Die Menschen jubelten dem Präsidentenpaar zu, das langsam durch die Strassen fuhr. Auf einmal fiel ein Schuss, und John F. Kennedy griff sich mit beiden Händen an den HalsAm 22. November 1963 wurde der US-Präsident John F. Kennedy in Dallas, Texas, erschossen. Von einem Lagerarbeiter, der kurz nach der Tat festgenommen wurde. Aber ist das die ganze Wahrheit?Ronald D. Gerste21.06.2026, 05.30 Uhr14 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZImmer noch stehen die Menschen dicht gedrängt am Strassenrand, wie schon fast während der gesamten Fahrt entlang der Main Street von Dallas. Die Wagenkolonne biegt rechts in die Houston Street ein. Selbst auf dem zur Linken liegenden Dealey Plaza, einer Grünfläche, die das Ende des historischen Zentrums der texanischen Metropole markiert, stehen noch unerwartet viele Schaulustige, manche von ihnen mit Fotoapparaten und auch mit Schmalfilmkameras ausgerüstet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Jubel und die Beifallsbekundungen sind auch hier für die Insassen der offenen Wagen deutlich hörbar. Jetzt ist die eigentliche Tour durch die Stadt, bei der die Bevölkerung ihren Präsidenten und die First Lady aus nächster Nähe zu sehen bekommen soll, fast zu Ende; gleich wird es über einen Highway zum offiziellen Termin im Trade Mart, einem Handels- und Tagungszentrum, gehen.Als der zweite Wagen, der Lincoln mit den hohen Gästen, langsam die 120-Grad-Kurve in die Elm Street nimmt, dreht sich die in der Limousine sitzende Nellie Connally zum in die Menge winkenden Mann hinter ihr um. Die elektronische Uhr der Werbetafel eines Autovermieters auf dem Dach des texanischen Schulbuchlagers zur Rechten der Kolonne zeigt vor dem strahlend blauen Himmel dieses Novembertages genau 12 Uhr 30, als die Frau des Gouverneurs von Texas sagt: «Mr. President, Sie können nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt.»Es ist der vorletzte an ihn gerichtete Satz, den John Fitzgerald Kennedy in seinem Leben hört.Symbol des AufbruchsEintausend Tage dauert die Präsidentschaft des vielfach als «JFK» und in seiner Familie als «Jack» bezeichneten Kennedy. Es ist eine Zeit von Herausforderungen, Krisen und Konflikten, wie es sie in dieser Häufung nur selten in der jüngeren Geschichte gegeben hat. Vielen Menschen, vor allem jenen, die in diesem November 1963 jung sind, wird sie aber auch als eine Ära der Hoffnung, der Inspiration und eines oft atemberaubenden technologischen, gesellschaftlichen und politischen Fortschritts in Erinnerung bleiben. John F. Kennedy wird für eine ganze Generation zum Symbol dieser Aufbruchsstimmung.Als John F. Kennedy am 20. Januar 1961 seinen Amtseid ablegt und in seiner vielfach zitierten Antrittsrede seine Landsleute auffordert: «Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country», ist er mit 43 Jahren der jüngste je ins Amt gewählte Präsident. Hinter ihm liegen eine rasante politische Karriere und ein illustres Privatleben.Am 29. Mai 1917 als zweiter Sohn und eines von neun Kindern des Geschäftsmannes und Aufsteigers Patrick Kennedy und seiner Frau Rose in Brookline, damals einem Vorort von Boston, geboren, steht Jack in seiner Jugend im Schatten seines älteren Bruders, der nicht nur den Namen des Vaters trägt, sondern auf den dieser auch seine Ambitionen überträgt: Joe junior soll der erste katholische und irischstämmige Präsident der USA werden.Doch Joe kommt im Zweiten Weltkrieg um. Statt seiner beginnt John F. Kennedy seinen Aufstieg, sowohl als erfolgreicher Buchautor als auch als «Kriegsheld» im Pazifik: Ein von ihm kommandiertes Torpedoboot wurde 1943 durch Kollision mit einem japanischen Zerstörer in dunkler Nacht in zwei Teile zerschnitten; Kennedy rettete mehrere verletzte Besatzungsmitglieder.Knapper Sieg1946 wird Kennedy ins Repräsentantenhaus