Noëlle GuidonDie Werberin Doris Gisler Truog hat mit ihren Kampagnen für Fondue, Milch oder das Frauenstimmrecht die Schweizer Seele eingefangen. Nun ist sie die beste Reklame dafür, wie man richtig alt wird.21.06.2026, 05.30 Uhr14 LeseminutenDa steht sie, die Haare orangerot gefärbt, tiefblau das Kleid, sie löst die Hand vom Rollator und winkt den Besucher herbei: Doris Gisler Truog versprüht die Lebenskraft einer Fünfzigjährigen und ist fast doppelt so alt. Sie setzt sich an einen Tisch im Restaurant der Parkresidenz in Meilen am Zürichsee. In dieses edle Tertianum zog sie erst vorletztes Jahr mit ihrem Mann Arnold Truog, der bald darauf starb.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dann legt sie los, lässt ihre Lebensgeschichte aus dem Gedächtnis Revue passieren, bis ins Detail. In den fünfziger Jahren gründete sie mit Kaspar Gisler, ihrem ersten Mann, das Werbe- und PR-Büro Gisler & Gisler, das im folgenden Jahrzehnt zur grössten Agentur in der Schweiz wurde. Sie schuf Slogans, die heute noch in den Ohren klingen, wie: «S isch guat, ds Valsarwasser.» Und sie könne niemandem gleichgültig sein, sagte Hermann Strittmatter über sie, der letztes Jahr verstorbene Doyen der Branche.Wir führen dieses Interview in drei Etappen. Nach der ersten bestellt die legendäre Werberin und Geburtshelferin des Schweizer Frauenstimmrechts nachmittags ein Glas Pol-Roger-Champagner. Die zweite findet am gleichen Ort statt, zu leiser klassischer Musik im Hintergrund. Sie in Rostrot, farblich perfekt abgestimmt auf das Haar, das Brillengestell, die metallisch lackierten Fingernägel, ja sogar auf die Tischtücher und Spannteppiche. Fünfzig Abstufungen von Rot, nicht von Grau.Der letzte Teil führt uns einige Wochen später, nachdem sie eine fiebrige Infektion überstanden hat, in die prächtige Bibliothek des Tertianums, zwischen Flügel, Buchrücken und barocke Sofas. Doris Gisler Truog, die ihren Computer neulich um ein Tablet ergänzt hat, «um auf die alten Tage noch ordentlich zu werden», erscheint wieder wie aus dem Ei gepellt, diesmal in Schwarz mit gold-rotem Foulard. Sie ruht in sich, aufgehoben in einer Aura der Unerschrockenheit. «Umgeben von diesen Büchern, könnte ich 120 Jahre alt werden», sagt sie und strahlt. Man glaubt es ihr aufs Wort.«Aber ich sehe, dass ich noch immer gerne schöne Kleider habe»: Doris Gisler Troug im Tertianum in Meilen.Noëlle GuidonFrau Gisler Truog, Ihren 98. Geburtstag feierten Sie mit Freunden in der Zürcher «Kronenhalle» . . .Doris Gisler Truog: . . . wie fast jeden in den letzten Jahrzehnten. Und beim 99. werde ich es genauso halten. Ich liebe die «Kronenhalle», es war auch das erste Restaurant, in das ich von einem Mann ausgeführt wurde. Und ich hatte wunderbare Begegnungen mit Hulda Zumsteg.Das war die legendäre Gründerin. Trifft man Sie auch in der «Kronenhalle»-Bar?Natürlich, noch immer! Die schönste Bar, die es gibt, ich fühlte mich stets auch allein wohl darin. Mein Schwiegersohn fährt mich hin, und ich trinke einen Gin Tonic.Viele Jüngere halten es für schrecklich, uralt zu werden. Sie lieben es, dazu haben Sie sich schon öfter bekannt. Wie würden Sie das Alter in einer Kampagne anpreisen?Ein Slogan fällt mir gerade nicht ein. Der Schlüssel ist, zu akzeptieren, dass vieles nicht mehr geht. Wenn man alt ist, ist man es halt. Und ich bin wirklich alt. Aber «alt» gehört zu den Wörtern, die man heute gar nicht mehr in den Mund nehmen darf in dieser Gesellschaft, die in jeder Beziehung verwöhnt und verweichlicht ist. Dabei ist dieses Wort so wenig eine Beleidigung wie so viele andere, die man nicht mehr soll sagen dürfen.Befreit das Alter von dem Druck, anderen gefallen zu müssen?Ich