PfadnavigationHomeICONISTTrendsBeauty-Trend„Sie verlagern ihr Verlangen nach Süßes auf Parfüm“ – wie Ozempic den Duftmarkt verändertVon Pauline CastellaniStand: 08:58 UhrLesedauer: 7 MinutenErst verschwand der Appetit, dann kam die Lust auf Dessert-Parfüms: In den USA boomt mit Ozempic auch der Markt für süße Düfte – von Pistazie bis Tarte TatinQuelle: Getty Images/MariyariyaIn den USA spritzt bereits jeder achte Erwachsene Ozempic oder ähnliche Medikamente. Als Folge boomen auch süß riechende „Gourmet“-Parfüms, Nutzer berichten von wahren Kaufräuschen. Das beeinflusst inzwischen die weltweite Duftindustrie.Tagada-Erdbeere, Tarte Tatin, geröstete Pistazie... Auch wenn der derzeitige Trend von an den Duft von Süßigkeiten angelehnten, sogenannten „Gourmet“-Parfüms nichts Neues ist (er wurde bereits 1992 durch „Angel“ von Mugler ausgelöst), so nimmt dieses Phänomen in den von Ozempic und anderen GLP-1-Medikamenten geprägten USA doch ungeahnte Ausmaße an. Die Spezialisten der Parfümindustrie haben dabei vor allem Social Media ganz genau im Blick, ebenso wie die Fachforen und ihre Diskussionen dort.Hier berichtet ein Internetnutzer, der sich gerade in Behandlung befindet (mit Ozempic oder auch Wegovy, Mounjaro etc.), dass er eine Besessenheit für den Duft von Backwaren bei sich entdeckt hat und daraufhin eine ganze Reihe von „süßen“ Parfüms kaufte. Dort erklärt ein anderer, dass sein Gewichtsverlust von 10 Kilogramm mit Ausgaben von über 2500 US-Dollar (rund 2153 Euro) in der Parfümerie um die Ecke begleitet wurde.Ein Dritter erklärt halb im Ernst, ein Spritzer seines Lieblings-„Gourmet“-Parfüms ersetze ihm das Frühstück. In einem weit weniger glamourösen olfaktorischen Rahmen beklagen sich viele, dass ihre „Achselhöhlen nach Zwiebeln riechen“, seit sie mit den wöchentlichen Injektionen der „Abnehmspritze“ begonnen haben.Im Verlauf der vergangenen beiden Jahre wurde viel über Begleiterscheinungen von GLP-1-Medikamenten und verwandten Präparaten wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro berichtet, die je nach Mittel und Zulassung bei Typ-2-Diabetes oder zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden. Genannt werden unter anderem Haarausfall, eingefallene Wangen, ausgeprägte Faltenbildung, erschlaffende Gesichtskonturen (das sogenannte „Ozempic“-Face), Mundgeruch und übelriechender Schweiß … Nicht all diese Phänomene sind als klassische Nebenwirkungen gleich gut belegt; manche gelten eher als mögliche Folgen schnellen Gewichtsverlusts oder als Beobachtungen von Nutzern. Außerdem sollen diese Medikamente auch den Geschmacks- und möglicherweise den Geruchssinn beeinflussen.Lesen Sie auchDie Wissenschaftler versuchen noch, die genaue Wirkung dieser Medikamente auf Geschmacks- und Geruchswahrnehmung zu analysieren; ein direkter Zusammenhang zwischen GLP-1-Behandlungen und unserer Vorliebe für „süße“ Düfte ist bislang jedoch nicht nachgewiesen. Dafür hat die Parfümindustrie bereits damit begonnen, sich auf die veränderten Gewohnheiten einzustellen. Und das umso mehr, als mittlerweile jeder achte Amerikaner zugibt, eines dieser Medikamente bereits verwendet zu haben (oft zur Gewichtsreduktion), deren Markt bis 2031 auf bis