PfadnavigationHomeWirtschaftArtikeltyp:MeinungHohe bundesweite Unterschiede194 Prozent Unterschied – gegen die hohen Müllgebühren hilft nur knallharte TransparenzVon Michael HöflingRedakteur im Ressort Wirtschaft und FinanzenStand: 13:11 UhrLesedauer: 5 MinutenBei den Müllgebühren gibt es bundesweit deutliche UnterschiedeQuelle: Getty Images/Peeradon WarithkorasuthDie Bürger ächzen unter Inflation und steigenden Sozialabgaben. Zugleich gibt es bei den Müllgebühren bundesweit Unterschiede, die mit regionalen Besonderheiten kaum zu erklären sind. Die Zusammensetzung der Abgaben muss offengelegt werden.Rund 315 Euro Unterschied im Jahr für eine Dienstleistung, die der Bürger nicht frei wählen kann und der er damit schutzlos ausgeliefert ist. Die Analyse der Müllgebühren in den 100 nach Einwohnerzahl größten deutschen Städten durch den Eigentümerverband Haus und Grund lenkt den Fokus auf einen in der Diskussion um gestiegene Mieten oft vernachlässigten Aspekt: die sogenannte „zweite Miete“. Das sind alle Wohnkosten jenseits der reinen Kaltmiete, also die operativen Aufwendungen wie Grundsteuer, Wasser und Abwasser, Heizung, Versicherung und eben Abfallgebühren.Und diese sind in den vergangenen Jahren deutlicher gestiegen als der eigentliche Mietzins. Laut dem Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) ist die Nettokaltmiete zwischen 2000 und 2025 um 40 Prozent gestiegen und blieb damit unterhalb der allgemeinen Inflation (plus 62 Prozent). Die Verbraucherpreise für Gas und Heizöl hingegen sind im selben Zeitraum um 205 Prozent gestiegen, der Strompreis um 175 Prozent, beides besonders stark seit dem Jahr 2020. Wohnbezogene Dienstleistungen wie Wasserversorgung oder Müllabfuhr legten um 54 Prozent zu. Diese Zahlen lassen auch die pauschalen Kampagnen von Verbänden wie dem Mieterbund oder Parteien wie der Linken gegen vermeintlich gierige Vermieter und Wohnungskonzerne in einem anderen Licht erscheinen.Lesen Sie auchWas die Müllgebühren angeht, gibt es jedenfalls so etwas wie eine Gnade des Wohnorts. Ganze 162 Euro im Jahr muss eine Familie für die Abfallentsorgung zahlen, wenn sie zufällig im schleswig-holsteinischen Flensburg heimisch ist. In Bergisch Gladbach wiederum kostet die vergleichbare Dienstleistung bei schlechterem Service 477 Euro. Insgesamt sind die Gebühren für die Müllentsorgung im Durchschnitt über die 100 Städte gegenüber der vorhergehenden Erhebung im Jahr 2022 um 13 Prozent auf 351 Euro gestiegen. Vor allem aber die hohe Bandbreite der Abgaben wirft Fragen auf.Nun ist es klar, dass die Gegebenheiten der Abfallentsorgung von Kommune zu Kommune differieren und unterschiedlich hohe Kosten verursachen können. Ebenso unbestritten ist, dass die Gebührenhoheit auf Gemeindeebene durch die kommunale Selbstverwaltung verfassungsrechtlich geschützt ist. Zugleich aber bindet das kommunale Gebührenrecht der Länder die Kommunen bei den Abfallgebühren an das Kostendeckungsprinzip: Kommunen dürfen über die Gebühr nicht mehr einnehmen, als die Entsorgung tatsächlich kostet. Kosten, die gar nicht entstehen dürftenAuch wenn die Studienautoren einräumen, dass die Vergleichbarkeit von Müllgebühren bundesweit methodisch eine Herausforderung ist: Eine Kommune, die eine im bundesweiten Vergleich um den Faktor drei höhere Abgabe fordert als am günstigsten Standort, sollte schon im ureigenen Interesse ihre Prozesse auf Einsparpotenzial checken und dieses auch zu heben versuchen. Wer würde ausschließen wollen, dass fehlender Wettbewerb und eine behördentypische „haben wir schon immer so gemacht“-Haltung nicht über die Jahre einen Ballast aufgebaut haben, der am Ende Kosten deckt, die bei genauem Hinsehen gar nicht entstehen dürften?Lesen Sie auchEin erster Schritt dorthin wäre Transparenz, die es Bürgern ermöglicht, die Leistung der Kommune bis in ihre Bestandteile hinein zu durchleuchten und sie – bei allen lokalen Unterschieden – bundesweit vergleichen zu können. Dass diese Forderung der Eigentümerlobby von Haus und Grund den Städten, die in einer prosperierenden Bundesrepublik über Jahrzehnte aus dem Vollen schöpfen konnten und den Bürgern auch mit objektiv überzogenen Gebühren nicht allzu sehr weh taten, nicht gefallen dürfte, versteht sich fast von selbst. Lesen Sie auchDie Zeiten aber sind jetzt andere. Die allgemeine Inflation zehrt an den Budgets der Menschen, die seit Jahrzehnten absehbare Krise der Sozialsysteme lässt sich auch mit den raffiniertesten Taschenspielertricks nicht mehr vom Individuum fernhalten, und eine darbende Wirtschaft mit strukturell zu teurer Energie und deshalb schlechter Prognose zerstört in der Breite auch die Hoffnung auf Gehaltszuwächse, die das ausgleichen könnten. Da ist jede Entlastung auf der Ausgabenseite eminent wichtig. Dass die Studie mit Haus und Grund von der Eigentümerlobby kommt, die selbstverständlich eine eigene Agenda hat, zieht in diesem Fall nicht: Von sinkenden Müllgebühren profitieren alle – ob Eigentümer oder Mieter. Es geht mit der Forderung nach Transparenz bei den Gebühren auch nicht um Eingriffe in die Hoheit der Kommunen, sondern um die Offenlegung von Informationen, die ja ohnehin vorliegen müssen, damit eine Gebühr rechtmäßig kalkuliert werden kann. Natürlich verschwinden steigende Energie-, Entsorgungs- und Personalkosten nicht dadurch, dass eine Gemeinde einen Gebührenrechner anbietet, der Bürgern diese Transparenz verschafft. Aber steigende Kosten sind ein Problem, mit dem Gemeinden im Großen und Ganzen bundesweit in ähnlicher Ausprägung zu kämpfen haben. Wer dann dreimal höhere Abgaben verlangt als andere, muss die Notwendigkeit dazu glaubhaft belegen können – oder die Gebühren senken.Transparenz wird zwar das Problem zu hoher Abgaben nicht sofort lösen. Aber sie ist die Mindestvoraussetzung dafür, beurteilen zu können, ob das Problem überhaupt vorliegt. Bis es so weit ist, könnte ja der Abfallwirtschaftsverband Bergisch-Gladbach einfach mal bei der Abfallwirtschaft Schleswig-Flensburg anrufen und erfragen, wie die Fördestadt das mit den niedrigen Gebühren eigentlich hinbekommt. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.Michael Höfling schreibt für WELT und Business Insider über Immobilien, Wirtschaftspolitik und Gold. Gemeinsam mit Michael Fabricius ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ zuständig, den Sie hier abonnieren können.