PfadnavigationHomeRegionalesHamburgBlitzer-Offensive„Motorisierte Mobilität ist des Deutschen heilige Kuh“Von Denis FenglerRedakteur WELT/WELT AM SONNTAG HamburgStand: 14:21 UhrLesedauer: 8 MinutenAutonome Autos machten den Verkehr noch komplexer, sagt Thomas Model, Leiter der Verkehrsdirektion der Hamburger PolizeiQuelle: Bertold FabriciusHamburgs oberster Verkehrspolizist Thomas Model rechnet mit der Streitkultur auf den Straßen ab: Fehler würden kaum noch verziehen, stattdessen werde gepöbelt. Jetzt rüstet die Polizei massiv auf.Auf Hamburgs Straßen wird nicht nur gefahren, gebremst und gehupt. Dort wird auch verhandelt, wem die Stadt gehört. Dem Auto, das viel Raum beansprucht. Dem Radfahrer, der sich gefährdet fühlt und auch mal selbst gefährdet. Dem Fußgänger, der zwischen Lieferverkehr, E-Scootern und Baustellen seinen Weg sucht. Thomas Model beobachtet diesen Kleinkrieg aus professioneller Nähe. Als Chef der Verkehrsdirektion der Hamburger Polizei sieht er, wie eng es geworden ist – räumlich und mental. Er erlebt hautnah eine Verkehrskultur, in der Fehler kaum noch verziehen werden. Seine Botschaft: Ohne mehr Rücksicht wird Hamburgs Mobilität nicht funktionieren.WELT AM SONNTAG: Herr Model, die Polizei hat angekündigt, Tempoverstöße stärker zu kontrollieren. Gleichzeitig hieß es, das Geschwindigkeitsniveau sei gesunken. Ist das kein Widerspruch?Thomas Model: Wir gehen davon aus, dass das Geschwindigkeitsniveau langfristig stagnieren wird, was unter anderem mit der Zunahme an autonom und teilautonom fahrenden Fahrzeugen zu tun hat. Diese Fahrzeuge halten sich überwiegend an die vorgegebenen Geschwindigkeiten. Und das hat einen Effekt auf alle anderen. Allerdings ist zu hohe Geschwindigkeit noch immer Unfallursache Nummer eins. 2025 gab es mehr als 7500 Unfälle mit Verletzten und Toten. Davon wurden knapp 15 Prozent durch zu hohe Geschwindigkeit verursacht. Wenn wir das Ziel Vision Zero erreichen wollen, müssen wir noch stärker als bisher die Hauptunfallursachen angehen. Wir wollen aber nicht nur mehr Tempo messen, sondern auch anderes Fehlverhalten stärker kontrollieren. Etwa, ob jemand während der Fahrt das Handy bedient oder fährt, obwohl bereits Rot war. Lesen Sie auchWamS: Lassen Sie uns zunächst bei den Geschwindigkeitskontrollen bleiben. Wie viele Blitzer nutzt die Polizei aktuell? Und wo wollen Sie aufrüsten?Model: Wir betreiben 21 mobile Überwachungsanlagen und neun Überwachungskraftwagen, außerdem 40 Säulen, die wir mit 49 Kameraanlagen betreiben. Diese Zahl ergibt sich, weil in einigen Säulen zwei Anlagen verbaut sind, die in unterschiedliche Richtungen messen. Wir wollen überall aufrüsten, insbesondere aber fünf zusätzliche Überwachungskraftwagen anschaffen. Mit ihnen können wir die Standorte flexibel wechseln. Das ist wichtig, weil immer mehr Menschen verbotenerweise Blitzer-Apps nutzen. Wir merken, dass die Standorte nicht selten eine Stunde nach dem Aufstellen bekannt sind. Wir wollen mit den Geräten flexibler umgehen. Ein Beispiel: Wir werden mehr Blitzsäulen aufstellen. Die werden aber nicht immer eine Kamera in sich tragen. Einige Säulen sind bestückt, andere nicht. Leersäulen erzeugen ja auch eine Wirkung. Feste Säulen werden auf jeden Fall auf die baufällige Norderelbbrücke kommen. Aktuell stehen dort mobile Anlagen. Für die Haltbarkeit der Brücke muss das Tempo dort niedrig bleiben. Die neuen Säulen erfassen sogar auch Abstandsverstöße.WamS: Sie wollen auch anderes Fehlverhalten kontrollieren, etwa Handyverstöße oder ob jemand angeschnallt ist. Wie können Sie das kontrollieren?Model: Ich gehe davon aus, dass wir ein großes