«Es war beschämend»: Hegseth liest Europa die Leviten und kündigt Überprüfung der US-Truppenpräsenz anDer amerikanische Kriegsminister wollte beim Nato-Treffen explizit, dass die Kameras angeschaltet bleiben, als er gegen «Trittbrettfahrer» wetterte. Sein Furor reiht sich in weitere amerikanische Ankündigungen ein.18.06.2026, 17.00 Uhr4 LeseminutenIm Gegensatz zu früheren Nato-Treffen reiste der amerikanische Kriegsminister Pete Hegseth persönlich nach Brüssel – und hielt dort eine aggressive Rede.Omar Havana / GettyDer amerikanische Kriegsminister Pete Hegseth war um klare Worte nicht verlegen: «Präsident Trump stellte die Verbündeten auf die Probe, ob sie Amerika unterstützen würden, als wir sie um Hilfe baten. Zu viele haben versagt», sagte er am Nato-Ministertreffen in Brüssel. Hegseth bezog sich dabei auf den Beginn der amerikanisch-israelischen Militärschläge gegen Iran. Manche europäische Staaten verweigerten den USA für einen Krieg, den sie nicht als den ihrigen betrachteten, damals Überflugrechte oder die Nutzung von Militärbasen. «Es war beschämend. Diese Alliierten haben amerikanische Söhne und Töchter in Gefahr gebracht», resümierte er.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hegseths Furor war der rhetorische Auftakt zur Ankündigung, für die er eigentlich ins Nato-Hauptquartier gekommen war: Die USA würden ihre Truppenpräsenz in Europa «umfassend überprüfen», sagte er und kündigte eine Analyse an, die maximal sechs Monate dauere, keine Tabus kenne und unter parlamentarischer Mitwirkung erfolge. Ziel sei, die Nato «schnell und unwiderruflich» zu einer Allianz unter europäischer Führung umzugestalten. Das sei nichts als gesunder Menschenverstand, so Hegseth. Ob die Überprüfung letztlich eine Reduktion der Bestände bewirken solle, führte er nicht aus. Der Kongress hatte letztes Jahr eine Mindestgrenze von 76 000 Soldaten in Europa festgeschrieben.«Die USA können und werden für die Verteidigung der Verbündeten nicht mehr tun als sie selbst», sagte Hegseth und drohte, einen Teil der amerikanischen Beiträge an die Nato zurückzuhalten, falls «Trittbrettfahrer» ihre Verpflichtungen nicht erfüllten. Beim Gipfel von letztem Sommer hatten sich die 32 Mitgliedstaaten auf Verteidigungsausgaben in der Höhe von 5 Prozent der Wirtschaftsleistung – darunter 3,5 Prozent für strikte Militärgüter – geeinigt.Spanien besonders im FokusNato-Sitzungen finden normalerweise hinter verschlossenen Türen statt. Hegseth pochte aber darauf, seine Rede vor laufenden Kameras halten zu dürfen, um maximale Breitenwirkung zu haben. Spezifische Länder nannte er nicht – aber allen Beteiligten war klar, dass er insbesondere auf Spanien zielte, das sich am deutlichsten gegen den Iran-Krieg gestellt und den USA unter anderem die Nutzung von zwei Militärbasen untersagt hatte.Die spanische Verteidigungsministerin Margarita Robles war nach Hegseths Philippika entsprechend in Erklärungsnot. Am Rande des Treffens sagte sie, dass sich ihr Land stets an die mit den USA vereinbarten Verträge gehalten habe und dass es einen Krieg, der gegen internationales Recht verstosse, nicht gutheissen könne. Vonseiten der Amerikaner habe man bislang keine Hinweise darauf erhalten, dass sie ihre Truppenpräsenz in Spanien reduzieren könnten.Nato-Generalsekretär Mark Rutte (rechts) begrüsst Hegseth im Hauptquartier.Omar Havana / GettyWeniger