Lasse Lund soll als Kind mehrere Jahre allein in den Gassen Mumbais gelebt haben – jetzt fordert er Gerechtigkeit und bringt die finnischen und norwegischen Behörden in ErklärungsnotDie Geschichte klingt so verrückt, dass man glauben könnte, sie sei erfunden. Doch einiges deutet darauf hin, dass Lund die Wahrheit sagt.20.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIn solchen Gassen in Mumbai soll Lasse Lund als Kind alleine gelebt haben.Danish Siddiqui / ReutersEin stämmiger weisser Mann geht durch die Gassen Mumbais, hinter ihm ein Kameramann, und flucht mit indischem Akzent auf Englisch: «Ich habe am Strassenrand geschlafen und in Tempeln. Ich war buchstäblich obdachlos. Als verdammter norwegischer Staatsbürger. Im verdammten Mumbai. Wie ein verdammter Bettler.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.PDDer Mann im Video heisst Lasse Lund. Auf seinem Youtube-Kanal «Unexpected Paths» erzählt er seine Lebensgeschichte: wie er von seinem norwegischen Vater und seiner finnischen Mutter als Kind in den Strassen von Mumbai zurückgelassen wurde und wie er dort alleine überlebte.Lunds Geschichte klingt so verrückt, dass man glauben könnte, sie sei erfunden. Viele Details lassen sich nicht überprüfen. Trotzdem deutet einiges darauf hin, dass der Mann die Wahrheit sagt. Wenn dem so ist, geraten die Behörden in Finnland und Norwegen in Erklärungsnot.Die GeschichteAlles beginnt im Jahr 1996. Lasse Lund ist vier Jahre alt, als seine Eltern mit ihm und seinen zwei älteren Brüdern nach Indien reisen. Was den Kindern als Ferienreise verkauft wird, ist in Wirklichkeit eine Flucht. Der Vater wird in Norwegen wegen Drogendelikten gesucht, ihm droht eine Gefängnisstrafe. So wird es Lunds Gotte ihm Jahre später erzählen.In Goa betreiben die Eltern während mehrerer Jahre ein Restaurant – und verdienen zusätzliches Geld mit Drogengeschäften. 2001 zieht die Familie nach Mumbai, dann trennen sich die Eltern. Der Vater und die beiden Brüder kehren nach Norwegen zurück. Lasse bleibt mit der Mutter und seiner kleinen Schwester, die in Indien zur Welt gekommen ist, in Mumbai zurück.In einem seiner Videos führt Lund durch ein Gebäude im Dharavi-Slum, in dem er mit seiner Mutter gelebt haben soll. Von der Decke hängen Kleider an Wäscheleinen, der Putz blättert von den Wänden. Lund lehnt sich im oberen Stock ans Geländer und blickt in den Innenhof. «Erinnerst du dich, wie ich meine Mutter hier fast hinuntergeworfen hätte?», fragt er den Kameramann. «Verdammte Scheisse! Denk an die Frustration, die ich verspürt habe als Kind – ohne richtiges Leben, ohne Schule, ohne nichts.»In seinen Videos führt Lasse Lund durch die Gassen des Dharavi-Slums in Mumbai.Rajanish Kakade / APLund, der damals vierzehn oder fünfzehn Jahre gewesen sein muss, kann sich nicht an das genaue Jahr erinnern, doch irgendwann zwischen 2006 und 2007 wird seine Mutter in Mumbai verhaftet. Lund glaubt, dass der Grund dafür ein abgelaufenes Visum war. Seine Gotte wird ihm später erzählen, dass die Mutter in Menschenhandel verstrickt war.Ab da ist Lund endgültig auf sich allein gestellt. Um Geld zu verdienen, führt er Touristen durch den Slum. «Ich tat alles, um zu überleben», sagt er im Video und lacht. Konkreter wird er nicht, gibt aber immer wieder mit seinen Kontakten in die indische Unterwelt an.Die FaktenUm seine Geschichte zu erzählen, ist Lund mit 33 Jahren nach Indien zurückgekehrt. Seine Videos wurden in den sozialen Netzwerken bereits Millionen Mal angeschaut. Er trat in einem Podcast des öffentlichrechtlichen norwegischen Senders NRK auf, wurde vom amerikanischen Magazin «Vice» interviewt, und die grösste finnische Zeitung, «Helsingin Sanomat», hat die Geschichte einem Faktencheck unterzogen.Erwiesen ist, dass Lund in Indien gelebt hat. Dies beweisen sein Pass, der im November 2008 von der finnischen Botschaft in Delhi ausgestellt