Der Co-Vorsitzende der AfD will ein Mann der einfachen Leute sein und sieht sich als Gegenfigur zu den Eliten in Berlin. Ein Besuch in seiner Heimat in der Oberlausitz zeigt, warum ihm das viele Wähler abnehmen.Tino Chrupalla sitzt an einem Tisch im AfD-Bürgerbüro in Weisswasser, der linke Fuss liegt auf dem rechten Knie. Plötzlich zuckt er zusammen. «Wieder eine Zecke, das gibt’s doch gar nicht», sagt er, greift sich ans Bein und schnippt das Tierchen auf den Tisch. Gerade erst habe ihm sein Arzt einen dieser Blutsauger entfernen müssen. Es knirscht, als er die Zecke auf dem Tisch mit seinem Autoschlüssel zerquetscht. Dann wischt er angewidert die Überreste auf den Boden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist ein Dienstagvormittag Mitte Juni, vor der Tür rauscht der Verkehr auf der Strasse nach Bad Muskau, einem Grenzort zu Polen. Chrupalla, seit mehr als sechs Jahren Co-Vorsitzender der AfD, sitzt unter einem Plakat mit seinem Konterfei und der Aufschrift «Der Friedensstifter». Er wirkt entspannt. «Ich bin in der Heimat», sagt er gutgelaunt.Der Satz sagt viel über den 51-Jährigen. Er ist ein Mann, von dem viele in der AfD lange meinten, dass er nicht das Zeug zum Parteichef habe. Doch als Chrupalla im Jahr 2019 neben Jörg Meuthen Bundesvorsitzender wurde, lag die Partei in Umfragen bei 13 bis 15 Prozent. Heute rangiert sie bei 27 bis 29 Prozent.Chrupallas Mitarbeiterin stellt Kaffee auf den Tisch. Er nimmt einen Schluck. «Da hast du es aber gut gemeint», sagt er zu ihr. Der Kaffee ist stark. Also, Stichwort Heimat: Ja, sagt Chrupalla, wenn er morgens hier eine Runde mit dem Hund drehe, fühle er sich frei. Brötchen kaufen beim Bäcker um die Ecke ohne Personenschutz, das gehe nur noch hier, in seiner Heimat.Der Grenzübergang zwischen Deutschland und Polen in Bad Muskau.Tino Chrupalla, porträtiert in seinem Auto auf der Fahrt durch seine Geburtsstadt Weisswasser. Im Juli soll in einem österreichischen Verlag sein Buch «Handwerk – Meister – Politik» erscheinen.«Meine Familie ist tabu»Chrupalla wurde 1975 in Weisswasser geboren, der Vater aus Schlesien, die Mutter aus der Lausitz. Der Ort liegt an der Grenze von Sachsen und Brandenburg und war einst ein Zentrum der Glasindustrie und des Braunkohletagebaus. Seit dem Untergang der DDR hat Weisswasser gut 23 000 Einwohner verloren. Heute sind es noch 15 000, die meisten von ihnen ältere Menschen.Chrupalla wohnt mit seiner Familie in Gablenz, einem Dorf in der Nähe. Wenn die Sprache darauf kommt, wird er kurz energisch: «Meine Familie ist tabu.» Er halte sie strikt aus seinem politischen Amt heraus.So schmallippig Chrupalla bei Privatem bleibt, so wortgewaltig wird er, wenn es gegen «das politische Establishment in Berlin» geht. Er fühle sich gut, sagt er, wenn er die Stadt wieder verlassen könne. Als Mann, der sein Geld jahrelang «mit ehrlicher Arbeit» verdient habe, widere ihn das Geschehen dort geradezu an. «Das politische Berlin ist eine Theaterbühne und hat seine eigene Realität», sagt er.Der Bundestag sei kein Debattenraum, sondern lediglich der Ort, an dem alle ihre «vorgefertigte Meinung» kundtäten, eine Inszenierung für Medien und Wähler. Die meisten Politiker hätten gar kein Interesse, von den eigenen Positionen abzurücken, um «gemeinsame Lösungen für alle Bürger zu finden».Die Kritik am politischen Betrieb gehört zu den Sätzen, die an diesem Sommertag in der Oberlausitz an der sächsisch-brandenburgischen Grenze immer wieder fallen. Dann unterbricht Chrupallas Mitarbeiterin das Gespräch. Sie legt einen Stapel Zollstöcke auf den Tisch. Chrupalla nimmt einen Edding und setzt seine Unterschrift darauf. «Fanpost» von Handwerker zu Handwerker, sagt er und legt einen