert hat, setzte unter den Superreichen ein Exodus ein. Die «Sunday Times» berichtete kürzlich, dass jede sechste Person auf der Liste der 350 Reichsten innerhalb von nur zwei Jahren davon verschwunden ist. Ein Grossteil davon dürfte das Land verlassen haben.Im Gegensatz zu Keir Starmer, welcher der politischen Mitte zugeordnet wird, verfolgt sein voraussichtlicher Nachfolger und Parteikollege Andy Burnham eine Agenda, die stärker links steht. Er selbst bezeichnet seinen Ansatz als «wirtschaftsfreundlichen Sozialismus» (business-friendly socialism). Unter anderem plant er, mit einem Impulsprogramm neue Wachstumskräfte zu entfesseln. Insbesondere möchte er die Randregionen mit Investitionen wiederbeleben.Ebenso hatte sich Burnham in der Vergangenheit für die Verstaatlichung von «Schlüsselindustrien» wie der Wasserversorgung ausgesprochen. Ein mögliches Übernahmeziel wäre die stark verschuldete Thames Water. Wie dies angesichts der leeren Staatskasse aber möglich sein soll, bleibt höchst ungewiss.Der Crash von 2022 als WarnungIn Bezug auf die künftige Fiskalpolitik sind die bisherigen Äusserungen Burnhams widersprüchlich. Einerseits erklärte er, an den bisherigen Zielen der Regierung Starmer zur Begrenzung des Schuldenwachstums festzuhalten. Auf der anderen Seite forderte er, der Staat brauche eine grössere finanzielle Autonomie und müsse sich von der «Abhängigkeit der Anleihenmärkte» befreien.Wie schnell es gehen kann, dass die Gläubiger gegen den Staat rebellieren, verdeutlichte der «Liz Truss-Moment» im Herbst 2022. Weil die damals frisch gekürzte Premierministerin Liz Truss eine übermässige Schuldenaufnahme plante, um die Wirtschaft anzukurbeln, kam es zu einem Crash bei den Staatsanleihen. Sowohl inländische Pensionskassen als auch ausländische Investoren, die rund ein Drittel der britischen Schulden halten, warfen ihre Obligationen auf den Markt. Zudem fiel das Pfund auf ein historisches Tief. Nach nur 44 Tagen im Amt musste Truss zurücktreten.Um ein ähnliches Chaos zu verhindern, hat sich Andy Burnham gewappnet. Er lässt sich in Wirtschaftsthemen von renommierten Ökonomen beraten. Dazu gehören die ehemaligen Chefökonomen der britischen Zentralbank, Andy Haldane, und der Bank Goldman Sachs, Jim O’Neill.Entsprechend haben die Finanzmärkte auf den Rücktritt Starmers zunächst abwartend reagiert. Der britische Pfund blieb stabil, ebenso die Zinssätze auf den Staatsanleihen. Die Luft ist allerdings dünn: Schon nur wenn der Zinssatz der zehnjährigen Schatzpapiere über die 5-Prozent-Marke klettern würde, so wäre dies nach Einschätzung von Experten als Alarmsignal zu werten.Passend zum Artikel
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