Mike Müller, Müllers Hund und Natalie Ricklis Amt – das Drama hinter dem DramaWie Mike Müller beim Lesen eines NZZ-Artikels über linke Cancel-Culture anfing, über rechte Cancel-Culture nachzudenken – und was das mit seinem Hund und dem Zürcher Veterinäramt zu tun hat.19.06.2026, 05.21 Uhr4 LeseminutenMike Müller mit dem wohl glücklichsten Hund der Welt: Pesche.Florian StreitAls das Zürcher Veterinäramt begann, sich Sorgen um Mike Müllers Hund zu machen, hatte der dreifarbige Parson Russell Terrier rund hundert Vorstellungen im Zirkus Knie hinter sich. Nachdem Müller 2019 eine Saison lang mit seinem langjährigen Bühnenpartner Viktor Giacobbo aufgetreten war, nahm der Schauspieler 2025 ein weiteres Engagement an. Dieses Mal ohne Giacobbo, dafür mit Hund.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kojak von Tribis, geboren am 30. März 2024, genannt Pesche, ist ein Profi. Auf der Website des Schauspielhauses Zürich wird er als Ensemblemitglied aufgeführt. Unter dem Eintrag von Mike Müller steht: «Ab der Spielzeit 2025/26 ist er gemeinsam mit seinem Hund Pesche als Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich engagiert.»Im Moment moderieren Müller und Pesche am Pfauen die Talkshow «Pforte». Zuvor spielten Herr und Hund im Stück «Blösch». In der Adaption des gleichnamigen Kultromans von Beat Sterchi spielte Müller einen Viehhändler und Pesche einen Hund. Die Titelheldin ist eine Kuh, die zum Leidwesen ihres Besitzers nur Stierkälber wirft; Jahr für Jahr. Bis sie im Schlachthof auf eine andere ausgebeutete Kreatur trifft: den spanischen Hilfsarbeiter Ambrosio.Müller hat den Roman für das Theater bearbeitet, in mitunter ziemlich derber Mundart. Unter anderem fällt im Originaltext das Wort «Hodengriff». Ein Metzgerlehrling erklärt darin, was das ist, nämlich eine handfeste Methode zur Beurteilung der Fettablagerung bei Schlachtmunis.In Mike Müllers Bühnenfassung ist «Blösch» im zweiten Teil mindestens so blutig wie in Beat Sterchis Roman.Krafft Angerer / Krafft AngererEin Griff an die Hoden des Anschauungsexempels Pesche wurde auf der Bühne zwar nicht ausgeführt (der Belehrte wendet sich in Müllers Skript erschrocken ab), und die betreffende Stelle wurde erst noch gestrichen, weil das Stück mit drei Stunden sowieso schon ziemlich lang war. Doch die Tierschutzexperten des Zürcher Veterinäramts waren beunruhigt. Sie fingen an, Fragen zu stellen und Mails zu schreiben, und – so kommt es Mike Müller jedenfalls vor – an seinen Kompetenzen als Hundehalter zu zweifeln.Dabei ist Pesche der wahrscheinlich glücklichste Hund der Welt. Er wird geliebt, gefördert und gefüttert. Wenn die beiden ein Engagement im Schauspielhaus haben, machen sich Müller und Pesche von ihrem Wohnort im Kreis 5 zu Fuss auf zum Pfauen. Mindestens eine Stunde früher, als sie im Schauspielhaus sein müssten, damit Pesche noch schlafen kann.Müller ist mit Hunden aufgewachsen, doch für Pesche hatte er extra eine Tiertrainerin engagiert und sich von Fredy Knie beraten lassen. Pesche lernte schnell und mit grosser Begeisterung. Eine ganze Zirkussaison lang sprang er seinem Herrn jeden Abend auf den Arm und leckte ihm das Gesicht ab. Das Publikum lachte und klatschte. Pesche hält den Krach aus, auch das gehört zu seinem Training.Dem Schauspielhaus-Publikum allerdings blieb der Anblick des springenden und Küsschen gebenden Pesche vorenthalten. Das Amt hatte die Szene zensiert und verboten. Nach längerem Hin und Her wurde die Aufführung zwar bewilligt, aber nur unter Auflagen:1. «Das Ablecken des Gesichts eines Darstellers durch den Hund ist zu unterlassen.»2. «Es ist sicherzustellen, dass der Hund nicht im Perianal- und Genitalbereich berührt bzw. keine Berührungen in den Regionen angedeutet oder benannt werden.»3. Sollte gegen die Bewilligung und die damit verbundenen Nebenauflagen verstossen werden, erfolge Strafanzeige wegen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung, was mit einer Busse bis 10 000 Franken bestraft werden könne.Erst war Müller nur baff.Dann war er muff.Denn für Pesche war der Sprung samt Ablecken des Gesichts nichts Neues. Vieles, was er auf der Bühne aufführte, hatten sie schon in der Manege gezeigt. Für die kleinen Kunststücke liegen Bewilligungen aus mindestens acht Kantonen vor.Und so kam es, dass Mike Müller beim Lesen eines NZZ-Artikels über linke Cancel-Culture (der ihn nervte) begann, sich Gedanken über rechte Cancel-Culture zu machen. Die politische Vorsteherin des Zürcher Veterinäramtes ist die SVP-Politikerin Natalie Rickli.Müller muss sich berufsbedingt oft mit Cancel-Culture herumschlagen. Weil er sich auf sozialen Medienportalen muntere Schlagabtausche mit linken Sittenwächtern leistet, wollte ihn ein Kleintheater in der Westschweiz erst auftreten lassen, wenn er verschiedene Posts lösche. Müller quittierte den Wunsch mit einer bodenständigen Antwort und liess seine Tweets stehen.Doch nun hatte er erlebt, wie ihm das Veterinäramt nicht nur ein Hundetrickaufführ-, sondern auch ein indirektes Textverbot erteilte. Und je länger er nachdachte, desto mehr Beispiele fielen ihm ein: dass er beim Meta-Konzern keine Werbung für sein Stück «Heute Gemeindeversammlung» schalten durfte, weil Mark Zuckerbergs Zensoren Begriffe wie «Gemeindeversammlung», «Politik» oder «Gemeindepräsident» auf den Index gesetzt hatten. Dass man auf Bühnen kein richtiges Glas oder keine zu langen Leitern mehr verwenden darf (zu gefährlich). Dass die Reithalle in Aarau sämtliche Halogenlampen durch ruinös teure LED-Birnen ersetzen musste. Und dass die Stadtzürcher Hafenverwaltung Bootsbesitzern (auch solchen, die sich für politisch gewollte Elektroantriebe entschieden haben) verbietet, die Batterien ihrer Schiffe unbeaufsichtigt, sprich über Nacht, laden zu lassen.Für die Zürcher Hafenverwaltung ist zwar keine SVP-Politikerin zuständig, sondern die grüne Stadträtin Karin Rykart. Nun aber schliesst sich für Müller der Bogen: Cancel-Culture nervt von rechts wie links. Doch die grössten Spassbremsen im Land, die schickt garantiert ein Amt.Passend zum Artikel
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