gewählt, 1952 gewinnt er gegen alle Erwartungen und den nationalen Trend – einen Siegeszug der Republikaner – einen Sitz im Senat. Sein Name und sein Porträt haben bald landesweit einen hohen Wiedererkennungswert, auch durch seine Präsenz auf den Gesellschaftsseiten der Zeitungen. Vater Joe sorgt mit seinen mannigfachen Verbindungen dafür, dass Jacks Hochzeit mit der eleganten und attraktiven Jacqueline Bouvier im September 1953 die Titelseiten der Illustrierten schmückt.Das so fotogene wie telegene Paar und seine 1957 und 1960 geborenen Kinder werden der ganzen Nation bekannt. Das Vermögen des Vaters hilft auch in den Wahlkämpfen: Als John F. Kennedy im November 1960 denkbar knapp gegen Richard Nixon gewinnt – mit 49,7 Prozent gegenüber 49,5 Prozent für den Republikaner, im Wahlmännerkollegium fällt Kennedys Sieg mit 303 zu 219 deutlicher aus –, spricht Joe Kennedy wohl nur halb im Scherz, als er launig erklärt, er habe schliesslich nicht für einen Erdrutschsieg bezahlt.Hinter dem blendenden Charme des jungen Politikers und dem die Nation in Bann schlagenden Familienglück der Kennedys gibt es eine andere, eine dunklere Realität. John F. Kennedy kränkelt schon als Teenager und wird immer wieder von über lange Zeit nicht diagnostizierten Krankheiten heimgesucht. Erst spät wird ein Morbus Addison, eine Nebenniereninsuffizienz, bei ihm festgestellt, die mit Kortison in unsicheren Dosierungen behandelt wird.Kennedy leidet vor allem unter massiven Rückenschmerzen; er ist möglicherweise von Medikamenten abhängig und bekommt von einem umstrittenen Arzt namens Max Jacobson, den man wohl nicht ohne Grund «Dr. Feelgood» nennt, Injektionen zweifelhafter Zusammensetzung. Das andere Geheimnis, das erst nach Kennedys Tod ganz bekannt wird, ist sein Womanizing. Jackie, wie Jacqueline als First Lady genannt wird, spielt schon in den ersten Ehejahren mit dem Gedanken, ihren Mann zu verlassen. Old Joe soll sie mit einer Million Dollar davon überzeugt haben, auf diesen für eine politische Karriere in den späten 1950er Jahren tödlichen Schritt zu verzichten. Sie arrangiert sich mit der Realität, liebt und bewundert ihren Mann trotz allem.Die grösste StundeIn der kurzen Amtszeit ihres Gatten hat sie dazu mehr als genug Gelegenheit. Der Kalte Krieg eskaliert, die Krisen in Laos und Vietnam, um Berlin und auf anderen Schauplätzen der Konfrontation mit der Sowjetunion werden immer bedrohlicher. Die Rivalität beschränkt sich nicht auf die Erde. Kennedy schwört die Amerikaner auf einen amerikanischen Sieg im Wettlauf zum Mond ein und darauf, «dass sich diese Nation dazu verpflichtet, noch vor Ablauf dieses Jahrzehnts das Ziel zu erreichen, einen Menschen auf den Mond zu bringen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen».Im Inneren sind die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung und die nach wie vor bestehende Rassentrennung im Süden der USA die grösste Herausforderung. Nach Rückschlägen wie dem Desaster in der Schweinebucht von Kuba und einem katastrophal verlaufenden Gipfeltreffen mit dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow 1961 gerät die Welt im Oktober 1962 in der Kubakrise an den Rand eines Nuklearkrieges.Es ist vielleicht Kennedys grösste Stunde: Zusammen mit engen Beratern, vor allem seinem Bruder Robert, der als Justizminister dem Kabinett angehört, findet er mit der «Quarantäne» der Insel (einer Blockade durch die US-Navy) und diplomatischen Geheimverhandlungen eine Lösung, die den Interessen der USA gerecht wird und Chruschtschow das Gesicht wahren lässt.Im Sommer 1963 scheint das Schlimmste überstanden: Es kommt zu einem Vertrag über die Einschränkung von Kernwaffenversuchen, der Installation des roten Telefons zur schnellen Kommunikation zwischen den Supermächten und zu versöhnlichen