Herr Traut, Sie leiten seit fünf Jahren das Weltraumkommando der Bundeswehr. Dabei müssen Sie sich regelmäßig „Star Wars“-Vergleichen stellen. Nervt Sie das? Nein, überhaupt nicht. „Star Wars“ und „Star Trek“ stehen für den Wunsch der Menschen, das All zu erkunden. Solche Erzählungen gehören zu unserer DNA.Dann lassen Sie uns darüber reden, wer bei uns die Darth Vaders sind. Aus welchem Quadranten droht uns Gefahr?Wenn woanders intelligente Lebensformen existieren, geht die Bundeswehr davon aus, dass sie in Frieden kommen. Abgesehen von Sonnenstürmen sind die größten Gefahren menschengemacht – angefangen beim Weltraumschrott, der sich seit den 50er-Jahren angesammelt hat und mit Satelliten kollidieren kann. Es gibt rund 40.000 größere und bis zu eine Million kleinere Trümmerteile, die die Erde umkreisen. Wir überwachen die größeren Teile auf Monitoren in unserem Weltraumlagezentrum in Uedem. Und was ist mit dem menschengemachten Krieg der Sterne? Wie bedrohlich ist die Lage?Auch den haben wir auf dem Schirm. Es finden täglich Attacken auf weltraumgestützte Dienste statt. Das bekannteste Beispiel ist, dass Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 mit dem Versuch begann, die Kommunikationsinfrastruktur des Landes auszuschalten. Das permanente Stören satellitengestützter Navigationssysteme in Osteuropa beeinträchtigt bis heute den Flug- und Schiffsverkehr.Hinter solchen Störaktionen steckt zumeist Moskau?Sehr häufig. Wir denken, dass China so etwas ebenfalls kann, zurzeit aber keine Notwendigkeit dafür sieht. Beide Akteure demonstrieren derzeit, welche kinetischen und physischen Fähigkeiten sie im Weltraum haben.Das müssen Sie uns genauer erklären.China führt komplexe Andock- und Abschleppmanöver mit eigenen Satelliten durch, die sich auch gegen die Systeme anderer Staaten richten könnten – das setzt fortgeschrittenes Know-how voraus. Russland wiederum parkt seit vielen Jahren mit seinen Aufklärungssatelliten vom Typ „Luch Olymp“ neben anderen Satelliten im geostationären Orbit ein und hört die Kommunikation mit. Der erste ist nicht mehr im Dienst, aber ein kleiner, verbesserter Bruder von ihm ist noch unterwegs. 2021 hat der Kreml demonstriert, dass man Satelliten vom Boden aus mit einer Rakete zerstören kann. China hat dies bereits 2007 getan. Mehrere Dienste verdächtigen Russland zudem, einen nuklearen Sprengkopf in den Orbit bringen zu wollen – das wäre die maximale Eskalation.Sie spielen auf den Satelliten Cosmos 2553 an?Ja. Der Satellit wurde in den auch für Satelliten sehr ungesunden Van-Allen-Strahlungsgürtel gebracht, etwa 2000 Kilometer über der Erde. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass dort einmal eine Atomwaffe stationiert werden soll, wäre das ein eklatanter Verstoß gegen den Weltraumvertrag von 1967, der Massenvernichtungswaffen im All ausdrücklich untersagt.Was wären die Folgen einer nuklearen Detonation im Weltall?Das wäre verheerend. Die Amerikaner haben 1962 unter dem Projektnamen „Starfish Prime“ einen Kernwaffentest in 400 Kilometern Höhe durchgeführt, wodurch in kurzer Folge 30 Prozent aller im niedrigen Erdorbit fliegenden Satelliten dysfunktional wurden. Heute stünden wahrscheinlich fast alle elektronischen Netze auf der Welt still. Das würde uns in der Kommunikationstechnik mindestens in die 80er-Jahre zurückwerfen.Um das zu verhindern, hat Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) im Herbst Deutschlands erste Weltraumstrategie vorgestellt. Ist dem 2021 gegründeten Weltraumkommando darin vor