Zehn Jahre ist es her seit der Brexit-Abstimmung. In Grimsby, einst der wichtigste Fischereihafen der Welt, stimmten die Bürger massiv für den Ausstieg aus der EU. Aber die Hoffnung auf einen Aufschwung hat sich zerschlagen.An kaum einem andern Ort stimmten die Bürger so klar für den Brexit wie in der nordenglischen Stadt Grimsby. Fast 70 Prozent votierten am 23. Juni 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union. Noch einen anderen Rekord hält Grimsby. Es war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts der grösste Fischereihafen der Welt. Der Niedergang des Fischfangs und die Frustration über die EU hängen zusammen. Die Menschen hofften, sie könnten die Kontrolle über die Gewässer zurückgewinnen und Grimsby würde zu neuer Grösse erwachen. In Wirklichkeit ist es noch weiter bergab gegangen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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In vielen Hauseingängen liegen Obdachlose.Der Brexit hat die Bürger nicht reicher, sondern ärmer gemacht. Nicht nur in Grimsby, sondern in ganz Grossbritannien. «Wäre das Land immer noch in der EU, würde es der Ökonomie deutlich besser gehen», sagt Thiemo Fetzer, Professor für Ökonomie an der Universität Warwick und Experte für die wirtschaftlichen Folgen des Brexits. «Das Bruttoinlandprodukt läge um 4 bis 8 Prozent höher.»Thiemo FetzerPDÄusserer und innerer ZerfallIm Fall von Grimsby umreisst er die Problematik so: «Die britischen Fischer fangen weder Kabeljau noch Schellfisch, die auf dem heimischen Markt gefragt sind; die kommen aus Island. Der Hauptabnehmer für den britischen Fischfang wäre Europa, auch deshalb, weil sich frischer Fisch nicht sehr weit transportieren lässt. Dieser Verkauf ist jedoch durch den Brexit kompliziert geworden.»Zwar ist Grimsby inzwischen zum nationalen Zentrum der Fischverarbeitung geworden, mit Tausenden von Arbeitsplätzen. Aber es handelt sich um schlecht bezahlte, harte Arbeit. Es fänden sich kaum Einheimische für solche Jobs, sagt Fetzer.Es gibt noch eine zweite, zukunftsträchtige Branche in Grimsby: Windenergie. In den Docks befindet sich das weltweit grösste Wartungszentrum für Offshore-Windturbinen. Gesucht sind jedoch vor allem Fachkräfte wie Techniker, Ingenieure und Logistiker. Das sind nicht die Art Leute, die durch die zusammengebrochene Fischfangflotte arbeitslos geworden sind. Über ein Drittel der Bewohner von Grimsby bezieht Sozialhilfe und verfügt kaum über berufliche Qualifikationen. Sie wären prädestiniert für handwerkliche Berufe, für die es hier jedoch kaum Ausbildungsmöglichkeiten gibt.Die Offshore-Windturbinen bieten zwar Arbeitsplätze, aber die meisten Einwohner von Grimsby verfügen nicht über die erforderlichen Qualifikationen.Allerdings stimmten die Bewohner laut Fetzer nicht aufgrund eines ökonomischen Kalküls für den Brexit, sondern aus dem Gefühl, von der Regierung im Stich gelassen worden zu sein. Entgegen einer verbreiteten Vorstellung war, so Fetzer, nicht Verärgerung über die Immigration der ausschlaggebende Faktor, sondern die Wut über die staatliche Sparpolitik, die wirtschaftlich «abgehängte» Regionen besonders hart traf. Fetzer macht eine verbreitete, fatalistische Psychologie der Armut aus: die Wahrnehmung, es werde sich sowieso nie etwas ändern. Diese Mentalität wird oft zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Wer sich aus Hoffnungslosigkeit nicht mehr auf Stellen bewirbt, wird kaum je aus der Arbeitslosigkeit hinausfinden.Am Hafen ist der Zerfall sogar noch deutlicher als in der Innenstadt. Im imposanten Backsteingebäude mit dem eingestürzten Dach, aus dem Buschwerk ragt, wurden einst jeden