gefalle immer noch gern. Aber man braucht niemandem mehr gerecht zu werden, das ist eine wunderbare Erleichterung. Loslassen ist das Wichtigste, in so vielen Lebenssituationen. Meinen Leitspruch liefert schon seit Jahrzehnten die alte Marschallin aus dem «Rosenkavalier», den ich als ewige Opernhaus-Abonnentin gerade wieder einmal besucht habe: «Leicht muss man sein, mit leichtem Herz und leichten Händen. Halten und nehmen, halten und lassen.» Es ginge noch weiter, aber den Teil mag ich weniger: «Die nicht so sind, die straft das Leben, und Gott erbarmt sich ihrer nicht.»Legendäre Kampagne fürs Frauenstimmrecht.PDWelcher der Slogans, die Sie ersonnen haben, steht am ehesten für Ihr Leben?Das ist wohl schon «Den Frauen zuliebe – ein männliches Ja» für die Volksabstimmung 1971 zum Frauenstimmrecht. Aber den Slogan «Milch macht manches wieder gut» liebe ich noch mehr.Warum?Gute Slogans sind einfach und wahr, zumindest glaubwürdig. Und der war so gut, dass er verboten wurde. Wir zeigten die Milch zum Beispiel im Cüpli in einer Frauenhand oder im Glas in einer behandschuhten Hand, darunter der Hinweis für Autofahrer, dass Kalzium gemäss Studien gut für Reaktionsvermögen und Konzentrationsfähigkeit sei. Das Gesundheitsamt klemmte die Kampagne ab, weil sie zu viel verspreche. Mein Kunde und ich wollten uns das nicht bieten lassen und vor Gericht gehen. Leider starb er vorher, und sein Nachfolger wollte nicht mitziehen. Ich glaube, wir hätten das gewonnen.«Milch macht manches wieder gut.» Stimmt's ?PDHm, wie hoch war denn der Wahrheitsgehalt dieser Milchwerbung?Milch ist doch unerhört gesund! Ich warb stets für Produkte, hinter denen ich stehen konnte. Ich war immer nah beim Volk, was sicher mit einer frühen Prägung zu tun hat: Von klein auf war ich in eine riesige Verwandtschaft eingebunden, hatte mit unterschiedlichsten Menschen zu tun. Daher rührt wohl meine starke Intuition, auf der meine Werbung ­beruhte.Sie prägten mit Ihren Kampagnen nicht nur die Wahrnehmung von Milch, sondern auch jene von Firmen, die ebenso für die Schweiz standen und zum Teil noch stehen: SBB, Migros, Mövenpick, Ovomaltine, Bankgesellschaft, Swissair, Knorr . . .(Sie wedelt mit einem soeben erschienenen NZZ-Artikel über Kultmarken, die nicht mehr in Schweizer Hand sind): Das waren fast alle meine Kunden! Bei Toblerone haben wir die Dreiecksform gerettet, die sie aus praktischen Gründen aufgeben wollten. Das hätte die Marke kaputtgemacht. Und bei Feldschlösschen wollte eine Agentur das Logo mit Schlösschen und Hopfen ändern, das sei zu wenig modern. Wir konnten auch das verhindern, zum Glück.Fondue, so denkt man, ist unser Nationalgericht seit Urzeiten; Sie wissen es besser.Die Käseunion wollte Mitte der fünfziger Jahre den Käsekonsum im Gastgewerbe steigern, und ihr neuer Werbechef hatte die Idee, dafür das Fondue zu lancieren. Fondue kannten damals gemäss einer Marktforschung nur 5 Prozent der Deutschschweizer Bevölkerung. In Zürich gab es nur ein darauf spezialisiertes Restaurant, das noch heute existierende «Le Dézaley». Mein Mann Kaspar und ich hatten gerade unsere eigene Agentur eröffnet und wurden beauftragt. Er erfand den Slogan, ich steuerte nur das «git» zu, das ein «macht» ersetzte: «Fondue isch guet und git e gueti Luune.»Das Akronym «Figugegl» kam später dazu.PDUnd das legendäre Akronym «Figugegl»?Kam erst viel später dazu. Für die Käseunion gab ich dann auch eines der ersten Schweizer Kochbücher nach dem Krieg heraus, mit modernisierten Käserezepten, es verkaufte sich über eine Million Mal. Diese ersten illustrierten Inserate jedenfalls erschienen in 200 Zeitungen. Fast jede, samt der NZZ, brachte auch einen redaktionellen Beitrag