Das Archiv des Grauens: Warum ein Verleger unzensierte Kriegsbilder drucktEin niederländischer Verlag macht Bücher mit Bildern von Soldaten im Angesicht des Todes und Selbstinszenierungen von Drogenhändlern. Darf man das?21.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEin russischer Soldat im Visier einer ukrainischen FPV-Drohne.550BCMal sind die Augen weit aufgerissen, mal fest zusammengekniffen; Panik und Erstarrung zeichnen sich in den Gesichtern der Männer ab, die dem sicheren Tod entgegenblicken. 220 Aufnahmen umfasst der Bildband «Kill for Points». Sie zeigen den Krieg aus der Perspektive ukrainischer FPV-Drohnen, die russische Soldaten und deren Verbündete ins Visier nehmen. Wie in einem Videospiel lenken die Piloten ihre fliegenden Sprengsätze über ein Live-Videosignal direkt in die feindlichen Stellungen. Die verpixelten Screenshots mit Fadenkreuz und Einblendungen wie «Bomb Armed» führen einem die Gamifizierung moderner Kriegsführung sowie die fatale Asymmetrie zwischen physischer Distanz und visueller Nähe direkt vor Augen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese verstörende Intimität ist das wiederkehrende Motiv in den Publikationen des niederländischen Verlags 550BC. Ob ukrainische Drohneneinheiten, Soldaten der israelischen Armee oder Mitglieder mexikanischer Drogenkartelle: Beim Blättern durch Bände wie «Kill for Points», «Short-term, but long-term» oder «Cuatro Letras» wird die Leserschaft irritierend direkt in deren Lebensrealität hineingezogen. Der Verlag hat sich einer radikalen Form der visuellen Anthropologie verschrieben, in der sich Konflikte und organisiertes Verbrechen der Deutungshoheit klassischer Berichterstatter entziehen. An die Stelle objektiver Beobachtungen tritt die rohe Selbstinszenierung der Akteure.Hinter diesem kompromisslosen Konzept steht Pouria Khojastehpay. Der Name seines Verlags, 550BC, ist eine historische Referenz an das Jahr 550 vor Christus, in dem Kyros der Grosse das persische Achämenidenreich begründete. Zugleich ist es eine diskrete Hommage an Khojastehpays iranische Wurzeln. Entstanden ist das publizistische Projekt aus einem Mangel heraus: Als Khojastehpay ein Buch über Irans Verbindungen zum organisierten Verbrechen suchte und nicht fündig wurde, nutzte er seine Kontakte in die Unterwelt und publizierte das fehlende Werk kurzerhand selbst. Aus diesem anfänglichen Impuls entwickelte sich eine verlegerische Mission, die seither dorthin blickt, wo sich die klassischen Grenzen zwischen Staatlichkeit, Krieg und Kriminalität auflösen.550BC bedient sich durchaus auch fotojournalistischer Mittel, setzt diese jedoch nur selektiv ein. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist der Band «Cuatro Letras». Der Titel ist eine Anspielung auf die vier Buchstaben des mächtigen Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG). In diesem Werk verschmelzen zwei Perspektiven, die sich gewöhnlich ausschliessen. Die Bilder des lokalen Fixers Juan José Estrada Serafín, der unter Lebensgefahr direkten Zugang zum Territorium des Kartells aushandelte, stehen gleichberechtigt neben dem digitalen Rohmaterial, das die Kriminellen selbst kreiert haben.Ein Mitglied des Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG), aus dem Buch «Cuatro Letras».550BCWährend Serafín die Realität vor Ort dokumentiert, kuratiert Khojastehpay das Online-Archiv der Kartellmitglieder, die ihre Macht mit Uniformen, Fahrzeugkolonnen und martialischen Spektakeln performen. Der Verlag greift auf Material aus Telegram-Kanälen, Social-Media- oder Dating-Plattformen