Die frühere nigerianische Erdölministerin Diezani Alison-Madueke ist nach jahrelangen Ermittlungen britischer Behörden von einem Londoner Geschworenengericht vom Vorwurf der Bestechlichkeit freigesprochen worden. Die Anklage hatte sie beschuldigt, in sechs Fällen Vorteile von Managern der Ölindustrie angenommen zu haben. Dabei ging es unter anderem um Einkäufe in Londoner Luxusgeschäften, Privatjetflüge und Hotelaufenthalte.Vor Gericht hatte die britische Strafverfolgungsbehörde argumentiert, dass Alison-Madueke, die von 2010 bis 2015 als Ölministerin amtierte, teure Geschenke von Industrievertretern angenommen habe, die damit ihre Gunst gewinnen wollten. Als Beispiele nannte die Anklage unter anderem eine Chanel-Handtasche im Wert von 25.000 Pfund, einen Designerteppich für 22.000 Pfund sowie ein Fitnessgerät für 11.000 Pfund. Zudem habe die Familie von Alison-Madueke einen privaten Koch, eine Haushälterin und andere Annehmlichkeiten bezahlt bekommen.Doch die frühere Ministerin, die in London im „Exil“ lebt, wies vor dem Strafgericht alle Vorwürfe zurück. Ihre eigene Kreditkarte habe bei den Einkäufen in ihrer Zeit als Ministerin in London mehrfach nicht funktioniert und sie habe keine Bündel Bargeld herumtragen wollen. Daher seien die Ölindustriemanager eingesprungen und hätten ihre Kreditkarten benutzt. Dass andere für sie zahlen wollten, liege an der nigerianischen „Geschenkekultur“. Sie habe alle Auslagen zurückerstattet. Die Belege dafür seien aber bei einer politisch motivierten Razzia in ihrem Haus in Nigerias Hauptstadt Abuja mitgenommen worden. Nach ihrer Darstellung verschwanden dabei Tausende Dokumente.Rückschlag für britische Anti-KorruptionsbehördeSie sei in Nigeria von politischen Gegnern zum Sündenbock gemacht worden, weil sie eine Reformerin sei und in der korrupten Ölindustrie des Landes habe aufräumen wollen, sagte die 65 Jahre alte Ex-Ministerin, die 2014/2015 auch kurzzeitig die erste weibliche OPEC-Generalsekretärin war. Die Geschworenen des Southwark Crown Court glaubten letztlich ihrer Darstellung und sprachen sie am Mittwoch nach 46 Stunden Beratungen von allen Anklagepunkten frei. Alison-Madueke sagte nach dem Urteil, ein elf Jahre währender Albtraum sei nun vorbei. Sie sei zutiefst erleichtert. Auch ihr Bruder Doye Agama, der Bischof in einer Pfingstkirche in Manchester ist, wurde vom Vorwurf der Bestechlichkeit freigesprochen. Er hatte von einem nigerianischen Ölindustrievertrer größere Geldspenden erhalten.Mit dem Freispruch in London sind die juristischen Probleme Alison-Maduekes jedoch nicht beendet. In Nigeria haben Gerichte vor Jahren aufgrund von Bestechungs- und Untreuevorwürfen Immobilien von ihr im zweistelligen Millionenwert beschlagnahmt. Die nigerianische Kommission für Wirtschaftsverbrechen hat noch ein Verfahren gegen sie offen.Für die britischen Anti-Korruptionsermittler der National Crime Agency, die seit 2010 an dem Fall arbeiteten, bedeutet das Urteil einen schweren Rückschlag. Die NCA stehe nun nach einem ihrer größten und spektakulären Korruptionsfälle mit leeren Händen da, sagte ein Vertreter der Organisation „Spotlight on Corruption“.Nigerianer beklagen „Beleidigung“Nigeria, mit mehr als 220 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas, ist stark von der Erdöl- und Erdgasindustrie abhängig. Sie erbringt einen erheblichen Teil der Wirtschaftsleistung und gut 80 Prozent der Deviseneinnahmen. Gleichzeitig gilt der Sektor als hochgradig von Korruption geprägt. Es sind viele Fälle dokumentiert, in denen Unternehmen Bestechungsgelder an Beamte und Politiker zahlten, um Lizenzen und Staatsaufträge zu erhalten.Die Londoner Gerichtsentscheidung hat in Nigeria Überraschung und teils deutliche Kritik ausgelöst. Einige Nutzer in sozialen Medien nannten den Freispruch eine „Beleidigung“ für die Nigerianer, die die Leidtragenden von Korruption und der Veruntreuung staatlicher Gelder seien. Ein Vertreter von Alison-Maduekes Heimatregion wiederum sagte in einem TV-Interview, es sei Zeit für die „Tochter“, nach zehn Jahren im „Exil“ nach Hause zu kommen. Der frühere Präsident Goodluck Jonathan, der Alison-Madueke 2010 zur Ölministerin ernannt hatte, hatte während des Gerichtsverfahrens eine Erklärung vorgelegt, wonach es nicht ungewöhnlich sei, dass Dritte auf offiziellen Auslandsreisen Zahlungen im Namen von Ministern leisteten.Juristen schlossen nicht aus, dass die frühere Ölministerin sich in ihrem Heimatland einem weiteren Gerichtsverfahren stellen muss.Trotz Reformversprechen ändert sich wenigDie Kommission zur Strafverfolgung und Korruptionsbekämpfung (EFCC) hatte 2018 Anklage gegen sie wegen Geldwäsche in 13 Fällen erhoben. Das Bundesgericht in Abuja versuchte vergeblich, eine Auslieferung der nach Großbritannien geflüchteten früheren Ministerin zu erwirken.Die Anti-Korruptionsbehörde untersucht seit Jahren die Käufe zahlreicher Immobilien in Nigeria, Großbritannien, den USA, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Südafrika. Vor ihrem Wechsel in die Politik hatte Alison-Madueke Karriere in der Öl- und Gasindustrie gemacht und 14 Jahre lang für den britischen Ölkonzern Shell in Nigeria gearbeitet.Der heutige Präsident Bola Tinubu hat zwar bei seinem Amtsantritt 2023 weitreichende Reformen einschließlich des Kampfs gegen die Korruption angekündigt. Wie die britische Denkfabrik Chatham House aber in einem Bericht 2025 schrieb, ist die Korruption weiterhin „fest in den Institutionen des Landes verankert und untergräbt nach wie vor dessen Demokratie und Wirtschaftswachstum“. Korruption durchdringe die Politik, die öffentliche Verwaltung, Strafverfolgung und Justiz. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International liegt Nigeria auf Platz 142 von 182 Staaten.
Korruptionsverdacht: Nigerias frühere Ölministerin in London freigesprochen
Eine Handtasche für 25.000 Pfund, Privatjetflüge, Übernachtungen: Die ehemalige Ölministerin Alison-Madueke ließ sich einiges bezahlen. Ein Londoner Gericht spricht sie frei – doch in Nigeria ist noch ein Verfahren offen.