allem der Schutz kritischer Infrastruktur im All zugedacht?Ja, wir sichern die zivile wie die militärische „Space Safety“, also die Vermeidung von Unfällen. Aber darüber hinaus befinden wir uns bereits in einer niederschwelligen Auseinandersetzung mit absichtlich herbeigeführten Bedrohungen, also in einem „Security“-Problem. Deutschland stationiert gerade eine Panzerbrigade in Litauen, die navigieren, kommunizieren und aufklären können muss. Das funktioniert über weltraumgestützte Dienste – und die werden attackiert. Auch die Bundeswehr ist angewiesen auf Elon Musks SpaceX, um ihre Satelliten ins All zu schießen. © IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Charles Briggs Inwieweit kann sich die Bundeswehr dagegen verteidigen?Wir sagen unserer Truppe sehr genau, wann sie von welchem Satelliten überflogen wird. Sie kann dann entweder bestimmte Tätigkeiten unter einer Wolkendecke durchführen – oder dafür sorgen, dass auf den Aufklärungsgeräten des Gegners Bilder erzeugt werden, die in unserem Sinne sind. Wenn nichts anderes hilft, könnte man aktiv mit einem Laser in die Kamera des Satelliten leuchten, damit er kein Foto macht.Die Strategie sieht auch vor, dass Sie für 35 Milliarden Euro spätestens 2030 die „Befähigung zu militärischen Weltraumoperationen“, „Cyberoperationen sowie Operationen im elektromagnetischen Spektrum“ erhalten sollen. Was heißt das?Erst mal Abschreckung. Wir werden ein Netzwerk von mindestens 200 kleineren Satelliten für eine sichere staatliche Kommunikation aufbauen. Wir werden russische Aufklärungssatelliten daran hindern können, von unseren Soldaten oder unserer Infrastruktur am Boden Bilder zu machen. Wir müssen ihn dafür nicht unbedingt mit Lasern oder elektromagnetischen Waffen kaputt machen. Wir könnten auch seine Bodenstation finden, die dann plötzlich nicht mehr funktioniert.Malen Sie sich auch echte Kampfhandlungen im Weltall aus? Erst in diesem Frühjahr haben sich fünf russische Kosmos-Satelliten hinter einem hochmodernen finnischen Iceye-Mikrosatelliten aufgereiht, der besonders hochauflösende Radarbilder von der Erdoberfläche machen kann. Er ist nun direkt physisch bedroht. Man könnte sagen, dass Russland seine Schachfiguren in Position gebracht hat und auf den nächsten Zug der Nato wartet. Wir haben nun mehrere Möglichkeiten, über die ich aber nicht öffentlich spekulieren will.Es gibt viele große Investoren, die realisiert haben, dass die Zukunft der Menschheit im Weltraum liegt, und sich den erschließen wollen.Michael TrautDas hört sich weniger nach einem Schachspiel als nach Kriegsvorbereitung an. Genau das müssen wir mit unseren Verbündeten interpretieren. Moskau hat nicht viel Erhellendes verlauten lassen. Aktuell werden immer wieder Sachen probiert und damit getestet, wie weit man gehen kann. Aber wir sind nicht untätig. Nicht umsonst hat unser Minister von „offensiven Weltraumoperationen“ gesprochen.Das alles klingt trotz des erwähnten Vertrags von 1967 so, als sei der Weltraum der neue Wilde Westen. Macht dort jeder, was er will?Ganz so unreguliert ist es nicht, aber ein wenig Wilder Westen ist es schon, inklusive Goldgräberstimmung. Der Weltraum ist ein riesiger Wachstumsmarkt mit einem globalen Jahresumsatz von knapp 600 Milliarden US-Dollar, der sich in den nächsten Jahren noch einmal verdreifachen könnte.In der zivilen Raumfahrt geht es zunehmend um die Frage nach Menschen im All. Spielt das für Ihre Strategie auch eine Rolle? Mehrere Unternehmen arbeiten bereits an einer kommerziell betriebenen