PfadnavigationHomePolitikDeutschlandYouGov-UmfrageDiese Zahlen zeigen, was Deutsche wirklich über Kriminalität denkenStand: 12:06 UhrLesedauer: 5 MinutenQuelle: japatino/Getty Images; Montage: Infografik WELTEine neue Umfrage zeigt: Die Deutschen haben den Eindruck, dass ihr Alltag unsicherer geworden ist. Die Fakten geben ihnen weitestgehend recht. Drei Phänomene stechen hervor – besonders im internationalen Vergleich.Sexualstraftäter am Nürnberger Hauptbahnhof, Straßenkämpfe in Göttingen, Schüsse sogar in Westerland auf Sylt: Wer diese Meldungen der vergangenen Wochen liest, wird in der Ansicht bestärkt, Deutschland ist unsicherer geworden.Genau diesen Eindruck haben zwei Drittel der Bundesbürger. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die WELT vorliegt, sagen 66 Prozent, die Zahl der Gewaltverbrechen in Deutschland habe stark oder etwas zugenommen. Ähnlich urteilen die Befragten über die Kriminalitätsrate insgesamt, die nach Ansicht von 64 Prozent gestiegen ist. Jeweils ein Drittel sagt, es gebe keine Verschlechterung, aber auch keine Verbesserung, sechs beziehungsweise sieben Prozent sehen einen Rückgang.Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das offenbar stark durch Kriminalität belastete Orte wie etwa Bahnhöfe, Innenstädte oder Parks getrieben wird. Gefragt, wie sie auf die Kriminalitätsentwicklung in ihrer Umgebung blicken, fällt das Urteil weniger alarmierend, aber dennoch deutlich aus. Jeder Zweite (49 Prozent) sagt, die Zahl der Gewaltverbrechen in seinem Umfeld habe stark oder etwas zugenommen. Etwas mehr (52 Prozent) sagen das über Kriminalität insgesamt.„Die Wahrnehmung der Bürger ist eher generalistisch. Sie unterscheiden nicht zwischen Gewaltkriminalität und der Kriminalitätsrate allgemein“, sagt Frieder Schmid, Meinungsforscher bei YouGov. „Insgesamt haben die Bürger den Eindruck, dass der Alltag unsicherer geworden ist.“Zahlen zeigen, dass dieser Eindruck nicht trügt. Zwar weist die jüngst vorgestellte Polizeiliche Kriminalitätsstatistik insgesamt einen Rückgang der Straftaten um 5,6 Prozent auf 5,5 Millionen aus. Doch das ist wesentlich darin begründet, dass die Zahl der Drogendelikte mit der Legalisierung von Cannabis deutlich gefallen ist. Auch bei der Gewaltkriminalität zeigt sich auf den ersten Blick ein Rückgang. Die Zahl der Delikte sank leicht um 2,3 Prozent.Lesen Sie auchBei besonders schweren Taten geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Und dabei ist das sogenannte Dunkelfeld, also Fälle, von denen die Polizei nie erfährt, nicht berücksichtigt. Die Zahl der Fälle von Mord und Totschlag stieg um 6,5 Prozent. Noch deutlicher fiel der Anstieg bei Vergewaltigungen und besonders schweren sexuellen Übergriffen aus. Hier verzeichneten die Behörden ein Plus von 8,5 Prozent. Im Vergleich zum letzten Vor-Corona-Jahr 2019 fällt der Anstieg der Gewaltkriminalität mit 17,3 Prozent besonders deutlich aus.Messergewalt, Körperverletzungen, Sexualstraftaten am häufigsten genanntDiesen Anstieg nehmen auch die Bürger wahr, wie die YouGov-Zahlen zeigen. Die Meinungsforscher wollten wissen, welche Formen der Kriminalität die Befragten als besonders verbreitet wahrnehmen. Mehrfachnennungen waren dabei möglich. Am häufigsten genannt wurden Messergewalt (41 Prozent), Körperverletzungen (40 Prozent) und Sexualstraftaten (39 Prozent). „Diese Straftatbestände stehen besonders im Fokus der öffentlichen Debatte und der sozialen Medien“, sagt Schmid. Auch seien