PfadnavigationHomePolitikDeutschlandIntegrationskursleiterin„Die Kontrollen sollen gar nicht funktionieren“Stand: 11:38 UhrLesedauer: 6 MinutenLolita Deriabina leitet Integrationskurse in HannoverQuelle: Tatiana EkimovaWas läuft schief in den Integrationskursen für Migranten? Etwa die Hälfte der Teilnehmer komme ohne jede Motivation, erzählt Kursleiterin Deriabina. Sie macht Unterschiede zwischen den Nationalitäten aus – und legt zentrale Missstände offen.Lolita Deriabina, 28, zog vor fünf Jahren für ein Masterstudium von Russland nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Dozentin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in Hannover und leitet Integrationskurse. Sowohl vor dem Hintergrund ihrer eigenen Migrationsgeschichte als auch vor dem ihrer Arbeit kritisiert sie die deutsche Integrationspolitik.WELT: Frau Deriabina, woran scheitert Integration in der Realität, die Sie täglich bei Ihrer Arbeit beobachten können?Lolita Deriabina: In meiner Erfahrung sind etwa 40 bis 50 Prozent der Kursteilnehmer zwar physisch anwesend, aber ihnen fehlt jede Motivation. Das ist zu viel – und überschattet die andere Hälfte, die wirklich beeindruckende Leistungen erbringt. Meist sehe ich am Anfang eines Kurses genau, aus wem etwas werden kann und aus wem nicht. Einige erscheinen nicht, ignorieren E-Mails; manchmal sucht selbst das Jobcenter nach ihnen, weil sie zu den festgesetzten Terminen nicht erscheinen.WELT: Woher kommt es, dass sich so viele offenbar gar nicht integrieren wollen?Deriabina: Einige verstehen sehr schnell, dass es möglich ist, zum Kurs zu gehen, die Teilnahme quittiert zu bekommen und sofort wieder nach Hause zu gehen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Jeder Teilnehmer darf 30 Prozent der Kurszeit fehlen, ohne dass etwas passiert. Erst bei längeren Fehlzeiten fragt das Jobcenter nach. Mehr passiert aber nicht: Der Kurs wird weiter finanziert, die Wohnung weiterbezahlt. Lesen Sie auchAuch wer die Prüfung nicht besteht, hat kein Problem – ihm wird einfach ein neuer Kurs angeboten. So können Migranten unzählige Monate in Integrationskursen verbringen, alle Jobangebote ablehnen, ohne auch nur einen Schritt aus dem eigenen Kreis herauszuwagen, in dem ausschließlich die eigene Muttersprache gesprochen wird.Lesen Sie auchWELT: Das Problem ist also, wie die Kurse organisiert sind?Deriabina: Ja. Die Integrationskurse werden staatlich gefördert, liegen aber in den Händen von Trägern, die kein echtes Interesse an Integration haben. Deren Interesse liegt darin, Geld zu verdienen und weiter vom Staat finanziert zu werden. Deswegen funktionieren die Kontrollen nicht so, wie sie funktionieren müssten – sie sollen gar nicht funktionieren. Das Ende vom Lied sind ausgelaugte Lehrkräfte und unmotivierte Teilnehmer.Deutschland ist viel lockerer als Russland, was Bildung angeht. In Russland ist Schule streng: Wer nicht mitmacht, kommt nicht weiter. Auch Deutschland war für mich immer ein Land, das fordert und Erwartungen stellt – bis ich hierhergezogen bin. Deutschland heißt jeden willkommen. Es bietet Unterstützung dabei, die Sprache zu lernen, einen Job und eine Wohnung zu finden, und zusätzlich noch Geld vom Staat. Aber ob du es schaffst, hier anzukommen, bleibt dein Problem. Manche Menschen mögen das für liberal halten, ich halte das für bequem.WELT: Bemerken Sie bei Ihren Kursteilnehmern Unterschiede in den Einstellungen, je nachdem, woher sie kommen?Deriabina: Russen und Ukrainer zum Beispiel sind gemeinhin sehr motiviert, sich zu integrieren. Ich weiß nicht, ob das etwas mit dem Krieg oder dem durchschnittlichen Bildungshintergrund zu tun hat. Einige andere kommen aber auch nach Deutschland mit dem klaren Plan, irgendwann zurückzukehren. Dieser Logik folgend lohnt es sich nicht, sich zu integrieren. Ich verstehe, dass Menschen ihre Familien wiedersehen und nach Hause zurückkehren wollen. Was ich aber nicht verstehe: Wieso verbringt man so viel Zeit in einem Land, ohne das Beste daraus zu machen? Jeder kann zumindest auf niedrigem Niveau die Sprache lernen und einen einfachen Job ausüben.Wir müssen an den Strukturen dieses Systems etwas verändern, damit wir durch die Unmotivierten nicht unsere Zeit verschwenden.Lesen Sie auchWELT: Wie müsste das konkret aussehen?Deriabina: Die Anwesenheitskontrollen müssten viel strikter sein. Bislang kontrollieren wir zwar – aber wenn ein Teilnehmer nach einer halben Stunde den Kurs verlässt, wird das nirgendwo notiert. Vielleicht