Ein Heer von Bühnenbildnern muss diese namibische Wüste erschaffen haben. Und so befürchtet man, jede Sekunde könnte diese fleißige Mannschaft auftauchen, die Landschaft zusammenfalten, fortbringen und in irgendeinem Depot verstauen, in dem sie darauf wartet, wieder hervorgeholt zu werden, um jemanden hinters Licht zu führen. Aber noch ist sie da. Noch erhebt sich die Bergkette sanft vor einem blauen Himmel. Noch leuchtet die Düne in der Ferne rot. Noch mischt sich ein zartes, aquarellhaftes Grün in die weite Ebene. Noch sprießt Gras zwischen den Steinen, als hätte es geregnet.In dieser Landschaft steht die &beyond Sossusvlei Desert Lodge wie ein weiterer Teil des Bühnenbilds. Weil die Wände der zwölf sich in die Landschaft schmiegenden Bungalows mit Pool aus Glas bestehen, fühlt man sich überall inmitten der Wüste, sieht die Wolken ziehen, beobachtet das Schattenspiel und die Vögel, die sich vom frühlingshaften Wind tragen lassen, ohne mit den Flügeln zu schlagen. Zum Beispiel die Fahlflügelstare. Sie haben glänzend schwarze Federn mit einem bläulichen Schimmer. Frech sind sie, hüpfen auf der Suche nach Kekskrümeln auf den Tisch, zwitschern und blicken keck aus ihren gelb-orangen Augen. Hin und wieder huscht ein Käfer vorbei. Einsam erhebt sich ein Kameldornbaum in der Ebene, und zwischen den Zweigen thront ein Nest, groß wie ein Heuballen. Es ist das Zuhause der Siedelweber, eifriger Singvögel, die Nester mit mehr als 100 Brutkammern bauen.Ein Astronom erklärt den Gästen den HimmelDoch die größte Attraktion der Lodge ist der Himmel, der sich wie ein Versprechen über ihr spannt. Diesen Himmel erklärt den Gästen Alister aus Kanada. Er ist der Herr des Observatoriums, Meteorologe, Astronom und in Rente. Ein freundlicher Mann mit dichtem weißem Haar, der mitunter so wirkt, als lebe er in Wahrheit irgendwo zwischen den Sternen und hätte nur einen Avatar auf die Erde geschickt. Seine Leidenschaft für den Himmel rührt von früher Kindheit her. Ständig wollte er ins Planetarium. Damals ging er oft mit seinem Vater in der kanadischen Wildnis fischen. Als die Sonne untergegangen war, saßen sie am Lagerfeuer, und er blickte zu den Sternen. Irgendwo dort oben, da ist Alister sicher, muss es Leben geben. „Glauben Sie nicht auch?“Sechs Wochen, sagt er, wohne er in der Lodge, zeige und erkläre den Gästen den Himmel. Inzwischen ist es dunkel, und der Himmel funkelt. Alister zielt mit seinem Laserpointer auf Jupiter, lächelt. Durch das Teleskop, das sich nach wenigen Klicks auf dem iPad mit einem Schnurren Richtung Wunschziel ausrichtet, sieht Jupiter aus wie eine sehr hell leuchtende Tablette.Alles echt: die &beyond Sossusvlei Desert LodgeandBeyondEin älteres Paar aus Großbritannien legt die Köpfe in den Nacken, bis ihnen schwindlig wird und sie sich setzen müssen. Er, etwa Mitte sechzig, klein und beleibt, sagt: „Allein für diese Sterne hat sich die Reise gelohnt.“ Er hat sie seiner Frau zum sechzigsten Geburtstag geschenkt. Überhaupt die Sterne. Ungestört durch Lichtverschmutzung funkeln sie wie nur an wenigen Orten auf dieser Welt – in Botswana zum Beispiel oder im australischen Outback zeigen sich die Himmelskörper in dieser Fülle. Die Milchstraße ist so hell, dass man versteht, warum Menschen früher glaubten, der Himmel beginne direkt über ihren Köpfen. Alister erzählt, dass nicht jeder Mensch so begeistert und ergriffen sei wie dieses Paar. „Manche sagen nur ‚toll‘ und gehen wieder“, sagt Alister und schüttelt den Kopf.Alister aus KanadaMelanie MühlEr sagt: „Ich versuche, etwa acht Stunden Schlaf zu bekommen, aber ich splitte die Stunden.