Im Bayerischen Landtag hat die AfD am Mittwoch einen Dringlichkeitsantrag gestellt, den von den Freien Wählern bis zu den Grünen offenbar niemand für besonders dringlich hielt. Es ging um ein Klimaszenario des Weltklimarats, SSP5-8.5 heißt es. Das ist jenes besonders düstere Szenario, in dem die Menschheit weiter Kohle, Öl und Gas verbrennt, als hätte jemand den Planeten auf Stand-by gestellt. Nach aktuellem Stand gilt dieses Szenario zum Glück als deutlich weniger wahrscheinlich als nicht ganz so dramatische Varianten. Für manche wäre das eine gute Nachricht. Für die AfD ist es ein Skandal.Kurz zum Setting: Plenarsaal im Maximilianeum. Glasdecke, Holzvertäfelung, Staatswappen, Mikrofone – und leider Gottes auch eine Schulklasse auf der Tribüne, die sich das anschauen muss. Am Pult steht ein AfD-Redner und erklärt, die Klimawissenschaft sei beim Schummeln erwischt worden. Für die Schulklasse immerhin Anschauungsunterricht: So sieht ein Fehlschluss aus, wenn er parlamentarisch verkleidet wird. Richtiger wird er dadurch jedenfalls nicht. Er bekommt nur die Akustik des Amtlichen.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Aber von vorne: Wenn ein schlimmes Szenario nicht eintritt, so scheint bei der AfD die Schlussfolgerung zu lauten, dann war es nie ein Szenario, sondern eine Lüge. Nach dieser Logik müsste Bayern wohl einiges überprüfen. Zum Beispiel die Feuerwehr. Seit Jahrzehnten warnt sie vor Bränden, trotzdem brennen die meisten Häuser gar nicht ab. Verdächtig, verdächtig. Vielleicht sollte der nächste Dringlichkeitsantrag klären, ob der vorbeugende Brandschutz nicht nur ein Geschäftsmodell der Rauchmelderlobby ist.Ungefähr auf diesem Niveau bewegt sich die neue klimapolitische Erkenntnis der AfD. Weil Klimaschutzmaßnahmen, technischer Fortschritt und der Ausbau erneuerbarer Energien dazu beigetragen haben, dass der extremste Emissionspfad weniger plausibel geworden ist, soll Klimaschutz nun überflüssig gewesen sein. Das ist eine schöne Pointe. Nur eben leider keine besonders kluge.Denn Szenarien sind keine Prophezeiungen. Sie sind Wenn-dann-Erzählungen der Wissenschaft. Wenn die Welt so weitermacht, dann droht dies. Wenn sie etwas ändert, dann droht vielleicht etwas anderes. Und wenn sie genug ändert, dann lässt sich manches verhindern. Genau das ist der Sinn der Übung.Die AfD fordert nun jedenfalls, man solle sich der Realität widmen. Das ist ein sympathischer Vorschlag. Man möchte ihn unterstützen. In Bayern, wo man an der Donau ziemlich gut weiß, dass ein Hochwasser auch dann real war, wenn der Sandsack gehalten hat, müsste man den Unterschied zwischen erfundener Gefahr und verhinderter Katastrophe eigentlich kennen. Die AfD aber macht aus genau diesem Unterschied lieber einen Dringlichkeitsantrag – und gönnt dem Landtag eine halbe Stunde betreutes Vorbeireden an der Realität.Bis dahin bleibt festzuhalten: Der Alarm war nicht überzogen und vor allem nicht erlogen. Er war laut genug, dass wenigstens ein Teil der Welt angefangen hat, sich zu bewegen. Dass es deshalb nicht ganz so schlimm kommt, ist kein Beweis gegen die Warnung. Es ist eher ein Argument, die Sirene nicht abzubauen, nur weil sie einmal gehört wurde.
Die AfD ist empört: Klimaschutz hilft tatsächlich
Nach der Logik der AfD-Fraktion im bayerischen Landtag wäre allerdings auch der Rauchmelder als unsinnig überführt, sobald es nicht brennt.






