PfadnavigationHomeGeschichteKanzleramt in BonnWie eine rheinische SparkasseStand: 11:34 UhrLesedauer: 6 MinutenBlick auf das ehemalige Bonner Bundeskanzleramt mit der Bronze-Skulptur von Henry Moore „Large Two Forms“Quelle: Spiegl/ullstein bild; VG Bild-Kunst, Bonn 2026Die Zentrale der Regierung ab Sommer 1976 passte zur Nüchternheit der Bonner Republik. Als erster Hausherr prägte Kanzler Helmut Schmidt, wie die Öffentlichkeit den Bau wahrnahm. Ein architekturhistorischer Ortstermin.Im ehemaligen Regierungsviertel in Bonn stehen zwei wichtige Bauwerke aus der Geschichte der Bundesrepublik, die beide nur kurz für ihren eigentlichen Zweck genutzt wurden. Beide verloren ihre Funktion durch den Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin im Jahr 1999. Das eine ist Günter Behnischs neuer Plenarsaal für den Bundestag, der lediglich sieben Jahre als Sitz des deutschen Parlaments diente, heute gehört er zum World Conference Center Bonn. Das andere ist das neue Kanzleramt, das nur 23 Jahre lang als Regierungszentrale genutzt wurde (kürzer, als das aktuelle Kanzleramt im Spreebogen in Betrieb ist). Vor 50 Jahren, am 2. Juli 1976, übergab man dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt offiziell die Schlüssel zum Neubau.Weder Behnischs Plenarsaal mit der kreisrunden Sitzordnung noch der Flachbau des Bonner Kanzleramts mit seinen braunen Fassaden haben heute einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis des Landes. Dabei wurden in der damaligen Regierungszentrale historisch bedeutsame politische Fragen verhandelt, an die sich viele Bürger noch gut erinnern dürften. Hier fanden die Krisensitzungen in den Jahren des RAF-Terrors statt, hier hat man Wirtschaftskrisen gemanagt, von hier regierte 16 Jahre Helmut Kohl das Land, der am längsten amtierende Bundeskanzler, hier hat er zwei Jahre vor dem Fall der Mauer Erich Honecker zu einem Staatsbesuch empfangen, mit militärischen Ehren und beiden Nationalhymnen, und hier entstanden die Pläne für die Wiedervereinigung.Die Vorgeschichte des Gebäudes beginnt mit der Entscheidung des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer, das Palais Schaumburg im Süden Bonns zu seinem Amtssitz zu machen, ein herrschaftliches Haus mit ausgedehntem Park direkt am Rhein. 1955 wurden für die auf rund 150 Mitarbeiter angewachsene Regierungsbehörde zwei schlichte Anbauten errichtet.1969 kamen durch die sozialliberale Koalition neue Abteilungen für Bildungs-, Sozial- und Technologiepolitik hinzu. Um die auf verschiedene Standorte verteilten Mitarbeiter – inzwischen waren es 400 – in einem Gebäude vereinen zu können, beschloss das Bundeskabinett, ein neues Kanzleramt zu errichten. Das bedeutete ein doppeltes Novum: Erstmals erhielt das Bundeskanzleramt einen eigens für diese Funktion konzipierten Neubau. Und die Ausschreibung dafür war der erste Architektur-Wettbewerb des Bundes nach dem Zweiten Weltkrieg.Den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt interessierte das Projekt nicht. Er stand der zeitgenössischen Architektur skeptisch gegenüber und schätzte seine traditionell gestaltete Dienstvilla aus den späten 1930er-Jahren auf dem Venusberg. Die Planung der neuen Regierungszentrale überließ er seinem Kanzleramtsminister Horst Ehmke. Der machte sich vertraut mit den damals aktuellsten Entwicklungen im Bürobau. Er engagierte das Beratungsunternehmen „Quickborner Team“, das damals mit neuen Raumkonzepten aus der Organisationstheorie und Open-Space-Konzepten für Aufsehen sorgte.Lesen Sie auchAus dem Wettbewerb ging 1971 die „Planungsgruppe Stieldorf“ hervor, ein Architekturbüro aus der Nähe von Bonn, das bereits Erfahrungen vorweisen konnte mit dem damals angesagten modularen Bauen, bei dem die gesamte Gebäudestruktur aus standardisierten Fertigteilen besteht.Dem technizistischen Zeitgeist entsprechend beschäftigte sich damals kaum jemand mit der architektonischen Frage, wie ein repräsentatives Regierungsgebäude aussehen müsste, das auf einprägsame Weise eine demokratische Haltung zum Ausdruck bringt. Entsprechend lobte die Jury am Entwurf der „Planungsgruppe Stieldorf“, dass sich der nur dreigeschossige Flachdach-Komplex am Rande der Parklandschaft des Palais Schaumburg nicht aufdrängt, sondern geradezu wegduckt. Der Entwurf sah vier identische, parallel ausgerichtete und untereinander verbundene Gebäuderiegel vor, von denen einer leicht versetzt war: das Leitungsgebäude mit dem Arbeitszimmer des Bundeskanzlers und dem Kabinettssaal.Als das Bauwerk fünf Jahre später vor der Eröffnung der Presse präsentiert wurde, überwogen die kritischen Stimmen. Der Kunsthistoriker Heinrich Klotz schrieb in der „Frankfurter Rundschau“ von einem „Raumkäfig“ und einem „schwarzen Tripelkatafalk“. Ein Kritiker sprach von „Rechnungshof-Architektur“, ein anderer meinte, das Gebäude besitze die Ausstrahlung einer Versicherungs-Zentrale.Auch Eberhard Schulz von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der das Wettbewerbs-Modell noch gelobt hatte, zeigte sich angesichts des fertigen Bauwerks enttäuscht. Unter der Überschrift „Die stählerne Festung des Kanzleramts“ schrieb er: „Der einst zierliche Entwurf hat sich zu einem Super-Kanzler-Bungalow entwickelt. Die leichten Stahlträger sind hinter einem breiten Vorhang aus eloxiertem Aluminiumblech verschwunden, das auch im hellsten Sonnenlicht dunkel wirkt.