“ Gegen ein Uhr geht er zu Bett, gegen drei Uhr steht er wieder auf, weil um diese Zeit ein ganz bestimmter Stern besonders gut zu sehen ist. Dann ist er plötzlich hellwach und blickt durch sein Teleskop. Alister sagt, dass am 2. August nächsten Jahres eine außergewöhnliche totale Sonnenfinsternis über Nordafrika und den Nahen Osten verlaufen werde. Dort wird die Sonne dann vollständig vom Mond bedeckt sein. Als am 21. Juni 2001 der Kernschatten über Sambia zog, wurde es mitten am Tag dunkel. Noch heute spricht Alister davon, und seine Augen leuchten. Er und seine Frau richten ihre Reisen nach Sonnenfinsternissen, Sternschnuppenschwärmen und anderen Himmelsereignissen aus.Die Sonne modelliert jede Spur des Windes im SandDie Milchstraße verblasst gerade erst, als wir mit einem Ehepaar aus Kapstadt Richtung Sossusvlei aufbrechen. Unser Guide heißt Denvel, er trägt Beige und brettert mit einem Tempo über die Schotterpiste, als würde der Nationalpark bald schließen, dabei öffnet er seine Tore erst in zwei Stunden. Bei jedem Schlag gegen den Unterboden fragt man sich, wie lange ein Fahrzeug das aushält. Denvel kennt jede Kurve der Piste. Seit Jahren fährt er Gäste durch die Namib.Am Straßenrand läuft ein Wüstenfuchs mit buschigem Schwanz, kurz bleibt er stehen und hebt seinen Kopf. Dann verschwindet er im Gebüsch, und nur die Staubwolke unseres Geländewagens bleibt zurück. Plötzlich sind sie da, stehen Spalier am Wegesrand: die Dünen. Rot und scharfkantig leuchten sie im ersten Licht des Tages. Die tief stehende Sonne modelliert jede Kante, jede Rille, jede Windspur im Sand. Die eine Seite glüht, die andere liegt noch im Schatten. Mehr als 300 Meter sind manche von ihnen hoch. Ihre rote Farbe, sagt Denvel, sei durch Eisenpartikel entstanden, die über Jahrtausende oxidierten. Je älter die Düne, desto intensiver das Rot.Außergewöhnlich: Nachts sieht man die Sterne vom Bett aus.andBeyondEine der berühmtesten Dünen ist die Dune 45. Ihren prosaischen Namen verdankt sie der Tatsache, dass sie 45 Kilometer vom Eingang des Namib-Naukluft-Nationalparks entfernt liegt. Schon stehen die ersten Busse und Jeeps auf dem Parkplatz. Wie bei einer Prozession besteigen die Menschen dicht hintereinander die achtzig Meter hohe Düne. Wir lassen sie links liegen. Denvel lacht kurz und sagt: „Es kommen immer mehr Busse, immer mehr Menschen.“ Wir überholen einen klapprigen Touristenbus, in dem Japaner mit breitkrempigen Hüten aus den Fenstern schauen.Die Sonne steigt höher, sie wärmt das Innere des Wagens, und wir öffnen die Fenster einen Spalt. Kühle Luft strömt herein. Dünen ziehen vorbei. Keine gleicht der anderen. Manche laufen in scharfen Kämmen aus, andere fallen sanft in die Ebene ab wie Wellen am Strand.Vor ein paar Tagen, erzählt Denvel, habe er die Fahrt wenige Kilometer vor der berühmtesten Düne Big Daddy abbrechen müssen. Der Tsauchab, der die meiste Zeit nur als trockenes Flussbett durch die Wüste verläuft, führte nach den heftigen Regenfällen plötzlich Wasser. Der Weg war überschwemmt, ein Durchkommen unmöglich. Dabei bedeutet Sossusvlei doch „Sackgasse des Wassers“.Ein See mitten in der WüsteManche Sandwege sind noch immer schlammig. Wie ein Verirrter steht ein Flamingo in einem See. Wir nähern uns Big Daddy, mit 325 Metern eine der höchsten Dünen der Welt. Lässig lenkt Denvel den Jeep