Kann sich eine „Wiese“ über 28 Kilometer erstrecken und nur 350 Hektar messen? Was rätselhaft klingt, findet seine Auflösung in dem hier nicht flächenhaft zu verstehenden Areal. Die „Spessartwiesen“ bilden die Summe schmaler Streifen entlang mehrerer Zuläufe von Lohrbach und Lohr zwischen Heigenbrücken, Partenstein und Frammersbach. Vor 25 Jahren wurden die von Forst- und Naturparkverwaltung aufwendig renaturierten Gewässer als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Der übergreifende Name „Wiesen“ hat mit Blick auf frühere Nutzungen dennoch Berechtigung, und deshalb sah man sich in der Pflicht, neben der Natur- auch die Kulturlandschaft der breiteren Täler zu bewahren, respektive partiell wiederherzustellen. Zur Rekonstruktion der im 18. und 19. Jahrhundert ausgeübten Wirtschaftsform sogenannter Rück(en)wiesen ließ man Bewuchs und Bäume der zwischenzeitlich aufgeforsteten Auen entfernen. Damit war Platz geschaffen für die Dämme und Gräben eines komplexen Dränagesystems, wie etwa bei Heigenbrücken praktiziert. Die Bewässerung erlaubte jährlich bis zu fünf Grasschnitte, vorausgesetzt, alle Bauern mähten gemeinsam und gruben sich nicht im Wortsinn das Wasser ab. Mit Mechanisierung der Landwirtschaft kam das Verfahren allerdings rasch zum Erliegen. Ein ungewöhnliches Gotteshaus des Spessart ist in der kleinen Gemeinde Neuhütten zu finden.Thomas KleinZurück blieben die für Holztrift, Mühlen oder Fischhaltung teils stark veränderten Flussläufe. Ihr jahrelanger Rückbau schuf die Basis zur Anerkennung der Spessarttäler als Naturschutzgebiet, wozu auch Landankäufe und der Abriss agrarischer Einrichtungen zählten. Flora und Fauna dankten den Aufwand mit großer Vielfalt. In die erstaunlich rasch und dicht von Riedgräsern und Seggen eroberten Biotope kamen Bachforelle und das seltene Bachneunauge zurück, selbst Biber hielten Einzug. Darüber jagen Wasseramsel und Eisvogel oder flattern rare Schmetterlingsarten wie der Ameisenbläuling.Nur nicht in Neuhütten. So naturbelassen sein vorgelagerter Grimmenwiesensee wirkt, er ziert erst seit 1980 die einstige Glasmacherstätte, als man die Chance erkannte, mit verschiedenen Schritten die abgelegene Gemeinde derart aufzuwerten, dass sie zu einer gesuchten Wohnadresse werden konnte – die ungewöhnlichste Kirche im Spessart inklusive. Was man mit Blick auf sandsteinrote Buckelquader und den bergfriedartigen Rundturm für eine kleine Burg halten könnte, firmiert stilistisch unter „gotisierendem Expressionismus“. Vor hundert Jahren wurde die Pfarrkirche dem Heiligen Josef geweiht. Um externe Inhalte anzuzeigen, ist Ihre widerrufliche Zustimmung nötig. Dabei können personenbezogene Daten von Drittplattformen (ggf. USA) verarbeitet werden. Weitere Informationen . Wegbeschreibung:Seit Verlegung des Bahnhofs von Heigenbrücken an den südöstlichen Rand sind es nur wenige Schritte zum Naturschutzgebiet Spessartwiesen im Lohrbachtal. Vom Bahnsteig weg gelangt man über ein Treppchen in die verbindende Grünanlage. Parken lässt sich an deren Beginn – Zufahrt „Kurpark“ ab Ortsmitte – sowie auf der großzügig bemessenen, kostenfreien Stellfläche vor den Gleisen. Geradeaus bedarf es zunächst keines der zahlreichen