wurde, und der Stempel darin, der seine Ausreise im März 2009 bestätigt. Lund war damals siebzehn Jahre alt. Seither lebt er in Norwegen.Die Zeitung konnte zudem mit Lunds Gotte sprechen. Sie bestätigte, dass der Vater ohne den kleinen Lasse nach Norwegen zurückgekehrt sei. Zusammen hätten sie versucht, die Botschaft in Indien zu kontaktieren. Über einen vermeintlichen Freund schickten sie Geld an Lasse. Später stellte sich heraus, dass der Freund die Beträge selbst eingesackt hatte.Eine Freundin von Lunds Mutter erzählte der Zeitung, dass sie sich 2005 häufig mit ihr in Mumbai getroffen habe. Die Frauen sassen am Strand und sprachen über ihr Leben. Lunds Mutter erzählte von Drogen und Homeschooling. Der Vater sei nicht mehr da gewesen, und Lasse habe sich in den Strassen herumgetrieben. Die Geschichte, die Lund in seinen Videos erzähle, entspreche weitgehend ihren Kenntnissen über die Familie, sagte die Frau.Lasse Lunds Mutter hingegen bestreitet, dass ihr Sohn kein richtiges Zuhause gehabt habe. «Ich bin wütend auf den Typen, weil er sich solche Geschichten ausdenkt. Es ist schrecklich, dass er behauptet, man habe ihn auf die Strasse gesetzt. Das ist nie passiert», sagt sie zum finnischen Sender Yle. Zugleich gibt sie zu, dass sie nicht wusste, wo sich der minderjährige Lasse aufhielt, als sie im Gefängnis sass. Sie habe der Polizei nichts von ihrem Sohn erzählt, um zu verhindern, dass er in einem Kinderheim lande. Die jüngere Schwester sei bei ihr in der Haftanstalt gewesen.Gegenüber «Helsingin Sanomat» bestätigte das finnische Aussenministerium, dass man 2003 über eine Drittperson erfahren habe, dass der damals elfjährige Lasse mit seinem Vater in Mumbai lebe und nicht zur Schule gehe. Die nächste Meldung erfolgte 2008, als das Ministerium darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass sich ein minderjähriger finnisch-norwegischer Doppelbürger ohne seine Eltern in Indien aufhalte. Laut Yle war es Lund selbst, der damals die Botschaft in Delhi kontaktierte.Laut Jussi Tanner, dem Generaldirektor der konsularischen Dienste, wäre es die Pflicht der Botschaft gewesen, dem Minderjährigen zu helfen. Tanner bestätigt, dass die Botschaft Lund schliesslich einen Pass ausgestellt und ihm dabei geholfen habe, Indien zu verlassen. Eine Meldung wegen Gefährdung des Kindswohls machten die Behörden nicht.Tanner sagt zu «Helsingin Sanomat»: «Es gibt für uns keinen Grund, den wesentlichen Inhalt der Geschichte, die er erzählt hat, anzuzweifeln.»Das MotivUnd doch bleiben viele Fragen offen: Wie kann es sein, dass ein minderjähriger norwegischer und finnischer Staatsbürger einfach für Jahre verschwand? Weshalb haben die Botschaften nichts unternommen, als die Mutter verhaftet wurde? Wieso hat Lunds Vater nicht nach seinem Sohn gesucht?Und vor allem: Was hat Lund dazu bewogen, seine Geschichte öffentlich zu machen, und wieso erst jetzt?Die NZZ hat Lund auf Instagram kontaktiert und einen Anruf von ihm verpasst. Weitere Kontaktversuche liefen ins Leere.Zu «Vice» sagte er über seine Motive: «Ich möchte jemanden für das, was passiert ist, zur Verantwortung ziehen, anstatt mich zu fragen, warum zum Teufel niemand die Verantwortung übernommen hat.»In der Politik hat die Geschichte bisher weder in Finnland noch in Norwegen Beachtung gefunden. Die Aussenministerien wird sie aber noch lange beschäftigen. Zu einem möglichen Schadenersatz wollte sich Tanner vom finnischen Aussenministerium nicht äussern. Klar ist aber eines: Wenn Lunds Erzählungen stimmen, haben nicht nur seine Eltern verantwortungslos gehandelt, sondern auch finnische und norwegische Behörden versagt.Passend zum Artikel
Er lebte als Kind allein in den Gassen von Mumbai: die Geschichte von Lasse Lund
Die Geschichte klingt so verrückt, dass man glauben könnte, sie sei erfunden. Doch einiges deutet darauf hin, dass Lund die Wahrheit sagt.







