Bei den organisierten Fußballfans habe ich es nicht weit gebracht. Als älteres Kind war ich einmal Fahnenwächter im F-Block des Böllenfalltorstadions. Kutten-Kalli hatte mich und ein paar Freunde dazu ernannt, er ist eine Legende unter den Fans des SV Darmstadt 98. Seine Kernaufgabe bestand darin, ab und zu „Wir sind die Heiner“ zu brüllen, woraufhin der ganze Block antwortete: „Uns schlägt keiner!“Es war also eine ernste Sache, als uns Kutten-Kalli zu Fahnenwächtern ernannte. Wir sollten während des Spiels ganz vorne am Zaun stehenbleiben und die Fahnen bewachen. Warum, erklärte er uns nicht. Viele Jahre später war ich bei einem Derby bei Eintracht Frankfurt im Stadion, als die Frankfurter Fans plötzlich geklaute Darmstadt-Fahnen falschherum an ihren Zaun hängten und anzündeten.Gewalt liegt im Stadion oft in der LuftIch glaube nicht, dass Kutten-Kalli darauf setzte, dass wir seine Fahnen gegen die Frankfurter Ultras hätten verteidigen können. Vielleicht wollte er uns nur auf Abstand bringen zu den harten Jungs oben im Block, zwischen denen wir sonst herumwuselten. Es waren andere Zeiten, ich erinnere mich noch gut an den Schlachtruf: „Hängt sie auf, die schwarze Sau!“ Ich hoffe, dass es nur um den Schiedsrichter ging, beschwören kann ich es nicht.Mittlerweile schaffe ich es nur noch selten ins Stadion. Als ich vor einer Weile einmal wieder da war, beschimpfte hinter uns ein Mann ständig einen ausländischen Gegenspieler. Wir schimpften über den Mann, woraufhin er uns als Lastenradfahrer beleidigte. Das war dann wieder ganz lustig. Beim folgenden Heimspiel wurde dem Mann von anderen Fans deutlicher beigebracht, dass Rassisten in diesem Block nicht mehr geduldet werden.Irgendetwas muss sich ja ändern. Gewalt liegt in Stadien oft in der Luft. Als ich noch Fahnenwächter war, schlug mir ein gleichaltriger Fan im Vorbeigehen mit voller Wucht die Faust in den Magen. Es gab keinen Anlass, und er ging weiter, als wäre nichts passiert. Manchmal sehe ich ihn heute noch im Stadion. Wir grüßen uns.Spielverlauf? Keine Ahnung!Trotz allem Ärger liebe ich es, ins Darmstädter Stadion zu gehen. Überall sind alte Freunde, es gibt schon mittags Bier, aber kaum Handynetz, und man erzählt sich, was gerade so los ist im eigenen Leben. Läuft es gut, freut man sich zwischendurch mal über ein Tor. Wenn nicht, ist es auch egal. Werde ich danach etwas über den Spielverlauf gefragt, das über das Ergebnis hinausgeht, bin ich verloren. Ich kann mir keine Spielernamen merken, keine Spielzüge; Viererkette, Fünferkette – keine Ahnung.Dabei würde ich mich gerne für das Spiel interessieren. Ich beneide Menschen, deren Leben durch Spielpläne Struktur findet, die stundenlang über Fußball fachsimpeln können. Dass es sinnlos wäre, dass 22 Männer einem Ball hinterherrennen, ist dummes Geschwätz, der Rest des Lebens ist mindestens genauso sinnlos. Aber wenn ich mich alleine vor einen Fernseher setze, um 90 Minuten Fußball zu schauen, kann ich die Langeweile kaum ertragen, außer ich gerate zufällig in ein Jahrhundertspiel. Am Böllenfalltor kommt das eher selten vor.Das langweiligste Spiel, das ich je gesehen habeDer Kontrast zwischen Langeweile und Leidenschaft wurde vielleicht nie so deutlich wie beim Pokalfinale zwischen Bayer Leverkusen und dem1. FC Kaiserslautern 2024. Mein Opa hat sein Leben lang vom FCK vergangener Jahrzehnte erzählt, Fritz Walter, Hans-Peter Briegel, wenig hat ihn in seinem Leben mehr beeindruckt. Er selbst war ein guter Fußballspieler, spielte hochklassig, laut der Familienlegende erkannte ihn an der Ostfront ein Arzt, stellte eine Phantasie-Diagnose und schickte ihn nach Hause, weil er Fußballfan war. Vielleicht gäbe es mich sonst gar nicht.Das Pokalfinale 2024 war für viele Pfälzer jedenfalls ein seltener Höhepunkt, alte Väter brachen mit ihren erwachsenen Söhnen zu einer letzten Reise auf. Zehntausende zogen durch Berlin, sangen, präsentierten eine Wahnsinns-Choreographie, dann wurde das Spiel angepfiffen – und es war der langweiligste Kick, den ich je gesehen habe. Die Pfälzer Fans zündeten irgendwann ihre Feuerwerkskörper, passiert war nichts. Am Ende verlor Lautern. Für viele Väter und Söhne aus der Pfalz war es wahrscheinlich trotzdem der Ausflug ihres Lebens.Mein Vater war Fußballreporter, bei uns lief samstags immer die „Sportschau“. Schalte ich heute die „Sportschau“ an, fühlt sich das an, als käme ich nach Hause. Comfort Binge nennt man es, wenn man alte Serien immer wieder schaut, weil man sich wohlfühlt in dieser bekannten Welt. So ist es bei mir mit dem Fußball. Manchmal lese ich ein Buch und lasse im Hintergrund Fußball laufen. Ich kann keine Spiele von 1997 nacherzählen, nicht einmal von vergangener Woche, ich habe einfach kein Fußball-Gehirn. Aber ich habe unendlich viele Erinnerungen im Kopf, die mit Fußball zu tun haben.Zum Beispiel, wie wir einmal aus Versehen am Rande eines Walds in Darmstadt einer Horde gewaltbereiter Gästefans begegneten, die glücklicherweise hinter einer Reihe Polizisten standen. Einer der Fans rief uns den unsterblichen Satz zu: „Geht mal pumpen, ihr Fotzen.“ Gegen welche Mannschaft Darmstadt an dem Tag gespielt hat? Wie das Spiel ausging? Keine Ahnung. Aber ich werde nie vergessen, wie wir lachend weiterzogen.In der Kolumne „Eder für sich“ schreibt Sebastian Eder einmal im Monat über das, was er in Darmstadt und der Welt erlebt.
Ohne Fußball-Gehirn: Warum ich trotzdem ins Stadion gehe
Unser Autor liebt es, ins Stadion zu gehen. Die „Sportschau“ erweckt in ihm ein Gefühl von Heimat. Trotzdem kann er sich beim besten Willen nichts im Fußball merken, das über das Ergebnis hinausgeht. Eine Kolumne.
Eder ist treuer Darmstadt-98-Fan ohne Fußball-Fachkompetenz: Er merkt sich nicht Spielernamen, Taktiken oder Resultate, sondern nur emotionale Bindungen und Stadion-Gemeinschaft. Für Tech-Manager ist das eine Lektion über Teamkohäsion – menschliche Verbindung überwiegt oft rationale Expertise.