dazu. Ausserdem gab’s ein Fondue-Lied, vertont von Paul Burkhard, diesem wunderbaren Menschen. Schon im ersten Jahr waren die dazu lancierten Fondue-Caquelons ausverkauft.Heute steht Fondue im In- und Ausland für die Schweizer Seele. Was macht diese aus?Die gibt es nicht. Wenn, dann gäbe es eine Zürcher, eine Basler, eine Innerschweizer Seele. Ich fühlte mich immer sehr stark als Innerschweizerin, weil die Familie meines Vaters so stolz war auf diese Herkunft.Was prägt diesen Menschenschlag?Es gibt da eine Sage: Ein Senn wird vom Teufel verfolgt, doch es passiert ihm nichts, solange er sich nichts anmerken lässt. So zu tun, als sei nichts, damit alles gut wird, das ist innerschweizerisch, denke ich. Und ich glaube mich darin wiederzuerkennen. Bei privaten Schicksalsschlägen war ich sehr gut darin, aber auch in der Firma, wenn wir ein schlechtes Jahr hatten.Die Psychologie sagt, Verdrängtes trete eines Tages umso unerbittlicher wieder an die Oberfläche.Ach, die Psychologie! Einmal gestand ich einer Psychiaterin, es beschäftige mich, dass ich immer alles im letzten Moment mache, eine grosse Schwäche von mir. Sie fragte mich, wie ich es dann doch erledigen würde, und ich sagte: Ich räume den Esstisch daheim frei und erledige es dann. Sie meinte: Dann ist ja alles gut. Ich hatte Glück. Eine andere Psychiaterin hätte mich jahrelang behandelt. Bei mir wurde jedenfalls alles immer wieder gut. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass ich nie haderte, warum es gerade mich traf, auch nicht beim Tod meiner Männer.Was ist Ihre früheste Erinnerung an einen endgültigen Abschied?(Ihre Lippen beginnen leicht zu beben.) Das war ein fürchterliches Erlebnis. Ich habe es noch nie jemandem erzählt: Ich war etwa zehn und hatte einen Hund, den ich sehr liebte. Eigentlich gehörte er meinem Vater, der ins Militär musste. Das Tier wurde meiner Mutter zu viel, es hiess, es komme auf einen Bauernhof. Als wir aber einmal vorbeikamen, war es nicht dort. Ich hatte gelegentlich das Wort «Abdecker» gehört, verstand es aber nicht. Als ich es eines Tages verstand, realisierte ich: Mein Hund war abgemurkst worden.Wie gingen Sie damit um?Ich glaube, ich war ab da kein Kind mehr. Später kompensierte ich diesen Verlust vielfach. Hunde wurden sehr wichtig in meinem Leben. Mein Mann und ich hatten in den letzten Jahrzehnten nacheinander 3 wunderbare Königspudel, und in meinem früheren Leben kam ich auf 27 Katzen.War Ihre Kindheit sonst glücklich?Sie war schwierig, rein objektiv gesehen, doch ich empfand es gar nicht so. Schon damals hatte ich die Gabe, mich mit Situationen abzufinden. Als Einzelkind wuchs ich grossteils mit meiner Mutter in Zürich auf, hatte aber immer auch Kontakt zum Vater, war bei beiden verwurzelt und gleichzeitig überall etwas fremd. Die Verhältnisse waren ärmlich, aber mein schwerreicher Lieblingsonkel sorgte immer wieder für etwas Luxus. Brauchte man einen Schlitten, bekam man ihn von ihm. Seine Firma Baggenstos hatte die Generalvertretung der Hermes-Schreibmaschinen, er führte ein sehr schönes Leben am Zürichsee. So wusste ich schon früh, dass es auch so ging, und wollte ihm nachschlagen, einmal ein Haus am See haben. Das habe ich in den letzten Jahren ja auch geschafft, nun übernehmen es meine Enkel. Bei dem Onkel jedenfalls konnte ich dann auch die Bürolehre machen, die meine Eltern wünschten, lange nach ihrer Trennung. Ich war sechs gewesen, als sie sich hatten scheiden lassen.Woran zerbrach diese Ehe?Sie kamen nicht zusammen aus. Dabei war es eine grosse Liebe, bis zum Tod. Als Vater im Sterben lag, sagte er mir, er wolle sie nochmals sehen, und als sie dann das Zimmer betrat, funkte es förmlich. Doch