PfadnavigationHomeSportOlympiaSnowboard„Dann fällt alles zusammen wie ein Kartenhaus“ – Olympia-Platz in GefahrVon Kilian GaffreyStand: 09:12 UhrLesedauer: 4 MinutenDie Snowboarderin Ramona Hofmeister steht während der Einkleidung für die Winterspiele Anfang 2026 in MailandQuelle: Peter Kneffel/dpaDas IOC überprüft derzeit, welche Wettbewerbe eine Zukunft haben. Für eine olympische Wintersport-Disziplin steht dabei die Existenz auf dem Spiel. Athleten und Verbände warnen vor Folgen, die weit über Olympia hinausreichen.Die Zukunft einer Wintersportart wird nicht im Schnee entschieden, sondern im heißen Schweizer Sommer. In Lausanne, wo das Thermometer dieser Tage häufiger auf über 30 Grad Celsius klettert, soll ab Mittwoch abschließend beraten werden, ob Snowboard-Rennen aus dem Olympischen Programm fliegen. Athleten und Verbände versuchen alles, um das zu verhindern. Seit September 2025 steht der Parallel-Riesenslalom (PGS) auf der Beobachtungsliste. Gleiches gilt für die Nordische Kombination. Auf der 146. Vollversammlung des IOC steht das von Präsidentin Kirsty Coventry (42) initiierte Reformprogramm „Fit for the Future“ (zu Deutsch: Fit für die Zukunft) im Mittelpunkt. Neun Arbeitsgruppen beschäftigen sich innerhalb dieses Programms mit einer umfassenden Überprüfung des olympischen Systems. Eine dieser Gruppen trägt den Titel „Olympisches Programm“. Der Auftrag des IOC lautet: „Sie soll ein Gleichgewicht finden zwischen der Größe der Olympischen Spiele, der Relevanz der Sportarten und Disziplinen, der Integration neuer Sportarten und Disziplinen sowie gegebenenfalls Möglichkeiten aufzeigen, wie Sportarten über ein klares und transparentes Verfahren in das Programm aufgenommen oder daraus entfernt werden können.“Lesen Sie auchBei der Analyse von PGS im Nachgang der Winterspiele von Mailand und Cortina geht es um internationale TV-Quoten, Kosteneffizienz und Teilnehmerzahlen. Andreas Scheid, Sportdirektor beim Deutschen Snowboardverband, sagt zu WELT am SONNTAG: „Wir hoffen, dass das IOC die Entwicklung, die der Sport seit 2022 genommen hat, wahrnimmt.“ Die Disziplin wächst. 12 Stationen gehören im nächsten Winter zum Weltcup-Kalender. Athleten aus 26 Ländern waren bei der letzten Weltmeisterschaft dabei. Bei den Olympia-Rennen in Livigno gingen die sechs zu vergebenden Medaillen an Sportler aus fünf verschiedenen Ländern. Scheid erklärt: „Wir haben genauso viele Starter bei Männern und Frauen. Der Wettbewerb findet an einem Tag statt. Es gibt eine breite globale Basis an Athleten. Bei uns holen Sportler aus Nationen, die im Wintersport sonst eher weniger sichtbar sind, olympische Medaillen.“„Es zählt nur noch die große Show“Für ihn sei es schwer nachvollziehbar, wie das IOC den Beobachtungsstatus teilweise begründet. „Es wurde bemängelt, dass wir als PGS eine eigene Strecke benötigen, während Ski- und Snowboardcrosser eine Strecke gemeinsam nutzen können“, erzählt Scheid und fordert gleichzeitig: „Es muss aber unbedingt berücksichtigt werden, dass unsere Strecke im Hinblick auf Präparation, Nachnutzung und Flächenverbrauch die günstigste Snowboard-Disziplin ist.“Viele Athleten, darunter der Österreicher Alexander Payer, haben das Gefühl, dass das IOC im Olympischen Programm „Platz schaffen“ wolle. Darüber hatte Payer, der auch als Athletensprecher im Internationalen Skiverband (FIS) fungiert, bereits während der Winterspiele in Italien gesprochen. Spekuliert wird über die Aufnahme von Freeride, Rail Jam und Eisklettern. Payer: „Es zählt nur noch die große Show. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, immer noch kompliziertere Sportarten aufzunehmen.“Lesen Sie auchZumal es viele bildgewaltige Snowboard-Disziplinen wie Slopestyle oder Big Air ohne das alpine Snowboarden gar nicht gäbe. „Damit beginnt jeder Snowboarder“, sagt der bulgarische Olympiamedaillengewinner Terwel Samdirow und erklärt: „Bevor man springt, muss man carven können.“ Scheid pflichtet ihm bei: „Die Basisausbildung für alle Disziplinen findet beim Kurvenfahren statt, und deshalb gehört PGS ins Programm.“Stützpunkte müssten geschlossen werdenEva Ledecka, das wohl größte PGS-Gesicht weltweit, hat sogar bewiesen, dass Snowboarder auch hervorragende Skifahrer sein können. Die Tschechin gewann bei Olympia 2018 erst Gold beim Snowboard-Rennen und wurde dann auch noch Olympiasiegerin im Super-G beim Ski alpin. Ledecka sagte im Februar in Livigno mit Blick auf die Zukunft: „Es gibt sehr viele junge Athleten, die auf ihre Chance warten. Ich wünsche mir einfach, dass man ihnen diese Chance nicht nimmt.“Tatsächlich würde ein Olympia-Aus den Fortbestand der Disziplin bei vielen Nationen stark gefährden. Scheid: „Da würde uns die wichtigste Säule für Snowboard in Deutschland wegbrechen. Wir haben hier über Jahre gewachsene Strukturen. Das alles hängt an den Olympischen Spielen. Ohne die Spiele fällt das alles zusammen wie ein Kartenhaus.“Stützpunkte müssten geschlossen werden, Trainer stünden vor dem Jobverlust. „Wir reden über 100 Leute, die beteiligt sind“, erzählt Scheid. Allein zum Bundeskader gehören aktuell 20 Athleten. Eine von ihnen ist Ramona Hofmeister. Die 30-Jährige gewann 2018 Olympia-Bronze und war bereits mehrfach Gesamtweltcup-Siegerin. Sie sagt: „Olympia ist ein riesiges Privileg. Ich war bisher bei drei Olympischen Spielen. Ich würde gerne auch ein viertes Mal dabei sein.“Dieser Traum droht im Schweizer Hochsommer zu platzen.