Dunkelfeld an unerlaubten Handynutzungen im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen haben. Bislang erfolgt die Kontrolle durch eigene Feststellungen meiner Kolleginnen und Kollegen. Mittlerweile gibt es hierfür aber ebenfalls Kamerasysteme. Bekannt sind sie unter dem Stichwort MonoCam. Allerdings ist das nur ein Anbieter. Die Geräte werden an Brücken oder Tunneleinfahrten installiert und filmen von oben in die Fahrzeuge hinein. Rheinland-Pfalz nutzt solche Geräte als erstes Bundesland. Dafür musste auch dort das Polizeigesetz geändert werden, weil es einen Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht darstellt. In Hamburg arbeiten wir aktuell an einer entsprechenden Änderung. Sie wird gerade mit dem Datenschutzbeauftragten abgestimmt. Wenn wir die gesetzliche Regelung haben, werden diese Geräte angeschafft.Lesen Sie auchWamS: Nutzen Sie auch Drohnen zur Tempoüberwachung?Model: Nein, aber um Rotlicht- oder Abstandsverstöße zu dokumentieren oder um komplexe Unfallgeschehen aufzunehmen. Unsere Drohnen haben sich sehr bewährt und sind bereits fest im Einsatzalltag angekommen. Die rechtlichen und einsatztaktischen Möglichkeiten sind jedoch längst nicht ausgeschöpft. WamS: Sie sagten, dass autonom oder halbautonom fahrende Fahrzeuge das Geschwindigkeitsniveau senken werden. Noch gibt es davon nicht viele.Model: Nein, so viele sind es noch nicht, die Entwicklung in Hamburg ist im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten aber richtungsweisend. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass moderne Autos bereits zahlreiche Assistenzsysteme enthalten, etwa Abstandsregeltempomaten, bekannt als Adaptive Cruise Control. Sie sorgen dann auch dafür, dass Tempo und Abstände eingehalten werden. Alle, die dahinterfahren, werden auf dasselbe Niveau ‚gezwungen‘. Das merkt man in der Stadt und auf den Autobahnen. Man muss aber auch sagen, dass das nicht nur Vorteile bringt, sondern den Verkehr noch komplexer macht.Lesen Sie auchWamS: Wie meinen Sie das?Model: Solche intelligent gesteuerten Fahrzeuge bilden so etwas wie eine weitere Fahrzeuggattung, neben menschlich gesteuerten Fahrzeugen. Sie haben ein ganz eigenes Fahrverhalten. Technische Steuerung trifft auf menschliche Steuerung. Zudem wird der Verkehrsraum immer voller: Es gibt mehr Fahrräder, mehr Pedelecs, mehr E-Scooter, und auch die Zahl der Kfz-Zulassungen ist weiter gestiegen. Die Aufteilung des bestehenden Verkehrsraumes ist in diesem Kontext eine große Herausforderung. Es gibt nur einen Ausweg: Wir alle müssen unser Verkehrsverhalten ändern. Mehr Rücksicht ist gefordert. Neben den Anstrengungen der Behörden und Institutionen ist das essenziell.WamS: Ich bezweifle, dass die Menschen dazu bereit sind.Model: Kaum ein Thema polarisiert so. Um es einmal platt zu formulieren: Motorisierte Mobilität ist des Deutschen heilige Kuh. Leider stellen wir immer wieder fest: Fehler werden oft nicht toleriert, stattdessen wird sofort gepöbelt. Wir arbeiten daran, dieses Gegeneinander aufzubrechen. Das fängt bei der Verkehrserziehung in den Schulen an, bei der wir Rücksichtnahme vermitteln. Das geht weiter bei unseren Kontrollen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im Zuge unserer Kampagne „Mobil. Aber sicher!