nach dem anderen auf die Seite.Das AfD-Bürgerbüro in Weisswasser. Chrupalla hat in seinem Wahlkreis Görlitz seit 2017 immer das Direktmandat für den Bundestag gewonnen.Die Grenzbrücke in Bad Muskau führt über die Neisse. Chrupalla fährt regelmässig auf die polnische Seite, weil der Sprit dort günstiger ist.Er pflegt das Bild des HandwerkersDas Bild des Handwerkers pflegt Chrupalla bis heute. Dabei arbeitet er nicht mehr als Malermeister. Seine Firma hat er vor gut sechs Jahren verkauft, um sich ganz auf die Politik zu konzentrieren. Er ist längst einer von denen, von denen er sich rhetorisch abgrenzt. Für ihn scheint das kein Widerspruch zu sein. «Wir machen ja gerade nicht viel falsch, sondern sehr viel richtig, wie man bei Umfragen und bei den Wahlen sehen kann», sagt er.Er will jetzt seine Heimat zeigen, nimmt den Autoschlüssel und fährt mit einem Volkswagen voraus. Es geht aus Weisswasser hinaus, ein paar Kilometer über Strassen, die an Feldern und Wäldern entlangführen. Sein Auto beschleunigt rasant. Dann biegt er auf einen Parkplatz ein. Als er aussteigt, fragt ihn ein Mann, ob er ihm seinen Parkschein geben könne. Der sei noch gültig.Chrupalla überquert die Strasse und läuft in den Kromlauer Park. Die Anlage liegt auf dem Gebiet seines Wohnorts und ist eine bekannte Film- und Fotokulisse. In ihrer Mitte wölbt sich die Rakotzbrücke über den gleichnamigen See. Ihr halbkreisförmiger Bogen bildet zusammen mit der Spiegelung im Wasser einen nahezu perfekten Kreis.Zwischen Rhododendren und alten Bäumen dauert es nicht lange, bis Chrupalla auf ein Thema zu sprechen kommt, das ihn nach eigener Darstellung seit Jahren begleitet. Es geht um die tatsächliche oder empfundene Geringschätzung durch jene, die er die westdeutschen Eliten nennt.Der Marktplatz von Weisswasser, einer Stadt, die heute noch 15 000 Einwohner hat. Zu DDR-Zeiten waren es noch 38 000.Die Rakotzbrücke im Rhododendron-Park Kromlau (auch Teufelsbrücke genannt) ist ein beliebtes Foto- und Filmmotiv.Eine Demütigung durch Hubertus HeilIm Januar sass er mit dem Sozialdemokraten und ehemaligen Minister Hubertus Heil in der ARD-Sendung «Maischberger». Beide diskutierten hitzig über den Krieg in der Ukraine. Heil hatte gefordert, es dürfe keinen «Gewaltfrieden», sondern nur einen «gerechten Frieden» geben. Chrupalla hatte darauf erwidert: «Gerechter Frieden, das ist doch eine Metapher.» Heil entgegnete: «Sie können das Wort Metapher ja nicht mal definieren.»Das war eine Demütigung. Doch einen grösseren Gefallen hätte einer der bekanntesten SPD-Politiker dem Vorsitzenden der AfD kaum tun können. Chrupalla, der Anti-Eliten-Mann mit Realschulabschluss und Meistertitel, wird von einem Vertreter der Elite vor laufender Kamera beleidigt. «Leute wie Hubertus Heil denken, dass sie schlauer sind, nur weil sie studiert haben», sagt Chrupalla. Doch er «hat nicht mich beleidigt, sondern die Menschen, die so sind wie ich. Ein solches Verhalten spaltet die Gesellschaft.»Szenen wie diese passen zu dem Bild, das Chrupalla von sich selbst zeichnet: der Mann mit Realschulabschluss gegen die akademische politische Elite. Der Ostdeutsche gegen den Westen. Der Handwerker gegen die Berufspolitiker. Es ist eine Erzählung, mit der die AfD seit Jahren erfolgreich ist.Chrupalla steht jetzt auf einer Treppe am Ufer des Sees. Parkbesucher kommen hinab, machen Fotos von der Rakotzbrücke, von sich selbst und heimlich auch von ihm. Eine Frau tritt auf ihn zu. «Machen Sie bitte weiter so, wir drücken die Daumen für die Wahlen», sagt sie. Chrupalla bedankt sich und steigt die Stufen hinauf. Es werden immer mehr Menschen. «Lassen Sie uns weitergehen», sagt er.Tino Chrupalla in seinem Bürgerbüro in