Raumstation. Auf dem Mond bahnt sich ein Rennen zwischen den USA mit ihren Artemis-Partnern und China an – ein Wettlauf zum Südpol des Mondes, wo Eis vermutet wird. Damit könnte man Atemsauerstoff und Treibstoff erzeugen. Ohne Atmosphäre und mit geringer Schwerkraft im Weltraum kann man zudem mit Robotern Produkte herstellen, die auf der Erde nicht hergestellt werden könnten: Legierungen, Medikamente, Kristalle … Und die USA denken über ein Atomkraftwerk auf dem Mond nach. Die Zentrale des Weltraumkommandos liegt im nordrheinwestfälischen Uedem im Kreis Kleve. © Jennifer Heyn/Bundeswehr Ist das legal?Der Weltraumvertrag verbietet wie gesagt Massenvernichtungswaffen, also nukleare, biologische, chemische und radioaktive Waffen. Aber es kommt auf die Auslegung an, was eine Waffe ist.Mit den „Amerikanern“ ist mal das Land gemeint, mal Unternehmen oder einzelne Personen wie Musk. Bisher haben sich Staaten untereinander bekriegt, jetzt könnte auch ein Konflikt zwischen einem Staat und einem Unternehmen ausbrechen. Was würde das bedeuten? Es gibt viele große Investoren, die realisiert haben, dass die Zukunft der Menschheit im Weltraum liegt, und sich den erschließen wollen. Und man lässt sie. Nehmen Sie allein Elon Musks Macht im Krieg in der Ukraine: Er entscheidet, für wen Starlink funktioniert, für wen er es abschaltet – und verschafft so einer Seite Vorteile. Soll eine einzelne Privatperson so auf einen Konflikt zwischen Staaten einwirken können?Soll sie?Ich bin der Meinung, dass das souveräne staatliche Entscheidungen sein müssen. Aber dafür darf man sich nicht von einem Vertragspartner abhängig machen, der im Zweifelsfall unzuverlässig ist.Gleichzeitig braucht die Bundeswehr immer noch SpaceX, um ihre Satelliten überhaupt hochzuschießen, weil die Kapazitäten der europäischen Ariane-Raketen allein nicht ausreichen. Wir haben auch schon Satelliten mit einer russischen Rakete aus Plesezk gestartet. Das war damals – 2009 – eine reine marktbezogene Betrachtung.Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass dort einmal eine Atomwaffe stationiert werden soll, wäre das ein eklatanter Verstoß gegen den Weltraumvertrag von 1967, der Massenvernichtungswaffen im All ausdrücklich untersagt.Michael TrautKann man das trennen? Die USA oder Russland können den Start doch verweigern oder ausspionieren, was drin ist.Als die Bundeswehr vor zweieinhalb Jahren zwei Aufklärungssatelliten mit SpaceX hochgeschossen hat, wurden sie in verpackten Boxen geliefert, mit klaren physischen Eigenschaften, also Gewicht, Schwerpunkt, Länge, Höhe, Breite. Es war permanent Personal dabei, das auf die Geheimhaltung geachtet hat. Aber sie könnten unseren Start immer weiter nach hinten verschieben. Deswegen brauchen wir selbst kleine Weltraumbahnhöfe, sogenannte Microlauncher.Warum ist es so schwer, diese zu schaffen?Wir haben mindestens drei Jahrzehnte unter dem Paradigma gelebt, wir haben keine Ressourcen und ewig viel Zeit, weil wir keine Bedrohung wahrgenommen haben. Jetzt haben wir die Ressourcen, aber keine Zeit. Wir sind in einer Kultur der absoluten Risikovermeidung erzogen worden. Unternehmen und die Amtsseite müssen sich trauen, einfach mal was zu entwickeln – und Fehler zu machen.Ist der Rückstand noch aufzuholen? Von den etwa 14.000 aktiven Satelliten im All sind etwa 12.000 aus den USA und 10.000 von Elon Musk. Wir brauchen nicht so viele Satelliten wie jemand, der Hunderten Millionen Usern das Breitbandnetz Starlink verkaufen will. Ich will für die Bundeswehr „nur“ eine gesicherte