Ergebnisse stehen bekanntlich über allem im Fußball, und so taugt dieser ungefährdete 3:0-Sieg der großen WM-Nation Brasilien gegen den Fußballzwerg Haiti tatsächlich als Elixier gegen die Zweifel und die schlechte Laune, die nach dem 1:1 gegen Marokko rund um die Seleção entstanden waren. Es geht voran, Brasilien ist auf dem richtigen Weg, das war jedenfalls die Geschichte, die die Spieler und der Trainer am Ende dieses Abends verbreiteten.„Mit dem Ball war das genau das Spiel, das wir uns vorgestellt haben, und defensiv haben wir sie neutralisiert“, sagte Torhüter Alisson, und Casemiro ergänzte: „Das war ein ziemlich gutes Spiel von uns. Die Idee bei einer WM ist, dass man keine Gegentore kassiert, das haben wir geschafft.“ Vorne hatten zudem Matheus Cunha zwei und Vinícius Júnior ein Tor geschossen, was zu der Annahme reichte, dass die Arbeit im idyllischen Teamcamp vor den Toren New Yorks Früchte trägt. Und dass es noch klappen kann mit dem sechsten WM-Titel.Die Sehnsucht nach einer positiven Entwicklung, die die vielen Skeptiker widerlegt, ist groß in Brasilien. Trainer Carlo Ancelotti sagte: „Es war ein gutes Match, wir haben uns verbessert und werden uns weiter verbessern.“ So kann man das sehen. Die Seleção ist jetzt Tabellenerster in der Gruppe C und hätte mit einem weiteren Sieg gegen Schottland am Donnerstag (00 Uhr MESZ/MagentaTV) beste Aussichten, auf dieser Position zu bleiben.Brasilien tut sich schwer, gehobenes WM-Niveau zu erreichenAber es gibt eben schon auch noch diese zweite Ebene: die Qualität der Leistungen, individuell und im Kollektiv. Und da sind die Brasilianer im Moment ein Tanker, der ganz langsam in Gang kommt und der vielleicht nur noch schwer zu bremsen ist, wenn er immer kraftvoller Fahrt aufnimmt. Vielleicht. Gut möglich ist nämlich auch, dass die Probleme zu tief sitzen, dass der Entwicklungsrückstand gegenüber anderen Nationen doch zu groß ist. Nach zwei Partien ist Brasilien jedenfalls noch eine Mannschaft ohne echte Leichtigkeit, ein Team, das sich schwer tut, ein gehobenes WM-Niveau zu erreichen.Immerhin verkündete Ancelotti nach dem Spiel eine Botschaft, die manche Brasilianer ähnlich freuen dürfte wie dieser Sieg. Ab sofort kann der große Neymar zum Erfolg beitragen, der nicht mehr ganz junge und nicht mehr ganz fitte Superstar, dessen Situation zu einem Dauerrauschen im Hintergrund während dieser WM geworden ist. „Ja, Neymar wird morgen trainieren, ab Montag wird er mit dem Rest des Teams spielen, er wird gegen Schottland zur Verfügung stehen“, sagte Ancelotti auf die Frage nach dem Genesungsprozess des Angreifers.Dass Neymar die dringend nötigen Kreativimpulse nach fast drei Jahren ohne Länderspiel und seiner jüngsten Verletzung sofort liefern kann, darf aber getrost bezweifelt werden. Sicher ist nur, dass er weiter im Mittelpunkt stehen wird. Auch am Tag der Haiti-Partie waren neue Schlagzeilen um den Superstar entstanden. Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte über den verletzten Superstar gesagt: „Neymar? Der spielt ja gar nicht! Er ist der erste Spieler der Welt, der [in die Nationalmannschaft] berufen wird, um im Homeoffice zu arbeiten.“Die Neymar-Skepsis ist weit verbreitet in Brasilien und hat in diesem Fall noch einen weiteren Hintergrund: Neymar hat sich politisch tendenziell an der Seite der Rechtspopulisten positioniert, Lula gehört dem linken Lager an. Auch solche Dinge spielen also hinein in dieses hochkomplexe WM-Projekt.Vielleicht gelingt ja irgendwann der DurchbruchIn der Frage nach der Turniertauglichkeit der Mannschaft ergab sich unterdessen ein neues Problem an diesem Abend: Raphinha humpelte nach 40 Minuten mit einer Muskelverletzung am Oberschenkel vom Platz. Es wäre ein harter Rückschlag, wenn der Angreifer vom FC Barcelona länger ausfallen würde. Denn es mangelt schlicht an Alternativen. Für Raphinha kam der 19 Jahre alte Raya in die Partie, der beim FC Bournemouth spielt und sehr blass blieb.Dafür könnte Ancelotti endlich einen passenden Zentrumsstürmer, eine echte Nummer Neun, gefunden haben. In der ersten Partie spielte Igor Thiago auf dieser Position, nun hatte sich Ancelotti für Matheus Cunha entschieden, der das 1:0 (23. Minute) und das 2:0 (36.) schoss. Vinícius Júnior, der auch an diesem Abend der präsenteste Angreifer Brasiliens war, erzielte das 3:0 (45.+3).Doch nach der Pause verflachte das Spiel der Brasilianer mehr und mehr, das Team schoss nach der Pause noch ein Tor und traf die Latte, allerdings jeweils nach Abseitspositionen. Aber immerhin können Ancelotti und seine Mannschaft nun ein paar Tage mehr in Ruhe an Verbesserungen arbeiten. Vielleicht gelingt ja irgendwann der Durchbruch.Haiti ist unterdessen die erste Nation, die aus diesem Turnier ausgeschieden ist. Zwar kann die Mannschaft noch auf drei Punkte kommen, genau wie Schottland. Aber weil die Haitianer das im Falle von Punktgleichheit relevante direkte Duell verloren haben, wird das kleine Land auf dem vierten Platz der Gruppe C bleiben, wo Schottland und Marokko noch auf den Sprung ins Sechzehntelfinale hoffen.
Fußball-WM 2026: Kann sich Brasilien noch zu einem Titelkandidaten entwickeln?
Der Sieg gegen Haiti lindert den Druck, aber Brasiliens Spiel bleibt schwerfällig. Die Seleção ist noch weit entfernt von der Souveränität eines Titelkandidaten - und mit Neymar und Raphinha kommen neue Fragezeichen hinzu.