“Anschaulich schilderte er die kahlen, standardisierten Innenräume und Flure: „Das System besteht aus gleichen Raumfolgen, gleichen Wandteilen, gleichen Fensterfassungen, gleichen Türen, gleicher Täfelung. Der Urmeter misst 1,40, ist also der Raster, durch dessen Vervielfachung alle Räume gewonnen werden. Beim Abteilungsleiter verdoppelt sich die Raumgröße, bis wir die Herzkammer der Regierung erreichen, Helmut Schmidts Arbeitszimmer, 100 Quadratmeter, an den Seiten getäfelt mit dunkler Eiche, dem Sitz eines Konzerngewaltigen sehr ähnlich.“Besonders nachhaltig wirkte das Urteil des ersten Hausherrn. Bundeskanzler Helmut Schmidt, der von sich sagte, er wäre gern Architekt geworden, befand lakonisch, dass in dem Gebäude „genauso gut eine rheinische Sparkasse residieren könnte“. Diese ablehnende Bemerkung des Regierungschefs sollte fortan immer wieder in Beiträgen auftauchen.Die Eröffnung am 2. Juli 1976 fiel in unruhige Zeiten: Der Schatten der RAF lag über dem Kanzleramt. Ein Jahr zuvor hatten Terroristen die deutsche Botschaft in Stockholm besetzt. Und während Helmut Schmidt die Schlüssel zu seinem neuen Amtssitz entgegennahm, tagte bereits ein Krisenstab, um über das Vorgehen im Fall der nach Entebbe entführten Air-France-Maschine zu beraten, in der auch zwei deutsche Terroristen waren. Nach den Morden an Siegfried Buback und Jürgen Ponto 1977 verwandelte sich dann nicht nur das Kanzleramt, sondern das gesamte Regierungsviertel für lange Zeit in eine von Stacheldraht umzäunte Festung.Erst drei Jahre nach dem Bezug des Gebäudes erhielt der Komplex einen Blickfang, der von da an in jeder Fernsehmeldung zur Regierungspolitik gezeigt werden sollte. Auf Wunsch von Helmut Schmidt wurde auf die Rasenfläche vor dem Kanzleramt die riesige Bronze-Skulptur „Large Two Forms“ des englischen Bildhauers Henry Moore gestellt, mit dem der Kanzler befreundet war. Die beiden abstrakten, organisch geformten Teile sind jeweils gut sechs Meter hoch.Im Jahr 1999 verlegte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder die Regierungszentrale provisorisch ins ehemalige Staatsratsgebäude in Berlin-Mitte (das neue Kanzleramt im Spreebogen war noch nicht fertig). Die Zeit des Bonner Kanzleramts war abgelaufen. Sieben Jahre lang stand es leer, 2006 bestimmte man das Gebäude zum Hauptsitz des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Ein Jahr später drehte der Regisseur Roland Suso Richter Szenen seines Films „Mogadischu“ über den Terrorherbst des Jahres 1977 in den Außen- und Innenräumen des ehemaligen Kanzleramts, im Arbeitszimmer von Helmut Schmidt (den Christian Berkel verkörperte), im Kabinettssaal und auf den Fluren.Als der CSU-Politiker Gerd Müller 2013 das Amt des Entwicklungsministers übernahm, betrieb er die originalgetreue Wiederherstellung des historischen Arbeitszimmers von Helmut Schmidt, angeregt durch den Altkanzler, der die Original-Einrichtung und -Möbel seines Büros der Stiftung Haus der Geschichte überlassen hatte. Heute organisiert das Museum Führungen durchs einstige Kanzleramt, deren Höhepunkt Schmidts Arbeitszimmer ist. Es sieht wieder so aus wie zu seiner aktiven Zeit: Hinter dem Schreibtisch hängt ein gerahmtes Porträt des SPD-Mitgründers August Bebel, man sieht ein Schachspiel, das Schmidt vom türkischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit geschenkt bekam, schließlich den ikonischen Schreibtisch, seine Pfeife, eine Zigarettenschachtel und den berühmten Aschenbecher. Fast wirkt alles so, als sei Helmut Schmidt nur kurz aus dem Raum gegangen.Rainer Haubrich ist Architekturkritiker der WELT. Seit dem Fall der Mauer hat er sich mit Staatsbauten beschäftigt. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter „Berlin. Glanz und Elend eines Stadtbildes“ (Nicolai Verlag).
Kanzleramt in Bonn: Wie eine rheinische Sparkasse - WELT
Die Zentrale der Regierung ab Sommer 1976 passte zur Nüchternheit der Bonner Republik. Als erster Hausherr prägte Kanzler Helmut Schmidt, wie die Öffentlichkeit den Bau wahrnahm. Ein architekturhistorischer Ortstermin.
Das Kanzleramt in Bonn wurde 1976 mit modularer Struktur (Urmeter 1,40m) für Helmut Schmidt erbaut und diente 23 Jahre als Regierungszentrale bis 1999. Trotz moderner Organisationskonzepte (Open Space, Quickborner-Beratung) wirkte die Umsetzung abschreckend – Kritiker bezeichneten sie als „Raumkäfig" und „stählerne Festung".
















