Indien greift zu drastischen Massnahmen gegen die Prüfungsmafia, um die Verbreitung von Testfragen zu verhindernDie Regierung will um jeden Preis sicherstellen, dass die Fragen für die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium nicht erneut geleakt werden. Dazu hat sie nun sogar die Telegram-App blockiert.19.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Annullierung der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium hat in Delhi und anderen Städten Indiens zu Protesten geführt.Raj K Raj / Hindustan Times / ImagoKeine Laptops, keine Telefone, kein Internet und keine Speichermedien: Indien hat strenge Regeln für das Zentrum in Delhi erlassen, in dem die Fragebögen für die landesweite Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium erstellt werden. Nur ausgewählte Personen dürfen hinein, alle Notizen werden am Abend geschreddert, und der Raum wird über Nacht verschlossen. Am Ende werden die fertigen Fragebögen dann von der Luftwaffe zu den Testzentren geflogen. So soll sichergestellt werden, dass keine Unterlagen vorab öffentlich werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Sorge ist begründet: Ein erster Test am 3. Mai musste annulliert werden, weil Teile der Prüfung vorab über die sozialen Netzwerke verbreitet worden waren – allen Sicherheitsmassnahmen zum Trotz. Für die Teilnehmer, die sich über Monate intensiv auf die National Eligibility cum Entrance Test (NEET) genannte Prüfung vorbereitet hatten, war dies ein harter Schlag. Rund 2,3 Millionen Bewerber müssen nun am Sonntag die Aufnahmeprüfung erneut absolvieren.Um eine Wiederholung des Debakels von Anfang Mai zu verhindern, ist die National Testing Agency diese Woche noch weiter gegangen und hat die beliebte Messenger-App Telegram bis zum Abschluss der Prüfung blockiert. Die Prüfungsbehörde begründete den Schritt damit, dass Betrüger über die App angebliche Prüfungsunterlagen zum Kauf anbieten. Offensichtlich vertraut sie nicht darauf, dass ihre bisherigen Vorkehrungen ausreichen, um ein Datenleck zu verhindern.Unter den Protestierenden finden sich viele Anhänger der neu gegründeten Kakerlaken-Partei.Raj K Raj / Hindustan Times / ImagoDer Druck vor den Prüfungen ist enormNach der Prüfung am 3. Mai hatten viele Teilnehmer erleichtert ihre wiedergewonnene Freiheit gefeiert. Doch nur Tage später alarmierte ein anonymer Whistleblower die Behörden, dass ein PDF mit Fragen aus der Chemieprüfung in den sozialen Netzwerken zirkuliere. Eine Untersuchung ergab, dass die Fragen vor der Prüfung über eine Whatsapp-Gruppe verbreitet worden waren. Die National Testing Agency sah sich gezwungen, die Prüfung am 12. Mai zu annullieren.Bei der NEET-Prüfung konkurrieren 2,3 Millionen Bewerberinnen und Bewerber um knapp 60 000 Studienplätze für Medizin. Der Wettbewerb ist daher enorm. Nur wer sich akribisch vorbereitet, hat eine Chance, einen der begehrten Plätze zu erhalten. Extreme Selbstdisziplin, ein Verzicht auf jedes Sozialleben und ein Zwölf-Stunden-Drill sind nötig, um das Pensum zu schaffen. Viele Bewerber buchen dafür spezielle Kurse an Paukschulen – viele davon in der Stadt Kota in Rajasthan.Die Annullierung der Prüfung bedeutete, dass die Bewerber sofort zurück zu ihren Büchern mussten. Aus Verzweiflung darüber nahmen sich mehrere junge Frauen und Männer das Leben. Unter den Teilnehmern ist die Wut gross. Schon vor zwei Jahren hatte die NEET-Prüfung für einen Skandal gesorgt, weil Betrüger die Fragebögen gestohlen hatten. Während damals die Schwachstelle beim Transport der Papiere zu den Testzentren lag, soll sie sich dieses Mal in der hoch gesicherten Prüfungsbehörde selbst befunden haben.Die Fragebögen werden von der Armee per Helikopter ausgeliefert und bis zum Beginn des Tests in einem Banktresor gelagert.ReutersDas System ist noch immer nicht wasserdichtDass es die National Testing Agency erneut nicht geschafft hat, ein Datenleck zu verhindern, bringt auch Bildungsminister Dharmendra Pradhan unter Druck – zumal auch die diesjährige Abschlussprüfung an den Sekundarschulen im Chaos geendet ist. Die zuständige Schulbehörde hatte für das Examen zum Ende der zwölften Klasse ein neues Online-System eingeführt, um die Prüfungsbögen auszuwerten. Das System war jedoch nicht ausreichend getestet worden, so dass es in Zehntausenden Fällen zu Fehlern und Verwechslungen kam.Viele Schülerinnen und Schüler fordern deshalb den Rücktritt von Pradhan. An der Spitze der Bewegung steht die neu gegründete Cockroach Janata Party (CJP), die seit Wochen im ganzen Land Proteste abhält. Die Kakerlaken-Partei war im Mai nach einer abfälligen Bemerkung des Obersten Richters über arbeitslose Jugendliche als Satire ins Leben gerufen worden, hat jedoch seither nicht nur im Internet, sondern auch auf den Strassen viel Zulauf erhalten.Die wiederholten Skandale um die Aufnahmeprüfungen sind nur ein Symptom für ein tiefergehendes Problem in Indien. Obwohl in den letzten Jahren viele neue private Universitäten gegründet worden sind, gibt es noch immer viel zu wenige Studienplätze im Land. Bei der NEET-Prüfung etwa kommen fast 40 Bewerber auf einen Platz. Um es an die Uni zu schaffen, sehen viele Bewerber da keine andere Chance, als der Prüfungsmafia vorab Geld für Fragebögen zu zahlen.Mitglieder eines Studentenverbands fordern bei einem Protest in Bangalore eine eingehende Untersuchung des NEET-Skandals.Jagadeesh NV / EPADas gesamte Bildungssystem ist reformbedürftigAuch wer nicht betrügt, hat in dem hochkompetitiven System ohne Geld für teure Nachhilfekurse kaum eine Chance. Das Bildungsniveau an den staatlichen Schulen ist dürftig und reicht meist kaum, um die Schülerinnen und Schüler aufs Studium vorzubereiten. Das Problem setzt sich an den Universitäten fort, die oft medioker und praxisfern sind. Die Folge ist, dass viele Absolventen keinen Job finden, weil sie für die verfügbaren Stellen nicht qualifiziert sind.Die Regierung wird nun erst einmal beweisen müssen, dass sie die NEET-Prüfung ohne erneutes Datenleck organisieren kann. Ob die Blockade von Telegram dabei hilft, ist fraglich. Der Telegram-Gründer Pavel Durow kritisierte, die Sperre treffe die 150 Millionen Nutzer der App, ohne das Problem zu lösen. Die Betrüger würden einfach auf andere Dienste ausweichen. Die Prüfungsbehörde hält dagegen, Telegram habe zu wenig gegen Gruppen getan, die Fragebögen gegen Geld anbieten. Die Blockade werde helfen, der Prüfungsmafia den Markt zu nehmen.Passend zum Artikel
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Die Regierung will um jeden Preis sicherstellen, dass die Fragen für die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium nicht erneut geleakt werden. Dazu hat sie nun sogar die Telegram-App blockiert.