Weisswasser.Szene am Grenzübergang zwischen Deutschland und Polen in Bad Muskau.Chrupalla meidet inzwischen grössere AnsammlungenDas Gedränge auf der Treppe am Seeufer scheint ihm unangenehm zu sein. Seitdem er auf einer Veranstaltung in Ingolstadt im Oktober 2023 mutmasslich mit einer Nadel attackiert wurde, meidet er grössere Ansammlungen. Früher sei er gern auf Konzerte gegangen, sagt er. Phil Collins, Bruce Springsteen, Rod Stewart, Depeche Mode, Modern Talking, das sei seine Jugendmusik gewesen. Heute seien Massen wie bei Konzerten nichts mehr für ihn.Vermutlich hat das auch damit zu tun, dass Chrupalla einer der bekanntesten und meistangefeindeten Politiker Deutschlands ist. Ausserhalb seiner Heimat könne er sich nur mit Personenschützern bewegen, alle öffentlichen Termine müssten dem Bundeskriminalamt mitgeteilt werden, sagt er. Ungestört essen gehen in Berlin, das sei «im Prinzip unmöglich».Auf dem Rückweg zum Auto kommt die Rede auf Björn Höcke, den Landeschef der AfD in Thüringen. Vor ein paar Jahren nannte Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein «Denkmal der Schande» und ergänzte: «Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.» Als der Name fällt, schnaubt Chrupalla genervt. Höcke-Fragen, sagt er, gehörten inzwischen zum festen Repertoire vieler Journalisten. Das sei ermüdend. «Bitte befragen Sie doch Herrn Höcke auch einmal selbst.»Eine Reaktion, die menschlich verständlich sein mag, aber nichts daran ändert, dass er sich von Höcke nie öffentlich abgegrenzt hat. Dabei vertritt Höcke bis heute Positionen, die selbst für AfD-Verhältnisse radikal sind.Zum Porträt mit der NZZ habe er sich erst nach langem Überlegen entschieden, sagt Chrupalla. Jedes Interview weniger lasse ihn ruhiger leben, gesünder schlafen und freier atmen. Ohne Medienpräsenz gehe es ihm besser, auch wenn sie dazugehöre. Am liebsten gehe er noch in die Talkshow von Markus Lanz. Der sei zwar hartnäckig, aber fair.Bei «Maischberger» kommt er sich wie ein Paria vorBei der Talkshow von Sandra Maischberger etwa sei das anders. Als er das letzte Mal in der Sendung gewesen sei, habe man ihn vorher von den anderen Gästen separiert, «als ob ich ein Paria» wäre. «Ist es das wert? Will ich da noch einmal hingehen?», habe er sich anschliessend gefragt. Eine Antwort gibt er nicht.Der WDR, der die Verantwortung für die Sendung «Maischberger» trägt, weist die Darstellung Chrupallas zurück. Eine Sprecherin teilte mit, Chrupalla sei «wie jeder andere Gast behandelt» worden. Jeder Gast habe eine Einzelgarderobe, um sich vorzubereiten und sich zurückziehen zu können.Chrupalla fährt seinen Volkswagen vom Parkplatz und nimmt den Weg nach Bad Muskau. Er wolle das Neue Schloss und den Pückler-Park zeigen, sagt er. Die Anlage gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Bei der Renovierung des Schlosses habe er sich damals «dumm und albern» verdient. Auf der anderen Seite der Grenze liegt das polnische Leknica Er fahre dort immer zum Tanken hin, sagt Chrupalla. Dort sei es billiger.Dann biegt er auf den Parkplatz des Pückler-Parks ein. Von dort führt der Weg durch eine weite Anlage mit Ställen und Wohngebäuden, Bäumen, Rasen, Blumen und Teichen. In seiner Kindheit, sagt Chrupalla, sei er mit seinen Eltern oft hier gewesen. Manche der vorbeiziehenden Besucher sprechen Englisch oder Polnisch, der Park ist ein Touristenmagnet.Aufnahme aus dem Büro von Tino Chrupalla in Weisswasser. Die «Weltwoche» sei eines seiner Lieblingsmagazine.Chrupalla vor dem Neuen Schloss im Fürst-Pückler-Park.Als die Rede auf Russland kommt, ändert sich sein TonVieles trägt Chrupalla an diesem Tag ruhig und fast beiläufig vor. Doch als die Rede auf Russland und den Krieg in