Amerika ist die größte und bislang unangefochtene Forschungsmacht der Welt, aber seit Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit bekommt der Wissenschaftsbetrieb immer wieder die Axt zu spüren. Zuletzt während der vergangenen Wochen im Schatten der trumpschen Kriegsdiplomatie.Die Wunden, die die eigene Regierung der Wissenschaft zufügt, werden nicht nur in den USA als ein Generalangriff auf die Freiheit und die Unabhängigkeit der global vernetzten Wissenschaft verstanden. „Es wird sehr, sehr ernst“, sagt Martin Keller, Präsident der größten deutschen Forschungsorganisation, der Helmholtz-Gemeinschaft. Bis vergangenes Jahr leitete er eine der nationalen amerikanischen Energieforschungseinrichtungen.

Ende Mai hat das amerikanische Office of Management and Budget, das für die Vergabe von Bundesmitteln für Bildung und Forschung zuständig ist, ein mehr als vierhundert Seiten starkes Papier vorgelegt. Es war ein Entwurf für neue Regeln der Mittelvergabe, bis September soll er durch die politischen Instanzen gebracht werden. Das erklärte Ziel dieses Entwurfes: die politische Kontrolle über die Forschungsgelder.Und zwar so: Es solle nicht mehr das international etablierte und strikt auf Forschungsqualität und Evidenz ausgerichtete Begutachtungssystem durch Fachleute – das Peer-Review – entscheiden. Stattdessen sollen das eine oder mehrere „politisch ernannte Beauftragte“. Und deren Auftrag lautet: Künftige Fördergeldvergaben müssten „nachweislich die politischen Prioritäten des Präsidenten voranbringen“.„Das Ende der Wissenschaft, wie wir sie kannten“Nicht nur die Wissenschaft soll so politisch auf Linie gebracht werden. Es betrifft auch die Ausgaben für Bildung, für Programme der inneren Sicherheit und viele weitere Bundesprogramme mit einem Gesamtbudget von jährlich 1,2 Billionen Dollar. Für die Forschung bedeutet das auch, dass unter Umständen jede Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen gerechtfertigt werden muss. Und davon gibt es Tausende – bisher.Martin Keller, Präsident der Helmholtz-GemeinschaftHelmholtz-Gemeinschaft„Wenn diese Veränderungen durchgehen, würde das das Ende der Wissenschaft bedeuten, wie wir sie bislang kannten“, sagt Christina Pagel, eine deutschstämmige Wissenschaftlerin am University College London. Sie hat eine Liste von inzwischen dreieinhalbtausend Attacken der Trump-Administration gesammelt und vor einem Jahr mit einem guten Dutzend weiterer Akademiker aus unterschiedlichen Ländern das „Anti-Autokratie-Handbuch“ herausgebracht. Dieses wird als Handreichung für den Forschungsalltag in immer mehr Sprachen übersetzt, die Max-Planck-Gesellschaft hat dafür geworben.Vor allem soll es Forscherinnen und Forschern sowie den Institutionen helfen, ideologische Übergriffe zu erkennen und sich davor zu schützen. „Die Zeit, in der wir Wissenschaft selbstverständlich als öffentliches Gut begriffen haben, ist mit dem Populismus vorbei. Er untergräbt wissenschaftliche Expertise und Evidenz“, sagt Pagel.Auch im Ausland muss man immer schmerzhafter erkennen, wie fragil die globale Vernetzung ist und wie stark Forschung und Fortschritt durch die amerikanischen Interventionen bedroht werden. Etwa bei der Ozeanforschung.Ein millionenschweres Forschungsprojekt soll abgewickelt werdenIn den vergangenen Wochen spitzte sich eine Auseinandersetzung zu. Die Ocean Observatories Initiative (OOI) ist ein von der National Science Foundation (NSF) finanziertes Netzwerk mit mehr als 900 Messbojen, Unterwassersensoren und teils autonomen Messsystemen, das unter anderem Daten über den Klimawandel und die durch die Erderwärmung bedrohte globale Umwälzströmung in den Meeren sammelt. Das Projekt war für 386 Millionen Dollar aufgebaut worden und sollte eigentlich noch zwanzig Jahre lang weiter Daten liefern.Eine Forschungsstation der NSF auf dem ewigen Eis in Grönland im Juli 2011APIm Mai kündigte die NSF jedoch an, Messstationen abzubauen wegen anderer „Prioritäten“. „Überraschend und beunruhigend für alle war, dass das ohne die Einbeziehung eines Forschungsgremiums von der NSF-Spitze entschieden wurde“, sagt Hajo Eicken, der dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven vorsteht und bis vor wenigen Jahren das International Arctic Research Center der Universität von Alaska geleitet hat.Vor wenigen Tagen regt sich auch politisch prominenter Widerstand: Eine Gruppe von Senatoren, Demokraten sowie eine republikanische Senatorin, forderte den Direktor der NSF auf, das angeblich schon begonnene Deinstallieren von Messbojen vor der amerikanischen und grönländischen Küste zu stoppen. „Hören Sie mit dieser destruktiven, teuren und – entscheidend – illegalen Aktion sofort auf“, hieß es in dem Brief. Einen Tag nach der Gesetzesinitiative der Senatoren reagierte die NSF-Spitze kleinlaut: Der Rückbau werde sofort ausgesetzt, bis ein „Expertenpanel“ darüber beraten und entschieden habe.Die Meeresbojen sind Teil eines weltumspannenden Infrastruktur- und Datennetzes, das für die Fischerei, den Küstenschutz und die Erfassung des Klimawandels zentral geworden ist. Viele Staaten entlang des Pazifiks und Atlantiks, darunter auch zahlreiche europäische, sind abhängig von der Meeresbeobachtung, die von den USA finanziell und strukturell dominiert wird.Ohne die Argo-Roboterbojen gibt es keine WettervorhersageVon den mehr als 4500 Roboterbojen des Argo-Programms, die im zentralen Pazifik regelmäßig Temperaturen, Salzgehalt und Strömungen bis in mehrere Hundert Meter Tiefe erfassen, finanzieren die USA mehr als die Hälfte, Deutschland fünfzig. „Wenn die USA das abschalten, können wir unsere Wettervorhersagen abschalten“, sagt Helmholtz-Präsident Keller. Der Rückbau des OOI-Netzes werde „eine riesige Lücke reißen“.Ein Messinstrument der NOAA, das die Temperatur des Ozeans erfasstAPEs passt in die politische Linie der Trump-Administration, dass der Rückbau der Dateninfrastruktur nun so schnell vorangetrieben wird. Sie entfernt sukzessive die Klima- und Umweltforschung ähnlich wie die Gesundheitsforschung zusammen mit den aus ihr hervorgegangenen Regularien und stärkt stattdessen die alte fossile Energie-Infrastruktur.Zuerst strich der von Trump berufene Chef der Umweltbehörde den „Endangerment Finding“ und damit die wissenschaftliche Feststellung, dass klimaschädliche Abgase für die Menschen und den Planeten gefährlich sind. Die Emissionsgrenzwerte wurden zurückgenommen oder gelockert. Die Budgets für den nationalen Wetterdienst und den Katastrophenschutz wurden um ein Viertel bis über die Hälfte gekürzt, Tausende Mitarbeiter haben die Nationale Behörde für die Erforschung der Ozeane und Atmosphäre (NOAA) inzwischen verlassen müssen, regionale Klimazentren wurden geschlossen.Das für seine wissenschaftlichen Pionierarbeiten weltweit bekannte Nationale Zentrum für Atmosphärenforschung NCAR in Boulder, Colorado, wurde von Trumps Regierung als eine entscheidende Quelle für „Klima-Alarmismus“ eingestuft. Einer der prominentesten NCAR-Forscher, Kevin Trenberth, hat daraufhin in einem Beitrag für „The Conservation“ zusammen mit europäischen und chinesischen Forschern dagegengehalten. Das globale Meeresbeobachtungssystem sei die „billigste Lebensversicherung“, die es gibt. Den jährlichen Unterhaltungskosten von einer Milliarde Dollar stünde ein gewaltiger Nutzen allein durch die Frühwarnung gegenüber – abgesehen von den für die Forschung entscheidenden Datensammlungen.Ein Verlust von 80 Prozent der globalen Meeresdaten drohtEin einziger Hurrikan könne Hunderte Milliarden an Folgeschäden verursachen, die Extremwetterschäden in Europa summierten sich 2024 auf viele Milliarden Euro. „Verlässt ein Land wie die USA das globale Beobachtungssystem“, schreiben Trenberth und seine Kollegen, käme das einem Verlust von mindestens achtzig Prozent der globalen Meeresdaten gleich. Auch deshalb wächst die Besorgnis längst nicht nur in den USA.Eine Unwetterzelle bei Wolfratshausen in Bayern im Jahr 2025dpaEuropa und Asien sind gefragt. Tatsächlich gibt es schon seit einiger Zeit konkrete Datenrettungsversuche. Nachdem die Budgetkürzungen der NOAA bekannt wurden, hat sich das Alfred-Wegener-Institut mit der Bremer Universität zusammengetan und auf der Datenplattform „Pangea“ schon vor Monaten die ersten amerikanischen Datensätze gesichert. In der US-Forschungsszene sind solche