Der kürzlich vorgelegte Reformentwurf zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) hat die Aufmerksamkeit wieder einmal auf die prekären Beschäftigungsverhältnisse im deutschen Wissenschaftssystem gelenkt. Doch während über Befristungsregeln, Qualifikationsphasen und Planbarkeit gestritten wird, bleibt eine Gruppe auffällig unsichtbar: die Privatdozentinnen und Privatdozenten (PD), also habilitierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Lehrbefugnis. Für sie ist es letztlich unerheblich, ob das Gesetz reformiert wird oder nicht. Denn viele von ihnen haben die im Gesetz vorgesehenen Höchstbefristungsgrenzen längst überschritten – sie sind, zugespitzt formuliert, akademisch „zu alt“ für die Schutzmechanismen, die andere betreffen. Das Gesetz greift für sie nicht. Konkret bedeutet dies: Nach Ablauf der Höchstbefristungsdauer von insgesamt zwölf Jahren, aufgeteilt in sechs Jahre vor und sechs nach der Promotion, sowie spätestens nach der Habilitation, die den letzten, ohnehin fragwürdigen Befristungsgrund darstellt, haben PD nach dem WissZeitVG faktisch Berufsverbot. Das heißt, dass sie sich nicht mehr auf befristete Stellen, die diesem Gesetz unterliegen, bewerben können. Wenige Ausnahmen stellen etwa die sehr rar gesäten Rats- und Oberratsstellen oder Vertretungsprofessuren dar – diese sind entweder auf Zeit verbeamtet, wodurch nach Ablauf der Befristung kein Anspruch auf Arbeitslosengeld I besteht, oder sie gelten als sogenannte Dienstverhältnisse eigener Art, die seitens der Arbeitgeberinnen kurzfristig wieder aufgekündigt werden können.Professurvertretungen etwa werden jedoch in der Regel nicht ausgeschrieben, sondern von den Instituten oder Fachbereichen vergeben – man kann daher lediglich hoffen, aktiv angesprochen zu werden. Wer nicht das aktuell gesuchte Profil hat oder über kein starkes Netzwerk verfügt, hat das Nachsehen und fällt durchs Raster. PD gehören zudem ausdrücklich nicht zum Mittelbau, sondern sind als eine gesonderte Statusgruppe zu verstehen, die jedoch nach wie vor unsichtbar ist.Auch haben sie keine Lobby – da sie etwa im Falle einer Professurvertretung nicht nach dem Tarifvertragsgesetz (TVG) angestellt sind, sind auch die Personalräte nicht für sie zuständig. Das Resultat: PD haben zwar Pflichten, aber keine Rechte. Ihre Lage bleibt weiterhin ungeregelt.Lehre ohne Anspruch auf VergütungDas Netzwerk #PDprekär entstand im Frühjahr 2025 aus einem wachsenden Unbehagen an diesem Zustand heraus. Es versammelt Forscher und Forscherinnen unterschiedlicher Disziplinen, die eines eint: die Erfahrung, nach der Habilitation in einer Art institutioneller Warteschleife auf unbestimmte Zeit und ohne Perspektive oder gar Garantie auf einen Verbleib im Wissenschaftssystem, das sie jahrzehntelang ausgebildet hat, festzustecken. Was zunächst wie ein Randphänomen wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als strukturelles Problem.Denn was sind PD eigentlich? In der Logik des deutschen Wissenschaftssystems stehen sie am Ende einer langen Qualifikationskette: Nach Studium und Promotion folgt die Habilitation, traditionell der höchste akademische Grad. Sie bescheinigt die Lehrbefähigung und soll den Zugang zu Professuren öffnen. Mit ihr kann der Titel Privatdozent/Privatdozentin geführt werden, ein Titel, der einen Wettbewerbsvorteil mit Blick auf Professurbewerbungen verspricht, obgleich sowohl die Habilitation als auch die Privatdozentur seit der Novelle des Hochschulrahmengesetzes 2002 rein formal keine Einstellungsvoraussetzung mehr ist – in der Praxis gelten beide jedoch weiterhin als Qualitätsmerkmal. Doch dieser Titel ist an Bedingungen geknüpft: Wer ihn behalten will, muss regelmäßig lehren – sogenannte „Titellehre“ – oft ein bis zwei Veranstaltungen