Eine Weltmeisterschaft ohne Italien – ein Italien ohne Weltmeisterschaft. Schmerz und Schmach über die verpasste Qualifikation sitzen noch immer tief, gerade in den ersten Turniertagen. Keine Trikolore an den Balkonen, keine magischen Nächte, keine gemeinsamen Fußballabende im Trikot der Azzurri, keine Jubelgesänge und Autokorsos, keine spektakulären Fotos italienischer Fußballprofis, die lässig mit Sonnenbrille aus dem Flugzeug steigen, keine endlosen Diskussionen über die Mannschaftsaufstellung, keine Nervosität. Stattdessen: Stille.F.A.Z.Und das nun schon zum dritten Mal in Folge. Ausgerechnet in diesem fußballverliebten Land werden Jugendliche zu Erwachsenen werden, ohne den Geschmack eines Sommers gekostet zu haben, in dem sie mit der Fußballnationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft mitfieberten. Das Blau der Azzurri ist verblasst, die tifosi sitzen frustriert und enttäuscht auf den Sofas und verfolgen vor dem Fernseher das Turnier, an dem Italien zuletzt 2014 in Brasilien teilnahm.Jedes Spiel der Gruppenphase wird in den sozialen Medien seziert. Ein Tribunal der Empörung und des Gemeckers hat sich vor den Tastaturen zusammengefunden, und immer wieder kommt zwischen den Zeilen der verzweifelte Gedanke auf: Italien hätte sich nicht schlechter geschlagen als diese Mannschaften auf dem Platz.Portugal wäre ein gutes emotionales VentilDas alles wird sich legen. Spätestens dann, wenn die Italiener sich entschieden haben, wohin ihre Leidenschaft geht, wen sie bei dieser Weltmeisterschaft anfeuern wollen. Dafür gilt es zunächst zu klären, ob man sich von Zuneigung leiten lässt oder auf Provokation aus ist. Deutschland? Vollkommen ausgeschlossen, auch weil es mit einem fünften Titel an Italien vorbeiziehen würde. England oder Frankreich? Das wäre Verrat an der eigenen Fußballgeschichte, und das Tragen der Trikots auf der Straße könnte für einen Italiener in Handgreiflichkeiten münden.Aus ästhetischen Gründen, und die sollte man in Italien keinesfalls unterschätzen, wäre Curaçao ein Kandidat, denn das pastellgelbe Ausweichtrikot mit den Adidas-Streifen in Orange, Türkis und Magenta ist mit Abstand das schönste des Turniers. Die portugiesische Nationalelf scheint dagegen als emotionales Ventil geeignet. Ihr folgt, wer intensive Gefühle erleben möchte. Überall Talente, extrem hohe Erwartungen, ständiger Druck – und Ronaldo. Die Mannschaft scheint immer kurz davor zu stehen, entweder großartig zu werden oder alles zu vermasseln.Naheliegend und die einfachste Lösung wäre es, eine Mannschaft mit einem italienischen Nationaltrainer anzufeuern. Das ist zwar nicht ganz dasselbe, als würde man die Azzurri auf dem Platz erleben, aber es kann helfen, um sich vom Schicksal weniger im Stich gelassen zu fühlen.Infrage kämen Brasilien, die Türkei und Usbekistan. Brasilien mit Trainer Carlo Ancelotti böte klare Vorteile. Ancelotti ist in Italien sehr beliebt. Es heißt, er führe den Fußball zu seiner innersten Wahrheit zurück: der eines Spiels, das man manchmal verliert, manchmal gewinnt. Ohne Drama, ohne Theatralik. Das klingt in den Ohren vieler Italiener sehr vernünftig, was aber noch nicht bedeutet, dass das Volk der Oper sich diesen Vorsatz auch selbst zu eigen machen würde. Als Brasiliens Neymar Jr. in Tränen ausbrach, weil er trotz seines Alters noch einmal für eine Weltmeisterschaft nominiert wurde, empfanden viele Italiener das als so anrührend, dass sie ihre Herzen an die brasilianische Elf verloren.Ganz gleich, hinter wem die Italiener am Ende stehen werden: Sie werden eine Geschichte finden, die so gut ist, dass sie sich für eine Party begeistern können, zu der sie selbst nicht eingeladen sind.In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.
Zum dritten Mal nicht dabei: Wie schaut man die WM in Italien?
Italien hat es noch längst nicht verkraftet, sich zum dritten Mal in Folge nicht für die WM qualifiziert zu haben. Wenn das fußballverliebte Land nicht für seine Azzurri jubeln kann – hinter wem steht es dann?