Tönen, wie sie Kennedy in seiner wahrscheinlich grössten Rede an der American University am 10. Juni anstimmt: «Es ist unsere grundlegende Gemeinsamkeit, dass wir alle diesen kleinen Planeten bewohnen. Wir atmen alle dieselbe Luft. Wir hoffen auf die Zukunft unserer Kinder. Und wir sind alle sterblich.» Die «Prawda» druckt die Rede unzensiert ab – ein Novum.Jubel um JackieIm Herbst 1963 gelten Kennedys Gedanken zunehmend der Wahl im kommenden Jahr und damit der Hoffnung auf eine zweite Amtszeit. Dem Gliedstaat Texas wird dann eine entscheidende Bedeutung zukommen – und er erscheint Kennedys Strategen als zunehmend problematisch: Die dortige Demokratische Partei ist gespalten, die nach langem Zögern einsetzende Unterstützung des Präsidenten für die Bürgerrechtsbewegung wird hier wie in anderen Teilen des Südens weisse Wähler verprellen, und ob Vizepräsident Lyndon B. Johnson, der 1960 ganz wesentlich dazu beigetragen hat, den Staat zu gewinnen, noch einmal auf dem Wahlticket stehen wird, ist fraglich.So wird für November eine Goodwill- und Fundraising-Tour nach San Antonio, Houston, Fort Worth, Dallas und Austin geplant. Jackie Kennedy entschliesst sich, mit auf die Reise zu gehen. Obwohl sie noch sehr unter dem Tod des kleinen Patrick leidet, der im August, zwei Tage nach seiner zu frühen Geburt, gestorben ist. Möglicherweise nicht «obwohl», sondern «weil»: Jackie und Jack sind sich durch die Tragödie wieder nähergekommen. Vielleicht mehr als je zuvor. Der Präsident ist dankbar für ihre Entscheidung; er weiss um die hohen Sympathiewerte seiner Frau bei der Bevölkerung.Schon bei den ersten drei Stationen ist der Jubel um das Paar gross. Am Freitagmorgen, dem 22. November 1963, hält Kennedy in Fort Worth vor mehreren tausend im Regen wartenden Menschen eine Rede, die freundlich aufgenommen wird. Jubel bricht indes beim Anblick der First Lady aus, die ein rosa Tweedkostüm im Chanel-Stil und einen dazu passenden Pillbox-Hut trägt. Danach fliegen sie mit der Air Force One, einer modernen und von Kennedy selbst eingerichteten Boeing 707, nach Dallas; es ist mit sieben Minuten ein denkbar kurzer Flug.Dallas hat die Reputation, eine Heimstätte für Rechtsextreme zu sein. Kennedys Uno-Botschafter Adlai Stevenson wurde erst kurz zuvor von Demonstranten bei einem Dallas-Besuch tätlich angegriffen. In der örtlichen Zeitung «begrüsst» eine ganzseitige Anzeige den Präsidenten und beschimpft ihn als «trojanisches Pferd» Moskaus. «We’re heading into nut country today», ist Kennedys Einschätzung, man sei auf dem Weg ins Land der Irren.Fast hautnah beim PräsidentenDoch der Empfang in Dallas ist über alle Massen freundlich, schon am Flughafen mit dem schönen Namen Love Field. Inzwischen hat sich der Regen verzogen. Es ist ein strahlend sonniger, fast frühlingshafter Tag geworden. Als man die Präsidentenlimousine aus der C-130-Transportmaschine herausrollt, lässt man das Top im Flugzeug. Die Menschen werden jetzt ihren Präsidenten und die First Lady fast hautnah sehen können und nicht hinter Fensterscheiben.Die Kolonne setzt sich gegen 11 Uhr 50 in Bewegung. Im ersten Wagen sitzen der Polizeichef von Dallas und ein Secret-Service-Agent; es folgt der Lincoln mit Bill Greer vom Secret Service am Steuer und seinem Kollegen Roy Kellerman neben ihm, hinter diesen Gouverneur John Connally und Nellie, auf den Rücksitzen der Präsident und seine ein grosses Bouquet roter Rosen tragende Frau. Im nächsten Wagen folgen weitere Mitarbeiter des Secret Service, dann kommt die Limousine von Vizepräsident Johnson und seiner Frau, dahinter weitere Wagen mit Kennedys Team und Journalisten.Es ist eine fast triumphale Tour, Protestschilder oder feindselige Zurufe sind kaum zu sehen. Unter den Zuschauern, die sich rund um den Dealey Plaza einfinden und die