Tag Hunderte von Tonnen Eis produziert. Im Becken, wo die Fischerboote mit den Schleppnetzen, die sogenannten Trawler, ihre reiche Ladung löschten, stehen nur noch einige verlotterte Kähne. Die Kontore, in denen Millionen umgesetzt wurden, sind Ruinen mit eingeschlagenen Fensterscheiben und schiefen, verrosteten Schildern.Der Niedergang geht auf die siebziger Jahre zurück. Damals dehnte Island seine Fischereizone massiv aus. Damit waren die Briten plötzlich ausgesperrt von den reichen Fischgründen im Nordatlantik. Zugleich führte die Europäische Gemeinschaft Fangquoten ein, um der Überfischung entgegenzuwirken.Die einst grösste Eisfabrik der Welt ist heute eine Ruine.Die wilden Zeiten in der KasbahImmerhin, der Fischmarkt in Grimsby existiert noch. Hier wird frühmorgens die eisgekühlte Ware versteigert, vor allem Kabeljau und Schellfisch. Sie stammt allerdings aus Island, gefangen von Isländern, und wird nicht einmal in Grimsby angeliefert, sondern im nahe gelegenen Immingham. 500 Boxen à 50 Kilo, also 25 Tonnen, stehen an diesem Morgen zum Verkauf. Der Fang wird en gros verkauft, die Auktion richtet sich vor allem an Zwischenhändler, die dann die Fish’n’Chips-Restaurants beliefern.Einer der wenigen, die noch mit dem europäischen Festland zu tun haben, ist der Vertreter der Alfred-Enderby-Räucherei. Er ärgert sich über die Formulare und die Bürokratie, die den Export von Rauchlachs seit dem Brexit zum Hürdenlauf machen. «Wir sind doch Nachbarn!», sagt er. «Da hilft man sich aus, aber schnüffelt nicht bei den andern herum oder will bestimmen, was dort läuft. Die sollen nicht so kompliziert tun mit ihrer Paragrafenreiterei. Haben sie vergessen, was wir im Zweiten Weltkrieg für sie taten?»Das heruntergekommene Hafenviertel wird Kasbah genannt, weil es früher mit den vielen Leuten, den engen, dunklen Gassen, dem lärmigen Gewusel und dem Rauch wie eine labyrinthische Altstadt in Nordafrika wirkte. Bloss dass sich auch Pub an Pub reihte.Nur wenige der alten Gebäude am Hafen – wie das der Fischräucherei Enderby – werden noch genutzt.Danny Payne, operativer Koordinator des Fischmarkts, erzählt, dass man die ankommenden Fischer Drei-Tage-Millionäre nannte. Nur so lange durften sie an Land bleiben, bevor ihr Schiff wieder auslief. Also warfen sie mit Geld um sich. In den Spelunken flossen Bier und Whisky, in den Absteigen warteten Freudenmädchen und Taschendiebe, in den Hinterzimmern florierte das Glücksspiel, in den Hintergassen drohten Raubüberfälle und Schlägereien. Ehefrauen warteten am Pier, um ihren Männern wenigstens einen Teil des Lohns abzunehmen, bevor diese alles verjubelten und wieder wochenlang verschwanden.Heute wuchert Gras durch die Risse in den Strassen, um die baufälligen Häuser wurden Gitter hochgezogen, damit sich keine Drogensüchtigen darin einquartieren oder Passanten, die es sowieso nicht mehr gibt, nicht von herunterfallenden Dachziegeln erschlagen werden.Daniel Payne, der Koordinator des Fischmarkts, wo jeweils am Morgen früh die Auktion stattfindet.Er würde trotz allem wieder für den Brexit stimmenEine Ironie des Schicksals ist, dass Nigel Farage, der Brexit-Vorreiter, heute erneut Erfolge feiert.Auch in Grimsby siegte seine Partei Reform UK bei den Wahlen im Mai haushoch. Einer der neu gewählten Gemeinderäte («Councillor») ist der 24-jährige Blake Russell. Nach eigenen Aussagen verfügt er nur über minimale Schulbildung, hielt sich jahrelang mit Gelegenheitsjobs über Wasser, war arbeitslos, von der Fürsorge abhängig und ergatterte schliesslich einen Job auf einem Schiff, von dem aus die Windturbinen gewartet werden. «Ich komme aus einer sehr armen Familie», sagt er. «Ich