Stuttgart. Der Aufsichtsratsvorsitzende von Mercedes-Benz, Martin Brudermüller, sieht die deutsche Wirtschaft am Kipppunkt – und fordert von der Bundesregierung tiefgreifende Reformen.„Das historisch bewährte Geschäftsmodell Deutschlands funktioniert so nicht mehr und kann unseren Wohlstand auf Dauer nicht mehr halten“, sagte der frühere BASF-Chef im Interview mit dem Handelsblatt. Er beobachte eine sich beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.„Die Reformresistenz in Deutschland macht mir große Sorgen“, sagte Brudermüller. „Wir sind als Land genau an dem Punkt, wo sich ein Unternehmen in Schieflage aus eigener Kraft knallhart restrukturieren und neu ausrichten würde.“ Deutschland müsse sich jetzt neu erfinden und das volkswirtschaftliche Betriebssystem fundamental überarbeiten, „auch wenn das wehtun wird“.Im großen Interview spricht Brudermüller auch über den Aufstieg der AfD, den europäischen Wettstreit mit China, über seine Rolle als branchenfremder Chefaufseher des Dax-Konzerns – und die Strategieschwenks von Mercedes-Chef Ola Källenius.Lesen Sie hier das Interview mit Martin BrudermüllerHerr Brudermüller, Mercedes-Benz wird dieses Jahr 140 Jahre alt – in einer Zeit, in der Konzern und Industrie in der Krise sind. Würden Carl Benz und Gottlieb Daimler heute noch mal in Deutschland gründen?Dass Mercedes-Benz seit 140 Jahren ganz oben mitspielt, ist eine beeindruckende Leistung. Heute würden sich die beiden vielleicht Asien oder auch die USA aussuchen. Früher waren die Vorteile in Deutschland gegenüber anderen Standorten definitiv überzeugender. Wir haben hier noch immer unheimlich viel Erfahrung und viele tolle Leute. Das Potenzial auf Unternehmensebene ist noch groß, aber leider stimmen die Rahmenbedingungen nicht mehr.Wie blicken Sie aktuell auf Deutschland?Die Situation in Deutschland ist viel ernster, als die meisten denken. Wir erleben seit Jahren eine sich beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit unseres Heimatlandes. Unsere industrielle Basis verliert international an Gewicht, auf breiter Front Marktanteile und leider auch häufig die technologische Führung. Ein wichtiger Grund dafür ist eine von der industriellen Realität zunehmend entrückte Regulierungsphilosophie in Europa, von der die Industrienation Deutschland massiv betroffen ist.Mercedes-Produktion in Bremen: Der Standort Deutschland steht unter Druck. Foto: Sina Schuldt/dpaDie Politik schaut tatenlos zu?Das Dramatische ist: Das historisch bewährte Geschäftsmodell Deutschlands funktioniert so nicht mehr und kann unseren Wohlstand auf Dauer nicht mehr erhalten. Doch die Mehrzahl der Bürger und die Politik halten die Luft an und warten hoffend, dass es irgendwie wiederkommt.Sind wir zu bequem geworden?Deutschland hat über lange Zeit eine einmalige Friedens-, Innovations- und Wachstumsdividende eingefahren – und die bequem nach vorne extrapoliert. Man hat den Bürgern nie den Spiegel vorgehalten und gesagt: Es ist kein Naturgesetz, dass Deutschland immer ganz oben steht. Die Politik hat es sich vielfach zu einfach gemacht und parteipolitische Ideologien priorisiert, statt den Standort an neuen globalen Realitäten auszurichten. Bei der Infrastruktur oder der Digitalisierung etwa haben wir über Dekaden nicht viel gemacht.Und Sie haben keine Hoffnung, dass sich das ändert?Die Reformresistenz in Deutschland macht mir große