Jeden Tag eine gute Tat. Das Pfadfindermotto nahm sich Thorsten Stoesser zu Herzen, damals am Georgia Institut für Technologie in Atlanta tätig. Ob es eine Möglichkeit gäbe, ein entlegenes Camp mit Strom zu versorgen, fragte ihn eine Girls-Scout-Gruppe. Auf der Halbinsel am Atlantik erkannte der Experte für Fluiddynamik eine Wasserrinne als verlässliche Energiequelle. Und so entstand der Prototyp eines Kleinkraftwerks auf Basis zwei parallel angeordneter Darrieus-Rotoren. Die Blätter eines solchen Rotors arbeiten mit einer vertikalen Achse, ihre Form ähnelt denen einer Flugzeugtragfläche. Das Prinzip kommt auch in experimentellen Kleinwindanlagen zum Einsatz.Das Minikraftwerk, das wenige Kilowatt Leistung lieferte, wäre ohne Emily Morris vermutlich ein Einzelstück geblieben, sie stieß im Internet zufällig auf die Erfindung. Gemeinsam mit ihr entwickelte Stoesser die Idee zu einem modularen Kleinwasserkraftwerk weiter. Es soll sich für Kanäle mit Breiten von wenigen Metern eignen, in denen beispielsweise Trinkwasser transportiert wird. Aufgrund des geringen Gefälles ist die kinetische Energie des Wassers in solchen Kanälen normalerweise für eine kommerzielle Nutzung zu gering. Hinzu kommt, dass für ein Kraftwerk, das nur wenige Kilowatt Leistung aufweist, eine individuelle Bauplanung nicht wirtschaftlich ist.Alle 300 Meter ein MinikraftwerkSo entwickelten und patentierten Morris und Stoesser ein Fertigmodul, das komplett montiert per Lastwagen angeliefert und in den Kanal eingesetzt werden kann. Die geringe Strömung wird durch eine anpassbare Verengung vor den Turbinen nach dem Venturi-Prinzip beschleunigt. Abhängig von Größe und Durchfluss erzeugt das Kanalkraftwerk 5 bis 25 Kilowatt elektrische Leistung. Alle 300 Meter könne man eine Anlage einbauen, erläutert Stoesser, der Abstand sei notwendig, damit das sich hinter der Turbine stauende Wasser wieder seine ursprüngliche Fließgeschwindigkeit erreicht.Für Europa, wo offene Kanäle selten sind und Bäche nicht einbetoniert werden sollen, eignet sich eine solche Form der Energiegewinnung kaum, das gibt auch der Erfinder zu. Märkte sieht er eher in China oder den Vereinigten Staaten mit Kanälen von mehreren Hundert Kilometern Länge. Auch ein erstes Projekt in Thailand werde demnächst starten. Doch wie das mit Erfindern häufig so ist, am immer Gleichen haben sie wenig Freude. Zwar hält Stoesser noch einen geringen Anteil an Emrgy, dem Hersteller der Turbinen, doch sein Interesse gilt einer besseren Nutzung der Meeresenergie.Strom auch aus den GezeitenMittlerweile am University College London lehrend, beschäftigt Stoesser sich nun mit den Gezeiten. Er will den Tidehub der Themse nutzen, um Strom zu erzeugen. Erste Gespräche mit der Hafengesellschaft Port of London, die klimaneutral werden will, gäbe es bereits. Die technischen Schwierigkeiten, vor denen Gezeitenkraftwerke stehen, sind nicht unerheblich, aber einen klaren Vorteil hätten sie gegenüber Solar- und Windkraftanlagen: Das Wetter nähme keinen Einfluss auf die Stromproduktion. Fast keinen, muss man einschränken, weil starker Wind über offenem Wasser zu Wellenbildung führt, der das Gerät standhalten muss. Korrosion durch einströmendes Salzwasser sieht Stoesser hingegen nicht als Problem, das sei beherrschbar.Noch ist das Zukunftsmusik. Für das bereits funktionierende Kanalkraftwerk hat das Europäische Patentamt Thorsten Stoesser gemeinsam mit Emily Morris für den Erfinderpreis 2026 nominiert.
Wie kleine Wasserkraftwerke wirtschaftlich werden
Allzeit bereit ist die Wasserkraft. Doch in kleinen Kanälen ist sie bislang wirtschaftlich nicht zu nutzen. Ein deutscher Erfinder und eine amerikanische Unternehmerin wollen das ändern.









