Eine Reihe neuer Kontakte findet sich derzeit wohl im Telefonbuch der IRCC, der kanadischen Behörde für „Immigration, Refugees and Citizenship“. Kommunikation mit internationalen Sportjournalisten gehörte bislang nicht unbedingt zum Kerngeschäft der kanadischen Einwanderungsbehörde, die bis zum WM-Start eher selten mit Fußballspielern zu tun hatte. Jetzt aber rückt die IRCC zunehmend in den Fokus als eine womöglich spielentscheidende Institution des Turniers, auch für die deutsche Nationalmannschaft.Am Mittwoch etwa veröffentlichte The Athletic eine Investigativgeschichte zu einem angeblich laufenden Ermittlungsverfahren gegen Elye Wahi. Der Stürmer der Elfenbeinküste sei wenige Tage vor seiner Abreise zur WM nach Nordamerika in Frankreich im Zuge von Ermittlungen bei einem Sportwetten-Betrugsfall vernommen worden, so der Bericht.Der Vorwurf gegen Wahi soll lauten, dass er sich am letzten Spieltag der abgelaufenen Ligue-1-Saison bei OGC Nizza absichtlich eine gelbe Karte eingehandelt haben soll. Diese Verwarnung war keineswegs banal, denn sie hatte eine Sperre für das folgende Relegationshinspiel gegen St. Étienne (0:0) zur Folge. Im Rückspiel wirkte Wahi, der bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag steht und in der Rückrunde nach Südfrankreich verliehen war, wieder mit und sicherte durch zwei späte Treffer zum 3:1 und 4:1-Endstand für Nizza endgültig den Klassenerhalt.Wegen des „Verdachts des organisierten Betrugs, organisierter Korruption im Sport, Umgang mit Erträgen aus Straftaten und Geldwäsche“ werde nun gegen den Spieler ermittelt, schreibt The Athletic. Wahis Anwältin Marie Dosé wandte sich laut der Sportzeitung L’Équipe an die Staatsanwaltschaft Marseille, um ihr Erstaunen über die mediale Aufmerksamkeit für den Fall und seine Folgen auszudrücken. Sie betonte, dass gegen Wahi keine verwaltungsrechtlichen Auflagen bestehen und er nicht formell angeklagt wurde.Der IRCC bekam aufgrund dieser Geschichte zahlreiche Anfragen und zog entsprechend schnell Konsequenzen: Im Laufe des Mittwochs teilte der Fußballverband der Elfenbeinküste mit, dass Wahi die Einreisegenehmigung nach Kanada für das Spiel gegen Deutschland am Samstag in Toronto verwehrt worden sei. Hinter den Kulissen folgte darauf offenbar eine Gegenantwort von hoher Stelle: Am Abend noch gab der Verband bekannt, dass Wahi nun doch mitreisen könne. Womit der Kader der Elfenbeinküste wieder vollzählig war, die Verwirrung über den Fall allerdings groß. Hat Kanada eine harte Richtlinie für Einwanderungsfälle – oder doch nicht?„Kanada hat stets betont, dass die Ausrichtung von Großveranstaltungen keine Auswirkungen auf die kanadischen Einwanderungsgesetze hat. Jede Person, die nach Kanada kommen möchte, wird individuell geprüft – auf der Grundlage der vorliegenden Fakten und der geltenden Gesetze –, wobei die Sicherheit der Kanadier oberste Priorität hat“, schrieb der IRCC als Antwort auf eine weitere Anfrage von The Athletic, verwies dann allerdings auf Einzelfälle: „Unter außergewöhnlichen Umständen können befristete Aufenthaltsgenehmigungen an Personen erteilt werden, die eigentlich nicht zur Einreise berechtigt sind oder die Voraussetzungen für die Einreise oder den vorübergehenden Aufenthalt in Kanada nicht erfüllen.“Dem Ghanaer Thomas Partey verweigerte Kanada die Einreise, weil gegen ihn in Großbritannien Ermittlungen wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung laufenWie genau der Fall für den Stürmer, der im ersten Gruppenspiel gegen Ecuador in der Startelf gestanden hatte, nun doch gut ausgehen konnte, bleibt kryptisch: Der Verband jedenfalls dankte „den verschiedenen beteiligten Parteien für ihre Unterstützung bei der Bearbeitung dieses Falls“ und ließ das genauere Prozedere offen. Wer nach eigener Aussage eigentlich nicht beteiligt gewesen sein kann: die Fifa.„Die Fifa ist nicht an den Einwanderungsverfahren der Gastgeberländer beteiligt, einschließlich der Entscheidung über Visa“, gab der Fußball-Weltverband bereits in der Vorwoche bekannt, als ein ähnlicher Fall Thema war: Dem ghanaischen Mittelfeldspieler Thomas Partey wurde die Einreise nach Kanada zum Gruppenspiel gegen Panama verweigert. Der Hintergrund hier: Gegen Partey laufen in Großbritannien Ermittlungen aufgrund von Vorwürfen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Wobei das nach Lesart des IRCC gar nicht das ausschlaggebende Argument war: Partey habe bei seinem Visumsantrag auf die explizite Nachfrage, ob er „jemals in irgendeinem Land eine Straftat begangen habe, deswegen festgenommen, angeklagt oder verurteilt worden sei“, mit „Nein“ geantwortet.Dies wertete die Behörde als Falschaussage, weshalb in seinem Fall auch ein offizieller Einspruch samt Hinweis auf das noch nicht erfolgte Urteil in dem Fall erfolglos gewesen war: Partey blieb die Einreise nach Kanada verwehrt. Anders als nun bei Wahi.Fest steht derzeit nur: Partey fehlte Ghana, Wahi wird gegen Deutschland wohl zum Einsatz kommen können. Und die Legende von der unnachgiebigen kanadischen Einwanderungsbehörde, die sich beim Turnier zunehmend breit gemacht hatte, dürfte vorerst zu Ende erzählt sein.