Sorgen. Wir sind als Land genau an dem Punkt, wo sich ein Unternehmen in Schieflage aus eigener Kraft knallhart restrukturieren und neu ausrichten würde. Genauso muss Deutschland sich jetzt neu erfinden und das volkswirtschaftliche Betriebssystem fundamental überarbeiten – auch wenn das wehtun wird. In unserem mittlerweile hochkomplexen gesellschaftlichen System sind sehr viele Menschen in Prozessen involviert, aber kaum einer übernimmt tatsächlich Verantwortung. Wenn wir den Mut haben, das zu ändern, wird sich auch wieder mehr bewegen.Wird dann auch die Wirtschaft wieder wachsen?In den vergangenen Jahren gab es nur noch einen dominierenden Wachstumstreiber: Staatsausgaben. Die Staatsquote liegt inzwischen bei fast 50 Prozent, während private Investitionen rückläufig sind. Zugespitzt gesagt: Deutschland ist auf dem Weg in eine Planwirtschaft – und das wird nicht klappen. Ich bin fest überzeugt, dass die große Ernüchterung kommen wird, wenn die Weltwirtschaft anzieht und wir feststellen, dass das Wachstum weitgehend an Deutschland vorbeigeht.In Reden deutscher Politiker klingt das optimistischer.Natürlich werden überall Sonntagsreden gehalten, dann muss man ja auch nichts ändern! Ich habe Zweifel, dass die besten Zeiten noch vor uns liegen, wenn wir so weitermachen.Lassen Sie uns auf die Bundespolitik schauen. Wie bewerten Sie Schwarz-Rot?In aller Ehrlichkeit: Ich habe mir nach der großen Ankündigungswelle am Anfang von Schwarz-Rot mehr versprochen. Ich vermisse bei der Bundesregierung noch immer einen strategischen Plan für Deutschland und ein klares Zukunftsbild, wo wir in zehn bis 15 Jahren sein wollen. Es gibt keinen Mut, große Veränderungen anzustoßen. Es wird zwar über die richtigen Themen gesprochen, aber es gibt unendlich viele Diskussionen – und am Ende einen Minimalkonsens, der niemandem wehtut.Konjunktur Unternehmen investieren „sehr verhalten“: Deutschland gerät immer tiefer in die Krise Wie bewerten Sie die Diskussionen über Krankenkassenreform, Bafög oder die gescheiterte Entlastungsprämie?Ich sehe bisher leider keinen großen Wurf. Mit der Anpassung der Beitragsbemessungsgrenzen bei der Gesundheitsreform werden wieder die Leistungsträger getroffen. Eine Bafög-Reform wäre sinnvoll angelegtes Geld, um junge Menschen gut auszubilden, die wir in der Zukunft brauchen. Bei der Entlastungsprämie bin ich sprachlos: Da wollte man den Unternehmen tief in die Tasche greifen, obwohl sich deren Wettbewerbsfähigkeit durch die höheren Energiekosten bereits deutlich verschlechtert hat.Finanzminister Klingbeil (SPD), Kanzler Merz (CDU): Brudermüller ist mit der Arbeit von Schwarz-Rot unzufrieden. Foto: Michael Kappeler/dpaDas ist eine drastische Analyse. Aber: Sind wir Deutschen nicht besonders gut im Meckern?Es ist einfacher zu sagen: Wir haben kein Problem. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Optimist bin. Aber wenn man das Problem nicht beim Namen nennt, bekommt man auch keine Lösung.Werden Sie gern konstruktiv. Welche zwei Reformen würden Sie als Erstes angehen?Aus den Schulden, die wir ohnehin machen, würde ich einen großen Teil nehmen und in die kapitalbasierte Rente stecken. Man sollte die Kapitalerträge daraus zunächst ins heutige System einspeisen. Der Vorteil: Irgendwann stirbt der, der eingezahlt hat, aber der Kapitalstock bleibt stehen. Nach ein, zwei Generationen sind Sie dann in einer kapitalbasierten Rente. So würden wir wenigstens mal ein Jahrhundertproblem konsequent angehen.Und das zweite Thema?Bei der Infrastruktur müssen wir einen großen Plan entwickeln. Es bringt uns nicht vorwärts, jedes Straßenloch zu reparieren. Stattdessen sollten wir vorrangig einige wirklich wichtige Themen wie Energienetze angehen. Die Netzgebühren sind mittlerweile höher als die Kosten der Stromproduktion. Das belastet die Wettbewerbsfähigkeit massiv.Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verzeichnet niedrige Zustimmungswerte, dabei hatte gerade die Wirtschaft viel von ihm erwartet. Sind Sie vom Bundeskanzler enttäuscht?Was er im Wahlkampf gesagt hat, würde er tun, wenn die Union die alleinige Mehrheit hätte. Die hat sie aber nicht, also gibt es ein zähes Ringen um Kompromisse.Das heißt, die SPD ist das Problem?Ich glaube schon, dass die SPD derzeit vor allem ihrer DNA der Umverteilung folgt und Themen angeht, bei denen man sagen muss: Das ist doch gar nicht das, was Arbeiter oder die viel zitierten ‚ganz normalen Leute‘ heute bewegt. Viele dieser Leistungsträger unseres Landes ärgert beispielsweise, dass sich die SPD nicht für die Missbrauchsbekämpfung von Sozial- und Transferleistungen starkmacht. Schauen Sie doch auf die Wahlergebnisse: Knapp über der Fünfprozenthürde in einigen Bundesländern, das hat mit Volkspartei nicht mehr viel zu tun.Auch die Union hat deutlich verloren. Ist es nicht die Aufgabe des Kanzlers, die Regierung zur Räson zu bringen?Friedrich Merz kann nicht bei jedem Thema seine Richtlinienkompetenz ziehen. Das wäre der Koalition auch nicht dienlich. Wir können uns nicht leisten, dass diese Regierung nicht bis zum Ende durchhält. Vita Martin Brudermüller Martin Brudermüller wird 1961 in Stuttgart geboren. Er studiert Chemie und beginnt seine berufliche Laufbahn 1988 bei BASF. 2006 steigt er in den Vorstand des Chemiekonzerns auf, ist dort unter anderem für die Region Asien-Pazifik verantwortlich. Zwischen 2018 und 2024 ist Brudermüller Vorstandsvorsitzender von BASF. Er treibt in dieser Zeit etwa Investitionen in China voran.Parallel zu seiner Tätigkeit bei BASF wird Brudermüller 2021 Aufsichtsratsmitglied bei Mercedes-Benz. Kurz nachdem er bei BASF ausgeschieden ist, wird er im April 2024 zum Aufsichtsratsvorsitzenden des Autobauers gewählt. Brudermüller sitzt außerdem in den Aufsichtsräten der Beratungsfirma Accenture sowie des Familienunternehmens Bitzer.Merz schlägt vor, dass die Deutschen länger arbeiten müssen. Wie bewerten Sie das?Wir müssen darüber reden, wie wir in Deutschland zu wettbewerbsfähigeren Arbeitskosten kommen. Arbeit ist bei uns im internationalen Vergleich zu teuer geworden. Einen Produktivitätsvorteil gegenüber wichtigen Wettbewerbern haben wir nicht mehr.Was schlagen Sie vor?Es gibt zwei Stellschrauben. Entweder Sie kürzen die Gehälter oder es wird länger gearbeitet für das gleiche Gehalt. Das Erste ist in der Praxis nicht zumutbar. Wie wollen Sie einkommensschwachen Familien mit Kindern erklären, dass sie 20 Prozent weniger bekommen? Es ist aber in unserer schwierigen Situation absolut zumutbar, wieder länger zu arbeiten. Wir sollten ernsthaft die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche angehen.So etwas soll derzeit bei Mercedes diskutiert werden. Wie stehen Sie denn zu einer längeren Lebensarbeitszeit?Wenn die Menschen heute glücklicherweise älter werden, dann