André Ribeiro lehnt vorsichtig einen Lavabrocken an den Fuß eines Rebstocks. Zum Schutz. Das Pflänzchen sieht jämmerlich aus, keine zehn Zentimeter ragt der Stamm aus der Erde. Drei münzkleine Blätter hängen traurig herab. Es ist noch früh im Jahr, und schon kämpft der Rebstock ums Überleben. „Schau, wie schwer es junge Triebe hier bei uns haben“, sagt er. „Der raue Wind der Azoren, die Sonne, die salzige Gischt.“ Auf den ersten Blick ist die Insel nicht gerade prädestiniert für den Weinbau. Der zentrale Vulkankegel Picos ragt 1400 Kilometer von Portugal entfernt, mitten im Atlantik mehr als 2300 Meter hoch aus dem Meer. Salzige Luft, heftige Wetterschwankungen – kein guter Ort für Vitis vinifera.Und tatsächlich kann man heute nur den Kopf schütteln darüber, dass Menschen im späten 15. oder 16. Jahrhundert auf die Idee kamen, auf dieser Insel Wein anzubauen. An den Hängen des recht jungen Vulkans gab es damals kaum Humus. Stattdessen waren sie von ʻAʻā-Lava, also scharfkantigen und porösen Brocken, und glatten Pāhoehoe-Lavaplatten bedeckt. Getreide oder Gemüse wuchs hier nicht.Erde von der Nachbarinsel FaialAuf Pico erzählt man sich, dass dann der Franziskanermönch Frei (Pedro) Gigante auf die Insel kam – damals expandierte die Seefahrernation. Der Mönch soll die ersten Reben im Gepäck gehabt haben, er pflanzte sie ins unwegsame Gelände: Setzlinge der Sorte Verdelho, die bereits auf Sizilien oder Madeira – so genau weiß das keiner mehr – gezeigt hatte, dass sie auf Vulkangestein gut gedeiht. Wenn schon kein Brot, mag Bruder Gigante gedacht haben, dann sollte der Insel wenigstens Wein abgerungen werden.Eine Windmühle im Weinbaugebiet Verdelho auf der Azoreninsel PicoPicture AllianceDas ging nicht ohne harte Arbeit. Die frühen Weinbauern mussten dazu erst einmal die Insel aufräumen. Lavabrocken für Lavabrocken schichteten sie zu brusthohen Mauern auf, kleine Weingärten für zwei, drei Reben. Sie hackten Löcher in die Lavaplatten und holten angeblich sogar Erde von der nahe gelegenen Nachbarinsel Faial, um den Setzlingen den Start ins neue Leben zu erleichtern. Sie hielten die Rebstöcke klein, damit der Wind sie nicht zerzauste und der von der Sonne gewärmte Lavastein die Trauben zuckersüß werden ließ. Über Kilometer und Kilometer reihen sich bis heute diese kleinen Steingärten aneinander. Currais, Gehege, werden sie bis heute genannt. Das System funktionierte so gut, dass im 18. Jahrhundert auf mehr als 12.000 Hektar dieser Insel, auf der sonst nichts wuchs, Trauben reiften. 2004 hat die UNESCO das, was heute von dieser Kulturlandschaft noch übrig ist (immerhin knapp 1000 Hektar), zum Weltkulturerbe ernannt.Eidechsen flitzen über die TrockenmauernAndré Ribeiro kraxelt über das lockere Gestein zwischen den Reben, zeigt auf einen besonders dicken Stamm. „Bestimmt mehr als 80 Jahre alt!“ Im Sommer, sagt er, seien die Currais mit Laub ausgefüllt. Manchmal sehe man vor lauter Blättern die Trauben nicht. Doch jetzt sprießt noch kaum ein Blatt. Immerhin flitzen Eidechsen über die Trockenmauern. Es ist Frühling, Zeit der Vorbereitung. Vorjahrestriebe werden geschnitten, von den brennenden Reisighaufen steigt Rauch auf. Unter die ersten Triebe, die über den Boden ranken, werden vorsichtig Lavabrocken geschichtet – damit die Trauben später nicht am Boden faulen.Plastiksäcke mit Dünger und Erde liegen auf den Steinmauern bereit. Männer sprühen Pestizide an jeden Weinstock. Ob hier irgendetwas bio ist? Ribeiro lacht. Weinbau auf Pico ist ohnehin enorm aufwendig. Die Inselweinbauern kämpfen jeden Tag gegen den Salznebel des Meeres, die sengende Hitze und den Azorenwind. Biologischer Anbau wäre hier viel zu teuer, sagt er. Außerdem will auf Pico niemand das Risiko eingehen, dass eine Krankheit die Reben dahinrafft.