Eine Ausstellung wie eine Steinmeier-Amtszeit: Warum die Kritik an der Schau im Schloss Bellevue sich an einer Sexpuppe entzündetZwei Wochen lang verwandelt sich der Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten zu einem Museum für zeitgenössische Kunst. Dass ausgerechnet ein Objekt für Aufsehen sorgt, hat auch mit der Ausstellung selbst zu tun.21.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an der Eröffnung von «Freiraum Kunst» vor einem Bild von Monica Bonvicini.Markus Schreiber / AP«Ist das cool hier», ruft eine Frau entzückt aus und bleibt auf dem Vorplatz des Schlosses Bellevue stehen. Andere Besucher gehen im Sonnenschein an ihr vorbei zum Gebäude. Auch wenn sie als Bürger selbstbewusst ihr Eigentum besichtigen, ist der Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier normalerweise prominenten Gästen vorbehalten. Da Steinmeier für eine achtjährige, Hunderte Millionen Euro teure Renovierung Platz macht, zieht zeitweilig die Pop-up-Ausstellung «Freiraum Kunst» ein und öffnet zwei Wochen lang das Haus für die Öffentlichkeit. Die kostenlosen Tickets sind seit Wochen vergeben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist reizvoll, zu betrachten, wie sich die Besucher den Raum nehmen. Im Foyer unterhalten sie sich so angeregt miteinander, dass man die unablässigen «Hallo»-Rufe aus der Installation «Rufen bis zur Erschöpfung» von Jochen Gerz kaum hören kann. Sie gehen am Bild des Street-Art-Künstlers El Bocho mit dem Titel «Die Bundespräsidentin» vorbei und blicken durch das Fenster auf die Rasenfläche hinter dem Haus, wie es sonst Emmanuel Macron oder König Charles tun. Im Treppenhaus, wo eine grossflächige Videoprojektion Jürgen Böttchers vom Abriss der Berliner Mauer handelt, teilen sie sich ihre Erinnerungen an Mauer und Fall mit. Im Obergeschoss machen sie fröhlich Fotos mit der Miniaturversion von Steinmeier, einer Skulptur von Karin Sander.Im für zeitgenössische Kunstausstellungen obligatorischen Mitmachraum hat jemand eine Notiz hinterlassen: «Schade, wir haben Fotos von Frank-Walter in den Räumen vermisst», dazu ein Smiley. Daraus liesse sich ableiten, dass das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Staatsoberhaupt entspannt ist, viel entspannter als jenes zu den Politikern, die das Land im Moment tatsächlich führen. In Zeiten unbeliebter – oder nicht getroffener – Entscheidungen können sich diejenigen einer gewissen Beliebtheit erfreuen, die sie gar nicht treffen müssen. Gemäss einer Umfrage von 2024 war eine knappe Mehrheit der Deutschen zufrieden mit Steinmeiers Arbeit. Davon könnte der Bundeskanzler nur träumen.Der deutsche Bundespräsident im Kleinformat: Skulptur der Künstlerin Karin Sander im Schloss Bellevue in Berlin.Annette Riedl / DPAVerpasste GelegenheitenDie Kuratoren um den Vizepräsidenten der Akademie der Künste, den «Arch+»-Chefredaktor Anh-Linh Ngo, hatten aber etwas anderes im Sinn als einen mit Kunstobjekten angereicherten Tag der offenen Tür. Sie hatten vollmundig angekündigt, «Freiraum Kunst» solle «vor dem Hintergrund der Krise der Repräsentation» den «Ort selbst zum Gegenstand der Betrachtung» machen.Eigentlich meint die Rede von der Krise jedoch die der repräsentativen Demokratie, die zunehmende Entfremdung der Bevölkerung von der politischen Klasse. Und nicht die Repräsentation des Nationalstaats. Das Bundespräsidentenamt ist somit von allen Institutionen noch am wenigsten in der Krise. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem «Versprechen von Teilhabe» und dessen «ausbleibender Wirkung» würde entsprechend viel besser in den Bundestag oder das Kanzleramt oder selbst die Parteizentralen passen.Die im Bellevue ausgestellten Arbeiten beschäftigen sich zudem kaum mit dem Ort als solchem. Besonders deutlich wird das bei Gregor Schneiders Videoinstallation. Er hatte 2013 das Geburtshaus von Joseph Goebbels gekauft, umgebaut und umgenutzt. Man sieht ihn im Goebbels-Haus schlafen, arbeiten. Hier ist eine Vorlage für eine künstlerische Umwidmung eines Ortes, die ihn zum Gegenstand der Betrachtung macht und dadurch verändert – Schneider ist Experte darin. «Freiraum Kunst» lässt die Gelegenheit verstreichen.Eine der Ausnahmen ist die Rauminstallation von vier Künstlerinnen um Carola Bauckholt und Ann Cotten, die die Zwischenräume in der Garderobe im Erdgeschoss in separate Kammern verwandelt. In einer von ihnen überlagern sich Tonspuren zur Einwanderungsthematik mit Geräuschen: Wasser gluckst, jemand atmet beunruhigend. Eine Frau spricht über ihre Einbürgerung. Die Garderobe als Ort des Ablegens und Anziehens wird erfahrbar und mit der Debatte darüber verknüpft, was das «Anlegen» einer Staatsbürgerschaft überhaupt bedeutet. Währenddessen blickt man aus der Garderobe auf den Garten von Bellevue.Auch die bereits erwähnte Steinmeier-Skulptur von Sander gelingt. Sie kehrt symbolisch das Verhältnis zwischen den Betrachtern – den Bürgern – und ihrem Oberhaupt um, indem sie den Bundespräsidenten auf Spielfigurengrösse verkleinert. Gleichzeitig lenkt sie den Blick auf das Begehren dieser Bürger, sich mit ihrem Präsidenten ablichten zu lassen, sich zum Beiwerk seiner Bekanntheit zu machen. Es ist ein simpel anmutendes Spiel mit Macht und Repräsentation, das die Fallhöhe von «Freiraum Kunst» markiert.Denn Sanders Arbeit wird im besonders edlen Obergeschoss des Schlosses eingerahmt von künstlerischen Positionen, die wohl vor allem wegen ihrer Prominenz ausgewählt worden sind. Da ist etwa ein Raum mit Wolfgang-Tillmans-Bildern, etwas weiter findet man grossflächige Arbeiten von Monica Bonvicini und Katharina Grosse. Sie alle könnten reibungsfrei in nahezu jedem Raum für zeitgenössische Kunst auf der Welt platziert werden. In den Begleittexten müht man sich ab, einen Bezug herzustellen. Die Installation liesse sich als Dialog zwischen Leerstellen lesen, heisst es über Grosses Arbeit, «zwischen dem leergeräumten Schloss und den Bildausschnitten».«Muss das sein?»Vielleicht, weil sich so ein Gefühl von Austauschbarkeit einstellt, schossen sich in der vergangenen Woche die Kunstkritiker von rechts ausgerechnet auf eine Installation von Alexandra Bircken ein, die auch einen kleinen Bronzeabguss einer japanischen Sexpuppe enthält. Zwischen den zahlreichen Besuchern und Exponaten muss man die Sexpuppe regelrecht suchen. «Muss das sein?», fragte selbst der «Spiegel», als ob eine künstlerische Kritik der Verdinglichung des weiblichen Körpers heutzutage in irgendeiner Weise rebellisch oder anstössig sei.Das Dach von Schloss Bellevue wurde von Christian Awe mit dem Titel der Ausstellung gestaltet.Annette Riedl / DPASie ist es kaum mehr als die bildgewordene Forderung El Bochos, doch endlich eine Frau zur Bundespräsidentin zu bestimmen. Denn dass Steinmeier sein Amt in zwei Jahren einer Frau übergibt, gilt als mehr oder weniger gesetzt, selbst unter erzkonservativen Christlichsozialen.Die künstlerische Zwischennutzung Bellevues ist so auch ein Abschiedsgruss des scheidenden Präsidenten. Dass sie sich in der grossen Geste erschöpft, ähnelt Steinmeier und seiner Amtszeit mehr, als ihm lieb sein dürfte. Selbst die Begleittexte der Ausstellung erinnern an die Leerformeln bundespräsidentieller Reden, wenn es in ihnen etwa heisst: «Jeder Mensch will gesehen und gehört werden. Jede Handlung ist ein existenzielles Ringen um Aufmerksamkeit.»Ob Steinmeiers «existenzielles Ringen um Aufmerksamkeit» als Bundespräsident im Rückblick als Erfolg gewertet werden wird, ist fraglich. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger ist unklar, worin sein Erbe besteht. Noch fraglicher ist aber, ob sich, wenn in hoffentlich acht Jahren seine Nachfolgerin ins Schloss Bellevue einzieht, jemand noch an «Freiraum Kunst» und seine zeitweilige Umnutzung erinnern wird.«Freiraum Kunst. Akademie der Künste goes Bellevue», Schloss Bellevue, Berlin, bis 28. Juni.Passend zum Artikel