«Zwischen Nahtod und Euphorie»: Das Fintech-Startup Ellexx wehrt sich gegen UntergangsgerüchteDie Firma um CEO Patrizia Laeri will Frauen zum Investieren animieren und damit Geld verdienen. Der grosse Durchbruch lässt auf sich warten. Doch die Gründerinnen sagen, die Profitabilität sei in Sichtweite.20.06.2026, 21.45 Uhr4 LeseminutenDie Ellexx-Gründerinnen Nadine Jürgensen (links), Patrizia Laeri (Mitte) und Simone Züger (rechts).Mirjam Kluka / NZZAS – BildWer das Büro von Ellexx im Zürcher Seefeld betritt, blickt in einen grossen Spiegel mit der Aufschrift: «I’m an investor.» Bei dem Fintech-Startup dreht sich alles ums Investieren – genauer gesagt um Investorinnen. Das Unternehmen will die finanzielle Gleichstellung und Unabhängigkeit von Frauen fördern. «Close the gaps» lautet das Motto, das finanzielle Lücken im Leben von Frauen schliessen soll.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Wir sind überzeugt, dass Female Finance ein enormes Potenzial besitzt», sagt die ehemalige SRF-Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri, CEO und Mitgründerin zur «NZZ am Sonntag». Frauen verfügten weltweit über ein geschätztes Vermögen von rund 60 Billionen Dollar. Ein grosser Teil dieses Geldes liege jedoch brach. «Banken tun sich seit Jahren schwer, Frauen zum Investieren zu bewegen», sagt Laeri. Weibliche Anlegerinnen tickten anders als Männer, legten mehr Wert auf Nachhaltigkeit und soziale Aspekte. Ellexx will sie gezielter ansprechen – und damit Geld verdienen.Das ist anspruchsvoller als gedacht. Ellexx ist das Aushängeschild der Schweizer Female-Finance-Bewegung, verdient aber noch kaum Geld. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen 500 000 Franken Umsatz. Der kumulierte Bilanzverlust belief sich Ende 2025 auf 4,3 Millionen Franken, wie «Inside Paradeplatz» diese Woche berichtete. «Laeri vor Aus?», fragte das Finanzportal.Laeri: «Die Profitabilität ist in Sichtweite»Ellexx und Laeri sehen sich als Opfer einer jahrelangen Negativkampagne von «Inside Paradeplatz». 2022 urteilte ein Gericht, dass die Berichterstattung teilweise sexistisch war. Das Portal von Lukas Hässig musste 2500 Franken an eine Frauenorganisation spenden, nachdem Laeri in einem Artikel als «Seite-3-Girl» bezeichnet worden war.Der Schuldenberg ist indes real. Die Gründerinnen bestreiten die Zahlen nicht. Laeri weist aber darauf hin, dass in den ersten Jahren kaum ein Fintech profitabel sei und 90 Prozent der Startups nach fünf Jahren bereits wieder verschwunden seien. Man sei stolz, noch am Markt zu sein. Zugleich räumt sie ein, dass die Finanzierung eine dauernde Herausforderung bleibe: «Als Gründerin pendelt man zwischen Nahtod und Euphorie.»Die Verluste erklärt Laeri mit hohen Investitionen in die IT-Infrastruktur, insbesondere in die App. Diese sei entwickelt, die Kosten dürften nun sinken. Im Unterschied zu vielen Fintechs generiere Ellexx bereits laufende Einnahmen. «Die Profitabilität ist in Sichtweite.»Mehrere StandbeineEllexx erzielt den grössten Teil seiner Einnahmen mit Mitgliedschaften. Mitglieder zahlen je nach Abo 19 Franken pro Monat für Beratungs- und Schulungsangebote. Seit Dezember können Nutzerinnen über die App direkt in börsengehandelte Indexfonds (ETF) und andere Anlageprodukte investieren. «Das bildet den Kern unseres künftigen Wachstums», sagt Laeri.In den vergangenen fünf Jahren habe man «eine einzigartige Community» aufgebaut und erreiche über Linkedin, Instagram und Newsletter mehr als 90 000 Frauen. Nun hofft das Unternehmen, diese Reichweite zu Geld zu machen. Laut der Mitgründerin Nadine Jürgensen, heute Verwaltungsratspräsidentin, sei dies in den ersten Monaten gelungen: «Nach sieben Monaten investieren bereits mehr als 1000 Frauen via Ellexx in ETF – andere Fintech-Unternehmen brauchten für diese Zahl deutlich länger», sagt die Juristin und ehemalige NZZ-Journalistin.Jürgensen erwartet, dass der Umsatz nächstes oder übernächstes Jahr die Millionengrenze erreicht. Prognosen könnten sich jedoch rasch ändern, etwa bei zusätzlichem Kapital und Investitionen.Das Fintech-Unternehmen Ellexx schreibt fünf Jahre nach der Gründung noch immer rote Zahlen – ist aber noch da.ellexx universe AGDeutlich tiefere WachstumszieleDas Umsatzziel wirkt bescheiden, vor allem gemessen an den ehrgeizigen Versprechen, mit denen Ellexx 2023 im Rahmen eines Crowdinvesting an die Öffentlichkeit trat. Damals stellte das Unternehmen bis 2026 einen Umsatz von 25 Millionen Franken in Aussicht – ein Ziel, das nicht einmal annähernd erreicht werden wird und den Gründerinnen immer wieder vorgehalten wird.Jürgensen erklärt die Diskrepanz mit fehlenden Finanzmitteln: Statt der geplanten fünf Millionen Franken für App-Entwicklung und Expansion nach Deutschland und Österreich flossen lediglich 1,4 Millionen. Das Startup musste seine Ziele zurückschrauben. «Wir blieben in der Schweiz und verschoben die Entwicklung des Investment-Bereichs nach hinten.» Dies habe man den Investorinnen und Investoren wenige Monate nach dem Crowdinvesting auch mitgeteilt.Zusätzliches Geld von Investoren dürfte es zurzeit kaum geben. Daten aus dem jüngsten Swiss Venture Capital Report zeigen, dass sich das Umfeld für Fintech-Unternehmen in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Sektoren spürbar verschlechtert hat. «Das investierte Kapital lag klar unter dem durchschnittlichen Wachstum über alle Sektoren hinweg», sagt Michelle Tschumi, Leiterin Startup Finance bei der Zürcher Kantonalbank. Zudem beliefen sich die Investitionen nur noch auf einen Bruchteil der Volumen aus den Vorjahren.«Es braucht nicht beliebig viele Neobanks»Thomas Dübendorfer, Präsident und Gründer des Swiss Angel Investor Club Sictic, verweist auf den intensiven Wettbewerb durch etablierte Plattformen und günstige Neobanken. Es sei schwierig, mit frauenspezifischen Angeboten für kleinere Anlagebeträge eine breite Zielgruppe zu erreichen. «Nach dem Flop der Digitalbank Radicant hat sich gezeigt, dass es nicht beliebig viele Neobanken braucht und nur günstige Gebühren allein nicht reichen.»Den Gründerinnen rechnet Dübendorfer ihren Durchhaltewillen an – ebenso die Versuche, die eigene Community zu aktivieren. «Ob sie es schaffen werden, hängt stark davon ab, ob Frauen ein solches Angebot überhaupt suchen und ihnen auch dann noch loyal zur Seite stehen, wenn ihre Hausbank ähnliche Produkte zu günstigen Preisen anbietet.»Die Gründerinnen zeigen sich überzeugt und verweisen auf wachsende Aufmerksamkeit für das Thema. «Vor fünf Jahren investierten 18 Prozent der Schweizer Frauen, heute sind es 30 Prozent», sagt Laeri. Jürgensen ergänzt, die Finanzierung sei bis mindestens Mai 2027 gesichert. Geduld bleibe jedoch zentral.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel