Es waren zwei Sätze, die von Herzen kamen wie auch von Amts wegen. Denn der Bundespräsident sieht sich zur Demokratiesicherung auf einen öffentlichen Denker in der Passform von Jürgen Habermas unbedingt angewiesen. „Wir hätten ihn dringend weiter gebraucht. Wir werden ihn entsetzlich vermissen“, so Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede, die er in der Frankfurter Paulskirche zum Gedenken an den im März gestorbenen Habermas hielt. Zwei Sätze, die dem Manuskript beim Reden hinzugefügt wurden.Für den Verstorbenen habe der öffentliche Raum eines vernünftigen Diskurses zur Substanz des demokratischen Staates gehört, einer Substanz, die Habermas zunehmend bedroht sah, wie er in Briefen an Steinmeier zum Ausdruck brachte, zuletzt zunehmend irritiert über Auswüchse des Strukturwandels der digitalen Öffentlichkeit, aber mit einer ungebrochenen Energie des Dagegenhaltens, so Steinmeier. Der letzte Brief, den der Bundespräsident von Habermas wenige Wochen vor dessen Tod empfing, war gezeichnet mit „Ihr alter, vielleicht längst zu alt gewordener Jürgen Habermas“. Und doch habe er bis in seine letzten Wochen hinein „mit dem Denken nicht aufgehört“, wie Steinmeier persönlich bezeugen könne.Aber in welchem Sinne war Habermas eine „vom Denken geprägte Existenz“ (Steinmeier), in welchem Sinne war er „der Philosoph“ (Philipp Felsch)? Kann der folgende, von Habermas selbst tiefstapelnd ins Spiel gebrachte Gegensatz von Oberfläche und Tiefe überzeugen, mehr als nur oberflächlich? Er habe sich selbst immer im Verdacht gehabt, kein „richtiger“ Philosoph zu sein, „keiner, wenn Sie mir das Klischee gestatten, der von der Kontemplation der je eigenen Lebenssituation ausgeht und nach tiefen, metaphysisch gültigen Einsichten strebt“, sagte Habermas in einem langen, 2024 veröffentlichten autobiographischen Gespräch mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos, beide ausgewiesene Habermas-Biographen.Habermas bevorzugte die kleine HausnummerEr habe seine Motive eher im Marxismus und im Pragmatismus wiedererkannt. Tiefere Beweggründe, so Habermas im Blick auf metaphysisch orientierte Zeitgenossen wie Robert Spaemann, Karl-Otto Apel, Dieter Henrich, Michael Theunissen oder Ernst Tugendhat, werde man bei ihm nicht finden, wenn es ihm, hier einmal mit Martin Heidegger gesprochen, „immer schon“ um die individuierende Vergesellschaftung der Einzelnen gehe. Dies im übrigen „eher aus biblischen als aus griechischen Motiven“, wie Habermas leichthin die politisch-moralischen Antriebskräfte seiner Gesellschaftstheorie beschreibt.Habermas, ein Denker der Oberfläche? Ein Cantus firmus seines Wirkens ist laut Steinmeier der Versuch, „eine philosophische, diskursethische Begründung unserer Demokratie zu liefern und damit der sie tragenden Überzeugungen“. Das war tatsächlich gerade kein bombastisches Appell-Unternehmen metaphysischer Bezugnahmen. Wenn Habermas die Wahrheitsfähigkeit von Geltungsansprüchen ins Spiel brachte, bevorzugte er die kleine Hausnummer: „Ich halte das Streben, die Welt um ein Winziges besser zu machen oder auch nur dazu beizutragen, die stets drohenden Regressionen aufzuhalten, für ein ganz unverächtliches Motiv. Daher bin ich mit der Bezeichnung ‚Philosoph und Soziologe‘ ganz zufrieden.“Als ob die Nennung der Doppelqualifikation (Philosoph und Soziologe) dem Ausdruck „Philosoph“ etwas von seinem Gewicht, seiner Aura nehmen können, kommentiert Peter Niesen diese Stelle, Hamburger Lehrstuhlinhaber für Politische Theorie und derzeit wohl intimster Habermas-Kenner, auch ohne sich als Meisterschüler in Szene zu setzen. Niesen gehört zu den Organisatoren des Habermas-Symposiums, das im Anschluss an die Steinmeier-Rede in der Frankfurter Universität unter dem Titel „Dass niemand wirklich frei ist, bevor es nicht alle sind“ angesetzt war – ein Habermas-Zitat, welches das Ineinander von persönlicher und öffentlicher Freiheit in seiner Tiefe illustriert.Sein Lektüre-Pensum war alles zermalmendAus der Parallelführung lasse sich schließen, so Niesen, dass Habermas Philosophie ebenso wie Soziologie zunächst als Beruf verstanden wissen wollte, als von einer durch und durch akademischen Lebenswelt geprägt, mit einem Bekenntnis zur Professionalität in den jeweiligen Fächern und Materien, aus denen sein Gespür für Relevanzen erwuchs - jeweils auf Höhe der einzelwissenschaftlichen Entwicklung. So versteht man Niesens Feststellung: Habermas’ Lektüre-Pensum sei „alles zermalmend“ gewesen. Wie anders sollte es denkbar sein?Und so bleibt Öffentlichkeit, die der Bundespräsident in Anlehnung an Habermas als „Prüfstein der Vernunft“ bezeichnete, auch eine Einladung zur Belesenheit, als einer Arbeit am Argument in der Erwartung von Widerspruch und Kontroverse. Von Staats wegen ist das nicht verhandelbar.
Frank-Walter Steinmeier würdigt Jürgen Habermas in der Paulskirche
Ungebrochene Energie des Dagegenhaltens: In der Frankfurter Paulskirche würdigte der Bundespräsident den am 14. März verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas.