durch den tiefen Sand. Er driftet, er lächelt. Es macht ihm Spaß. Wir halten, steigen aus, ziehen rasch unsere Hüte auf. Die Sonne sticht. Natürlich sind wir nicht die Ersten und laufen hinter kleinen Gruppen zur Düne. Dann taucht ein großer See auf. Funkelndes Wasser zwischen all dem Sand. An seinem Ufer wachsen üppig grüne Büsche, und mitten im See steht ein Baum. Da ist es wieder, dieses Fata-Morgana-Gefühl. Denvel, der seit neun Jahren in der Lodge arbeitet, sagt: „Ich sehe erst zum zweiten Mal Wasser in Sossusvlei. Ihr habt wirklich ein riesiges Glück.“ Er schüttelt den Kopf, als könne er es selbst kaum glauben.Als wir auf die Düne steigen, den Grat entlang und in den Fußspuren derer vor uns, fällt der Blick immer wieder hinunter zum Wasser. Allen hier scheint es so zu gehen. Kameras und Handys werden gezückt. Vor uns läuft eine Französin, bestimmt mehr als achtzig Jahre alt, in Shorts und Turnschuhen. Wir kommen kaum hinterher. Das Paar aus Kapstadt, Vielreisende, die gestern in einem Helikopter über die Dünen bis zur Küste geflogen sind, an der Tausende Seerobben am Strand liegen, sagen: „Dieser See ist wirklich unglaublich!“Seit Jahrhunderten tot: Bäume im DeadvleiPicture AllianceBis zum Gipfel von Big Daddy stünde uns jetzt noch ein langer Marsch bevor. Die Kapstädter winken ab. Wir schwitzen und entscheiden uns für den Abstieg ins Deadvlei. Auch Denvel scheint erfreut, dass niemand auf den Gipfel drängt. Tief sinken wir beim Abstieg in den Sand, eilen die Düne hinunter, lassen uns tragen. Wie schnell das geht! Immer näher rückt das Deadvlei, der helle Lehmboden, die schwarzen Kameldornbäume. Manche dieser Bäume starben vor vielen Jahrhunderten, ohne je zu verrotten. Zu trocken ist dafür die Luft.Die Stille des Aufstiegs ist jäh vorbei, als wir auf dem Lehmboden des Deadvlei stehen. Gruppen junger Franzosen und Spanier haben den Ort gekapert, sie klettern auf die uralten Bäume, als wären es Gerüste auf einem Spielplatz, schießen Selfies, posieren. Sie sind laut. Eine junge Frau macht einen Handstand, und ihr Rock rutsch über die Hüfte. Gekleidet sind die meisten jungen Frauen wie für einen Strandtag am Mittelmeer – ultrakurze Shorts und Tanktops. Einige Schultern leuchten scharlachrot. Denvel schüttelt den Kopf. Er sagt: „Irgendwann wird dieser Ort nicht mehr frei zugänglich sein, und die Bäume müssen eingezäunt werden, um sie vor den Touristen zu schützen.“ Wenige Meter entfernt balanciert ein junger Mann auf einem abgestorbenen Stamm, während seine Freundin fotografiert.Felszeichnungen der SanInmitten dieses Trubels halten wir es nicht lange aus, gehen zurück zum Auto, müde, mit Sand in den Turnschuhen, und werfen einen letzten Blick auf den See am Fuße des Big Daddy. Im Jeep, den Denvel über die Piste jagt, fallen die Augen zu. Wieder wach und kurz vor der Lodge, grüßt eine Herde Zebras. Das Jungtier ist am niedlichsten, es tollt auf wackligen Beinen umher.Am nächsten Nachmittag ist die Luft warm und klar. Unser Guide Mario wartet schon. Wir wollen zu den Felszeichnungen der San unweit der Lodge. Alister läuft vorbei, wahrscheinlich träumt er noch von den Sternen. Wir grüßen ihn und fragen, ob er uns nicht auf dem „Desert People Walk“ begleiten möchte. „Keine Zeit“, sagt er zunächst. Doch dann bleibt er stehen, überlegt kurz und lächelt. „Eigentlich warum nicht? Ich muss nur schnell andere Schuhe anziehen.