der Ukraine kommt, verändert sich der Ton. Die Bundesregierung sei inzwischen Kriegspartei, meint er. Mit ihrer Unterstützung sorge sie dafür, dass der Krieg weitergehe. Der Kampf der Ukraine sei zwar legitim, aber sie trage eine Mitverantwortung für den Krieg. Als Beleg dafür führt er ein angebliches Massaker der Ukrainer im Donbass 2014 an.Allerdings gab es 2014 kein historisch belegtes ukrainisches Massaker im Donbass. Stattdessen nutzte das Kreml-Regime Ereignisse wie die Brandkatastrophe von Odessa im Frühjahr 2014, um der Ukraine einen «Genozid» an der russischen Bevölkerung vorzuwerfen. An der Aufklärung der Katastrophe durch die ukrainischen Behörden gibt es allerdings bis heute international Kritik.Es ist nicht so, dass Chrupalla kein Mitgefühl für die Menschen hat, die im Krieg in der Ukraine täglich sterben. Er redet dabei aber vor allem von den Soldaten – auf beiden Seiten. Das Sterben müsse so schnell wie möglich aufhören, sagt er. Es sei «Quatsch», dass Putin nicht mit den Europäern reden wolle. Sie würden es gar nicht erst versuchen.Deutschland als Kriegspartei, die Mitverantwortung der Ukraine – es sind Positionen wie diese, die Kritiker immer wieder als Kreml-Narrative bezeichnen. Chrupalla sieht sich dagegen als Vertreter jener Ostdeutschen, die aus ihrer Geschichte andere Schlüsse gezogen hätten als viele Westdeutsche.Er bezeichnet sich als «Friedensstifter» und hält die Sanktionen gegen Russland für «Irrsinn», weil sie Jobs und Wohlstand kosteten. «Die Alternative für Deutschland ist die erste gesamtdeutsche Partei. Wir möchten verbinden und nicht spalten», sagt er. Der «westdeutsch Geneigte» aber freue sich, «dass er mit Russland wieder einen Feind hat».Er beschwört den Gegensatz zwischen Ost und WestDoch der Politiker, der so oft den Gegensatz zwischen Ost und West beschwört, führt längst eine Partei, deren Schwerpunkt sich verändert hat. Die AfD hat inzwischen mehr Mitglieder im Westen als im Osten. Anfang Juli hält die AfD in Erfurt ihren Bundesparteitag ab. Chrupalla tritt dort im Tandem mit Alice Weidel erneut für die Parteiführung an.Immer wieder schaut er auf sein Handy, tippt ein paar Mal darauf herum. So kurz vor einem Parteitag sei es immer etwas unruhig, sagt er. Aber er erwarte keine Überraschungen, so wie etwa 2015 in Essen. Damals verlor der wirtschaftsliberale Parteigründer Bernd Lucke in einer Kampfabstimmung die Macht, und die AfD radikalisierte sich.Chrupalla steckt das Handy wieder ein und geht weiter. Wenig später lichtet sich der Wald. Das Neue Schloss thront auf einem Hügel, himbeerrot mit weissen Türmen, Giebeln, Schmuckvasen. Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt, stand es jahrzehntelang als Ruine in der DDR. Nach der Wende wurde es wieder aufgebaut. Es bietet einen bezaubernden Anblick.«Ich wollte Ihnen sagen, dass Sie das gut und richtig machen»Vor dem Schloss steht eine blaue Brücke. Als Chrupalla dort für die Fotografin posiert, tritt ein Mann mit Basecap und Poloshirt auf ihn zu. Er sei Polizist in Berlin, sagt er, und habe täglich mit Kriminellen zu tun, die man am nächsten Tag wieder laufen lassen müsse.«Ich möchte Ihnen sagen, dass Sie das richtig und gut machen», äussert er. «Ja, denke ich auch», erwidert Chrupalla. Er lächelt kurz. Dann kehrt er um und geht zurück zu seinem Wagen.Tino Chrupalla auf der blauen Brücke im Fürst-Pückler-Park von Bad Muskau.Passend zum Artikel
Tino Chrupalla: Der Malermeister, der kein Berufspolitiker sein will
Der Co-Vorsitzende der AfD will ein Mann der einfachen Leute sein und sieht sich als Gegenfigur zu den Eliten in Berlin. Ein Besuch in seiner Heimat in der Oberlausitz zeigt, warum ihm das viele Wähler abnehmen.