sagt der wirtschaftliche Verstand, dass unser System ohne längere Arbeitszeit in sich nicht finanzierbar ist. Länger zu arbeiten, leistet einen Beitrag, im hohen Alter gesund und aktiv zu bleiben. Arbeit gibt den Menschen außerdem Struktur, Teilhabe und Sinn im Leben.Mercedes-Mitarbeiterin montiert den Stern: Brudermüller fordert die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Foto: Sina Schuldt/dpaErklären Sie es Ihren Beschäftigten am Band. Oder Handwerkern, die körperlich schwere Arbeit verrichten. Da kann man ja durchaus differenzieren: Jemand, der im Büro sitzt, kann wirklich länger arbeiten. Natürlich sollte man mit 70 Jahren kein Dach mehr decken. Aber man kann sich überlegen, im Alter noch einmal etwas anderes zu machen.Sind der Bevölkerung so unbequeme Entscheidungen zu vermitteln?Wenn man zehn Jahre älter wird, aber nicht entsprechend länger einzahlt, reicht die Rente eben nicht mehr so lange. Das ist doch ganz einfache Mathematik, und die versteht man, wenn man will. Ich glaube, man muss den Menschen ehrlich und verständlich erklären, worum es geht, was die Fakten sind und wie die Konsequenzen verschiedener Optionen sind. Hätte die Politik ein überzeugendes Zukunftsbild für unser Land, dann könnte es gelingen, eine Mehrheit auch von unangenehmen Maßnahmen zu überzeugen.Autobauer „Osteuropa ist in allen Dimensionen attraktiver“ – Auch Premium-Autohersteller verlagern die Produktion Müssen nicht auch die Unternehmen mehr tun, um den Standort zu retten? Wie andere auch streicht Mercedes hierzulande Stellen und baut Produktion etwa in Polen und Ungarn auf.Das ist einfach gesagt. Der direkte Kosten- und Leistungsvergleich mit anderen Ländern spricht oft eine klare Sprache. Es ist vollkommen selbstverständlich, dass wir unsere Werke und Beschäftigung in Deutschland gerne erhalten wollen. Aber wir brauchen dafür Rahmenbedingungen, mit denen wir wettbewerbsfähig sein können – und das ist immer schwieriger. Wir müssen in Deutschland die höheren Kosten wettmachen. Und leider haben andere Länder bei der Produktivität aufgeholt. In Deutschland sind wir eben nicht dreimal produktiver als in Ungarn.AfD-Chefin Weidel: Brudermüller sorgt sich wegen des Aufstiegs der Partei. Foto: IMAGO/Bernd ElmenthalerVon all den Problemen profitiert die AfD. Die Partei ist in Umfragen stärkste Kraft. Stellen Sie sich darauf ein, dass die AfD bald Teil der Regierung ist?Die Verschiebung in der Wählergunst macht mir große Sorgen. Vor allem, dass sich viele Industriearbeiter der AfD zuwenden, ist eine Katastrophe. Die regierenden Parteien der vergangenen Legislaturen sollten sich fragen, wie weit entfernt von den Lebensrealitäten der Bürger sie Politik machen.Haben Sie ein Beispiel?Eines der wichtigsten Themen, die Industriebeschäftigte haben, ist die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes. Die Politik sorgt aber eben nicht überzeugend dafür, dass das auf breiter Front möglich ist. Die hart arbeitende Bevölkerung und die Leistungsträger haben vielmehr den Eindruck, dass sie bei den aktuellen politischen Reformen überall die Zeche zahlen müssen für noch mehr Umverteilung. Die Menschen haben davon die Nase voll. Die Fleißigen sind gleichzeitig die Dummen der Nation.Was muss sich ändern?Die etablierten Parteien müssen den Bürgern wieder besser zuhören, damit sich die Menschen von ihnen besser vertreten fühlen. Das ist ihre größte Chance. Die AfD hat keine Lösungen, die unserem Land helfen. Diese Partei muss entlarvt werden.Rechtspopulismus AfD-Boom und kein Ende – diese Grafiken erklären die Hintergründe Wie kann das gelingen? Als Teil einer Landesregierung?Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die AfD in Ostdeutschland bald in Regierungsverantwortung kommen könnte. Womöglich muss das in einem kleineren Bundesland sogar mal passieren, damit die Warnglocken bei den Menschen angehen. Mit so einer Erfahrung könnte man womöglich verhindern, dass noch Schlimmeres auf Bundesebene passiert.Ein Konkurrent, der unseren Wohlstand bedroht, ist China. Herr Brudermüller, Sie als ausgewiesener Chinakenner: Wie blicken Sie auf den Wettstreit zwischen China und Deutschland in der Autobranche?Der deutschen Automobilindustrie kann man sicherlich vorwerfen, dass sie spät mit der Elektromobilität begonnen hat. Aber mit den neuen Modellen muss sie sich nicht verstecken. In China gibt es mehr als 100 Automarken, oft staatlich gestützt. Über kurz oder lang wird es zu einer Konsolidierung kommen, und nur eine kleine Gruppe von Herstellern wird übrig bleiben und nachhaltig Geld verdienen. Wegen des harten Wettbewerbs daheim drücken chinesische Hersteller ihre Autos gerade mit aller Kraft nach Europa. Das sind Fahrzeuge, die westliche Autobauer auch in Europa immer mehr unter Druck setzen werden.Deutsche Autobauer entwickeln in China zunehmend auch für den Weltmarkt. Muss insgesamt mehr Zusammenarbeit zwischen Europa und China stattfinden?Die Kosten in China sind niedriger, die Auflagen geringer, die Entwicklungszeiten kürzer. Diese Vorteile müssen Unternehmen auch für sich nutzen. Die deutsche Wirtschaft kann es sich schon wegen der Marktgröße und der technologischen Position nicht leisten, nicht mit den Chinesen zu kooperieren. Natürlich gibt es einen intensiven Wettbewerb, aber es braucht auch wieder mehr Partnerschaften und Kooperationen mit China.Autoindustrie „Kommt trojanischem Pferd gleich“: Wie China-Marken Fabrikprobleme deutscher Autobauer ausnutzen Ist das angesichts der schwierigen geopolitischen Lage nicht gefährlich?Wir werden auf Dauer mit geopolitischen Konflikten leben müssen. Das internationale Regelwerk, das über Jahrzehnte gegolten hat, findet keine internationale Akzeptanz mehr. Aber keiner kommt am Ende ohne den Welthandel aus. Die Chinesen exportieren gerade so stark nach Europa, weil sie im Heimatmarkt viele Probleme haben. Das bietet ganz sicher Chancen für Kooperationen. Ich finde ganz grundsätzlich: Wenn es wechselseitige Abhängigkeiten gibt, wird vieles auch politisch einfacher, weil dann alle Beteiligten etwas zu gewinnen und zu verlieren haben.Mercedes hat nicht nur mit der Konkurrenz aus China zu kämpfen, sondern auch mit hausgemachten Problemen. Konzernchef Ola Källenius ist vor einigen Jahren mit seiner „Electric only“-Strategie vorgeprescht, nun will er bis weit in die 2030er auch Verbrenner anbieten. Erst rief er die Luxusstrategie aus, nun gibt es Premiumautos in allen Preisklassen. Wie erklärt Källenius Ihnen seine ständigen Strategieanpassungen?Ola Källenius ändert nicht ständig seine Strategien. Seine langfristige Strategie hat sich nicht geändert, aber selbstverständlich muss es immer wieder den Abgleich mit der Realität geben. Was mich wirklich beeindruckt hat: Als Gesellschaft und Politik vor einigen