müssten die Kurse auch in staatlicher Hand liegen oder von Universitäten angeboten werden.WELT: Was passiert, wenn sich in absehbarer Zeit nichts verändert?Deriabina: Deutschland übersetzt alle wichtigen Informationen in andere Sprachen und feiert groß die Feiertage anderer Kulturen. Das ist zwar schön und gut, aber es ist auch wichtig, die eigenen Bräuche in all der Multikulturalität nicht untergehen zu lassen. Wenn ein Land zu liberal und offen agiert, sieht sich kein Hinzukommender in der Verantwortung, sich anzupassen – und irgendwann verliert das Land sich selbst. Ich fürchte, dass wir in ein paar Jahren nicht mehr definieren können, was Deutschland ausmacht: Welche Sprache ist unsere und welche Kultur ist die, die uns alle verbindet? Ein Land verschwindet nicht, weil Menschen hinzukommen – sondern, wenn es aufhört, sich selbst zu definieren.Solange wir keine Antwort auf diese Frage finden, wird die AfD davon weiter profitieren. Ich persönlich denke nicht, dass das die Lösung ist. Wir müssen andere Menschen willkommen heißen in unserem großen, schönen Land. Aber wir müssen auch klar fordern und definieren, was wir von ihnen erwarten, wenn sie hier leben wollen. Ich habe es immer als inspirierend empfunden, dass Deutschland über eine reiche Kultur und Geschichte verfügt und auch ich als Migrantin mich damit identifizieren darf. Anpassung muss nichts Negatives sein.Lesen Sie auchWELT: Was macht es mit Ihrem Selbstbild, in einem System zu arbeiten, das Sie als so dysfunktional erleben?Deriabina: Ich versuche, mich auf die Menschen zu konzentrieren, denen ich etwas beibringen kann. Außerdem hoffe ich, dass, wenn ich nur genug über diese Probleme spreche, ich damit irgendwann auch Veränderungen erreichen werde. Gleichzeitig sehe ich, dass immer weniger Menschen Lust darauf haben, als Lehrkraft in einem Integrationskurs zu arbeiten. Viele Kollegen sehen keine Zukunft in diesem Bereich. Ich bleibe, weil ich meinen Job mag. Wenn ich sehe, wie Menschen, die ganz ohne Kenntnisse in meinen Kurs gekommen sind, gelernt haben, zu sprechen und sich im Alltag zurechtzufinden, freut mich das enorm. Das kommt nicht häufig vor – aber es kommt vor.WELT: Man könnte Ihre Schilderungen als anekdotische Evidenz abtun – inwieweit werfen sie ein Schlaglicht auf ein bundesweites Problem?Deriabina: Viele meiner Kollegen wenden sich an mich, weil sie sehen, wie ich mich öffentlich zum Thema Integration positioniere. Sie spiegeln mir, dass sie meine Erfahrungen teilen und froh sind, dass endlich jemand öffentlich darüber spricht. Das freut mich natürlich. Mich erreichen aber auch Nachrichten, in denen sich Menschen irritiert darüber zeigen, dass ich als Migrantin das System Integration kritisiere. Ich antworte immer, dass es nichts Schlimmes ist, aus einem anderen Land zu kommen – sondern viel schlimmer, Probleme zu sehen und nichts dagegen zu tun.WELT: An welchem Punkt sprechen Sie von gelungener Integration?Deriabina: Integration bedeutet, nicht zurückzuschauen und gedanklich im Heimatland festzuhängen, sondern ein Leben vor Ort aufzubauen und dem neuen Heimatland den eigenen Mitteln entsprechend etwas zurückzugeben. Ich zum Beispiel habe mich integriert und helfe jetzt anderen Menschen dabei, das Gleiche zu tun.Es geht nicht nur um Grammatik und Vokabular, sondern auch um das Miteinander im Alltag: Trotz Fehlern muss man sprechen. Die Kleidung, die im Herkunftsland begrüßt wird, ist in einem anderen nicht unbedingt angemessen. In Deutschland ist Pünktlichkeit sehr wichtig. All das muss man verstehen: wie die Menschen hier arbeiten, wie sie kommunizieren, was sie voneinander erwarten.In ihrem neuen Buch „Integration als Illusion“ (BoD) beschäftigt sich Lolita Deriabina mit dem „Untergang des deutschen Erbes“.Politikredakteurin Uma Sostmann schreibt über gesellschaftspolitische Themen.
Integrationskursleiterin: „Die Kontrollen sollen gar nicht funktionieren“ - WELT
Was läuft schief in den Integrationskursen für Migranten? Etwa die Hälfte der Teilnehmer komme ohne jede Motivation, erzählt Kursleiterin Deriabina. Sie macht Unterschiede zwischen den Nationalitäten aus – und legt zentrale Missstände offen.
Deriabina (Integrationskurs-Leiterin): 40-50 % Teilnehmer unmotiviert, Private Träger kontrollieren schwach, Staat zahlt trotz 30 % Fehlzeiten. Governance-Fehler: Entkoppelte Anreize bei Anbietern + keine Accountability = Systemkollaps. Ein Muster für deutsche Ineffizienzen bei Public Services.