letzte Gelegenheit wahrnehmen möchten, einen Blick auf das Paar zu werfen, befindet sich ein Mann namens Abraham Zapruder. Der 58-Jährige stammt aus Russland und hat es in Dallas zum Unternehmer gebracht; seine kleine Firma stellt Damenmode her. Zapruder ist ein Anhänger Präsident Kennedys und ein begeisterter Hobbyfilmer. Mit seiner 8-mm-Bell-&-Howell-Kamera hat er sich auf die Suche nach einem günstigen Standort begeben, um den Präsidentenbesuch zu filmen.Er findet ihn auf einer Anhöhe vor jenem grasbewachsenen Hügel, der heute im Zentrum aller von der offiziellen Version des Tathergangs abweichenden Theorien steht: dem Grassy Knoll. Zapruders Empfangsdame ist mit ihm gekommen und hält ihn fest, so dass er filmen kann, ohne dass der Film verwackelt. Abraham Zapruder filmt – und schafft so ein so schreckliches wie einmaliges historisches Dokument.Siebenundzwanzig SekundenKnapp siebenundzwanzig Sekunden hält er den Auslöser gedrückt und bewahrt eine ruhige Hand − vielleicht auch, weil ihm nicht sofort bewusst wird, was sich vor seinem Objektiv abspielt. Würde seine Kamera Tonfilm ermöglichen, wäre die Frage, wie viele Schüsse nun fallen, leichter zu beantworten. Es ist eine von vielen offenen Fragen im Zusammenhang mit dem Geschehen.Wahrscheinlich fällt ein erster Schuss, der niemanden trifft. Der Zapruder-Film zeigt den Wagen des Präsidenten langsam die Elm Street hinunterfahren, Kennedy winkt in die Menge, stoppt kurz, während Gouverneur Connally den Kopf plötzlich zur rechten Seite dreht − es könnte der Moment sein, in dem dieser erste Schuss fällt. Dann verschwindet die Limousine kurz hinter einem grossen Schild, das die Auffahrt zum Freeway ankündigt. Sekundenbruchteile nachdem die Insassen für Zapruders Kamera wieder sichtbar geworden sind, greift sich der Präsident mit beiden Händen an den Hals. Gleichzeitig dreht sich Gouverneur Connally zu ihm um, das Gesicht schmerzverzerrt.Eine Kugel hat von hinten die Kehle des Präsidenten durchschlagen und dringt auf ihrem weiteren Verlauf in die Lunge des Gouverneurs ein – er wird später in einer Notoperation gerettet. Jetzt hat Kennedys angeschlagene Gesundheit tödliche Konsequenzen: Er trägt wegen seines ihn quälenden Rückens eine Art Stützkorsett, welches die natürliche Reaktion unmöglich macht: schnell abzutauchen, sich in Deckung zu begeben. Die Halswunde des Präsidenten ist mit den medizinischen Möglichkeiten im Jahr 1963 beherrschbar.Jackie Kennedy dreht sich mit sorgenvollem Gesicht zu ihrem Mann um. Dann kommt die fürchterlichste Sequenz des Zapruder-Films: Die nächste Kugel lässt den Kopf des Präsidenten förmlich explodieren, eine Fontäne aus Blut und Gewebe spritzt empor. Bei allem Entsetzen: Die First Lady vermag noch ihre Empfindungen nach zehn Ehejahren an der Seite dieses Mannes hinauszuschreien: «Jack, I love you!» Dann springt sie auf, krabbelt über den Kofferraum des Lincoln, sammelt ein Stück vom Schädelknochen ihres Mannes ein und wird vom herbeieilenden Secret-Service-Agenten Clint Hill wieder in den Wagen zurückgedrängt.Für tot erklärtEndlich drückt Agent Greer auf das Gaspedal – die Geschichte hätte einen anderen Lauf genommen, hätte er dies nach dem ersten Schuss bereits getan. Der vier Tonnen schwere Lincoln und die anderen Wagen brausen über den Stemmons Freeway. Nach kaum fünf Minuten kommen sie beim Parkland Hospital an. Clint Hill, der für die First Lady verantwortlich ist und sie auf der Fahrt festhielt, während sie ihren Mann in den Armen hielt, dreht sich zum nachfolgenden Wagen um. Er schüttelt den Kopf und deutet mit einem Daumen nach unten.Auch die Ärzte im Parkland Hospital erkennen schnell, dass Präsident Kennedy nicht zu helfen ist. Die Massnahmen, die sie ergreifen, etwa Bluttransfusionen und einen Luftröhrenschnitt, sind angesichts des