es Straftaten mit besonders hoher emotionaler Wirkung – anders als etwa Finanz- oder Cyberkriminalität.Lesen Sie auchYouGov hat im Rahmen der Erhebung auch Bürger in Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und Dänemark nach der subjektiven Entwicklung der Kriminalität gefragt. Das Urteil der Befragten fällt ähnlich aus wie hierzulande. In Bezug auf Gewaltdelikte sagen 52 Prozent (Dänemark) bis 77 Prozent (Frankreich), die Kriminalität sei gestiegen. Nur rund sieben Prozent sehen einen Rückgang, der Rest sieht weder eine Zunahme noch einen Rückgang von Kriminalität oder antwortete „weiß nicht“.Im Ländervergleich zeigt sich, dass insbesondere Deutschland und Großbritannien ein Problem mit Messergewalt haben. Im Vereinigten Königreich wird das Thema von 60 Prozent der Befragten als verbreitet genannt. Die Umfrage wurde im Mai durchgeführt – vor der Messerattacke in Belfast und dem Bekanntwerden des Falls Henry Nowak, der von einem Sikh erstochen wurde. „In den anderen Ländern kommt das Thema erst an achter oder neunter Stelle“, sagt Schmid.Ähnlich sieht es mit Körperverletzung aus, die zudem auch in Frankreich am dritthäufigsten genannt wurde. Auffällig ist an der Umfrage auch, dass in der Wahrnehmung der verbreiteten Delikte Stereotype durchscheinen: Spanier und Italiener nennen am häufigsten Korruption, Italiener zudem organisierte Kriminalität wie die Mafia.Frankreich und Großbritannien gelten als besonders kriminalitätsbelastetEine weitere Frage erlaubt Rückschlüsse auf die Fremdwahrnehmung in Bezug auf Kriminalität. Gefragt, ob es Länder in Westeuropa gibt, in denen es ein besonderes Problem mit Kriminalität gibt, antwortet ein Drittel der Deutschen, es gebe keine besonderen Probleme mit Kriminalität in den genannten Ländern. Ein weiteres Drittel traut sich keine Aussage zu. Mehrfachnennungen waren erneut möglich.Etwa jeder vierte Deutsche nannte Frankreich (23 Prozent), gefolgt von Großbritannien (15 Prozent), Italien (13 Prozent) und den Niederlanden (11 Prozent). Deutschland wird am ehesten von den Dänen (15 Prozent) als kriminalitätsbelastet wahrgenommen, wobei der Fokus der Nachbarn im Norden klar auf Schweden (38 Prozent) liegt, das immer wieder mit Fällen von Jugend- und Bandengewalt Schlagzeilen macht.Eine positive Nachricht hält die YouGov-Umfrage auch bereit: Rund zwei Drittel der Deutschen (62 Prozent) sagen, dass sie der Polizei in ihrem Land sehr viel oder ziemlich viel Vertrauen schenken – sowohl insgesamt als auch in ihrer Umgebung. „Das deckt sich mit Umfragen, die wir in der Vergangenheit mit leicht anderen Fragestellungen durchgeführt haben“, sagt Schmid. „Das Vertrauen in die Polizei ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Institutionen sehr hoch.“Auch in anderen westeuropäischen Ländern fällt das Ergebnis ähnlich gut aus – mit Ausnahme Großbritanniens. Dort sagt eine Mehrheit von 53 Prozent, sie habe nicht sehr viel oder gar kein Vertrauen in die Polizei. Schon vor dem Fall von Henry Nowak, dem die diensthabenden Beamten nicht glaubten, als er sagte, er sei erstochen worden, standen die Ermittler in der Kritik. Die Debatte kreist um die Frage, ob es institutionellen Rassismus in der Polizei gibt und ob die Behörden unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unterschiedlich behandeln. „In Deutschland ist das in Einzelfällen bei konkreten Anlässen auch immer wieder Thema“, sagt Schmid, „erreicht jedoch bislang selten die breite Öffentlichkeit.“