Wanderzeichen. Anders als sie sind begleitende Erläuterungstafeln allerdings arg in die Jahre gekommen. Doch auch so lassen sich die Gräben und Wölbungen der Rückwiesen anhand unterschiedlicher Färbungen der hochstehenden Vegetation gut ausmachen.Vor dem nahen Waldrand halten wir uns rechts mit einem Wasserlehrpfad (Eule und Fisch) zum sogenannten Landschaftssee. Auch dieses künstliche, jetzt als Angelrevier genutzte Gewässer verhüllte die Natur mit einem dichten Baum- und Heckenvorhang. Dominierend sind dann aber die in allen Grünschattierungen schimmernden Gräser. Lediglich ein Weg unterbricht das wogende Meer nach etwa 700 Metern. Für die Fortsetzung nimmt man geradeaus das Zeichen rotes X auf. Es verläuft, nachdem es sich zwischen Fichten ansteigend etwas entfernt hat, über rutschiges, von Gestrüpp gesäumte Pfade wieder bergab und schließlich unmittelbar neben dem sumpfartigen Lohrbach. Die Szenerie erinnert stellenweise an einen Mangrovenwald, mit Pflanzen, die bis ins Wasser hineinragen. Alternativ folgt man dem besagten Weg rechts und am nahen Abzweig links. Als Erfolg der Naturschutzmaßnahmen gelten die große Artenvielfalt, darunter seltene Spezies wie die Bachforelle oder das Bachneunauge, selbst Biber hielten Einzug.Thomas KleinBeide Varianten finden vor einem hohen Viadukt der viel befahrenen Bahnstrecke zusammen. Auch dahinter begleitet uns der Lohrbach bis zur Landstraße unterhalb von Neuhütten. Als Abstecher geht es vom Richtungspfosten an der Fleckensteinsmühle den Fußweg hinauf. Wegen Straßenbauarbeiten kann es innerorts zu Einschränkungen kommen. Die Kirche St. Josef – erhöht am südwestlichen Rand stehend – und der Grimmenwiesensee sind davon nicht betroffen.Zurück, laufen wir – jetzt mit einem Spessart-Kulturweg (gelbe Sternchen über blauem Grund) – für 200 Meter entlang der Landstraße, bis sie ab der Linkskurve geradeaus zurückbleibt. Zwischen Waldsaum und der Bahnstrecke ändert sich zunächst wenig. Erst nach ihrem Unterschreiten und 800 Meter auf einer (früheren) Werkszufahrt stößt man wieder zu einem morastigen Naturschutzgebietabschnitt samt bizarrer Baumgerippe. Der weitere Weg führt über die Straße hinweg durch das ebenfalls geschützte Aubachtal und verläuft deutlich ruhiger. Wo früher Getreide angebaut wurde, prägen heute Streuobstwiesen und einzelne Bäume den parkähnlichen Talboden. Selbst in einer abgelegenen Gemeinde wie Wiesthal bestimmen inzwischen großzügige Einfamilienhäuser statt Bauernhöfe das Ortsbild. Sie reichen fast bis in den alten Kern um das Rathaus und die mehrfach veränderte Pfarrkirche.Für einen um zwei Kilometer verkürzten Rückweg kann davor mit den Markierungen Dreieck und Diagonalstrich (beide rot) weitergegangen werden; wenn sie später am Richtungspfosten „Beim Heiligen“ auseinandertreten, nurmehr mit dem Dreieck. Auch dann gelangt man zum Freizeit- und Wildpark im Bächlesgrund. Dieser reine Waldweg hat durch den neuen, nördlicher geführten „Spessartweg 3“ zwischen Bad Soden-Salmünster und Heigenbrücken aufregende Konkurrenz bekommen, da er teils auf angelegten Pfaden verläuft. Von Wiesthal aus folgt man weiter dem Kulturweg über Haupt- und Haardtstraße bergauf bis zum Waldrand