militärische Kommunikation haben. Da reichen einige wenige 100, die sollten aber souverän sein. Heißt: Die gehören uns, die fliegen wir, die betreiben wir und wir bestimmen, wer welches Datenpaket damit schickt.Ist die Umlaufbahn nicht irgendwann voll bei der Menge an Satelliten? Noch passiert erstaunlich wenig. Wir dachten auch beim Luftverkehr, dass der Himmel irgendwann voll ist. Dann haben wir mehr und bessere Sensoren und Kontrollmechanismen eingeführt. Im Weltraum aber arbeiten wir derzeit mit Messdaten, die mehrere Stunden alt sind, und rechnen daraus die Flugbahnen aus. Mit genaueren Daten könnten Satelliten 50 Meter nebeneinanderherfliegen.Also besteht keine Gefahr, dass Starlink den Orbit mit eigenen Satelliten zumacht und wir keine mehr platzieren können? Tatsächlich ist es bereits schwierig, sich auf deren Bahn einzureihen. Starlink verspricht, auszuweichen. Dafür wollen sie die exakten Daten des anderen Satelliten. Andersrum ist es echt schwer vorherzusagen, wann, zu welchem Zeitpunkt, ein Starlink-Satellit genau wo ist.Eine möglichst ungehinderte Nutzung des Weltraums und die Fähigkeit, einem Gegner die Nutzung des Weltraums zu verwehren, sind unabdingbar für eine Kriegstüchtigkeit.Michael TrautSo stellt das Unternehmen sicher, lieber die sensiblen Daten anderer zu bekommen, als eigene herzugeben. Genau.Musks Milliarden setzen wir Steuermilliarden entgegen. Ist das angesichts von Haushaltsloch und Sparmaßnahmen der Regierung überhaupt zu stemmen?Ich bin optimistisch. Wir haben ein politisches und öffentliches Bewusstsein, dass Weltraum strategisch notwendig ist und nicht einfach nur ein wissenschaftliches Hobby. Mit den öffentlichen Geldern hoffen wir auch private Investoren zu ermuntern, in Raumfahrt zu investieren, so wie das in den USA schon längst gemacht wird.Trotzdem ist der erste Impuls vieler, zu sagen: Kümmert euch erst mal um die Baustellen auf der Erde. Es muss ja nicht jeder sofort schreien, wie toll das ist. Aber der Weltraum war schon immer eine strategische Arena. Wir haben es nur nicht sehen wollen. Dass wir jetzt investieren, hat bestimmt mit unserer Bedrohungswahrnehmung zu tun.Und die erklärte Kriegstüchtigkeit bis 2029, die wir erreichen wollen, wäre ohne Weltraum gar nicht denkbar? Wir wären sehr schlecht beraten, uns ohne Weltraumfähigkeiten in eine militärische Auseinandersetzung zu begeben. Eine möglichst ungehinderte Nutzung des Weltraums und die Fähigkeit, einem Gegner die Nutzung des Weltraums zu verwehren, sind unabdingbar für eine Kriegstüchtigkeit. Wenn wir das nicht machen, verlieren wir, und zwar sehr schnell.Wenn wir jetzt in einen Krieg verwickelt würden, wie gut wären wir aufgestellt?Wir wissen, was wir tun würden, wenn es heute losginge.Halten Sie es mit Thomas de Maizière: „Ein Teil der Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“?Die Situation ist deutlich besser als vor fünf Jahren, als ich angefangen habe.Können Sie im Urlaub noch entspannt in den Sternenhimmel schauen?Entspannt bin ich leider nie. Ich habe auch mal gesagt, ich schlafe schlecht, wenn ich an die Gefahren aus dem All denke. Das wird wahrscheinlich auch nicht mehr anders bis zu meinem Ruhestand.
Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr im Gespräch: „Ich schlafe schlecht, wenn ich an die Gefahren aus dem All denke“
Der Weltraum war schon immer eine strategische Arena, sagt Generalmajor Michael Traut. Wir haben es nur nicht wahrhaben wollen. Vom Kampf gegen Schrott im Orbit und russische Spionagesatelliten.