bin Abschaum, und meine Familie war auch Abschaum.»Blake RussellPDEr sagt, das vorherrschende Gefühl in Grimsby sei, vergessen worden zu sein. Das präge auch die Politik. Er sei wohl gewählt worden, weil er dieselbe Sprache wie die durchschnittlichen Leute von Grimsby spreche und die Dinge beim Namen nenne. Auf die Ausländer angesprochen, sagt er, er habe nichts gegen sie. «In meiner Jugend reiste ich mit den Eltern durch den Maghreb. Die Leute waren noch ärmer als wir, aber unglaublich freundlich.»Einmal habe er sich in einer Fischverarbeitungsfabrik beworben. Aber der Jobvermittler habe ihm gesagt, die meisten Angestellten seien Polen und Rumänen. Wenn er ihre Sprache nicht verstehe, sei es schwierig.Zum Brexit meint er, moralisch gesehen sei die Entscheidung richtig gewesen. «Wir wollen selbst bestimmen, was hier läuft.» Aber wirtschaftlich habe der EU-Austritt zu einer Katastrophe geführt. Alles sei teurer geworden, die Arbeitslosigkeit habe zugenommen, statt Osteuropäern kämen nun Afrikaner und Asiaten, die Bürokratie sei uferlos. Schuld daran seien allerdings vor allem die britischen Politiker, die den Brexit schlecht umgesetzt hätten. «Ich würde erneut für den Brexit stimmen», sagt er.Drogen, Gewalt, Suizidversuche und GefängnisDie Lebensgeschichten der Menschen in Grimsby sind oft deprimierend. Die 63-jährige Lorraine Kavanagh, mit der wir in einem Vorraum der Shalom-Kirche ins Gespräch kommen, hatte vier Kinder. Eine der Töchter wurde mit zwölf vom besten Freund des Vaters vergewaltigt; sie starb mit 34 Jahren an einer Überdosis Heroin; Kavanagh zog deren Kinder gross. Ein Sohn ist seit Jahren im Gefängnis und ebenfalls drogenabhängig. Er hat schon fünfmal versucht, sich in der Zelle zu erhängen. Der andere Sohn ist spielsüchtig, und die zweite Tochter wohnt wieder bei ihr, obwohl sie sich sehnlichst wünscht, endlich aus Grimsby wegzukommen. «Ich habe kaum Platz», sagt ihre Mutter, «also schläft sie in meinem Bett, obwohl sie bereits 40 ist.»Lorraine KavanaghPDIhr Mann schlug Kavanagh. «Manchmal war ich so kaputt, dass ich nicht zur Arbeit erscheinen konnte», sagt sie. Als sie zur Polizei ging, hiess es, das sei eine Sache zwischen ihr und ihrem Mann. Sie fuhr Taxi, aber vor drei Jahren hatte sie einen schweren Unfall. «Ein betrunkener Jugendlicher ohne Fahrausweis rammte nach Mitternacht meinen Wagen», sagt sie. «Während ich auf der Intensivstation lag, betrog mich mein Mann mit seiner Coiffeuse.»Ihr Mann war Fischer, musste die Seefahrt jedoch aufgeben, als es damit bergab ging. Auch ihr Vater ging zur See und schlug sie ebenfalls regelmässig, mit seinem Gürtel. Kurz nachdem sie ihren Mann verlassen hatte und in ein Frauenhaus gegangen war, bekam er Lungenkrebs. Es sei ihre Schuld, sagte er, bevor er starb.Oder Kayla Keetley, die im Jugendzentrum Shalom neben der Kirche arbeitet. Ihr Vater war ebenfalls Fischer. «Wenn er an Land kam, trank er und schlug meine Mutter», sagt sie. «Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und warf sich vor den Zug. Da war es an mir, meine jüngeren Geschwister grosszuziehen. Mein Vater sagte uns immer, dass wir nichts taugten. Ich hing herum, nahm Drogen und brach die Schule ab. Sehr jung wurde ich schwanger. Ich hatte keine Ahnung, aber schliesslich drei Kinder.»Kayla Keetley im Jugendzentrum Shalom und eine nächtliche Einbahnstrasse im Zentrum von Grimsby.Später holte sie einen Abschluss nach und arbeitet mit Jugendlichen bei der Anlaufstelle von Pfarrer John Ellis. Sie ist ein Fan von Tommy Robinson, dem rechtsextremen Influencer: «Er sagt, was er denkt. Manchmal erzählt er Scheiss, wie wir alle. Das macht ihn so echt.»