Datenrettungsversuche hoch willkommen.Die American Geophysical Union hat als Teil eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes zur „Datenrettung und Resilienz“ eine Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut zum Aufbau globaler Datenrepositorien vereinbart. Das Ziel: die wertvollen Datenbestände wie ein Weltkulturerbe zu behandeln und zu sichern.Im nächsten Jahr will die NASA sich an einer europäisch-kanadischen Forschungsexpedition beteiligen. Eicken nennt das „föderalistisches Datenmanagement“.Wer verteidigt die mühsam aufgebauten Forschungsressourcen?Wie im Fall von Trumps Zollpolitik sucht der Rest der Welt auch in der Wissenschaft nach Ausweichstrategien. Europa müsse die Meeresmessnetze endlich als „kritische Infrastruktur“ betrachten, forderte etwa Trenberth. Das hieße, dass alles getan werden muss, die in Jahrzehnten teuer aufgebauten Ressourcen zu verteidigen. Auch Helmholtz-Chef Keller sieht das als eine Verpflichtung: „Wir müssen aus der Krise heraus massiv etwas Eigenes aufbauen und unabhängig werden.“ Von der EU fordert er deshalb vor allem eins: „Leadership“.Ein Unterwassergleiter der Ocean Observation InitiativeOcean Observation InitiativeTatsächlich hat auch in Brüssel der drohende Schaden durch die Trump-Übergriffe auf den Wissenschaftsbetrieb zu Reaktionen geführt. Anfang März, zum Welttag der Ozeane, präsentierte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen eine Initiative – „Ocean Eye“ –, die die internationale Meeresüberwachung auf eine neue Grundlage stellen soll. Im Juni wurde der erste EU-Jahresbeitrag dafür in Höhe von 50 Millionen Euro aus dem Forschungsprogramm „Horizon“ beschlossen. Bis 2030 soll ein „voll funktionsfähiges europäisches Meeresbeobachtungssystem“ installiert werden.Allerdings ist man weit entfernt von der Idee, dass die Initiative die möglichen Ausfälle der US-Netze kompensieren könnte. Mit den Investitionen in Höhe von insgesamt einer Milliarde Euro aus dem EU-Haushalt, die schon vor einiger Zeit in einem Brüsseler „Ozean-Pakt“ beschlossen wurden, könnte allenfalls knapp ein Drittel des weltumspannenden Meeresbeobachtungssystems bestritten werden.Nicht zuletzt versucht Europa damit die eigene Haut zu retten. Konkret rechnete von der Leyen den Nutzen vor, den die von den Meeren abhängige „blaue Wirtschaft“ für Europa habe, in dem es 70.000 Kilometer Küste gebe und 40 Prozent der Menschen in Küstennähe lebten: Fünf Millionen Arbeitsplätze in der EU und 250 Millionen Euro Bruttowertschöpfung hingen davon ab, dass die Küsten und Meere sorgfältig überwacht würden.Die Arbeit von deutschen Forschern nutzt ganz EuropaDeutsche Wissenschaftler dürften in diesen Überlegungen eine entscheidende Rolle spielen. Allein in den vergangenen fünf Jahren ist etwa im Bereich des Forschungsprogramms Erde und Umwelt bei Helmholtz die Personaldecke um mehr als zehn Prozent gewachsen. „Wir haben so viele Anfragen wie nie“, sagt Keller, angefangen vom Ausbau der Messtechniken bis zur Unterstützung von Wettervorhersagen und der Erforschung neuer Chemikalien.Amerikaner demonstrieren im März 2025 in New York gegen Kürzungen bei Forschungsgeldern.Picture AllianceDer Forschungsmanager warnt allerdings auch: „Wir dürfen trotz allem den Kontakt mit den USA nicht abbrechen.“ Die Konsequenzen wären jedenfalls sehr viel gravierender als das bis heute gültige Kooperationsverbot mit russischen Forschern.Unter Forschern ist nun immer wieder die Hoffnung zu hören, der Kahlschlag und die Angriffe auf die Wissenschaften könnten schon nach den amerikanischen Zwischenwahlen im November ein Ende haben. Konkrete Anhaltspunkte dafür gibt es allerdings nicht.Im Gegenteil. Jüngst wurden Wissenschaftler auf einem Fachkongress der US-Fachgesellschaft für öffentliche Gesundheit auf Betreiben des Veranstalters von der Polizei aus dem Saal entfernt, nachdem diese die Trump-Administration kritisiert hatten. Solche Zwischenfälle werden als Teil der Einschüchterungsstrategie durch die Regierung und ihre Anhänger gesehen. Düster, sagt Trump-Kritikerin Christina Pagel, seien die Zeiten, „und sie werden durch Attacken wie auf die Ozeanforschung noch düsterer“.