Jonathan Tah ist als Dirigent der deutschen Abwehrkette der Nachfolger Antonio Rüdigers. Das Spiel gegen die Elfenbeinküste ist ein besonderes für ihn. Er trifft auf die Heimat seines Vaters. Und zeigt sich nicht nur deshalb tief bewegt.Er hatte die Gelegenheit, Werbung in eigener Sache zu betreiben. Immerhin saßen rund 70 Medienvertreter im Auditorium, um das, was er sagte, in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Doch Antonio Rüdiger, der bis vor wenigen Monaten in der Fußball-Nationalmannschaft unangefochtener Abwehrchef war, dachte gar nicht daran. Ganz im Gegenteil. Der 33 Jahre alte Profi von Real Madrid zeigte Größe – und beklagte sich kein einziges Mal auf einer Pressekonferenz unter der Woche über seine schwierige Rolle als nur noch dritter Innenverteidiger hinter Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck.Wie schon beim 7:1 gegen Curaçao zum Auftakt wird das Duo auch in Toronto im zweiten WM-Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste an diesem Samstag (22 Uhr MEZ/ZDF und MagentaTV sowie im Liveticker der WELT) beginnen.Lesen Sie auch„Den Schub, den Jona in den vergangenen zwei Jahren nochmal gemacht hat, verdient bei mir sehr viel Respekt. Auch die vergangene Saison bei Bayern München war überragend. Und ja – er ist der neue Chef“, sagte der 83-malige Nationalspieler in Winston-Salem über seinen langjährigen Nationalelf-Kollegen Tah. Diese Worte zu sagen, würden ihn keine Überwindung kosten, sagte Rüdiger: „Jeder hat seine Zeit, jetzt ist seine Zeit.“Und der 30-jährige Tah genießt diese Zeit. Freitag saß er neben Julian Nagelsmann, dem Bundestrainer, im Mediencenter im Stadion von Toronto. Die beiden hielten die obligatorische Pressekonferenz vor dem Spiel ab. Tah betonte, als er auf dem Podium saß, wie sehr ihn die Aussagen Rüdigers gefreut haben. Eine Frage eines französischen Reporters beantwortete der deutsche Verteidiger in fließendem Französisch.Die Worte von Antonio Rüdiger, seinem Konkurrenten, waren Worte voller Hochachtung für einen Mitspieler, der von seiner Mutter Anja in einem sehr emotionalen Nominierungsvideo als „chaotischer Wirbelwind“ bezeichnet wurde, der er als Kind gewesen sei. Und heute, so fuhr die Mutter fort, ist er „ein toller, positiver, empathischer Mann“.Lesen Sie auchTah, der im Sommer 2025 von Bayer Leverkusen nach München wechselte, ist gereift – und hat sich insbesondere fußballerisch hervorragend entwickelt. Letzteres hatten ihm viele Experten nicht in dem Maße zugetraut. Tah war und ist kein Lautsprecher, er ist die Ruhe in Person, abgeklärt und top im Stellungsspiel und Zweikampfverhalten. Wie er teils Gegenspieler abläuft und mit bestem Timing stellt, sucht seinesgleichen.Vor dem Spiel der Deutschen am Samstag ist die Familienbande der Tahs von besonderem Interesse. Denn Jonathan Tah hätte wegen der Herkunft seines Vaters Aquila Tah auch für die Elfenbeinküste spielen können. Tah spielt also quasi gegen seine Wurzeln.Der „Hamburger Jung'“ erzählte dieser Tage in Winston-Salem ausführlich über die Beziehungen nach Afrika. Er tat dies in einer ruhigen und abgeklärten Weise, die jede subtile, stumpfe Diskussion über Spieler mit doppelter Einsatzmöglichkeit gar nicht erst aufkommen ließ. Da öffnete einer sein Herz. „Ich freue mich sehr auf dieses Spiel, weil es schon so ist, dass ich als Deutscher aufgewachsen bin in Deutschland. Aber durch meinen Vater habe ich was von der Kultur mitbekommen und fühle mich auch verbunden mit dem Land“, berichtete der Profi von seiner deutsch-afrikanischen Lebensrealität. Eine Länderspielkarriere für die Elfenbeinküste hätte aber nie ernsthaft zur Debatte gestanden, trotz Anwerbeversuchen 2014.Tah wollte „die Musik, das Essen, die Kultur“ spürenDie Oma in Abidjan, der pulsierenden Metropole der Elfenbeinküste, hat er kürzlich besucht. Er wollte eintauchen in das Land seiner väterlichen Vorfahren. Tah nahm seine Frau, Cousins und Cousinen aus Hamburg mit. „Die Musik, das Essen, die Kultur“, all dies wollte er vor Ort spüren, sagte Tah den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. In Erinnerung ist besonders der Besuch auf einem Markt, der „für Touristen schon sehr gewöhnungsbedürftig ist“.Die Erzählungen passen – wie die Auftritte in den USA – zu der Entwicklung, die auch Julian Nagelsmann aus fußballerischer Perspektive erkannt