zu 150 Milliarden US-Dollar anwachsen könnte.Lesen Sie auch„Ob sie nun ihr Verlangen nach Süßem vom Teller auf das Parfümfläschchen verlagern oder sich ihre Sinne durch GLP-1-basierte Medikamente verändern: Bei Personen, die mit Ozempic behandelt werden, ist ein Anstieg der Parfümeinkäufe von 23 Prozent festgestellt worden“, erklärt Arnaud Guggenbuhl, Direktor für Marketing und Image bei Givaudan. „Und das wiederum passt zum Trend der Gourmet-Düfte, der die Branche bereits seit vielen Jahren bestimmt.“Ohne Schuldgefühle läuft das Wasser im Munde zusammenDas Parfüm gilt als Spiegelbild der Gesellschaft und folgt seit jeher dem Zeitgeist und den bedeutenden Merkmalen einer Epoche. „Tabac Blond“ von Caron und „Cuir de Russie“ von Chanel, beide elegant und androgyn, richteten sich nach den schmalen, jungenhaften „Garçonnes“ der 1930er Jahre. „L’Interdit“ von Givenchy, ebenso frisch wie „Fabulon“, umwarb die jungen Hausfrauen der 50er-Jahre. „Eau Sauvage“ von Christian Dior dagegen stand für die Vitalität und den Optimismus der Babyboomer der Siebziger.„Opium“ von Yves Saint Laurent verkündete die grenzenüberschreitende Verführungskunst der emanzipierten Frau im Jahre 1977, doch schon zehn Jahre später hatte dieses etwas aggressive Flirten keinen so bewundernswürdigen Status mehr. Inmitten der AIDS-Epidemie fand man in den Regalen der Parfümerien eher sterile, fast medizinische Düfte vor. „CK One“ von Calvin Klein beispielsweise entwickelte sich mit seinem apothekenartigen Flakon praktisch zum Aushängeschild der Gen X.Zu dieser Zeit kamen auch die ersten „Gourmet“-Düfte auf den Markt, als Reaktion auf ein ganzes Jahrzehnt mit Diätprogrammen wie „Slim Fast“ oder „Weight Watchers“, Aerobic-Stunden à la Véronique oder Davina und den Supermodels, deren bescheidene Maße in den Modezeitschriften fett gedruckt wurden. Die Parfüms dufteten nach Pralinen, nach Zuckerwatte auf Jahrmärkten („Angel“ von Mugler), nach Veilchen und Lakritz (Lolita Lempicka) oder nach Diabolo-Grenadine („Amor Amor“ von Cacharel) …Alles Duftkombinationen, die sich auch heute, dreißig Jahre später, noch gut verkaufen … und so manche Nase eher zurückweichen lassen. „Die neuen Gourmet-Parfüms sind sehr viel ausgereifter“, versichert der Spezialist. „Es gibt zwar nach wie vor cremige Varianten im Stil von Marshmallows, auch buttrige Düfte, die einer Tarte Tatin oder einem Croissant alle Ehre machen würden. Die neuen Duftkreationen versuchen sich jedoch eher an knusprigen Nüssen, an Pistazien oder Sesam. Oder auch an Gewürzen wie Kardamom und Safran, die als „Geschmacksverstärker“ verwendet werden. Früher wirkten diese Düfte eher wie eine übertriebene, fast schon zwanghafte Fülle von Süßigkeiten – heute dagegen sollen sie dem Kunden eher das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.