In Deutschland häufen sich Überfälle auf schwule Männer – oft beginnt die Tat mit einem harmlosen ChatHomosexuelle werden immer öfter über Dating-Plattformen in Hinterhalte gelockt. Die Täter entstammen aus verschiedenen Milieus, handeln zuweilen aber auch aus Schwulenhass.Armin Arbeiter, Berlin18.06.2026, 12.18 Uhr3 LeseminutenMindestens zwanzig Mal seit Anfang 2025 stellten Täter ihren Opfern Fallen über Dating-Plattformen.William Dondyk Y Lorena Riga Mon / ImagoEs beginnt mit einem Versprechen, wie es auf Dating-Plattformen tausendfach vorkommt: ein Treffen mit einer Person, von der man sich etwas erwartet. Dann aber steht am vereinbarten Ort nicht der Mann aus dem Chat, sondern eine Gruppe. Manche Täter sind maskiert. Manche haben Messer, Schreckschusswaffen oder Pfefferspray dabei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Opfer werden geschlagen, getreten, ausgeraubt, gefilmt, gedemütigt. Allein seit Beginn vergangenen Jahres sind in Deutschland mindestens zwanzig Fälle bekannt geworden, in denen schwule Männer über Dating-Plattformen in Hinterhalte gelockt wurden. Sieben davon ereigneten sich in Offenbach in Hessen.Kein einheitliches MotivBetroffene berichten, dass am Ort des Treffens junge Männer im Alter von 15 bis 20 Jahren auf sie warteten und sie brutal zusammenschlugen. Sie sollen einem «arabischen oder südländischen Phänotyp» entsprechen. In Berlin lud ein homosexueller Sänger eine vermeintliche Verabredung in seine Wohnung ein – drei Männer kamen, sollen ihn ausgeraubt und erniedrigt haben.Auch wenn sich die Vorgehensweise ähnelt, die Fälle führen in unterschiedliche Milieus: Banden von Jugendlichen, Täter mit Drogensucht, aber auch ein Umfeld, in dem Schwulenhass weltanschaulich begründet wird. So sass vergangene Woche ein 20 Jahre alter Deutscher in Berlin vor Gericht, der sieben Mal Männer über Dating-Apps in ein Treppenhaus in Neukölln gelockt und dort überfallen haben soll.Gemeinsam mit einem Komplizen soll er seine Opfer mit einer Schusswaffe und einem Messer bedroht und ausgeraubt haben. Das Motiv des Angeklagten: Er habe Geld für Drogen gebraucht. Vor Gericht sagte ein Opfer, im Treppenhaus habe der mutmassliche Täter erklärt, er hasse Schwule. Eines seiner Opfer musste ein Vogelskelett in den Mund nehmen – zur Strafe, weil er seinen Pin-Code für eine Überweisung dreimal falsch eingegeben habe. Insgesamt 7500 Euro soll der mutmassliche Täter so erbeutet haben.Kalkül der SchamDating-Apps als Tatwerkzeug sind in der deutschen Polizeistatistik zu «politisch motivierter Hasskriminalität» nicht erfasst. Allerdings wurden 2024 bundesweit 253 Gewaltdelikte gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verübt. 2025 waren es 284.Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, denn das Tatwerkzeug Dating-Plattform folgt einem Kalkül: Homosexuelle Männer, die ihre sexuelle Orientierung geheim halten wollen, vertrauen auf die Anonymität, die ihnen die App verspricht. Nach wie vor gilt Homosexualität in manchen Kreisen als verpönt.So sind die Opfer leicht erpressbar und haben Hemmungen, die Gewalttaten anzuzeigen. Im als progressiv geltenden Berlin etwa geht laut einem Monitoringbericht nur rund jede zehnte betroffene Person zur Polizei. Deutschlandweit dürfte die Hemmschwelle höher sein. Dies nutzte etwa eine Bande in Hamburg aus, die eines ihrer Opfer mit einschlägigen Videos zu erpressen versuchte.Schüler als TäterWeniger um Raubüberfälle als um die «Demütigung von Nicht-Heteros» ging es laut einem Polizeivertreter im hessischen Main-Taunus-Kreis. Dort wurden Anfang 2025 fünf junge Männer festgenommen. Sie sollen über Monate hinweg homosexuelle Männer über Dating-Portale zu Treffpunkten gelockt, überfallen und teilweise schwer verletzt haben. Acht Fälle waren den Ermittlern bekannt, bei weiteren bestand ebenfalls der Verdacht, dass die sexuelle Orientierung der Opfer eine Rolle spielte. Nach Recherchen des Hessischen Rundfunks waren die Verdächtigen 16 bis 17 Jahre alt und besuchten dieselbe Gesamtschule. Ein Überfall soll gefilmt und Mitschülern gezeigt worden sein.Die Behörden reagieren inzwischen mit Warnhinweisen: Sie raten zu ersten Treffen an öffentlichen Orten, keine kurzfristigen Ortswechsel annehmen, Freunde informieren, Standort teilen, bei fehlenden Bildern oder drängendem Verhalten skeptisch werden.Wie die zunehmenden Gewalttaten in den Griff zu bekommen wären, ist jedoch unklar. Die Motive und Ideologien sind unterschiedlich, die Dating-Plattform jedoch ein verhältnismässig einfaches Werkzeug, vulnerable Opfer in den Hinterhalt zu locken.Passend zum Artikel
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Homosexuelle werden immer öfter über Dating-Plattformen in Hinterhalte gelockt. Die Täter entstammen aus verschiedenen Milieus, handeln zuweilen aber auch aus Schwulenhass.