«Diese Leute hier haben nichts mit unseren Mittelklassewerten am Hut», sagt der 84-jährige Ellis. «Deshalb können sie auch nichts mit der bürgerlich geprägten Schule anfangen.» Man müsse verrückt sein, um auf einem Fischerboot bis zum Polarkreis zu fahren. «Sie haben die Mentalität von Piraten.» Bis vor kurzem habe das gut funktioniert, sagt er. «Die Bewohner von Grimsby waren wild und widerstandsfähig. Sie schlugen sich durch, Überlebenskünstler.» Aber nun, im 21. Jahrhundert, seien sie aus der Zeit gefallen. Der Staat gebe ihnen zwar monatliche Checks, aber keine längerfristige Perspektive.Es sei einfach, den Ausländern die Schuld für die Misere zu geben. «Eine Frau hat mir kürzlich gesagt, die Immigranten würden ihnen die Jobs wegnehmen», erzählt er. «Tatsache ist, dass sie noch keinen einzigen Tag in ihrem Leben gearbeitet hat.»Der Pfarrer John Ellis, der das Jugendzentrum Shalom leitet, und Passanten, die an der Freeman Street auf den Bus warten.Heute arbeiten Ausländer auf den TrawlernWas in Grimsby nebst den Pubs und Pfandleihhäusern ebenfalls auffällt, sind all die Boxklubs und Kampfsportzentren. «Wir sind eine Stadt der Fischer und Fighter», sagt Iain «Pudd» Rowbotham, der Leiter der Grimsby East Marsh Boxing Academy. «Man musste ums Überleben kämpfen, das ist bis heute in unserer DNA.»Er sagt, die harte Arbeit auf den Trawlern habe oft zu Frustration geführt, die sich in Gewalt entlud. «Das ist bis heute die Sprache der Strasse, vor allem im Stadtteil East Marsh, wo wir untergebracht sind. Viel Armut und Familien, die seit drei Generationen arbeitslos sind.» Er sagt, viele würden am Anfang zum Boxen kommen, um sich auszutoben, aber dann lehre sie der Sport Disziplin, Ausdauer, Geduld und Demut. Er sei eine Art, sich selbst kennenzulernen.Iain «Pudd» Rowbotham, der Leiter der Grimsby East Marsh Boxing Academy, und einer seiner Schüler.Einer, der das alte Leben auf See noch gekannt hat, ist Bob Formby. Er arbeitete über fünfzig Jahre auf dem Meer, zuerst als Schiffsjunge, später als Kapitän. Als es mit dem Fischfang zu Ende ging, stand er für Ölfirmen auf der Kommandobrücke. Auf den Brexit angesprochen, sagt er: «Es wird viel geklagt, entweder die EU oder der Brexit seien schuld am Niedergang der Fischerei und Grimsbys. Aber selbst wenn die Trawler noch auslaufen würden, so fänden wir keine Einheimischen für diese harte Arbeit: Kälte, Nässe, Wellengang, Schlafmangel, Enge und die dauernde Gefahr, über Bord zu gehen.»Er sagt, die Lamentierer könnten ja in Schottland anheuern, wo immer noch gefischt werde. «Sie tun es nicht. Die Besatzung auf den Schiffen dort besteht aus Filipinos und Afrikanern.» Die Leute in Grimsby würden lieber vor dem Fernseher sitzen und auf ihren Check warten.Die «Grimbarians», wie sie sich selbst gerne nennen, erinnern an ein untergehendes Volk. Einst galten die furchtlosen Fischer als Helden. Nun erinnern sie an ruhmreiche Krieger, die sich, verarmt und dem Alkohol ergeben, in einem Reservat wiederfinden. Nur das «Fishing Heritage»-Museum erinnert noch an ihre gloriosen Zeiten. Die Welt hat sich weitergedreht, ihre einstigen Tugenden gelten nun als Laster. Im England der Landratten, Krawattenträger und Büroheinis finden sie kaum noch einen Platz.Heute finden sich am Hafen Wartungsschiffe für die Offshore-Windturbinen anstelle der früheren Trawler.
Grimsby und der Brexit: Verlorene Hoffnung auf Aufschwung im nordenglischen Fischereihafen
Zehn Jahre ist es her seit der Brexit-Abstimmung. In Grimsby, einst der wichtigste Fischereihafen der Welt, stimmten die Bürger massiv für den Ausstieg aus der EU. Aber die Hoffnung auf einen Aufschwung hat sich zerschlagen.