Ausmasses der Kopfverletzung vergebens. Dass sie die Halswunde und damit forensisches Beweismaterial verändern, ist den Chirurgen nicht bewusst.Um 13 Uhr Ortszeit wird Kennedy für tot erklärt. Die Nachricht vom Attentat hat sich bereits wie ein Lauffeuer verbreitet; die Fernsehsender haben ihr Programm unterbrochen und berichten über das Geschehen in Dallas. Zunächst heisst es, der Präsident sei schwer verletzt. Die Szene, in der Walter Cronkite, Amerikas bekanntester Fernsehjournalist, den Tod des Präsidenten bekanntgibt, seine Brille abnimmt und mit seinen Emotionen kämpft, wird zu einem der bekanntesten zeitgeschichtlichen Dokumente des amerikanischen Fernsehens.In einem Raum wenige Schritte vom Not-OP im Parkland Hospital haben sich Vizepräsident Johnson, seine Frau und seine Personenschützer regelrecht verbarrikadiert. Niemand weiss, ob die Tat nicht Teil einer Verschwörung ist und auch andere Regierungsmitglieder in Gefahr sind. Mehrere Kabinettsmitglieder, unter ihnen Aussenminister Dean Rusk, sind auf dem Flug nach Japan; die Maschine kehrt über dem Pazifik um.Die Kraft der BilderJohnson will ein der Verfassung gerechtes Funktionieren der Exekutive, so gut dies unter den chaotischen Bedingungen dieses Tages möglich sein kann. Der Texaner will der Welt deutlich machen, dass die USA nicht führungslos sind. Als Kennedys Tod feststeht, kommt man zu dem Schluss, dass der sicherste Ort in Dallas die auf Love Field wartende Boeing 707 ist. Von Secret-Service-Agenten abgeschirmt, laufen die Johnsons zu einem Wagen, der zum Flughafen fährt. Bald trifft dort ein weiteres Fahrzeug ein: der Leichenwagen mit der sterblichen Hülle von John F. Kennedy. Jackie weicht dem Sarg nicht von der Seite.Kurz darauf trifft die von Johnson berufene Richterin Sarah Hughes in der Air Force One ein. Vor ihr legt Johnson den Amtseid als 36. Präsident der USA ab. Es ist 14 Uhr 38 − zwei Stunden und acht Minuten nach den tödlichen Schüssen. Johnson bittet Jackie Kennedy, in diesem Moment an seiner Seite zu stehen. Er weiss um die Kraft der Bilder, welche die herbeigerufenen Fotografen machen. Die junge Witwe in ihrem blutbefleckten Kostüm trägt durch ihre Anwesenheit zur Legitimität des neuen Präsidenten bei. Kurz darauf hebt die Boeing zum Rückflug nach Washington ab. Jackie Kennedy wechselt die blutbefleckte Kleidung nicht. Alle Welt soll sehen, was «sie» ihrem Jack angetan haben.Als die Maschine in Washington eintrifft und die Obduktion Kennedys im Naval Hospital in Bethesda vorgenommen wird, kennt die amerikanische Öffentlichkeit bereits den Hauptverdächtigen. Die Polizei von Dallas hat den 24-jährigen Lee Harvey Oswald festgenommen. Er arbeitet im Texas School Book Depository, sein Gewehr der italienischen Marke Carcano, Baujahr 1940, das er sich ein halbes Jahr zuvor bei einem Waffenhändler bestellt hat, wird am halbgeöffneten Fenster eines nahe gelegenen Hauses mit Blick auf den Dealey Plaza gefunden.Oswald hat eine merkwürdige Biografie: ein ehemaliger US-Marine, der in die Sowjetunion emigriert ist und dort eine junge Pharmaziestudentin namens Marina geheiratet hat. Im August 1963 taucht er in New Orleans auf, wo er Flugblätter einer Castro-freundlichen Organisation namens «Fair Play for Cuba» verteilt. Nach einer Rangelei mit Castro-Kritikern wird er vorübergehend festgenommen und eine Stunde lang von einem FBI-Agenten vernommen. Ein lokaler Fernsehsender interviewt ihn, was Oswald sichtlich geniesst.Ein Mann in dunklem AnzugIm Oktober ist er in Dallas, wo er nach Ehestreitigkeiten nur an den Wochenenden mit Marina zusammen ist. Sie bringt dort das zweite Kind des Paares, eine Tochter, zur Welt. Oswald, der sich bisher mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten hat, nimmt Mitte Oktober einen neuen Job an, beim texanischen