Jahren den Auftrag gegeben haben, beim Fahren elektrisch zu werden, hat kein anderer Auto-CEO diese Aufgabe so wahrgenommen wie Ola Källenius. Mercedes ist mit seinen Ressourcen voll auf Elektromobilität gegangen, während andere zaghaft waren und sich strategisch nicht festgelegt haben.Neue elektrische C-Klasse: Die neuen Modelle sollen die Wende für den Stuttgarter Autobauer bringen. Foto: Mercedes-Benz AGWie BMW, die schon vor Jahren auf Technologieoffenheit gesetzt haben.Dass man im Nachhinein dem Ambitioniertesten sagt, er habe mit seiner Strategie besonders falschgelegen, finde ich nicht fair. Der Vorstand hatte glasklare Ziele. Dann hat er mit der Unterstützung des Aufsichtsrats auf Marktrealitäten reagiert. Wenn Kunden länger als von vielen erwartet einen Verbrenner kaufen wollen, ist es eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, darauf zu reagieren. Eine taktische Maßnahme, um den weiteren Unternehmenserfolg sicherzustellen. Mercedes hat also nicht seine grundsätzliche Strategie, vollelektrisch werden zu wollen, geändert. Die Umsetzung wird nur länger dauern.Und beim Luxus?Wir können uns über das Wort Luxus jetzt endlos streiten. Richtig war und ist: Mercedes will insbesondere am oberen Ende des Marktes erfolgreich sein – bei den Kunden, die bereit sind, für ein besonders hochwertiges Fahrzeug mehr zu bezahlen. Mittelfristig wollen wir den Absatz der sogenannten Top-End-Modelle um 15 Prozent steigern. Wir wollen aber auch in Segmenten, in denen wir mehr mit Massenherstellern konkurrieren, ein Premiumangebot haben. Ich weiß nicht, ob es wirklich wichtig ist, das an einem Wort festzumachen. Unsere historisch größte Produktinitiative wird uns jedenfalls ermöglichen, das umzusetzen.Autobauer Mercedes stellt neue SUV-Modelle vor – und sendet Milliarden-Gruß an USA Wie definieren Sie Ihre Aufgabe als Aufsichtsratschef bei dieser Transformation?Das Wort besteht aus den Teilen Aufsicht und Rat. Natürlich muss nach Gesetz auch die Kontrolle sein. Ich habe ein moderneres Verständnis, vor allem Rat zu geben. Ich reise viel und bin in der Regel zweimal pro Woche in Stuttgart. Ich gehe in die Fachabteilungen, um Dinge besser zu verstehen, und diskutiere mit Ola Källenius und Kolleginnen und Kollegen auf allen Ebenen im Unternehmen. Ich verstehe mich vor allem als Sparringspartner des Vorstands.Ohne die Grenzen des Aufsichtsratschefs zu überschreiten?Nach 18 Jahren im Vorstand von BASF weiß ich, wo die rote Linie ist. Aber ich glaube, in der heutigen Zeit ist man auch dankbar, wenn man als CEO jemanden an seiner Seite hat, mit dem man Sachverhalte intensiv diskutieren kann. Gleichzeitig bin ich froh, dass wir mit Ola Källenius eine starke Persönlichkeit an der Spitze haben. Wenn das Umfeld stärker wird, wird auch unser CEO stärker. Genau das will man als Aufsichtsratsvorsitzender haben. Ola und ich pflegen eine enge, vertrauensvolle und sehr konstruktive Zusammenarbeit.Konzernchef Källenius (l.), Aufsichtsratschef Brudermüller: Regelmäßiger Austausch. Foto: Mercedes-Benz AGWie sinnvoll ist es, dass ein Manager aus der Chemiebranche Chefkontrolleur eines Autobauers ist?Es ist gut, dass ich kein klassischer „Car-Guy“ bin, auch wenn ich schon immer autoaffin war. Die gleichen Fragen zu stellen wie alle, die im Unternehmen groß geworden sind, bringt kaum Mehrwert. Ich kenne mich aus meiner BASF-Zeit mit China, mit