Jets, Flugzeugträger und DrohnenDie Überprüfung der Grösse amerikanischer Truppen steht in einer Reihe mit weiteren Verlautbarungen, welche die USA in den vergangenen Wochen sowohl öffentlich wie im Geheimen gemacht haben. Dabei geht es um das sogenannte «Nato Force Model» – also die militärischen Fähigkeiten, welche die Verbündeten im Falle eines Krieges oder einer akuten Krise kurzfristig dem Nato-Oberbefehlshaber in Europa (Saceur) unterstellen müssen.Die genaue Ausgestaltung dieser Kräfte ist aus militärstrategischen Gründen geheim. Wie die «Welt» als Erstes berichtet hat und wie von Nato-Diplomaten bestätigt wird, haben die USA bei einem knappen Dutzend verschiedenen Positionen entschieden, ihre Fähigkeiten zu reduzieren. Besonders markant ist die Veränderung bei den Kampfjets, wo fast ein Drittel wegfällt, bei den Langstrecken-Aufklärungsdrohnen, die vollständig abgezogen werden, und bei den Tankflugzeugen. Selbst eine der beiden Flugzeugträger-Kampfgruppen soll verlegt werden sowie beinahe die Hälfte der Kreuzer- und Zerstörerverbände.Hintergrund der Umdisponierung der USA ist ihre geopolitische Neuorientierung. Der Systemrivale China rüstet seit Jahren massiv auf, womit sich der amerikanische Fokus in den Indopazifik verschiebt – und damit weg von Europa. Nato-Generalsekretär Mark Rutte bestätigte am Mittwoch, dass die amerikanische Neuausrichtung des «Nato Force Model» per sofort erfolgt.Die Verteidigungsminister der 32 Nato-Staaten trafen sich kurz vor dem Gipfeltreffen von Ankara in Brüssel.Omar Havana / GettyUS-Nuklearschirm bleibt bestehenFür die europäischen Partner sind das keine guten Nachrichten, selbst wenn am nuklearen Schutzschirm der USA nicht gerüttelt werden soll. Hochrangige Vertreter beschwichtigen aber: Man habe den amerikanischen Umbau kommen sehen und wolle nicht von einem Hammer, sondern von einer Herausforderung sprechen, heisst es im Nato-Hauptquartier. Immerhin habe man nun eine klare Ansage und könne damit planen, sagt ein Diplomat. Zudem seien auch zuvor schon längst nicht alle Fähigkeiten, die im «Nato Force Model» angemeldet waren, auch wirklich vor Ort gewesen. Der Diplomat ergänzt: Lücken habe es immer schon gegeben, gerade auch diesen Frühling, als die USA den äusserst materialintensiven Krieg gegen Iran führten.Die Europäer müssen nun also überlegen, wie sie die durch die amerikanische Neuorientierung entstehenden Lücken schliessen können. Vieles lässt sich ersetzen, wenn auch nicht in jedem Fall eins zu eins. Der Nato-Oberbefehlshaber hat dem Vernehmen nach die Runde bei den Mitgliedstaaten gemacht und bereits mehrere Zusagen erhalten, teilweise gar öffentlich. So kündigte etwa Belgien beim Nato-Treffen an, zusätzliche F-16-Jets und Kampfdrohnen dem Saceur zu unterstellen.Dennoch ist ein Effort nötig, um die wegfallenden amerikanischen Fähigkeiten zu ersetzen. Der finanzielle Spielraum hat sich durch den Zuwachs der Verteidigungsausgaben vergrössert, aber die Rüstungsindustrie steckt bei gewissen Gütern in akuten Kapazitätsengpässen. «Im Grossen und Ganzen werden wir vieles kompensieren können, aber wir brauchen etwas mehr Zeit», sagte der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius. Zeit, in der die europäischen Armeen hoffen, nicht in einen grösseren Konflikt hineingezogen zu werden.Passend zum Artikel
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