PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1997„Annus horribilis“ – Als Dianas Tod die Welt in Hysterie versetzteStand: 07:29 UhrLesedauer: 6 MinutenDiana im Mai 1997, drei Monate vor ihrem TodQuelle: picture alliance/empics/John StillwellZehntausende von Kuscheltieren vor dem Buckingham Palace und Menschen, die nicht aufhören konnten zu weinen. Die Trauer nach dem Tod von Prinzessin Diana 1997 war enorm. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Am Morgen nach dem Unfall im Tunnel erteilten die Fernsehsender Großbritanniens ihren Zuschauern eine kostenlose Lehrstunde in Sachen TV-Journalismus. Man sah den Anchormen an, dass die Nachricht sie tief bewegte – und gerade deshalb blieben sie kühl und professionell: „Diana, Princess of Wales, ist nach einem Autounfall in Paris ums Leben gekommen“, sagten sie mit sonorer Stimme in die Kamera. In den Gesichtern zuckte kein Muskel, die Hände blieben, wo sie sollten. Genau das sorgte für den feierlichen Ernst, der dem Publikum verdeutlichte: Hier ist etwas wirklich Bedeutendes passiert.Um die Fähigkeit, bei schlimmen Ereignissen zu sich selbst zu finden, beneidet der Rest der Welt die Briten. Doch im Fall von Dianas Tod am frühen Morgen des 31. August 1997 „auf der Flucht vor Fotografen“, wie WELT berichtete, war davon bald nichts mehr zu merken. Die Boulevardmedien übernahmen die Deutungshoheit – und rasch herrschte eine Hysterie, wie sie noch nie nach dem Tod eines Menschen zu erleben gewesen war, der eine Rolle am Königshof gespielt hatte; Zehntausende von Kuscheltieren vor dem Buckingham Palace legten davon genauso Zeugnis ab wie all die Menschen, die nicht aufhören konnten zu weinen. Obwohl die Frau politisch für das Vereinigte Königreich keinerlei Bedeutung hatte, konnte man auf die Idee kommen, dass hier eine Erlöserin gestorben wäre.Dabei hatte es lange gar nicht danach ausgesehen, dass sich Diana zu einer Überfigur entwickeln würde. Es begann damit, dass die Ehe bereits beschädigt war, als die Kindergärtnerin dem Thronfolger Charles am 29. Juli 1981 in London das Ja-Wort gab und so in den Fokus der Medien rückte. Zum Ende ihres Lebens war Queen Elizabeth II. in den Zustand endgültiger Unkritisierbarkeit übergegangen, doch damals hatte sie ihren Spross gezwungen, der Liebe seines Lebens abzuschwören: Camilla Parker Bowles war bürgerlich und damit von zu niederer Herkunft, um als Gattin in Betracht zu kommen.Das stellte sich bei Diana Frances Spencer anders dar: Als Tochter eines Earls war sie vielleicht nicht allerblauestes Blut, und auch ihr Job passte nur schlecht ins Konzept britischer Weltläufigkeit. Aber seit sie Charles 1977 auf einer Jagdgesellschaft kennengelernt hatte, sagte sie stets „Bitte“ und „Danke“ und äußerte ansonsten nichts, was gegen sie hätte sprechen können. Wer sah, wie wenig Diana vor der Hochzeit damit umgehen konnte, von Reportern verfolgt zu werden, hätte mit ihr Mitleid haben können. Wer sich die große Liebe verdeutlicht, die Charles zu Camilla empfunden haben muss, hätte mit ihm Mitleid haben können. Aber der Standesdünkel war stärker. Und so machten Charles und Di mit allem Prunk eine Beziehung offiziell zum Bund fürs Leben, die sie schon rasch in die Depression führen sollte.Es führt kein Weg daran vorbei, dass Diana ihren Anteil daran hatte, dass jener Teil des Publikums auf seine Kosten kam, der heuchlerische Enthüllungsstorys liebt: Sie gab tränenüberströmte Interviews über die Tiefkühl-Atmosphäre bei Hof, es kursierten verquere Geschichten über Eskapaden mit einem Rittmeister, sie bekannte sich zu Essstörungen – besser konnte es für die