“ gehen wir auf Fahrradfahrer zu und weisen sie darauf hin, wie gefährlich es ist, wenn sie bei Rot fahren oder in unübersichtlichen Situationen überholen. Wir versuchen, sie über einen Perspektivwechsel zu sensibilisieren. Außerdem wollen wir ein Instrument nutzen, das seit Jahren in der Straßenverkehrsordnung verankert ist, aber nie wirklich angewandt wurde. Verkehrsteilnehmern, die sich ordnungswidrig verhalten oder die eine Verkehrsstraftat begangen haben, kann Verkehrsunterricht auferlegt werden. Ich finde das einen guten Weg, der Einsicht in eigenes Fehlverhalten erzeugen kann und so zur Unfallprävention beiträgt.Lesen Sie auchWamS: Autos beanspruchen den meisten Platz im Verkehrsgefüge. Ihre Zahl steigt sogar, obwohl Fahren immer teurer wird. Gibt es nicht einfach zu viele Autos in der Stadt?Model: Ja, die gibt es. Aber wir sind in einer Phase des Wandels. Das Auto wird irgendwann nicht mehr Verkehrsmittel Nummer eins sein, und damit werden sich auch die Einstellungen der Menschen verändern. Man unterstellt uns immer wieder, wir seien Teil der Autofahrerlobby und gegen Radfahrer. Das ist Unsinn. Aber wir als Polizei müssen im Ist leben. Ich kann die Autos nicht wegzaubern. Wir müssen den Verkehr in seiner aktuellen Konstellation so lenken, dass möglichst keine Unfälle passieren.WamS: Sind Sie für flächendeckendes Tempo 30?Model: Nein. Aber es gibt viele Bereiche, in denen Tempo 30 gut wäre. In einer schmalen Straße, in der Fahrräder, Pedelecs und E-Scooter fahren und sich noch eine Busspur befindet, können Autos nicht mit Tempo 50 fahren. Lesen Sie auchWamS: Im Gegensatz zum Verkehrssenator setzen Sie auf farbliche Markierungen statt auf bauliche Trennungen, um Radfahrer zu schützen. Warum?Model: Bauliche Trennungen müssen geeignet sein und sie benötigen Platz. Dort, wo der Verkehrsraum die Trennungen nicht zulässt, sind für alle verständliche farbliche Markierungen die bessere Alternative.WamS: Immer weniger Menschen machen einen Führerschein. Damit kennen viele die Verkehrsregeln nicht.Model: Das ist ein Problem. Hinzu kommt, dass wir bei Kontrollen regelmäßig feststellen, dass eine nennenswerte Anzahl an Autofahrern keine Fahrerlaubnis hat. Diese Aspekte haben unmittelbare Auswirkungen auf das Verhalten im Straßenverkehr und beeinflussen die Sicherheit. Lesen Sie auchWamS: Noch einmal zurück zum Anfang. Sie wollen für mehr Sicherheit mehr blitzen. Einnahmen aus Verkehrsverstößen stellen aber auch einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung des Stadthaushalts dar. Viele halten solche Maßnahmen für Abzocke.Model: Kontrollen sind keine Abzocke. Wer zu schnell fährt, erzeugt ein Risiko. Wenn Geschwindigkeit die Hauptunfallursache ist, dann ist es unsere Pflicht, dort weiterhin viel zu tun. Letztendlich dienen unsere Kontrollen aber auch dazu, Entwicklungen zu erkennen, abzubilden und unsere Maßnahmen an diesen Erkenntnissen auszurichten.WamS: Beamte in den Polizeikommissariaten wurden extra noch einmal aufgefordert, auf Streifengängen eine bestimmte Anzahl an Verkehrsordnungswidrigkeiten zu dokumentieren.Model: Es besteht grundsätzlich die Erwartung, dass sich Polizistinnen und Polizisten in Hamburg auch verstärkt um die Überwachung des fließenden Verkehrs kümmern. Fakt ist doch, dass immer, wenn sich jemand falsch verhält, dies Unsicherheiten bei Dritten auslöst und auch eine gewisse Erwartungshaltung an die Polizei beinhaltet. Dieser gerecht zu werden und Unsicherheiten und damit auch Ursachen für Verkehrsunfälle aufzulösen, ist doch eine unserer wichtigsten Aufgaben im Straßenverkehr. Deshalb möchte ich nicht, dass die Polizei einfach vorbeifährt, wenn jemand vielleicht nur falsch parkt. Wir müssen in die Offensive gehen und aufzeigen, dass das nicht in Ordnung ist. Das ist auch ein Schritt hin zu mehr Lebensgefühl in dieser Stadt.Denis Fengler berichtet als Redakteur für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg über Themen der inneren Sicherheit und spannende Kriminalfälle.