Schulbuchlager. Zweifelsfrei ist an diesem Freitagabend eines: Oswald hat, aller Wahrscheinlichkeit nach auf der Flucht nach dem Attentat, einen Polizisten erschossen.Für die amerikanische Öffentlichkeit gilt Oswald bald als Täter. Die Medien berichten nicht nur aus Washington, wo die Vorbereitungen für das Staatsbegräbnis auf Hochtouren laufen, sondern auch live aus dem Polizeihauptquartier von Dallas, wo Reporter den Verdächtigen bedrängen. Die Zuschauer sind fassungslos: Dass eine so unbedeutende Gestalt wie Oswald das Leben eines jugendlich-strahlenden Präsidenten aus unerklärlichen Motiven zu einem abrupten Ende bringen kann, erscheint absurd.Doch die Surrealität erlebt noch eine Steigerung, achtundvierzig Stunden nach dem Attentat live vor laufenden Kameras und vor einem Millionenpublikum. Wie in den vergangenen beiden Tagen berichten die Fernsehsender auch am Sonntag aus dem Polizeihauptquartier in Dallas. Um die Mittagszeit, kurz vor halb zwölf in Texas, soll Oswald im Untergeschoss des Gebäudes zu einem bereitstehenden Wagen gebracht und ins örtliche Gefängnis verlegt werden.Als er auftaucht, in Handschellen und von zwei Polizisten geführt, springt ein untersetzter Mann in dunklem Anzug hervor und schiesst Oswald aus nächster Nähe in den Bauch. Es ist der Besitzer eines Nightclubs in Dallas, Jack Ruby, eigentlich Jacob Rubenstein. Oswald stirbt am gleichen Tag. Der Attentäter ist einem Attentat erlegen. Und kann keine Aussagen mehr machen. Eine offizielle, nach dem Obersten Bundesrichter Earl Warren benannte Kommission erklärt Lee Harvey Oswald im folgenden Jahr zum alleinigen Täter.«Ich bin nur ein Sündenbock»Bis heute ist dies höchst umstritten. Die alternativen Szenarien in Büchern, Artikeln, Filmen und auf Websites sind unüberschaubar, die Zahl der Verdächtigen gross. Als mögliche Inspiratoren einer Verschwörung gelten unter anderem das organisierte Verbrechen, Pro-Castro-Kräfte, Anti-Castro-Kräfte, die CIA, die Sowjets, gar Lyndon B. Johnson selbst.Wann immer unter Verschluss gehaltene Dokumente zum Kennedy-Mord freigegeben werden, ist die Erwartung gross – ebenso wie die anschliessende Enttäuschung. Das wichtigste Dokument jenes dramatischen Tages in Dallas ist der heute jedem zugängliche Zapruder-Film. Wer die Nerven hat, sich ihn anzusehen, wird sich überlegen, ob die tödliche Kugel wirklich von hinten oben kam – oder doch nicht eher von rechts vorn? Von Lee Harvey Oswald jedenfalls bleibt ein Satz in Erinnerung, den er den Reportern hingeworfen hat: «I’m just a patsy», ich bin nur ein Sündenbock.John Fitzgerald Kennedy, der ehemalige Marineoffizier, findet auf dem Nationalfriedhof in Arlington seine letzte Ruhestätte. Fünf Jahre später wird sein Bruder Robert, Vater des heutigen amerikanischen Gesundheitsministers und auf dem Weg zu einer eigenen Präsidentschaft, in seiner Nähe zu Grabe getragen. Auch die 1994 verstorbene Jacqueline Kennedy Onassis und zwei früh gestorbene Kinder des Paares, der kleine Patrick und die 1956 tot geborene Arabella, sind hier beigesetzt.Es ist ein Ort, an dem die Worte des Historikers Alan Brinkley nachhallen: «Für viele Amerikaner, die sich nach einer neuen Ära des öffentlichen Engagements und der Bürgerbeteiligung sehnen, ist das Bild des heldenhaften John Fitzgerald Kennedy bis heute ein strahlendes und verlockendes Symbol für jene Welt geblieben, die viele Menschen für verloren halten. Und genau deshalb bleibt er – ob verdient oder nicht – eine so wichtige Figur in unserer nationalen Vorstellungskraft.»Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 27. Juni lesen Sie über das Massaker von Senigallia, bei dem Cesare Borgia am 31. Dezember 1502 in der italienischen Hafenstadt Senigallia mehrere abtrünnige Heerführer und Verschwörer hinrichtete.Passend zum Artikel