AnalyseDer Trend zu effizienteren Triebwerken treibt die Nachfrage an. An der Börse geriet das über Problemen mit einem Triebwerktyp in Vergessenheit. Doch der Dax-Konzern steigert den Gewinn längst wieder kräftig und ist günstig.Manche Unternehmen haben alles, was Value-Anleger wünschen. MTU Aero Engines (MTU) ist ein Beispiel dafür. Der Triebwerkspezialist hat eine so starke Marktposition wie wenige andere Gesellschaften und profitiert von mehreren Wachstumstrends. Ist die Aktie damit ein Kauf?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf Sicht von sechs und zwölf Monaten liegt der Kurs im Minus. Der Krieg am Persischen Golf hat den Flugverkehr belastet, die Preise für Flugbenzin erhöht und zeitweilig sogar Sorgen um eine Unterversorgung mit Kerosin ausgelöst. Doch die Einigung der USA mit Iran weckt nun die Hoffnung, dass diese Probleme weitgehend der Vergangenheit angehören.Langfristig rechnen beispielsweise die Experten des Beratungshauses Bain & Company mit einer Rückkehr zum alten Wachstumskurs. Für 2026 kalkuliert der Luftfahrtverband IATA mit einem Passagierplus von 4,9%, gemessen an den global verkauften Sitzkilometern (RPK).Ausserdem verlangt der Gesetzgeber, dass Lärm- und Kohlendioxidemissionen (CO2) gesenkt werden. Der weltweit verbindliche CO₂‑Standard der ICAO (International Civil Aviation Organization) schreibt vor, dass neue Flugzeuge effizienter sein müssen als ihre Vorgänger. Im März wurden die Regeln verschärft. Auch wirtschaftliches Kalkül zwingt Fluglinien, auf effizientere Flugzeuge zu setzen. Immerhin machen die Ausgaben für Kerosin gut ein Viertel der Gesamtkosten aus.Zwei Säulen für eine machtvolle MarktpositionTriebwerke sind äusserst komplizierte Produkte aus Tausenden komplexer Teile. Dazu kommt die aufwendige Zulassung durch die Aufsichtsbehörden. MTU umgibt also ein Burggraben, der vor starker Konkurrenz schützt.Das Geschäft ruht auf zwei Säulen. Die eine besteht aus der Entwicklung und der Produktion von Triebwerkkomponenten (Original Equipment Manufacturing, OEM). Ein Beispiel dafür sind Niederdruckturbinen. Sie sitzen im hinteren Teil eines modernen Turbofan‑Triebwerks und treiben den sogenannten Fan an, der wiederum für den Schub sorgt. Ihr Einsatz erhöht die Effizienz.MTU-Produkte finden auch beim Militär Anwendung. Das Unternehmen liefert zum Beispiel Bauteile für das Triebwerk des Kampfjets Eurofighter. Gemessen am Umsatz ist das Gewicht dieses Sektors gering.Das Wartungsgeschäft (Maintenance, Repair & Overhaul, MRO) bildet die zweite Säule. MTU ist nach eigenen Angaben der grösste unabhängige Anbieter. Mehr als 70% des Umsatzes entfallen auf den stabilen Servicebereich.Weil MTU mit diesem Zweiklang sowohl in die Herstellung der Triebwerke als auch in die Wartung eingebunden ist, hat sie Einsichten, die andere nicht ohne weiteres haben, heisst es in einer Analyse des Hedge Fund Kerrisdale Capital, der mit gut 20% seiner Assets in MTU investiert ist und dies am 14. April publik gemacht hat. Das Know-how stärkt die Marktposition weiter.Die Börse hat VorbehalteAn der Börse hinkte das Unternehmen der Konkurrenz wie Safran oder Rolls-Royce hinterher.MTU Aero Engines, Safran und Rolls-RoyceDie schwache Kursentwicklung trotz des Wachstums führt zu einer tiefen Bewertung von MTU. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 18 liegt weit unter dem Durchschnittswert der vergangenen zehn Jahre (21). Das KGV des französischen Wettbewerbers Safran ist dagegen auf 33 gestiegen, obwohl beide Unternehmen bis 2023 meist ähnlich bewertet waren. Dieses Gefälle ist ein Kernpunkt der Investmentstory von Kerrisdale Capital. Es handle sich um «eine vorübergehende Divergenz zweier strukturell ähnlicher Unternehmen», argumentieren die Fondsmanager in ihrer Studie zu MTU.Das gleiche Bild zeigt ein umfassenderer Konkurrenzvergleich. Ähnlich niedrig bewertet ist nur Melrose Industries, die ebenfalls Bauteile für Triebwerke fertigt. Allerdings hat sie kaum eigenes Wartungsgeschäft und fertigt auch Bauteile für Flugzeugzellen.MTU gilt Anlegern als Leidtragender eines ProduktionsfehlersViele Investoren sind noch verschreckt durch die Probleme mit dem Triebwerkmodell GTF von Pratt & Whitney, für das MTU Bauteile liefert. Der Erstflug des GTF-Triebwerks liegt schon zehn Jahre zurück; es soll den Verbrauch um bis zu 20% senken. Doch seit 2023 wird wegen Fehlbeschichtungen ein Grossteil der gemeinsam entwickelten GTF-Triebwerke überprüft. Die von MTU gelieferten Kernkomponenten waren nicht betroffen, doch muss das Unternehmen gemäss seinem Programmanteil von 18% für die Kosten aufkommen. Mehr noch: Der Rückruf blockiert Wartungskapazitäten.Allerdings verdient MTU durchaus auch an der Krise, wie The Market bereits im Oktober 2024 geschrieben hat. Mit Pratt & Whitney hat der Dax-Konzern zusätzliche Wartungsaufträge ausgehandelt, um dem Partner auszuhelfen. Darüber hinaus profitiert er davon, dass das ältere Triebwerkmodell V2500 als Alternative zum GTF länger genutzt wird und daher auch länger gewartet werden muss.Aus Anlegersicht stellt sich die Frage, ob die GTF-Krise beendet ist und die niedrige Bewertung damit einen guten Einstiegszeitpunkt bietet.Umsatz ist wieder auf WachstumskursDer Umsatz hat sich seit der Stagnation von 2023 längst erholt. Die von Bloomberg erfassten Analysten rechnen für 2026 und 2027 mit einer Fortsetzung dieses Trends.Die nur leichte Delle von 2023 ist dadurch zu erklären, dass die GTF-bedingten Werkstattbesuche sich eben auch im Umsatz niederschlugen. Seitdem zieht das Geschäft stetig an. Die aufgelaufenen Bestellungen, die in der Summe bei 31,6 Mrd. € liegen, unterstreichen diesen Trend. Allein für das Wartungsgeschäft wurden im ersten Quartal Verträge im Wert von 878 Mio. $ eingesammelt.Der Gewinn auf Stufe Ebitda zog von 2024 (1,4 Mrd. €) auf 2025 (1,8 Mrd.) deutlich an.Am Free Cashflow (FCF) ging die Entwicklung nicht spurlos vorüber. Von 2023 auf 2024 fiel die Grösse von 352 auf 183 Mio. €. 2025 übertraf MTU mit 378 Mio. € jedoch bereits das Vorkrisenniveau. Dämpfend wirken Investitionen in den Ausbau der US-Niederlassung Fort Worth zum vollständigen Instandhaltungsstandort (MRO‑Shop). Dort können nach Fertigstellung im Jahr 2030 zum Beispiel auch die Triebwerkmodelle Leap und GEnx des Konkurrenten GE Aerospace und seiner Partner Safran und Rolls-Royce umfassend gewartet werden. Die kurzfristige Belastung für den Free Cashflow sollte nicht überbewertet werden, sagt Jens-Peter Rieck, Analyst bei mwb Research: «Wir erwarten, dass diese Effekte im nächsten Jahr zurückgehen.» Laut Fondsmanager Georg von Wallwitz, Mitgründer des Vermögensverwalters Eyb & Wallwitz, handelt es sich um typische Entwicklungskosten: «Wenn das Werk läuft, fallen die Kosten weg.» Dies rechtfertige keinen Bewertungsabschlag.Die Profitabilität, gemessen an der Ebitda-Marge, lag im Krisenjahr 2023 bei 1,9%. Seitdem hat sie sich erholt: 2025 waren es 19,2%.Die gleiche Entwicklung zeigt die Rentabilität. Die Rendite auf das investierte Kapital (ROIC) wuchs von –2,2% (2023) auf 13,6% (2025).