Boulevardpresse nicht laufen: Liebe Leser und Leserinnen, lautete die Botschaft, ganz egal, wie mies Ihre Ehe ist, diese beiden Hochwohlgeborenen bekommen es noch schlechter hin als Sie.Lesen Sie auchIm Juni 1992 nahm Dianas Aufstieg zum weltweiten Darling der Medien wirklich an Fahrt auf: Das Buch „Diana – ihre wahre Geschichte“ von Andrew Morton summierte all das, was vorher in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften oder Sendern zu erfahren gewesen war. Niemand hatte einen Zweifel daran, dass die Prinzessin selbst jedes der vielen Details beigesteuert hatte, die die Windsors als emotionslosen Haufen hinstellten. Dass die Familie alles andere als entzückt war, versteht sich von selbst: Gegner der Monarchie in Großbritannien erhielten durch das Werk viel Auftrieb, auch wenn die seriöse Presse den Verrat von Geheimnissen bei Hof rügte. Gleichzeitig war es Diana allerdings gelungen, sich bei Auslandsreisen durch humanitäre Gesten karitativ in Szene zu setzen. Das machte die Lage noch komplizierter. Charles und sie trafen sich im Sommer 1992, der Thronfolger stimmte einer Trennung zu. Hinzu kam noch ein Großbrand auf Schloss Windsor, für den die Staatskasse aufkommen musste. Um die Sympathien im Volk war es schlecht bestellt. In ihrer Rede zum 40. Thronjubiläum bezeichnete die Queen das Jahr als annus horribilis. Im Dezember 1992 erklärte Premier John Major, was alle schon wussten: Charles und Di hatten sich getrennt.In den Jahren darauf lieferte sich Diana mit Charles und den Windsors stets Scharmützel mit TV-Interviews als Höhepunkten, nach denen mal er und mal sie die Gunst der Briten gewannen. Immer aber war da das humanitäre Engagement der Frau rund um die Welt, das dafür sorgte, dass sie stets einen Platz im Herzen der Gesellschaft im Königreich und weit darüber hinaus hatte. Was sie nicht davon abhielt, ein Luxusleben zu führen. In Paris startete sie am 30. August 1997 vom Hotel „Ritz“ aus in den Abend, an ihrer Seite war ihr Liebhaber Dodi Al-Fayed, ein ägyptischer Regisseur, dessen Vater das Londoner Kaufhaus „Harrods“ gehörte, und der nie durch karitatives Engagement aufgefallen war. Später kam heraus: Der Fahrer des Mercedes hatte einen Blutalkoholpegel von 1,8 Promille, als sich der Unfall ereignete.Was danach passierte, spricht dafür, wie gut es Diana zu Lebzeiten gelungen war, sich gekonnt in Szene zu setzen. Es entbrannte eine leidenschaftliche Diskussion über die Methoden der Boulevardpresse und hier vor allem über die Arbeitsweise der Paparazzi. Sie waren mit ihren Kameras stets in der Nähe Dianas gewesen und tauchten nun folgerichtig rasch am Ort des Crashs auf. Zu den großen Ironien dieses Lebens gehört, dass gerade die Boulevardpresse über Wochen ausgezeichnet vom Tod Dianas lebte. Vor der Beerdigung schätzte die Queen die Lage erneut falsch ein. Lange Zeit wollte sie sich nicht äußern, und hätte sie es nicht getan, hätte das großen Schaden für ihr Haus bedeutet. Als sie in die Kamera sprach, fand sie die richtige Mischung aus Nähe und Distanz. Bei der Trauerfeier setzte Dianas Freund Elton John mit dem Song „Candle in the Wind“ nicht nur der Toten, sondern auch sich selbst ein Denkmal. Vermutlich wird vieles, was mit dem Tod von Diana in Zusammenhang steht, noch in Jahrhunderten im kollektiven Gedächtnis der Menschheit präsent bleiben. Als der Mensch nicht mehr war, wuchs die Ikone ins Unermessliche.Am Morgen nach dem Unfall kam Philip Cassier gerade über London aus dem USA-Urlaub wieder. Damals arbeitete er frei für die „B.Z.“ in Berlin – die folgenden Tage in der Redaktion erinnert er als etwas hektisch.