pro Jahr.Der Haken: Ein Anspruch auf Vergütung besteht nicht. Zwar sind Befreiungen von der Titellehre an einigen Universitäten möglich, etwa durch Vorlage eines Nachweises einer Professurvertretung oder anderweite Lehrtätigkeiten – die Befreiung muss jedoch jedes Semester erneut beantragt werden, und die Bewilligung ist keineswegs ein Selbstläufer.Unbefristet, aber ohne GehaltSo entsteht eine paradoxe Situation. PD sind hoch qualifiziert, lehren, betreuen Dissertationen und tragen zur akademischen Selbstverwaltung bei – und tun dies nicht selten unentgeltlich. Gleichzeitig haben sie keinen Zugang mehr zu klassischen Qualifikationsstellen, weil die Fristen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes bereits ausgeschöpft sind. Professuren wiederum sind rar; die Konkurrenz ist enorm.Die Folge ist ein Zustand dauerhafter Unsicherheit, der sich über Jahre, bisweilen Jahrzehnte erstrecken kann, bis die Professur als nahezu einzige Möglichkeit der Entfristung kommt oder eben nie. In letzterem Fall steht der Großteil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Lehrbefugnis im fünften oder gar sechsten Lebensjahrzehnt vor dem Nichts. In der Regel sind sie dann auch zu alt, um noch den Einstieg in die Wirtschaft zu schaffen, da die starke Spezialisierung, aber auch die Vorurteile gegenüber Habilitierten zu groß sind. Dabei bringen sie viel Erfahrung mit.Ironisch ließe sich sagen: In einem System, das von Befristungen geprägt ist, verfügen Privatdozentinnen und Privatdozenten über eine der wenigen „unbefristeten“ Positionen – allerdings ohne Gehalt.Diese Schieflage ist nicht länger hinzunehmen. Die Forderungen des Netzwerks #PDprekär sind klar formuliert: Abschaffung der unvergüteten Titellehre; mehr Transparenz hinsichtlich der Rechte von Privatdozenten; kürzere und nachvollziehbare Berufungsverfahren; größere Flexibilität beim Übergang in außeruniversitäre Berufsfelder sowie die Anerkennung der vielfältigen Kompetenzen dieser Gruppe; die Schaffung fester, angemessen vergüteter Stellen aus Haushaltsmitteln – etwa auf W2- oder W3-Niveau; und schließlich eine bessere Grundfinanzierung der Universitäten, um solche Strukturen überhaupt zu ermöglichen.Diese Forderungen richten sich nicht nur an Hochschulen, sondern explizit auch an die Politik. Angehörige des Netzwerks haben seit Anfang 2026 mit einer mittlerweile von rund dreitausend Personen unterzeichneten Petition mehrfach alle zuständigen Landesministerien sowie entsprechende Personen auf Bundesebene angeschrieben, um auf die Problematik aufmerksam zu machen und Stellungnahmen einzufordern. Die Resonanz: Schweigen. Kein Ministerium hat bislang geantwortet – nicht einmal mit einer bloßen Anerkennung des Problems.Das ist bemerkenswert, gerade vor dem Hintergrund der intensiven politischen Debatten um die Zukunft der Wissenschaft. Die Diskussion kreist hauptsächlich um den Nachwuchs – doch was geschieht mit jenen, die den Nachwuchsstatus längst hinter sich gelassen haben, ohne je in eine stabile Position zu gelangen? Das Versprechen meritokratischer Aufstiegschancen wird so unterlaufen und ad absurdum geführt.Für viele PD jedenfalls gilt schon jetzt: Ob „Novelle“ oder nicht – an ihrer Lage ändert sich vorerst nichts. Eine Änderung ist jedoch insbesondere für diese Statusgruppe dringend vonnöten, da ein Land, das auf erfahrene und exzellente Forschende angewiesen ist, sich diese Form der Ressourcenverschwendung schlichtweg nicht leisten kann.Astrid Mignon Kirchhof ist Mitglied, Jennifer Henke ist Sprecherin des Netzwerks #PDprekär.
Lehren ohne Lohn: Privatdozenten in der Dauerwarteschleife
Privatdozentinnen und Privatdozenten haben an den Universitäten viele Pflichten, aber fast keine Rechte. Das darf nicht so bleiben.