«Die Kennzahlen wie Free Cashflow, ROIC und Ebitda-Marge gehen in die richtige Richtung», sagt Vera Diehl, Fondsmanagerin von Union Investment. Viele Anleger zweifeln aber offenbar noch an der Nachhaltigkeit der positiven Entwicklung bei MTU.Aus Fragezeichen können Ausrufezeichen werdenDie Arbeit des Managements trägt Früchte. Dabei ist CEO Johannes Bussmann erst seit September 2025 im Amt. Katja Garcia Vila ist seit Juli 2025 CFO, Ottmar Pfänder seit Januar 2026 Programmvorstand. Auch COO Silke Maurer ist erst seit Februar 2023 im Vorstand. Für die Neubesetzung verantwortlich ist MTU-Chefkontrolleur Gordon Riske, zuvor viele Jahre Chef des Gabelstaplerherstellers Kion. Dem vorigen Vorstand um CEO Lars Wagner hatte The Market viel Sachkompetenz zugeschrieben und war für den Wachwechsel skepisch. Fraglos ging damit viel Branchenkompetenz verloren: COO Maurer arbeitete zuvor beim Autozulieferer Webasto. Immerhin: CEO Bussmann hat 23 Jahre Erfahrung in der Luftfahrtbranche und war 2015 bis 2022 Chef von Lufthansa Technik, der Wartungstochter der Airline.Das neue Führungsteam hat einige Geschäftsprozesse verbessert, sagen Beobachter. «Das damalige Management war seinerzeit nach der GTF-Meldung nicht schnell sprachfähig», sagt Fondsmanagerin Diehl, die vom neuen Management nur CFO Garcia kennt. Die wichtigen Ansprechpartner für Grossanleger in der Investor-Relations-Abteilung seien nun «sehr schnell». Als «konsequent» bezeichnet Kerrisdale Capital das Management.Tatsächlich arbeitet das neue Team das GTF-Problem systematisch ab. Das Unternehmen selbst teilte bei der Zahlenvorlage im April mit, man sei voll auf Kurs. Das sehen auch einige Investoren so. Mit zunehmender Reife des Programms, so von Wallwitz, dürfte sich auch die Marge im Wartungsgeschäft mit den GTF-Triebwerken normalisieren. Reparaturmethoden würden standardisiert, Ersatzteilketten optimiert und Durchlaufzeiten verkürzt. «Es gibt keinen strukturellen Grund, warum die Wartungskosten dauerhaft höher bleiben sollten.»Die Analysten von UBS befürchten indes, dass eine Wende im Wartungszyklus zum Problem werden könnte: Ziehen die Kerosinpreise an, könnte die Zahl der Flugstunden sinken, was wiederum weniger Wartungsumsatz bedeuten würde. Allerdings müssen Triebwerke überholt werden. Dies kann verschoben, nicht aber ausgelassen werden.Die UBS-Analysten weisen auch darauf hin, dass 2025 fast ein Viertel der Turbinen mit MTU-Technik als Ersatzgeräte verkauft wurde, ein doppelt so hoher Anteil wie im langjährigen Durchschnitt. Sie erwarten eine Normalisierung. MTU-Finanzchefin Katja Garcia Vila dagegen sagte kürzlich, dass Turbinen heutzutage stärker beansprucht würden als zuvor, was die stärkere Nachfrage nach Ersatztriebwerken begründe. «Fluglinien benötigen Ersatztriebwerke als Puffer, um zuverlässig arbeiten zu können», notiert Kerrisdale Capital. Der Fonds erwartet auch eine gewisse Normalisierung, aber über einen langen Zeitraum und abgefedert durch die Tatsache, dass die Zahl der in Betrieb befindlichen Flugzeuge wächst.An der Börse scheint die optimistischere Argumentation seit Mitte Mai zu verfangen: Der Kurs ist vom Zwischentief bei 265 auf mehr als 335 € geklettert, ein Anstieg von mehr als einem Viertel.Optimismus zeigt auch die MTU-Chefetage: COO Silke Maurer hat im Mai Aktien für 48’950 € gekauft und im April für 57’720 €. Der neue Programmvorstand Ottmar Pfänder griff im April für 101’290 € zu.«Eine Topfirma», urteilt Union-Investment-Fondsmanagerin Diehl. Für wertorientierte Anleger sei die Aktie interessant.MTU profitiert dank der guten Marktposition von einem dauerhaften Trend zu saubereren Flugzeugen. Sie ist auch im gefragten Rüstungssegment und nun im Wachstumsmarkt für Drohnen aktiv. Darüber hinaus ist die Aktie günstig bewertet. Dieser Abschlag überkompensiert auch Risiken wie zum Beispiel neue Probleme mit den GTF-Triebwerken oder stark steigende Energiepreise, die Flugzeugneubestellungen bremsen könnten. Das Management arbeitet die Herausforderungen glaubhaft und ohne grosse Geräusche ab. Der grosse Bewertungsabschlag zum Rivalen Safran ist daher nicht gerechtfertigt. MTU ist als profitabler Wachstumswert für langfristig orientierte Anleger geeignet.