Renn weg. Nichts kann sie stoppen. An jedem Fluss und Kanal wächst ihre Macht.“ So beginnt der Liedtext eines Titels auf dem Album „Nursery Cryme“, das die britische Band Genesis im Jahr 1971 veröffentlichte. Der Song trägt den Titel „The Return of the Giant Hogweed“, und er war prophetisch. Denn erst in den Achtzigerjahren zeigte sich, dass der Riesenbärenklau Heracleum mantegazzianum nicht nur das gartenästhetische Kuriosum ist, als dass man ihn gut ein Jahrhundert zuvor aus dem Kaukasus nach Mitteleuropa und später auch nach Nordamerika gebracht hatte: Der gigantische Doldenblütler ist heute die am höchsten wachsende krautige Pflanze in Deutschland. Mit drei, in manchen Fällen bis zu fünf Meter Höhe überragt der Riesenbärenklau zuweilen auch Bäume. Dabei blühen die zweijährigen Pflanzen nur ein einziges Mal – und jetzt, im Juni, haben sie dazu nach nur wenigen Wochen des Wachstums ihre enormen Dolden entfaltet.Charlotte Wagner„Sie unterwandern jede Stadt mit ihrem schweren, düsteren Warngeruch“, heißt es bei Genesis. Das Aroma könnte für den englischen Namen Hogweed („Schweinekraut“) verantwortlich sein. Das deutsche „Bärenklau“ spielt indes auf das an Tatzen erinnernde Blattwerk an, das auch die kleineren Vertreter der Gattung Heracleum aufweisen, die übrigens zur selben Pflanzenfamilie gehört wie Karotte oder Petersilie. Anders als diese ist der Riesenbärenklau allerdings der gärtnerischen Betreuung bald entkommen und treibt jetzt als invasiver Neophyt der besonders unangenehmen Sorte sein Unwesen.„Zertrampelt sie“, ruft Genesis. Das ist allerdings keine gute Idee. Privatgärtnern wird eindringlich abgeraten, selbst Hand an den Riesenbärenklau zu legen. Leicht ergeht es einem wie Alex Childress, dessen Fall 2018 durch die amerikanischen Medien ging. Der 17-Jährige aus Virginia hatte im Juli jenen Jahres einige Stauden mit dem Rasentrimmer umgelegt. Das zerstäubte deren Saft zu einem Aerosol, das sich auf der Haut des Jungen absetzte. Tückischerweise bemerkt man eine solche Kontamination erst nach Stunden, wenn sich die in dem Saft des Riesenbärenklaus enthaltenen Furocumarine unter Einwirkung von Sonnenlicht in ein Zellgift verwandelt haben. Dieses verursacht dann üble Hautschäden – in Childress’ Fall entsprachen sie Verbrennungen dritten Grades. Kommandos zur Riesenbärenklau-Bekämpfung tragen daher bei der Arbeit Schutzanzüge wie Einsatzkräfte nach einem Chemieunfall.„Sie sind unbesiegbar“, singen Genesis etwas defätistisch. „Sie sind immun gegen alle unsere herbiziden Schläge“ – was allerdings nur insofern stimmt, als die hinreichend schweren chemischen Keulen mehr schaden als nützen würden, zumal an den typischen gewässernahen Standorten des Riesenbärenklau.Aus Sicht der Songschreiber um den Genesis-Frontman Peter Gabriel handelt es sich bei dem invasiven Gebaren um eine Vergeltung für die Freveltat der Verschleppung aus dem Kaukasus in viktorianische Gärten. „Botanische Kreaturen regen sich, sinnen auf Rache“, heißt es da mit einem Motiv, das nicht zufällig an den Sturz des korrumpierten Zauberers Saruman in J. R. R. Tolkiens „Herrn der Ringe“ erinnert – das Werk war in der Hippie-Bewegung, die 1971 in ihrem Zenit stand, eine verbreitete Lektüre. Am Ende der musikalischen Hasstirade gegen den Riesenbärenklau wechselt plötzlich die Perspektive: „Menschenkörper werden unseren Zorn bald spüren. Töte sie mit deinen Bärenklau-Borsten. Vorwärts, Heracleum mantegazzianum!“ Jedes Zeitalter stellt sich die Apokalypse eben etwas anders vor.