“Er eilt davon, ist kaum fünf Minuten später zurück, die Schuhe geschnürt. „Na, dann los“, sagt er. Wir laufen über Geröll, müssen bei jedem Schritt aufpassen, wohin wir treten, und lassen die Lodge im Rücken liegen. Immer wieder Grasbüschel, es sind so viele, dass sie aus der Ferne wie eine Wiese wirken. Die Sonne sinkt, die Schatten werden länger. Mario bleibt stehen, zeigt auf einen Felsblock und streicht mit der Hand über dessen Oberfläche. „Fühlt mal, wie glatt der ist“, sagt er. „Hier haben die San ihre Werkzeuge geschliffen.“Die San, Jäger und Sammler, deren Sprache reich an Klicklauten ist, gehören zu den ältesten Bevölkerungsgruppen der Welt. „Sie folgten dem Wasser, den Jahreszeiten und den Wanderrouten der Tiere“, sagt der Guide. Ihr Wissen über die Wüste wuchs unentwegt und wurde über Generationen weitergegeben. Beim Fährtenlesen entgeht ihren Augen kaum etwas. Sie erkennen an den Spuren nicht nur, ob sie von einem Schakal, einem Wüstenfuchs, einem Luchs oder einem Leoparden stammen, sondern lesen aus ihnen auch, ob das Tier auf der Flucht ist, krank, weiblich oder männlich. „Das wusste ich nicht“, sagt Alister, der erstaunlich flott unterwegs ist. „Und die Sterne? Kennst du eine Sage?“Über Marios Gesicht huscht ein Lächeln. „Ja“, sagt er, „die schönste, die ich kenne, erzählt von der Milchstraße.“ Eines Nachts warteten die Frauen vergeblich auf die Rückkehr ihrer Männer von der Jagd. Sie kamen und kamen nicht. Schließlich entfachten die Frauen ein großes Feuer, damit die Männer den Weg nach Hause finden konnten. Die Funken stiegen höher und höher in den Himmel, bis sie sich über die ganze Nacht verteilten. So ist die Milchstraße entstanden. Alister klatscht in die Hände. „Wundervoll!“, sagt er.Der Guide erzählt von ihren Jagdtechniken, ihren Werkzeugen, Heilpflanzen und den Sternensagen. Vom Schicksal der San spricht er nicht. Dabei wurden die San über Jahrhunderte vertrieben, verfolgt und getötet, ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Während die Farmen und Siedlungen der europäischen Kolonisatoren immer größer wurden, schrumpfte ihr Lebensraum. Später beuteten Wissenschaftler sie aus, die sich für ihr Erbgut interessierten und sie nicht selten eher als Forschungsobjekt denn als Menschen mit einer eigenen Geschichte betrachteten. Heute leben noch etwa 100.000 San in Namibia, Botswana, Südafrika, Angola, Sambia und Simbabwe. Viele arbeiten auf Farmen, andere wohnen verarmt in kleinen Siedlungen am Rand der Gesellschaft.Wir steigen den Berg hinauf, Höhenmeter um Höhenmeter, bis wir eine Art Felsdach erreichen. Der Stein ist rötlich, verwittert und durchzogen von hellen Adern. Mario zeigt auf die Felswand. Mit Mühe erkennt man eine Antilope. Ein Stück weiter zeichnet sich ein Hals ab. „Was ist das?“, fragt Alister. „Eine Giraffe?“ Der Guide nickt. „Vielleicht“, sagt er.Zu dritt sitzen wir nebeneinander im Fels. Wieder wirkt diese Wüste wie ein Bühnenbild. Im letzten Licht glühen die Bergspitzen. Der Himmel ist schon blass. „Seht mal“, sagt Alister. „Da, der erste Stern.“Informationen: www.andbeyond.com/lodge-editorial/sossusvlei-desert-lodge. Die Flüge bucht man am besten über Signature Travel. Rosenheimer Str. 143c. 81671 München, www.signaturekollection.travel/.
Die &beyond Sossusvlei Desert Lodge in der Namib
Die Namib wirkt wie eine perfekte Täuschung: rote Dünen, schimmerndes Grün, Wasser mitten in der Wüste. Tagsüber flirrt die Landschaft zwischen Wirklichkeit und Fata Morgana. Nachts öffnet sich über ihr einer der schönsten Himmel der Welt.