hat. „Du gehst voran, als Persönlichkeit, als Spieler auf dem Feld“, sagte der Bundestrainer in jenem Nominierungsvideo im Mai. Tah ist der „Leader in der Viererkette“. Eine „Top-WM hast du absolut im Kreuz“, so Nagelsmann.Auf Fußball-Deutsch führen solche Worte zwangsläufig zur Bezeichnung Abwehrchef. Doch Tah mag den Begriff überhaupt nicht. Man spiele in der Nationalelf im Verbund. Sein Nebenmann in der Innenverteidigung, Nico Schlotterbeck, hat keine Probleme, sich Tah unterzuordnen. „Jona gibt die Kommandos“, sagte er. Zusammen bilde man ein Top-Top-Duo auf Weltklasseniveau. Tah hat immerhin den langjährigen Abwehrchef Antonio Rüdiger verdrängt. Beim Handy-Talk mit Friedrich Merz gehörte Tah neben Kapitän Joshua Kimmich und dessen Stellvertreter Kai Havertz zum Trio, das mit dem Bundeskanzler spricht. Tah will immer in Entwicklung investieren. Er buchte einen Workshop bei einem Atemtrainer aus Neuseeland. Der gläubige Christ setzt darauf, seinen Horizont zu erweitern. Die Double-Saison bei Bayer Leverkusen vor zwei Jahren war ein ganz wichtiger Step. Hinter dem damaligen Leader Granit Xhaka und dem Fußball-Zauber von Florian Wirtz fiel Tah in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht zurück. Aber der Fortschritt war unverkennbar. Die Erinnerungen an den einst etwas tapsig spielenden Tah wurden da schon ausradiert. Für Nagelsmann war die Premierensaison beim FC Bayern besonders imposant. „Extrem beeindruckt“ habe ihn die Entwicklung in der keineswegs leichtem Münchner Umfeld, wie Nagelsmann aus seiner Trainerzeit selbst weiß. Ist das also der beste Tah, den es je gab? Auch solche Formulierungen mag der Abwehrkoloss nicht, weil sie implizieren, dass der Höhepunkt schon erreicht sei. „Weil man sich damit limitiert, noch besser zu werden“, sagte Tah, der nach dem WM-Auftakt für Aufsehen gesorgt hatte.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Der Abwehrchef betete mit seinem Teamkollegen Felix Nmecha und einigen Spielern des Gegners am Mittelkreis. Es soll keine einmalige Angelegenheit gewesen sein. Tah will das auch bei den kommenden WM-Spielen tun. „Ich bin dabei und wir werden das auch weiter fortführen, weil es am Ende, glaube ich, ein schönes Zeichen ist einfach“, sagte Tah bei MagentaTV. Es gehe um mehr als Fußball. „Es geht um Liebe, es geht um Nächstenliebe, es geht um Frieden, Dankbarkeit. Das sind die Werte, die wir nach außen vermitteln wollen.“Als Antonio Rüdiger, der gläubiger Muslim ist, auf die Gebetsszene angesprochen wurde, sagte er: „Ich sehe meiner Meinung nach nichts Falsches daran. Ich glaube, die Bilder sind um die Welt gegangen. Schöne Bilder, oder?“ Lesen Sie auchFür Rüdiger ist das Thema klar: „Für mich ist es etwas sehr Persönliches. Wir leben in einem Land, wir reden von Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit. Also sehe ich kein Problem darin. Die Bilder sind schön.“Tah sprach Freitagabend auch noch über den veröffentlichten Brief des Leipziger Jungstars Yan Diomande an dessen im Alter von 15 Jahren gestorbene Schwester. „Das war sehr bewegend“, sagte er zur Lektüre der Worte des 19 Jahre alten Flügelstürmers aus der Elfenbeinküste im Magazin „The Players' Tribune“. Diomande äußerte sich zu dem schmerzlichen Verlust in einem Brief, weil er über den Schicksalsschlag nicht sprechen könne. „Oft heißt es, wir sind nur die Fußballer“, sagte Tah. Er finde es grundsätzlich gut, „wenn man die Background-Storys von den Menschen“ mitbekomme, die alle nur als Fußballer in den Stadien kennen würden. „Jeder, der mentale Rückschläge als Sportler oder Fußballer innerhalb einer Mannschaft erlebt und teilt, der weiß auf jeden Fall, dass er innerhalb der Mannschaft diesen Rückhalt und diesen Support hat von allen, die um ihn herum sind“, sagte der Bayern-Profi. „Ich denke, dass es auch hilft, mit solchen Situationen umzugehen“, so Tah.„Deswegen finde ich es schön, dass er es teilt und seine menschliche Seite zeigt und man nicht immer nur den Fußballer sieht“, sagte er über Diomande. Lars Gartenschläger ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit Anfang Juni ist er für die Redaktion in den USA und schreibt von dort aus über die WM-Vorbereitung der deutschen Auswahl. Am Samstagabend wird er auf der Tribüne in Toronto sitzen, Freitag war er auf der Pressekonferenz der Deutschen in der kanadischen Metropole.