sie waren zu gegensätzlich. Er, Bühnenarbeiter beim Zürcher Stadttheater, war ein Verschwender, der ständig Schulden machte und Betreibungen erhielt. Meine Mutter war vernünftig, ein Genie im Sparen. Sie hielt uns mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, servierte, kochte für andere, es fehlte mir an nichts. Wie sie mich unter schwierigen Umständen aufbaute, war eine enorme Leistung. Ich durfte im Haushalt nichts anrühren. Sie erzog mich dazu, nie Hausfrau zu werden. Erst im Ruhestand, mit meinem zweiten Mann, wurde ich eine, wenn auch eine schlechte. Aber ich spürte stets eine starke Verbindung zu Familienfrauen, hatte jede Menge Tanten mütterlicherseits, die mit wenigen Mitteln ein gemütliches Heim schufen und feines Essen auf den Tisch brachten. Sie nahm ich mir zum Vorbild, wenn ich meine Texte schrieb. Bis heute habe ich eine riesige Achtung vor solchen Leistungen. Ich würde sofort einen Auftrag annehmen, die Stellung und das Selbstbewusstsein der nicht arbeitstätigen Hausfrau zu stärken.Seit einigen Jahren gibt es in der Werbebranche ein Programm gegen die stereotype Darstellung der Geschlechter: das Gisler-Protokoll. Es ist nach Ihnen benannt.Es ist eine grosse Ehre für mich, dass diese jungen Werberinnen mich offenbar als Pionierin in ihrer Sache sehen.Werbung hat bis heute eine starke Hebelwirkung, was Rollenbilder betrifft.Das habe ich an der Werbung auch immer so geliebt: Sie bewirkt etwas.Die Reklame zementierte allerdings über Jahrzehnte das Bild der idealen Hausfrau. Hätten Sie da nicht schon damals mehr gegensteuern können?Das war nicht meine Aufgabe, so waren nun einmal die Verhältnisse. Und ich glaube nicht, die Hausfrau jemals dumm dargestellt zu haben.Wie wohl fühlten Sie sich als meist einzige Frau am Tisch mit Geschäftsherren?Ich liebte das sogar, fand es lustig, in der Minderzahl zu sein. Das war mir sehr vertraut, und ich hatte Männer immer gerne gehabt. Denn in unserer Familie waren sie alle wahnsinnig nett, nicht nur meine 24 Cousins. So sah ich Männer nie als Feinde an und finde es grauenhaft, was für ein negatives Bild heute vom Mann im Allgemeinen gezeichnet wird.Doris Gisler Truog in jüngeren Jahren vor Gemälden, die ihre Töchter zeigen.privatWas war die einschneidendste gesellschaftliche Veränderung, die Sie miterlebt haben?Das Frauenstimmrecht. Das war viel mehr als die politische Mitbestimmung auf dem Papier, es hat das Lebensgefühl total verändert: Die Frau gehörte nicht mehr dem Geschlecht an, das weniger Rechte hat. Wir wurden zum Beispiel auf Ämtern oder Banken plötzlich völlig anders behandelt.Sie haben diese Veränderung nicht nur miterlebt, sondern auch mitgeprägt: Ihre Kampagne trug massgeblich zum Abstimmungserfolg von 1971 bei. Sie wird im Nachhinein gern als Charmeoffensive bezeichnet.Die Kampagne hatte Charme, aber sie war nicht nur Schmeichelei, wie oft behauptet wird. Wie bei der Milch warben wir mit Fakten, gepaart mit Liebenswürdigkeit. Das wäre noch heute mein Motto. Liebenswürdigkeit gehört zu guter Werbung, die auf Menschen eingeht, sie ernst nimmt und achtet. Aber die in den Texten zur Kampagne gelieferten Tatsachen waren entscheidend für den Erfolg. So wies ich zum Beispiel nach, dass über die Hälfte der Frauen allein lebte, und setzte daneben den Slogan: «Liebe Männer, seid nicht so romantisch.» Selbst wohlwollende Männer fanden damals, was wir denn in der Politik wollten, das übernähmen doch sie in der Familie.Vorentscheidend war der Gewinn der kommunalen Abstimmung 1969 in Zürich, wo das Frauenstimmrecht drei Jahre zuvor noch abgelehnt worden war. War die Zeit da noch nicht reif gewesen?Doch, aber die Kampagne war scheusslich. Ich sagte damals