zurück, wo das etablierte Mediensystem Lücken hinterlässt. So auch für das Buch «Short-term, but long-term», in dem 302 Dating-Profile israelischer Soldaten versammelt sind. Auf der Suche nach der nächsten Beziehung posieren sie während des Einsatzes in Gaza in voller Kriegsmontur und mit Sturmgewehren vor Ruinen.Auf Partnersuche im Einsatz. Unter jedem Profil israelischer Soldaten vermerkt das Buch den gesuchten Beziehungstyp. Hier: «Long-term, but short term OK.»550BCDass diese radikalen Chroniken schnell an die Grenzen des Erlaubten stossen, erstaunt wenig. In Australien beschlagnahmte der Zoll kürzlich Exemplare des Buches «Brick Collectors» und stufte sie kurzerhand als verbotene Importgüter ein. Der Band zeigt detailliert jene Werkzeuge und Ausrüstungsgegenstände, mit denen Handlanger der Kartelle in die Containerterminals niederländischer und belgischer Häfen eindringen. Dort bergen die teilweise erst 14-jährigen Jugendlichen geschmuggeltes Kokain. Zensurmassnahmen wie die australische verfehlen in der Regel ihre Wirkung. Im Gegenteil: Sie adeln die ohnehin meist in Rekordzeit vergriffenen Publikationen und machen sie zu begehrten Sammlerobjekten.Diese Bücher provozieren Fragen, die sich nicht an die kriminellen oder militärischen Protagonisten richten, sondern an den Verleger und an uns als Gesellschaft. Darf man das alles überhaupt zeigen? Darf man hinsehen und sich dem Voyeurismus hingeben? Was geschieht mit der rohen Selbstinszenierung, wenn man sie aus der schnelllebigen Zirkulation des Netzes befreit und in ein dauerhaftes Fotobuch überführt?Bilder 550BCDas Buch «Favela Narco Pets» zeigt die ungewöhnlichen Statussymbole brasilianischer Drogenhändler.Die Antwort darauf ist ungemütlich, denn sie führt uns schonungslos die Problematik unserer modernen Bildkonsumkultur vor Augen. Wir geben uns zunehmend hemmungslosem Voyeurismus hin. Im endlosen digitalen Bilderfluss irritieren diese Aufnahmen deshalb nur noch für den Bruchteil einer Sekunde. Sie lösen vielleicht ein leises Unbehagen aus. Dann scrollt der Daumen die Katastrophe einfach weg. Vorausgesetzt natürlich, die Algorithmen der Tech-Konzerne haben sie nicht ohnehin längst zensiert. Solange das Grauen abstrakt bleibt und sich massenhaft zwischen banalen Koch- und Katzenvideos einreiht, verliert es jegliche Schwere.Die existenzielle Schwere von Krieg und Kriminalität scheint uns erst dann wieder physisch zu belasten, wenn sie sich wortwörtlich mit der Schwere eines gedruckten Buches verbindet. Es zwingt uns zum genauen Hinsehen. Gleichzeitig erfüllen die Bücher eine weitere wichtige Funktion. Sie bewahren auf, was das Internet ständig vernichtet. Accounts von gefallenen Soldaten oder verhafteten Kartellmitgliedern werden routinemässig gesperrt. Ihre digitalen Spuren verschwinden rasch und restlos. Ohne den Druck auf Papier wären diese Zeugnisse unserer Gegenwart für immer verloren. Die Publikationen von 550BC sind deshalb weit mehr als eine blosse Provokation. Sie bilden das analoge Archiv einer flüchtigen digitalen Welt. Ein Spiegel unserer Zeit, in der selbst das Sterben zur massentauglichen Unterhaltung geworden ist.Panik und Erstarrung zeichnen sich in den Gesichtern der russischen Soldaten ab, die dem sicheren Tod entgegenblicken.550BCEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Darf man das zeigen? Das radikale Archiv der gelöschten Kriegs- und Kartellbilder
Drohnenkrieg in der Ukraine und Kartell-Gewalt: Der Verlag 550BC druckt unzensierte Telegram-Bilder. Ein radikaler Spiegel unseres digitalen Voyeurismus.







