PfadnavigationHomePolitikAuslandMississippi„Moralischer Zusammenbruch“ – US-Polizei erschießt EinjährigenStand: 05:52 UhrLesedauer: 4 MinutenKohen Wiley wurde erschossen, die genauen Umstände sind unklarQuelle: Veronica Roberson via APDie Polizei war wegen eines mutmaßlichen Ladendiebstahls von Windeln in der 8000-Einwohner-Stadt ausgerückt. Dann kam es zu den tödlichen Schüssen. Zu den Geschehnissen sind viele Fragen offen. Der Fall verschärft die Spannungen zwischen schwarzen Einwohnern und der Polizei.Zwischen der Polizei und der schwarzen Bevölkerung der US-Kleinstadt Senatobia schwelen seit langem Spannungen. Jetzt hat sich die Lage zugespitzt, nachdem Polizeibeamte einen einjährigen Jungen erschossen haben. Sie waren wegen der Meldung eines mutmaßlichen Ladendiebstahls von Windeln ausgerückt.Der Tod des kleinen Kohen Wiley führte in der 8000-Einwohner-Stadt im US-Bundesstaat Mississippi zu Protesten gegen die Polizei. „Wir messen Gegenständen in einem Regal mehr Wert bei als einem Kind“, erklärte Bernice King, die Tochter des Bürgerrechtlers Martin Luther King Jr., auf Instagram. „Das ist nicht nur schlechte Polizeiarbeit; es ist ein moralischer Zusammenbruch.“Zu den tödlichen Schüssen und den Geschehnissen zuvor sind noch viele Fragen offen. Der Polizei von Senatobia war am 14. Juni ein Ladendiebstahl in einer örtlichen Walmart-Filiale gemeldet worden. Beim Eintreffen der Beamten vor Ort verließen gerade zwei Frauen und ein Kind das Geschäft und fuhren mit einem Auto davon. Zum weiteren Ablauf erklärte die Polizei von Mississippi: „Die Beamten versuchten, das Fahrzeug anzuhalten, doch die Fahrerin fuhr auf die Beamten zu und hätte beinahe einen von ihnen erfasst. Ein Beamter gab Schüsse ab, woraufhin das Fahrzeug davonfuhr.“Mutter von getötetem Kind bestreitet Vorwürfe der PolizeiKohens Mutter Vellesiya Wiley sagte, ihr Sohn und ihre Freundin, die am Steuer gesessen habe, seien von Schüssen getroffen worden. Ihre Freundin sei nicht auf die Beamten zugefahren, sondern in die Gegenrichtung, sagte sie in einem Video, das der Bürgerrechtsanwalt Ben Crump in sozialen Medien veröffentlichte. Vellesiya Wiley bestritt zudem den Vorwurf des Ladendiebstahls.Der Strafrechtler Ian Adams von der University of South Carolina betont, dass die Polizei unabhängig von den Umständen nicht auf das Fahrzeug hätte schießen dürfen. Schüsse auf fahrende Autos sollten „um fast jeden Preis vermieden werden“, auch wegen weiterer Insassen, erklärt er.Rassismus-Vorwürfe werden lautKohen war schwarz, ebenso wie seine Mutter und deren Freundin. Der Fall weckte Erinnerungen an den Tod der ebenfalls schwarzen Ta’Kiya Young. Die schwangere Mutter von zwei kleinen Söhnen war 2023 in einem Vorort von Columbus in Ohio von der Polizei erschossen worden war – auch weil sie nach einem mutmaßlichen Ladendiebstahl mit ihrem Auto auf einen Beamten zugefahren sein soll. Der Polizist, der Young und ihre ungeborene Tochter erschoss, wurde freigesprochen.Lesen Sie auchDie Fälle reihen sich ein in eine lange Liste tödlicher Polizeigewalt gegen schwarze Menschen in den USA in Zusammenhang mit Bagatelldelikten. Dazu gehört auch der Tod von George Floyd im Jahr 2020. In seinem Fall war die Polizei einem Hinweis nachgegangen, Floyd habe in einem Lebensmittelladen in Minneapolis einen gefälschten 20-Dollar-Schein verwendet.Lesen Sie auchBürgerrechtler sprechen von systemischem Rassismus in den Strafverfolgungsbehörden. „Im Namen von ‚Recht und Ordnung‘ wurde ein Kind getötet und eine Familie zerrissen – wegen Gegenständen, die wieder aufgefüllt, abgeschrieben und ersetzt werden könnten“, erklärte King. Die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens müsse Ausgangspunkt jeder polizeilichen Handlung sein, und Polizisten müssten konsequent Rechenschaft für ihr Verhalten ablegen.Spannungen in SenatobiaMarquell Bridges von der Organisation „Building Bridges Coalition“, der der Familie Wiley zur Seite steht, verweist auf seit Jahren anhaltende Spannungen zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei von Senatobia. Erst im vergangenen Jahr sei eine Frau von einem Polizisten mit einem Taser bedroht, aus ihrem Auto gezogen und festgenommen worden. Auslöser sei ein Streit um einen Behindertenparkplatz auf dem Gelände derselben Walmart-Filiale gewesen, auf dem nun Kohen erschossen wurde.Zwei Jahre zuvor wurde ein Polizeibeamter aus Senatobia aus dem Dienst entlassen – wegen seiner Beteiligung an der Festnahme eines zehnjährigen schwarzen Jungen, der auf einem Parkplatz uriniert hatte. Der Bürgerrechtsanwalt Carlos Moore, der den Jungen vertreten hatte, sagte, bei der Polizei herrsche „eine Kultur, in der man über dem Gesetz steht – nur weil man eine Uniform trägt“. Von den rund 8300 Einwohnern der Stadt sind nach offiziellen Angaben etwa 40 Prozent Schwarze.Der Polizist, der auf Kohen schoss, sowie seine begleitende Kollegin wurden für die Dauer der Untersuchungen des Vorfalls vom Dienst suspendiert. Beide kündigten an, nach Abschluss der Ermittlungen ein Video von den Geschehnissen zu veröffentlichen.AP/saha