laut, mit einer besseren wäre es zu gewinnen gewesen. Stapi Landolt hörte das, rief mich drei Jahre später an und fragte, ob ich jetzt zeigen könne, wie man es richtig macht. Ich richtete mich an die Unentschiedenen, nicht an die Gegner. Sturen Böcken kann man nicht helfen. Viele behaupteten, die Kinder würden vernachlässigt, wenn die Frauen stimmen gingen. Und es waren auch unglaublich viele Frauen dagegen.Noch 1959 stellte die Juristin Verena Keller in einem langen Gastbeitrag auf der Front der NZZ ernsthaft infrage, dass «die Übertragung der politischen Rechte an die Frau ihrem Wesen entspreche», und behauptete, die Gleichstellung bedeute «in ihrem Extrem geradezu die Vergewaltigung der eigentlichen Natur der Frau». Was sagen Sie jungen Frauen, die heute klagen, die Gleichberechtigung sei noch immer nicht erreicht?Man könnte sagen, sie ist im politischen Alltag erst erreicht, wenn auch die dummen Frauen gewählt werden, nicht nur die dummen Männer. Frei nach Stapi Landolt, laut dem auch die Dummen im Parlament vertreten sein sollten. Im Ernst: Die rechtlichen Grundlagen sind geschaffen. Es liegt nun an jeder einzelnen Frau, sich für die Durchsetzung starkzumachen. Was das Berufsleben betrifft, ist zu bedenken: Auch längst nicht jeder Mann macht grosse Karriere, und ein gelungenes Leben hängt von ganz anderen Faktoren ab.Frauen verdienen im Schnitt hierzulande immer noch weniger als Männer.Nicht in der Werbung. Da ist die Leistung gut messbar. Und richtig gut zu sein, wird honoriert.Welchen Preis mussten Sie persönlich für Ihre Karriere bezahlen?Ich hatte wenig Zeit für meine beiden Töchter und musste sie durch meine Mutter und ein Kindermädchen betreuen lassen. Auch für persönliche Liebhabereien blieb wenig Zeit. Der grosse Luxus aber, dem ich mein Leben lang frönte, war Designermode, dank Beziehungen erhielt ich manches davon günstiger: Dior, Balenciaga, Ungaro, später Christa de Carouge. Es geht dabei nicht nur um die Freude am Schönen. Es gab und gibt mir Selbstsicherheit, bis heute. Ich dachte immer, ich nehme einfach ein paar schwarze Sachen mit ins Altersheim. Aber ich sehe, dass ich noch immer gerne schöne Kleider habe.«Das hohe Alter ist ein Geschenk, für das ich dankbar bin.»Noëlle GuidonLegendär ist Ihre Liebe zu Hüten. Diese zwingen zu guter Haltung, wie Sie einmal sagten. Inwiefern?Man hält den Kopf gerade und fühlt sich schöner.Ebenfalls von Ihnen stammt die Aussage, stolz darauf zu sein, auch in schwierigen Situationen immer Haltung bewahrt zu haben. Können Sie ein Beispiel geben?Zwei, drei Tage nach dem Tod meines ersten Mannes, er war noch nicht beerdigt, versammelte ich die ganze Belegschaft unserer Firma und hielt eine Rede, dass und wie es weitergehe. Es war eine enorme Unruhe entstanden, die Konkurrenz versuchte schon einige von uns abzuwerben. Ich konnte die Tränen nur knapp zurückhalten, aber offenbar brachte ich meine Botschaften rüber.Ihr Mann hatte stets gesagt, nur Sie könnten die Firma führen, wenn ihm etwas zustosse. Das übernahmen Sie dann auch und machten sie zur grössten Agentur im Land.Zu unseren besten Zeiten hatten wir hundert Mitarbeitende, mit vielen bin ich bis heute befreundet, wir treffen uns regelmässig. Vor etwa zehn Jahren organisierten sie ein riesiges Ehemaligenfest, von 300 Eingeladenen kamen 200, natürlich auch ich.Macht KI die Werbeleute bald überflüssig?Ach, ich habe schon viele technische Revolutionen erlebt. Wir waren in den sechziger Jahren die landesweit erste Agentur mit einem Computer, er füllte einen ganzen Raum und kostete 800 000 Franken. Das half uns, endlich etwas besser organisiert zu sein. Mit KI habe ich auch schon experimentiert, sie hat einen