Regulierung, mit großen Industriestandorten in Deutschland und vielen anderen Dingen aus. Als Chemiker verstehe ich auch die Batterietechnologie. Ich bin daher sicher, dass ich Mehrwert und vor allem eine andere Perspektive einbringe, die den Lösungsraum breiter macht.Sollten Aufsichtsratschefs denn grundsätzlich aus einer anderen Branche kommen?Das wird sicher einige meiner Aufsichtsratskollegen verärgern, aber meine Erfahrung zeigt: Es sollte die große Ausnahme sein, dass ein CEO im gleichen Unternehmen Aufsichtsratsvorsitzender wird. Ich bin überzeugt, dass eine bestimmte Distanz und Blickwinkelveränderung genau richtig sind und die Expertise aus einer anderen Branche dem Unternehmen guttut.Wie Mercedes forcieren gerade viele Unternehmen ihr Rüstungsgeschäft. Ist Rüstung die Rettung der deutschen Industrie?Die Rettung sicherlich nicht, aber Rüstung bietet jetzt eine große Chance für die Volkswirtschaft. Wir wären kurzsichtig, wenn wir damit verbundene Chancen für Wachstum und technologischen Fortschritt nicht nutzen würden. Es ist ein bisschen wie bei der Transformation vom Verbrenner zur Elektromobilität: Auch in der Rüstung entwickeln sich völlig neue Technologien. Durch europäische und nationale Partnerschaften unter Einbeziehung von Start-ups können unsere etablierten Industrieunternehmen Innovationen hervorbringen. Richtig orchestriert kann Rüstung dringend notwendiges Wachstum erzeugen.G-Klasse bei der Bundeswehr: Mercedes rüstet etwa das deutsche Militär aus. Foto: Bundeswehr/Christoph KassetteSind Rüstungsaktivitäten für zivile Unternehmen wie Mercedes nicht verwerflich?Wenn es um Sicherheit und Verteidigung geht, sehe ich das überhaupt nicht. Unsere Landesverteidigung ist ehrenhaft und unsere Bürgerpflicht. Deutschland war bei Rüstungsthemen über Jahrzehnte Trittbrettfahrer und hat sich auf die Fähigkeiten von Partnern verlassen. Die deutsche Industrie hat alle Kenntnisse, die unser Land in engster Einbindung Europas braucht, um Deutschland und Europa verteidigungsfähig zu machen.In zehn Jahren wird Mercedes 150 Jahre alt. Ist Mercedes dann noch ein Konzern von Weltrang oder nur noch eine Regionalmarke?Mercedes-Benz wird auch in Zukunft ganz oben mitspielen. Wir werden auch 2036 tolle Autos auf die Straße bringen. Die aktuell herausfordernden Zeiten drängen einen in die Chance, viele Dinge ganz anders zu machen. Die Ideen gehen uns nicht aus. Verwandte Themen DeutschlandChinaOla KälleniusAfDEuropaSPDUnd ist Deutschland in zehn Jahren noch Weltspitze?Das hängt davon ab, was in den nächsten zwei, drei Jahren passiert. Die Politik muss die Rahmenbedingungen radikal und nachhaltig verbessern. Je besser das gelingt, desto größer wird jedenfalls der Fußabdruck von Mercedes in Deutschland noch sein.Wollen Sie uns zum Schluss nicht doch noch etwas Optimismus mitgeben?Ich glaube, wenn wir die Dinge beim Namen nennen und einen überzeugenden Plan definieren und umsetzen, bekommt Deutschland noch die Kurve. Aber arg viel Zeit haben wir nicht mehr. Aufgeben würde ich unser Land jedenfalls nie.Herr Brudermüller, vielen Dank für das Interview.
Mercedes: Martin Brudermüller will die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche
Mit eindringlichen Worten warnt der Mercedes-Aufsichtsratschef im Interview vor der Reformresistenz Deutschlands – und macht konkrete Vorschläge, wie der Aufschwung gelingen könnte.








