Giorgia Meloni und Donald Trump streiten sich öffentlich – das Tuch zwischen den beiden ist zerschnittenItaliens Regierungschefin und der amerikanische Präsident liefern sich über die sozialen Netzwerke einen beispiellosen Schlagabtausch. Nun mahnt Meloni zur Ruhe. Italien ist auf die USA angewiesen.21.06.2026, 14.35 Uhr4 LeseminutenNach Zerrüttung sah es zunächst noch nicht aus: Donald Trump mit Giorgia Meloni und Emmanuel Macron am Randes des G-7-Gipfels in Evian.YOAN VALAT / EPADer Auslöser der Kontroverse zwischen Washington und Rom ist eine Nichtigkeit, ja eine Absurdität: Nach dem G-7-Gipfel in Évian hat Trump am Freitag einem italienischen Privatsender ein kurzes Telefoninterview gegeben und sich darin über Giorgia Meloni beschwert. Diese habe bei dem Gipfeltreffen am Genfersee regelrecht um ein gemeinsames Foto mit ihm gebettelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Frei erfunden», konterte Meloni nur Stunden später auf X. «Ich bin fassungslos», sagte sie in einem Videobeitrag, der noch am Rande des EU-Gipfels in Brüssel aufgezeichnet wurde. Sie wisse nicht, warum Trump sich so verhalte. «Es ist bedauerlich, dass er gegenüber den Feinden des Westens nicht dieselbe Entschlossenheit an den Tag legt. Er sollte bedenken, dass Italien und ich niemals um etwas betteln.»Solidarität mit MeloniKaum war das Video publiziert, entwickelte sich in Italien eine bemerkenswerte Welle der Solidarität. Der Staatspräsident Sergio Mattarella stellte sich ebenso deutlich an die Seite der Regierungschefin wie die Vertreter der Opposition. Und Aussenminister Antonio Tajani sagte einen für das Wochenende geplanten Besuch bei seinem Amtskollegen Marco Rubio in Miami kurzerhand ab.Doch als man schon geglaubt hatte, der Konflikt habe damit seinen Höhepunkt bereits erreicht, doppelte Donald Trump nach. Am Samstag äusserte er auf seinem Netzwerk Truth Social erneut schwere Vorwürfe an Meloni und Italien. «In Italien sieht es schlecht aus mit ihrer Beliebtheit, vielleicht, weil sie den USA – einem Land, das Italien wirklich liebt und beschützt – eine Absage erteilt hat, als es darum ging, Iran daran zu hindern, eine Atomwaffe zu erwerben oder zu entwickeln.»Trump erinnerte damit an die Weigerung Italiens, den Stützpunkt Sigonella in Sizilien für Jets der amerikanischen Luftwaffe zur Verfügung zu stellen, die sich auf dem Weg in den Iran befanden. «Und nun, da die USA Iran besiegt haben, wollen sie wieder Freunde sein, um ihre Umfragewerte zu steigern», heisst es in dem Post.Lange an der Seite TrumpsAbermals liess Meloni die Anschuldigungen nicht auf sich sitzen und replizierte in englischer Sprache auf die ihrer Ansicht nach «sinnlosen» Angriffe. Ihrer Popularität habe es nicht geholfen, eine Freundin von Trump zu sein.Es gehe ihr darum, die nationalen Interessen Italiens zu verteidigen – was sie auch getan habe, als es um die Nutzung amerikanischer Militärstützpunkte gegangen sei. Dafür gebe es entsprechende Abkommen, die Italien stets eingehalten habe und die nicht verletzt werden dürften. Italien bleibe eine souveräne Nation, schloss Meloni. Ihre Beliebtheit gehe Trump im Übrigen nichts an. Sie schlage vor, dass er sich auf seine eigene konzentriere.Damit war fürs Erste Schluss mit dem Schlagabtausch, und Rom rätselt nun darüber, wie nachhaltig die bilateralen Beziehungen mit den USA beschädigt sind.Meloni hatte sich lange demonstrativ an die Seite der Administration in Washington gestellt und versucht, Brücken des Verständnisses über den Atlantik zu schlagen. Ausserdem bemühte sie sich um ein gutes persönliches Einvernehmen mit einzelnen Exponenten der Regierung von Donald Trump. Der Präsident selbst und sein Vize J. D. Vance haben je ein Vorwort zu den englischsprachigen Ausgaben von Melonis autobiografischen Büchern verfasst. «Wenn Sie die weltweite konservative Revolution verstehen wollen, lesen Sie dieses Buch», schrieb Trump in seinem Beitrag.Es scheint, dass es um das gegenseitige Verständnis nun nicht mehr zum Besten bestellt ist. Seit Trump von der Annexion Grönlands redete und den amerikanischen Papst Leo XIV. wegen dessen ablehnender Haltung zum Iran-Krieg kritisierte, ist Giorgia Meloni auf Distanz zu Trump gegangen. Die Nähe zum Weissen Haus hat ihrem Ansehen in Italien zuletzt geschadet. Unter anderem wird das Nein der Italiener zur grossen Justizreform als direkte Folge ihres bis dahin als zu freundlich beurteilten Kurses gegenüber Trump interpretiert.Amerikaner lieben italienische ProdukteWie die Medien am Sonntag berichteten, hat die Regierungschefin nun intern zur Ruhe aufgerufen. Der offene Streit mit Trump mag ihr kurzfristig nützen und ihre Popularitätswerte steigern. Doch Italien bleibt auf die USA angewiesen, militärisch wie wirtschaftlich.Der «Corriere della Sera» hat just in seiner Sonntagsausgabe statistisches Material publiziert, aus dem ersichtlich wird, wie wichtig die USA als Exportmarkt für Italien sind. Italien hat 2025 Güter und Dienstleistungen im Wert von über 78 Milliarden Dollar in die USA ausgeführt. Und im letzten Trimester 2025 haben die italienischen Exporte nach den USA gar diejenigen Japans überholt.Man kann daher davon ausgehen, dass Meloni über kurz oder lang versuchen wird, sich mit der Administration in Washington zu arrangieren. Vorderhand spielt die Regierung in Rom aber auf Zeit. Laut «Repubblica» hat sie die Arbeiten am Parlamentsbeschluss zu Hormuz erst einmal gebremst.Italien hat kürzlich zugesagt, im Rahmen einer internationalen Mission Minenräumschiffe zur Verfügung zustellen, um die Meerenge für die zivile Schifffahrt öffnen zu können. Ein entsprechender Beschluss des Parlaments hätte in den ersten Juli-Tagen gefällt werden sollen. Nun lautet die Devise: «Aspettiamo» – warten wir erst einmal ab.Passend zum Artikel
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