Brief für mich verfasst. Erstaunlich. Aber ich schreibe immer noch besser. Für echte Kreativität wird es immer einen Platz geben.Ein hellwacher Geist bis ins hohe Alter – verraten Sie uns noch Ihr Geheimrezept dafür?Da gibt es kein Geheimnis, es ist Glückssache. Auch was das Körperliche betrifft. Natürlich hatte ich auch meinen Teil an Krankheiten und Operationen, aber ich halte mich gern an die englische Gepflogenheit: «Da­rüber spricht man nicht!» Mit achtzig merkte ich jedenfalls gar nicht, dass ich alt bin. Und jetzt sind es nur wenige Beschwerden. Das hohe Alter ist ein Geschenk, für das ich dankbar bin.Sie haben nichts dafür gemacht, kein Yoga, kein Schattenboxen, keine Abstinenzen?Nichts von allem. Als wir am See wohnten, schwamm ich jeden Tag darin. Darüber hinaus: gut gelebt, regelmässig in die Sauna und Knoblauch gegessen.Knoblauch?Jeden Morgen, mit einem Löffel Olivenöl, dann rutscht es besser.Hat man dann nicht den ganzen Tag eine Chnoblifahne?Die verfliegt – hoffe ich.Was braucht es, um über Jahrzehnte hinweg die Urteilskraft nicht zu verlieren?Zeiten des Alleinseins und des Nachdenkens.Umso schöner, dass Sie für dieses Gespräch in drei Etappen zur Verfügung stehen!Sehr gerne. Eigentlich gebe ich keine Interviews mehr, ich habe das Gefühl, es sei alles gesagt. Aber bei Ihnen mache ich eine Ausnahme. Und Ihre Fragen haben mich gezwungen, über vieles nachzudenken, worüber ich früher wohl einfach hinwegging – das war eine gute Erfahrung. Und ich hatte in den letzten Monaten ohnehin viel Zeit, um nachzudenken, wobei mir vieles bewusst geworden ist.Ursprünglich war dieses Interview vor einem Jahr geplant. Dann starb Ihr zweiter Mann, mit dem Sie mehr als die Hälfte Ihres Lebens geteilt hatten und kurz zuvor ins Tertianum gezogen waren. Nach diesem Tod brauchten Sie Zeit und nahmen sie sich.Wir hatten 52 wunderbare Jahre zusammen, waren bis zuletzt dankbar für jeden gemeinsamen Tag. Ich habe noch immer tägliche Trauerphasen und weiss, dass die jetzt zu meinem Leben gehören. Es gibt aber auch zunehmend wieder viele schöne Momente.Kam bei diesem Verlust auch jener Ihres ersten Mannes hoch, den vor 55 Jahren ein Autounfall aus dem Leben riss?Die Trauer über diesen ersten Verlust ist nie vergangen, sie kommt immer wieder einmal hoch.Sie haben ein Alter erreicht, in dem fast alle Weggefährten gegangen sind.Das gehört zum Schwierigsten: die vielen Menschen, die einem fehlen. Mein ältester Cousin ist soeben ebenfalls gestorben, mit 101 Jahren. Jetzt bin ich die Älteste in der Sippe.Was haben Sie in Ihrem langen Leben über die Liebe gelernt?Dass sie das Wichtigste ist: die Liebe zum Leben, die Liebe zu den Menschen und die Liebe zu sich selbst.Und was ist der Sinn des Lebens?Darüber habe ich mir einige Gedanken gemacht, bin aber auf nichts Originelleres gekommen als das: Der Sinn ist, dass man dieses Leben lebt. Angesichts der verschwenderischen Natur glaube ich nicht an ein Leben nach dem Tod. Auch diesbezüglich ist mir der katholische Glaube abhandengekommen, der mir als Kind enormen Halt gab. Später konnte ich nicht mehr an den bärtigen Mann glauben, der es gern hat, wenn man ihm ein Liedli singt, ihn lobt und preist. Ich zahlte lange noch Kirchensteuer, weil die Kirche viel für die Gesellschaft tut. Aber als der Papst in den sechziger Jahren einmal mehr die Empfängnisverhütung verbot, hatte ich genug und trat aus.Wenn Sie morgen eine ganzseitige Anzeige in der «NZZ am Sonntag» schalten könnten, mit einem einzigen Satz, der an die Schweiz gerichtet ist: Was stünde darin?«Zeigt mehr Stolz und mehr Mut!»Sie hatte in ihrem langen Leben drei Hunde und 27 Büsi: Doris Gisler Truog als jüngere Katzenmutter.privat