und dann weiter aufwärts. Nach etwa 700 Metern geht es an einer Rechtskurve mit Gittersteinen am Boden geradeaus ohne den Kulturweg in eine große Wiese. Weniger als 200 Meter später stößt von rechts der grün-blaue Spessartweg mit dem Spechtzeichen dazu. Ihm folgt man nun bis zum Ende. Zunächst führt er weiter bergauf am Rand der Wiese entlang, dann links in den Wald. Dort wird der Weg unebener und verläuft über Wurzeln, durch Farn und Brombeeren, mit mehreren kurzen An- und Abstiegen.Die Markierung führt wie eine Leuchtspur durchs Gelände, zeitweilig noch verstärkt vom weißen M. Nach etwa 500 Metern queren wir einen Forstweg, und die Landschaft verändert sich erneut: Bergauf führt der Weg zwischen Fichten über weichen Waldboden, später werden sie an der Kreuzung beim Wegweiser „Baßhöhe“ von Laubbäumen abgelöst.Beim Abstieg verlässt der Spessartweg den Forstweg und folgt einem schmalen Pfad. Nach einer Serpentine trifft er kurz wieder auf den Forstweg und führt dann links auf einem unscheinbaren Weg zur Mariengrotte an der Quelle des Bächlesbachs. Von dort geht es weiter zur Freizeitanlage mit Hochseilgarten, Spiel- und Wasserbereichen, Imbiss sowie einem frei zugänglichen Wild- und Kleintierpark.Anschließend hält man sich links und geht an den weitläufigen Gehegen der rund zehn Hektar großen Anlage vorbei, darunter Mufflons und Damwild. Am Ende führt der Weg um das Wildschweingehege herum und links durch den Bächlesgrund, der ebenfalls zu einem Biotop geworden ist, bis zum bekannten Sträßchen am Rand des Lohrbachtals. Dort geht es rechts weiter, je nach Ziel zum Bahnhof oder zum Kurpark.AnfahrtDas im zentralen Spessart liegende Heigenbrücken ist über die A 3, Ausfahrt Hösbach, und B 26 bis zum entsprechenden Abzweig zu erreichen. Dank der Lage an einer Hauptstrecke fährt jede halbe Stunde eine Bahn, entweder direkt oder via Aschaffenburg.SehenswertBedingt durch das frühere Besiedlungs- und Rodungsverbot im Spessart gibt es auch in Heigenbrücken keine historische Substanz. Das bedeutendste Bauwerk ist die neugotische Pfarrkirche von 1892 mit jüngeren Elementen. Ähnlich im Nachbarort Neuhütten, wo 1926 in freier Lage die Kirche St. Josef in „gotisierendem Expressionismus“ errichtet wurde. Die unverputzten Sandsteinmauern bergen Teile der vormaligen Ausstattung des sogenannten Zopfstils. Die Kirche in Wiesthal entstand um 1600 in nachgotischer Form, verändert 1914 und 1954. Neben geschlossenen Wäldern prägen ausgedehnte Naturschutzgebiete den Raum Heigenbrücken, hier als Teil der 350 Hektar großen „Spessartwiesen“ entlang mehrerer Bachläufe. Mit den „Rückwiesen“ wurden auch frühere Bewirtschaftungsformen zur besseren Grasgewinnung erneuert.ÖffnungszeitenDer Freizeit- und Wildpark im Bächlesgrund bei Heigenbrücken ist frei zugänglich, ein Imbissstand täglich geöffnet; außerdem gibt es am nordwestlichen Ortsrand ein täglich geöffnetes Naturschwimmbad.
Bäche, Wiesen und stille Waldpfade: Der Wandertipp führt in den Mangrovenwald im Spessart
Renaturierte Bäche, historische Wiesenlandschaft und stille Waldpfade: Die Tour durch die Spessartwiesen verbindet Naturerlebnis mit überraschenden Einblicken in die Kulturgeschichte der Täler.