“In einer Gesellschaft, die den Trend „ohne“ („ohne Zucker“, „ohne Fett“, „ohne Gluten“ …) verfolgt, wird das Parfüm zu einem zusätzlichen Sinneserlebnis, einer Möglichkeit, seinen Sinnen eine Form des Genusses ohne Schuldgefühle anzubieten. Sei es nun für die Gen Z, die für die extrem süßlichen brasilianischen Body-Mists von Sol de Janeiro oder auch den Duft von Walderdbeeren „Miutine“ von Miu Miu schwärmt, für die Liebhaber der Elixiere einiger Nischenmarken oder für das allgemeine Publikum, das zu den Fans der zahlreichen Varianten von Bestsellern wie „La Vie Est Belle“ von Lancôme (derzeit in der „Vanille Nude“-Edition) oder auch „Libre“ von Yves Saint Laurent (in der „Berry Crush“-Variante) zählt.Karamell, Erdbeermilch und DattelnFür die Zusammensetzung ihrer Duftkompositionen arbeiten die Parfümeure eng mit Aromatikern zusammen. „Für ‚Holy Berry‘ der Marke D’Orsay bin ich von der sehr klassischen Kombination Milch-Erdbeere ausgegangen und habe dabei ein sonst für Lebensmittel bestimmtes ‚fine flavor‘ verwendet, das ich dann mit edleren Inhaltsstoffen wie Iris und Oud kombiniert habe“, erklärt Tanguy Guesnet, Parfümeur bei IFF, einem Unternehmen für Duftkompositionen, das nicht nur für die Parfümerie, sondern auch für die Lebensmittelindustrie arbeitet.„Aromatiker haben beispielsweise schon ein Macadamia-Nuss-Aroma entwickelt. Ihre Rezeptur kann uns dabei helfen, den Geschmack mithilfe unserer eigenen Palette an synthetischen und natürlichen Molekülen in einen Duft umzusetzen. Dank dieser Aromen haben wir Zugang zu besonders wirkungsvollen Inhaltsstoffen. Abgesehen vom leckeren Gourmet-Duft geht es uns auch um Wirksamkeit; wir erwarten von dem Parfüm, dass es sich gut entfaltet. Es muss schließlich richtig Eindruck machen! Noch vor ein paar Jahren hat man Sulfurol oder auch Sacrasol, ein extrem stark nach heißer Milch duftendes Molekül, in einem Lösungsmittel gerade mal in einer Konzentration von einem Prozent verwendet. Heute schockiert es niemanden mehr, wenn man es sogar pur einsetzt.“Lesen Sie auchDie neuen Extraktionsmethoden ermöglichen es außerdem, Duftnuancen bestimmter Früchte zu testen, wie Guave, Mango oder auch Passionsfrucht, die bislang kaum verwendet wurden. „Wir können jetzt 100 Prozent natürliche Extrakte daraus gewinnen, die sehr realistisch und vollmundig wirken, ohne den eher wässrigen Charakter wie früher.“Und wenn man nun davon ausgeht, dass die „Food Scents“, wie sie im Marketingjargon genannt werden, eine glänzende Zukunft vor sich haben, dann auch deshalb, weil es sich dabei um Duftnoten handelt, die sofort erkennbar und leicht zu identifizieren sind. „Nicht jeder weiß, wonach C14-Aldehyd und Labdanum riechen, doch den Duft von Karamell, Erdbeermilch oder Datteln kann sich jeder vorstellen“, fasst Arnaud Guggenbuhl zusammen. Hinzu kommt, dass viele junge Leute mittlerweile auf TikTok davon erzählen, dass sie Parfüms dazu „nutzen“, ihre Stimmung und ihre Emotionen zu steuern – so wie man es früher mit Kuchen oder Nutella getan hat.Im digitalen Zeitalter, in dem Markenprodukte vor allem durch Bilder auf Social Media kommuniziert werden, verfügen Parfüms dieser Art über eine starke visuelle Identität und können mit Farb- und Struktureffekten spielen. 2025 erzielte der Hashtag #MilkPerfume auf diese Weise 13,7 Millionen Views auf TikTok. Und die Suchanfragen nach #DessertFragrances stiegen 2024 um 90 Prozent.Dieser Artikel erschien zuerst im französischen „Le Figaro“, wie WELT Mitglied der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA). Aus dem Französischen übersetzt von Bettina Schneider.